MARTHAS KLEID
                                                               Marthas Kleid

"Wo ist meine Tasche???!!!" Der verzweifelte Aufschrei meiner Mutter ließ uns alle kollektiv zusammenzucken. Was war passiert?

Gerade waren wir doch noch, wie jeden Sommer, fröhlich und erwartungsfreudig in unserem modernen Ferienhaus, welches ich sorgfältig ausgesucht und gebucht hatte, in den Niederlanden angekommen.
Der erste flüchtige Gesamteindruck des großen grünen Ferienparks und ein freundlicher  Willkommensgruß stimmte uns sofort positiv.
Man überreichte mir an der Rezeption sogar vier frische Bettwäschesets und einen Blumenstrauß. Toll! Mit diesem Service hatte keiner von uns gerechnet, denn wir hatten schließlich extra Bettwäsche mitgenommen.

Und schon lief die Kaffeemaschine friedlich und leise glucksend vor sich hin. Ach, wie gemütlich war es hier.
Jetzt nur noch das Restgepäck aus den beiden Autos entladen, und danach konnten wir uns gemeinsam an den Kaffeetisch setzen und uns erstmal ordentlich mit guten Sachen stärken, dachte ich.

Doch daraus wurde vorläufig nichts, denn das reale Leben hatte uns durch Mutters Hilferuf sofort wieder eingeholt.
Ihre schwarze Reisetasche fehlte. Vergessen! Die stand nämlich jetzt noch ganz brav und sicher ordentlich gepackt, irgendwo in ihrer Wohnung herum.
Mutter war ganz aufgeregt und konnte sich gar nicht mehr beruhigen. Nein,was für ein Drama!
Darin waren Wäsche, Geld, Ausweis und das Wichtigste, ihr Nachthemd eingepackt, zählte sie auf. Gemeinsam versuchten wir eine Lösung zu finden.

Zum Glück fiel mir mein ältester Bruder ein, der einen Zweitschlüssel zu Mutters Wohnung besaß und etwa eine halbe Autostunde von ihrem Heimatort entfernt wohnte.
Bei unserem Telefonat willigte er sofort ein die Tasche vorbeizubringen. Ja,am Sonntag, also übermorgen wollte er kommen.
Er war richtig begeistert ,denn bei dieser Gelegenheit konnte er auch gleich seinen neuen Wagen etwas einfahren.

Doch bis dahin hatte Mutter immer noch kein Nachthemd zum Anziehen, und dabei hatte sie sich doch so sehr auf die Hollandwoche gefreut. Sie tat mir richtig leid.

Plötzlich fiel mir meine überflüssige Bettwäsche ein. Konnte ich aus dem Bezug nicht ein schönes Schlafgewand basteln? Also her mit dem Bettbezug! 
Zugegeben, das Teil war etwas zu breit, aber die Länge des Stoffes konnte man leicht korrigieren. Kurzentschlossen setzte ich die Schere an. Egal, für meine Mutter war mir schließlich nichts zu schade! Nach der Kürzung schnitt ich sorgfältig drei Öffnungen aus dem Stoff, eine für den Kopf und zwei weitere für die beiden Arme. Danach betrachtete ich kritisch das Meisterwerk. Komisch, es war immer noch zu breit, aber für zwei Nächte würde es schon reichen.

Doch als ich Mutter anschließend stolz mein originelles Werk präsentierte, ach wie schade, verweigerte sie leider die Annahme.

Und schon war der Sonntag da. Mein Bruder kam, wie versprochen, mit meiner Schwägerin, der Tasche und einem frischen Kuchen zu Besuch.
Welch eine Freude! Nach der ersten Begrüßung hatte wirklich jeder das Bedürfnis den anderen etwas Neues mitzuteilen. Am Kaffeetisch wurde es immer lauter. Und ich erntete sofort brüllendes Gelächter, als ich dann auch noch mit dem Nachthemd ankam.

"Stell Dir vor, in unserer Tageszeitung findet ein kleiner Wettbewerb statt. Dabei sollen die Leser ihr schönstes Urlaubsfoto von diesem Jahr vorstellen, natürlich versehen mit ein paar Zeilen.
Wäre das nichts für Dich? Du brauchst jetzt nur noch ein Foto von diesem Teil zu machen und dann ab damit an die Zeitung ." schlug mein Bruder mir vor.

Martha, Mutters langjährige Freundin, und ich waren sofort Feuer und Flamme von dieser Idee.
Martha wollte das Nachthemd auch gleich anziehen. Ich holte schon mal die Kamera. Gemeinsam gingen wir danach in den Garten.

Martha schlüpfte in das Gewand , raffte und zupfte geschickt an dem Stoff herum. Und schließlich verwandelte sich das unförmige Gebilde in ein schönes geblümte Sommerkleidchen.
Dabei drehte sich Martha kokett hin und her. Ich staunte nicht schlecht, denn sie sah jetzt aus wie eine echte ältere Lady. Super chic für eine 94jährige Dame,fand ich und fotografierte sie mehrmals.

 
Gleich nach dem Urlaub ließ ich einen Abzug davon vergrößern und einrahmen, als kleines Überraschungsgeschenk für Martha.

An die besagte Zeitung habe ich aber nie ein Foto geschickt, denn dieses Bild ist ein Symbol der Erinnerung an eine lustige und unbeschwerte Urlaubswoche.

Klar ist es das schönste Urlaubsbild...gar keine Frage...aber nur ganz für mich allein.
 

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Kommentare (7)

ladybird

Liebe Rosi 65,
jedes "Topmodell" würde erblassen beim Betrachten dieses Fotos,
eine hübsche Dame in einem toll geblümten, raffiniert drapierten "Kleid"  zeigt sich grazil und adrett...
und dann diese sehr ausgefallene Geschichte mit "happy end" dazu
war ein regelrechter Lesegenuß
 ich hatte große Freude und bedanke mich
mit herzlichem Gruß
ladybird

Rosi65

Oh danke, ladybird Du bist ein Schatz!!!

Rosi65

Dankeschön an alle Herz Herzchengeber...habe mich sehr darüber gefreut.
Und danke auch an Karl, der mein verunglücktes Bild wieder gerade gehängt hat. Applaus

Rosi65
 

Manfred36

Ich hoffe, du hast auch ein Anekdotenbuch zu Hause, wo du solche Episoden gesammelt hast. Ich habe das leider verschlampt, wie ichs jetzt im hohen Alter sehe.

Rosi65

Nein, lieber Manfred,so ein Anekdotenbuch habe ich nicht, aber dafür gaaanz viele Fotos! Und wenn ich mir diese Bilder anschaue fällt mir sofort alles wieder ein.

Viele Grüße
 Rosi65

Syrdal


Zu schade, dass Karl Lagerfeld das nicht mehr erlebt, es wäre ihm ganz sicher eine willkommene Anregung für seine nächste Sommerkollektion. – Aber vielleicht sieht er die Geschichte ja vom Himmel aus und entwirft jetzt Negligées mit Blümchenmuster für Engel... wer weiß?
 
Hübsche Geschichte, bestens geeignet als Abendlektüre, meint
Syrdal

Rosi65

Lieber Syrdal,

ja richtig, man munkelte bereits etwas von einer
ANGE GARDIEN-Kollektion.  Unschuldig

Habe mich köstlich über Deinen Beitrag amüsiert.

 Viele Grüße
  Rosi65
 


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