Abdeckerei

Abdecken, Verschwinden lassen, Zuschaufeln mit Dreck,
dient heut noch so manchem bedachtem Zweck.

Doch ich mein die Richtigen, die ich noch kannte,
die auch man in den Annalen mir nannte.
Schinder, Gerber, Salpeter- und Seifensieder
und den Geruch, der mir stieg in die Glieder.

Nicht weit vom Schlachthaus, am „Kotten“-Aufstieg,
Das stand sie lange, die „Seifenfabrik“.
Im Stadtteil lebe ich heute noch,
weiß instinktiv auch noch wie es roch.
Doch stehen modernste Gebäude jetzt da,
am Eingang der jetzigen TH.

Ich weiß auch noch um die Gerbergruben,
die einst sie für das Leder aushuben.
Um Eichenrinde, die als Kind ich half schälen,
mit dem Großvater, um mir den Rücken zu quälen,
und die zum Gerben notwendig war,
manchmal sogar die Jauche gar.

Im Geburtsort lag die „Schindkaut“ im Wald.
Nur Farne und Unkraut wuchs dort halt.
Und natürlich auch Löcher von schlimmen Tieren,
die gern die Kadaver wollten probieren.
Bei Kriegsende reichte es nicht mehr bis hin,
drum weitere Schindkauten zwischendrin.
Haben doch da der Jagdbomber Sieben
eine „bespannte Einheit“ aufgerieben.

Am Schluss lagen da wie aus einer Herde
am Wegrand 27 Pferde.
Die restlichen flohen in Feld und Wald,
dienten als „Fleischreserve“ dann halt.
Meiner Mutter half ich, neben anderen Sachen
„Gaulsfleisch“ in Gläsern „einzumachen“.
In der Nachbarschaft hier, der Pferd-Metzgerei
kauf ich nicht mehr ein, wie dem auch sei.


In den Ratsprotokollen waren sie noch verpönt,
mit den Henkern und Scharfrichtern versöhnt.
Die Schinder, und wohnten abgetrennt
im Stadtteil, den man den Kotten noch nennt
(nur eine nominelle Namens-Zugabe)
und wo ich heut meine Bleibe habe..
Ich bin aber nicht mehr an Aussatz erkrankt,
worum sich ursprünglich der Name rankt.

Vom Schinderhannes, dem Räuber-Sohn
aus der Scharfrichter-/Schinder-Tradotion
gibt’s unzählige Bücher, Gedenkstätten, Wege
im Taunus und Hunsrück: Erinnerungspflege.
Curd-Jürgens hat ihn im Film gespielt,
wobei ich hätte ihm gern gezielt
ein Wenig Sprach-Nachhilfe gegeben
(den Dialekt schafft nicht jeder eben).









 


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Kommentare (6)

Humorus

Manfred, da hast Du aber eine dunkle Erinnerung in Deine Verse verpackt. Das stelle ich mir aber grauenhaft vor, so etwas erlebt zu haben. Aber geschrieben ist es Dir sehr gelungen.

Lieber Gruß Klaus

Manfred36

@Humorus
Man lernt auch in Dreck und Elend waten, ohne dass ein Trauma zurückbleiben muss (s. Verhältnisse in der 3. Welt), wenn es menschliche Komponenten gibt, die es auffangen. 
b.G. Manfred

Syrdal


Ach ja, Manfred, es hat so viele Dinge gegeben, die heute längst vergessen sind. Nun gut, manchem muss man nicht nachtrauern und die Gerüche um die Abdeckerei herum waren auch nicht gerade als lieblich zu bezeichnen. Doch auch anderes ist verschwunden und längst vergessen mit den Veränderungen der Zeit, nur die Alten erinnern sich noch an

„Schinder, Gerber, Salpeter- und Seifensieder
und den Geruch, der mir stieg in die Glieder.“
 
Nur gut, dass fleißige Schreiber wie Du in wohlgeformten Worten vom Vergangenen berichten. Doch ob es die uns folgenden Generationen noch interessiert... wer weiß,
...fragt mit ein wenig Wehmut  
Syrdal  

Manfred36

@Syrdal
Was man nicht am Körper erfährt, das steckt man weg, die Intuition geht heute andere Wege; da hast du Recht. Ich schrieb schon: Wenn ich neben den alten Landwirtschaftsgeräten in der Ausstellung stehe und die Besucher bei Erläuterungen nur verständnisloses Kopfschütteln übrig haben. 
b.G
Manfred

Syrdal

@Manfred36

 Deshalb, lieber Manfred, schaue ich auf meinen kleinen Touren durch unsere schönen Landschaften gerne auch immer mal wieder die kleinen Heimatmuseen an, deren Exponate oft mit großer Sorgfalt zusammengetragen wurden und die Ausstellungsräume von Liebhabern ausgestaltet sind. Nicht selten entdecke ich da Gerätschaften, die Großvater noch in redlichem Gebrauch hatte... so etwa den Strohhäcksler, den Rübenstössel (fürs Schweinefutter), die Sense und Sichel mit Wetzstein und am Gürtel anschnallbarem Wasserbehälter oder einen alten Heurechen mit geschnitzen Holzzinken und ausladendem Wendekorb aus Weidenzweigen, auch das alte Pferdehalfter oder das Joch, das den Kühen angeschnallt wurde zum Wagenziehen oder zum Pflügen... alles Geräte, die heute kaum noch jemand kennt, gar bedienen kann. – Kürzlich entdeckte ich eine blitzsaubere Zentrifuge und ein hölzernes Butterfass mit Kurbel. Es erinnerte mich an die feine Butter, die freilich einzig nur meine Großmutter so hervorragend herstellen konnte. Und erst die unvergleichlich gute Buttermilch, die heute Goldmedaillien verdienen würde. Nie wieder habe ich sie später sooo lecker bekommen und wohl niemand kann das alles heute noch herstellen. Naja, vielleicht gibt es das noch auf einer einsamen bayerischen Almhütte, wer weiß...
 
Nostalgiegrüße zu Dir von
Syrdal 
 

Manfred36

@Syrdal  
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