Abschied von Bayern


In der Befreiungshalle über Donau und Altmühl


Als ich als Bub meine erste, selbständige Reise von Berlin Anhalter Bahnhof über Halle an der Saale und Berga-Kelbra unterm Kyffhäuser nach Stolberg im Harz erlebte, das war vor neunundsechzig Jahren, empfing man mich im Jungenkreis mit der Frage: „Welches ist der größte See um Berlin, der Wannsee oder der Müggelsee?“ Ich antwortete gut wissend: „Der Müggelsee!“ Man belehrte mich: „Die Schnauze!!“.

Ich lernte kennen, dass Berliner oder Preussen nicht überaus beliebt waren. Nun, ich habe keine Keile gekriegt, ich machte den Schnabel eben etwas weniger auf. Ich erkannte, warum unsere Eltern sehr penibel darauf achteten, dass wir nicht berlinerten. „Wir sind keine Gassenjungs!“ Und irgendwie später war das auch sehr hilfreich, keinen Dialekt und keine sprachliche Einfärbung zu haben. Trotzdem, wenn ich mich mit meinem Vater am Telefon unterhielt, dann hörte ich den Rixdorfer, den Berliner raus, und das noch nach den vielen Jahren nach dem Krieg in der Ersatzheimat Bonn.

Wie schnell man den Sound einer Sprachgegend annimmt, erlebte ich bei meinem Besuch von Bonn aus zurück nach Berlin: „Na Sie kommen doch aus dem Rheinland!“ Ich, ein geborener Berliner hatte das „Adenauer“-Rheinisch angenommen. Nicht für lange, denn ich wanderte weiter durch die Wessy-Republik. Ich habe mal nachgerechnet: summa summarum sind daraus auch dreiundzwanzig Jahre in Bayern und Bayrisch Schwaben geworden. Diese „Sprachen“ habe ich nicht geschluckt, so interessant das Bayerische auch ist.

Ich beobachtete die Sprachgebilde des Deutschen, Ost und West, konnte – auch durch das Erleben der Vertriebenen und Flüchtlinge – die Region des Gesprächspartners sehr genau herausfinden. Das macht so richtig Spaß, auch aus Redewendungen, die jeder Mensch in sich pflegt, seine Heimat, seine „Straße“ zu erkennen.

Kaum, dass ich meinen Spatz im Sprechen erlebte, eine Berlinerin, wusste ich nur aus dem Satz „Das mecht wohl sinn“ heraus, dass sie aus Schlesien stammt, wo auch schon früher die meisten Berliner herkamen. Der „Spitzbart“ war ein Sachse, kam aus „Leipzsch“, bei uns Wessies nicht gerade beliebt. Und hörst Du Günter Grass zu, weißt du, dass er von jenseits der Weichsel kam. Na und dann die Bayern, die Franken, die Schwaben usw. usw.

Tja, nun bin ich nach fünfundsechzig Jahren fern vom Geburtsort wieder nach Berlin heimgekehrt. Das Hochdeutsch kann ich noch. Aber das Berlinern, also das, womit man sich in Berlin verständigt, das funktioniert – gerade so, wie nischt andret jekonnt.

Da las ich ein Blog über die Fahrt von Kelheim zum Kloster Weltenburg durch den Donau-Durchbruch. Oh, wie oft war ich, waren wir dort hingefahren. Nun ist es ganz schön weit weg. Ich habe mir die Fotos aus den Bayerischen Jahren angesehen – Melancholie! Kein Bayerisch mehr! Kriege ich da etwa Heimweh? Nee, nee, ich bin glücklich wieder „unter Preussen“ zu sein – man kann doch nicht egal „Urlaub“ machen.

ortwin

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Kommentare (5)

ortwin Mit sechs Jahren, 1915, kamen Mutters Eltern mit den Kindern als Austauschgefangene aus Moskau nach Deutschland. Bis dahin hatte Mutter eigentlich nur russisch gesprochen - als Kindermädchen fungierte ein Kosacke. In vergitterten Waggons ging es über Odessa, durch die Karpaten nach Wien und weiter nach Thüringen. Schließlich landete die Familie in Güstrow. Hier begann der Dornenweg für das "Russki"-Mädchen. Aber mit großem Ehrgeiz schaffte es Mutter, dass sie akzentfrei deutsch sprechen konnte (die Oma sprach immer noch mit dem Ohrdruffer Akzent und war doch Jahrzehnte in Orenburg am Ural gewesen).

Als der Krieg sein böses Ende nahm, Eichwalde von den Russen besetzt wurde, also zur Ostzone gehörte, ging Mutter privat zur Nachhilfe, ihr Russisch wieder auszugraben. Wir Rangen hatten Hunger, es gab so gut wie nichts zu essen. Also nahm Mutter den Brennspiritus und mischte ihn mit dem Blaubeerwein, der seit unserer Rückkehr aus dem Odenwald im Keller schlummerte. Mit diesem Gebräu wagte es Mutter, uns Kinder mit an der Hand, hinaus in den Grünauer Wald, wo Russische Soldaten ein Lager aufgeschlagen hatten. Sie wollte das Gebräu gegen Fleisch und Brot eintauschen. Die Konversation erfolgte auf Russisch.

"Du kommen aus Moskva!" - Mutter war erschrocken, hat man sie doch an der Sprache erkannt. Nie ist sie wieder zu den Russen zum Betteln gegangen. Als die Russen uns dann bei unserer Radtour von Bernau nach Eichwalde ein Fahrrad samt Papiere abgenommen hatten, wagte sie es mutig, sich auf Russisch bei der Kommandantura zu beschweren. Zwecklos.
Und ich habe mich jetzt ertappt, dass ich ganz schön kräftig berlinere - nach 65 Jahren Abwesenheit.

ortwin
christl1953 Aber hallo Ortwin,das wäre schon ein Wunder,wenn du das Berlinerische vergessen und vergraben hättest ! Und das mit den Preussen und den bayern das war schon immer so ich möchte sagen das kommt noch aus der zeit als der kaiser Willhelm Mit den bayrischen Königen nicht einig war über die Beziehung zu den Habsburgern usw.

Ist wie mit den Tirolern und den Wienern,die sind sich auch nicht so hold.Wennglaich ich sagen muß es gibt sogenannte Bazis in Wien und in Tirol auch und andersrum gibt es genauso viele nette Wiener wie Tiroler ?

Aber wichtig ist bei der Sprach daß man nie das vergißt ,was man als Kind gehört hat,
da kann man noch soviele jahre auf dem Buckel haben,oder ?
Wünsch dir ein wunderbares Berliner-Zuhause-Gefühl und deinem Schatzerl auch!
Und dann ein super schönes Weihnachtsfest im neuen Zuhause!berta
ortwin 1936:
zwei (entfernte) Cousinen nahmen mich nach der Taufe meiner zweiten Schwester mit nach Dessau. Unterwegs Zwischenhalt in Belzig, da gab's bei einer "Tante" Eierpfannkuchen mit Blaubeeren, anschließend eine Zitronenscheibe für die blauen Zähne.
Dande Emmi in Dessau meinte einmal beim Mittagessen: "Der Dieder isst den Salad wie'n Garniggel!" So große Blätter hat unsere Mutter uns nie vorgesetzt!
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[i]1936: Irgendwo im Park in und um Dessau mit dem Onkel Edner.

Dieser kleine Satz blieb die vierundsiebzig Jahr lang im Gehörgang haften - Opa, ein geborener Bernburger, in Dessau aufgewachsener und nach seinem "Rausschmiss" aus Dessau (weiß irgend jemand, warum Opa verbannt wurde?) studierte in Göttingen anstatt wie vorgegeben Jura einfach zehn Semester Botanik, bis der elterliche Scheck ausblieb und das Examen in Jura nicht nachzuweisen war.

ortwin
dottoressa haben wir auch genommen, in Wirklichkeit Abschied von Franken, von Bamberg ...
Ich bin selber erstaunt, wie einfach das war. Eigentlich waren wir dort nie richtig zu Hause. Wenn es mal passt, werden wir wieder in Bamberg Station machen.

Hier in Schleswig-Holstein versteht man mich, obwohl meine Sprache nicht unbedingt daran erinnert, dass ich in SH geboren bin.

Man ist wieder zu Hause, so einfach ist das. Bei mir nach 55 Jahren, aber ich war ja schon über 33 Jahre immer hier auf Fehmarn, wo ich mich nun wirklich zu Hause fühle.

Ich wünsche Dir eine gute Zeit in Berlin, mit Deinem Schatz!!

Liebe Grüße
Beate
finchen ja Ortwin, das ist ein Phänomen, das uns nie verläßt.
Ich bin Anhaltinerin aus Dessau und schon seit 1953 in westdeutschen Gefilden, soll heißen: die Pfalz, Oberbayern incl. Allgäu, Niedersachsen und letztendlich wieder Oberbayern. Aber komme ich in meine Heimatstadt Dessau, dann ist sofort der Slang in Ton und Stimme übergangslos wieder da. Das "dessauern" ist einen Urlaub wert.
Ich bin mehrsprachig hochbegabt und Du sicher auch.
Liebe Grüße dat Moni-Finchen

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