Abschiedssonett für unsere Mutter und Großmutter


Abschiedssonett für unsere Mutter und Großmutter



 
Geh in Frieden, müde Seele,
lass den Lebensmantel los,
der so schwer behindert bloß,
dass er dich nicht länger quäle.
 
Halte nicht mehr fest dein Leben,
nicht an Tand, an Gut und Geld,
den Ballast der Habenwelt
musst du Andren übergeben.
 
In Verzicht leg all dein Ringen,
denn auf deinen Seelen-Wegen
hemmt die glitzernde Fassade.
 
Möge es dich lichtwärts bringen,
bittend um den letzten Segen,
für den Trost der ewigen Gnade.
 
 
fvb Oktober 2015


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Kommentare (2)

Veko

Im Moment stehe ich leider genau vor der Situation, in die Du mit Deiner poetischen  Beschreibung so viel Menschlichkeit und Herzenswärme gelegt hast. Die Todesstunde, die Trauer und das Gedenken in so sanfte Worte zu fassen, gefällt mir.
Ja, auch ich werde in kürzerer Zeit einen mir sehr nahestehenden Menschen verlieren.
Einerseits ist man emotional aufgewühlt, andererseits denkt man rational. Das lange schwere Leiden findet nun ein Ende.
Ob unser Leben wirklich sinnerfüllt war, steht nicht im Nachruf, der für uns geschrieben wird, sondern wir müssen es als Abschiednehmende vorher für uns selbst herausfinden. 
Die Berührung mit dem Tod der anderen ruft schon jetzt ins Bewusstsein, sorgsamer mit uns selbst und mit der uns noch verbliebenen Zeit umzugehen. Vielleicht erleichtern uns ja gerade die positiven Rückblicke am Ende unseres Lebens das Loslassen. Schön wäre doch, wenn uns die letzten Minuten und der letzte Atemzug noch ein Lächeln ins Gesicht zaubern, als Zeichen, wir gehen in Frieden. Als Zurückgelassene sollten wir auch im Moment einer Todesnachricht und einer Zeit der Trauer die lebensbejahende Einstellung behalten.
Wir müssen aber auch bedenken, dass wir selbst mit unseren guten und weniger guten Eigenschaften unserem Umfeld einen Prägestempel aufgesetzt haben. Schön, wenn dann hier auf der Erde in späteren Jahren noch mit Nachsicht und Liebe an uns gedacht wird. Auf das, was nach der irdischen Zeit kommt, können wir uns nicht verlassen, denn es ist das große Unbekannte.
veko 

nnamttor44

Liebe Flo!

Du hast mir mit Deinem Sonett aus der Seele gesprochen. Schon als I-Männchen war mir klar: jetzt muss meine viel zu früh gegangene Mama nicht mehr leiden, sie durfte gehen, ihre Schmerzen erlöschen lassen.

All das, was man ein Leben lang zusammengerafft hat, nützt keinem im anderen Dasein! Ich hab nur so viel für mich zurückbehalten, dass meine Kinder nicht für mich zahlen müssten, sollte ich ein Pflegefall werden. Man weiß ja nie, ob, wann und wie lange es einen trifft ... 

Ich möchte nicht, dass meine Kinder sich um ihre Altersversorgung grämen müssen, weil sie für meine Pflege aufkommen sollten. Ich erinnere noch sehr gut die unschönen Aktionen, die mein Mann wegen seiner Mutter (im psychiatrischen Pflegeheim) anstellte. Wir kennen alle unseren letzten Weg nicht.

Uschi


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