Alles hat seine Zeit




Vorab ein paar Worte zu diesem Beitrag.
Jetzt kommt die Zeit der „dunklen Tage“, die Gräber werden winterfest bestückt und die Erinnerungen nehmen zur Zeit manchmal zuviel Besitz von einem selber, um frohen Mutes nach vorne schauen zu können. Deshalb dieser Eintrag hier.
Dieser Brief dokumentiert, wo ich heute stehe. Eigentlich ist es nur für mich wichtig zu wissen. Vielleicht kann ich aber anderen Menschen Mut machen, dass man neben der Trauerarbeit auch mit sich selber Geduld haben muss, um endgültig akzeptieren zu können. Alles hat seine Zeit im Leben.



BRIEF ins JENSEITS

Die Sonne steht bereits am Himmel und es verspricht ein herrlicher goldener Oktobertag zu werden. Meine Gedanken wandern zu dir – zu uns.
Es sind nunmehr fast 5 Jahre verstrichen, dass wir getrennte Wege gehen mussten. Du eiltest mir einfach viel zu früh voraus. Ich weiß - es war nicht Deine Entscheidung.

Dein Bild habe ich im Arbeitszimmer aufgehängt. Du weißt schon, das große Bild. Es ist oft mein „Ansprechpartner“ in den vergangenen Jahren gewesen. Nun ist es weniger geworden. Nicht dass ich Dich vergessen werde – das will und kann ich nicht. Unsere gemeinsame Zeit ist ein sehr großes Kapitel in meinem Lebensbuch. Es war ein hartes Stück Arbeit , aber zwischenzeitlich habe ich begriffen, dass dieses Kapitel abgeschlossen ist. Jedoch, ich schlage es immer mal wieder gerne auf um zu erinnern...
Wie es so ist im Leben haben wir alle Höhen und Tiefen gemeinsam gemeistert. Haben in Verbundenheit zueinander gestanden und unsere Liebe ist immer tiefer geworden, obwohl wir uns am Anfang unserer Liebe gar nicht vorstellen konnten, dass eine Steigerung noch möglich wäre. Schwebten wir beide bereits doch mit sehr vielen Träumen und Plänen auf Wolke 7 und wähnten uns unendlich glücklich.

Wir beide haben viel voneinander gelernt. Erinnerst Du Dich daran, welcher Hitzkopf in mir steckte? Du hast mir beigebracht, Probleme und Meinungsverschiedenheiten ruhig und sachlich anzugehen. Du bist mir entgegen gekommen, so dass es immer möglich war, einen gemeinsamen Nenner zu finden. Dafür bin ich Dir noch heute dankbar. Ich hoffe, dass wir das an unsere Kinder gut weiter geben konnten.

Mit Tränen in den Augen und einem Lächeln auf den Lippen kann ich Dir heute berichten, dass unsere Kinder wieder glücklich sind und ich bin es zufrieden. Ich habe gelernt, alleine zurecht zu kommen, wenn es auch nicht so perfekt wie mit Dir läuft.
Du brauchst Dir aber keine Sorgen um mich zu machen. Ich spüre, ich bin auf einem guten Weg , weil ich Leben wieder zulasse.

In diesem Jahr war ich erst zwei Tage nach Deinem Geburtstag an Deinem Grab. Zum ersten Mal. Ich habe gemerkt, dass es unwesentlich ist, auf den Tag genau dort zu stehen. Es brannte den ganzen Tag eine Kerze für Dich neben deinem Bild auf dem Hochbord. An Deinem Sterbetag halte ich es wieder so. Ich werde im Dezember nicht zum Grab fahren und verlege es einfach vor. So kann ich auch die Adventszeit besser verbringen und am besagten Tag wird wieder Deine Kerze brennen.

Ohne Dich ist nichts mehr so wie es war. Es ist eben anders und ich habe gelernt zu akzeptieren, was ich nicht ändern kann. Zufrieden bin ich und ausgesöhnt habe ich mich mit dem Leben auch. Es steht in den Sternen, wie mein weiterer Weg sein wird. Egal was kommt, ich weiß, dass Du mir alles Glück der Erde wünschst. Ich kann Dir aber auch stolz berichten, dass es viele kleine glückliche Momente nur eben anderer Art gegeben hat.

Vielleicht werden wir uns im Irgendwo wieder treffen. Wer weiß es schon?! Was auch kommen mag, Du wirst immer einen Platz in meinem Herzen behalten.


Ingrid






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Kommentare (18)

ehemaliges Mitglied wie Du die Vergangenheit in der Gegenwart beschreibst und die Weichen für die Zukunft gestellt hast.
Ein Brief ins Jenseits, im Diesseits geschrieben für alle - so wichtig für alle, die Trauer im Herzen tragen.

Ich danke Dir!

Liebe Grüße
Meli
indeed @ hijona: du hast recht. Das "Gespräch" mit ihm hat mir auch immer gut geholfen. Danke für deine Zeilen.

@ Malu: Wenn dir mein Blog gedanklich ein kleiner Helfer sein kann, hat er schon seinen Zweck erfüllt.
Ich wünsche dir, dass du deine Trauer abarbeiten kannst und dankbare und schöne Erinnerungen dich mehr
und mehr erfüllen.

Mit ganz lieben Gruß
Ingrid
ehemaliges Mitglied Danke für für Deine einfühlenden Worte. Besonders - Der geliebte Mensch, der von uns
gegangen ist, möchte uns ganz sicher nicht unglücklich sehen - hat mich tief berührt.
Wenn ich sehr traurig bin, wird mir dieser Gedanke Mut machen.

Danke, Malu
hijona Liebe stirbt sowieso nie. Das mit dem Bild ist eine gute Idee. Da kann man immer mit dem Partner reden und er ist immer präsent.
indeed Aufrichtigen Dank für alle gut gemeinten und lieben Kommentare. Meine eigentliche Absicht war, trauernde Menschen zu erreichen, ihnen eine Möglichkeit der Trauerarbeit am Beispiel aufzuzeigen und ihnen Mut zu machen, nicht in ihrer Trauer zu verharren, sondern zu versuchen, sich wieder dem Leben zu öffnen.
In jedem Ende liegt logischer Weise auch ein Anfang. Man muss ihn nur zulassen. Es bedarf seine Zeit und die Geduld mit sich selbst und ist sehr individuell.
Der geliebte Mensch, der von uns gegangen ist, möchte uns ganz sicher nicht unglücklich sehen.
Mit lieben Grüßen
Ingrid
ehemaliges Mitglied dein Brief ins "Jenseits" ist auch ein Brief ins "Diesseits". Deine Zeilen lassen eine tiefe Verbundenheit erkennen. Es ist die Verbundenheit mit den Gedanken aus der Vergangenheit, die die Gegenwart prägen, aber auch die Zukunft gestalten lassen, ohne in der Vergangenheit zu verharren.

Liebe Grüße
Gerd
Tissi bewegend und berührend Dein Brief an Deinen Mann. Er wird sicher stolz auf Dich sein, wenn er - vielleicht - aus dem Jenseits einen Blick darauf werfen kann. Deine Worte machen Eure starke Liebe zueinander spürbar, und ich wünsche Dir, dass Dein Wunsch in Erfüllung geht, nämlich dass Ihr Euch irgendwo wiedertrefft.

Liebe Grüße
Tissi
tranquilla dein brief ist bewegend - anders kann ich es leider nicht sagen. in mir geht es um und um, auch wenn ich das erlebnis als solches noch nicht hatte.

ich gehe gern und oft auf friedhöfen spazieren und treffe dort manchmal menschen, die nicht mit ihrem leben fertig werden, nachdem sie zurückgeblieben sind. es ist nicht einfach sie zu trösten. einen brief zu schreiben an den, den man verloren hat, wäre vielleicht für sie eine hilfe. ich werde, sollte ich wieder einmal ins gespräch kommen daran denken.

mitreden kann ich nicht - hier möchte ich sagen, ich habe bisher glück gehabt - aber ich wünsche mir für mich, dass ich auch einmal so einen brief schreiben könnte.

du bist eine starke frau

liebe grüße an dich
tranquilla
piggi die Zeilen voller Liebe in Deinem Brief haben mich sehr bewegt.
Wir alle mussten schon eimal Abschied nehmen und lernen loszulassen, Trauer verarbeiten und versuchen wieder nach vorne zu schauen.
Durch Deinen Brief zeigst Du anderen wie man mit Trauer umgehen kann, zeigst ihnen, dass sie nicht alleine sind und doch muss jeder mit seiner eigenen Trauer fertig werden.
Du bist einen schweren Weg gegangen, kannst jetzt aber mit Freuden zurückschauen und auch wieder Deinen Blick nach vorne richten in eine glückliche und zufriedene Zukunft.
Danke Dir
Liebe Grüße
Birgit
Maritt gilt generell
all den Menschen, deren Lebensweg nicht immer glatt verlaufen ist,
die kämpfen mussten, um glücklich zu sein,
jenen, die unüberbrückbar scheinende Hindernisse einfach oder auch nicht einfach bewältigen mussten,
jenen, die nicht mehr mit der Ungerechtigkeit des Lebens hardern müssen
jenen, das Leben wieder zu lassen
den Mutmacher....
Dir.

Maritt
Ela48 Beindruckt haben mich Deine Zeilen, liebe Ingrid.
Abschied nehmen müssen wir Menschen ein Leben lang.
Aber es gibt "den Abschied" der besonders schwer fällt.
Du hast die Gabe in Wort und Schrift wiederzugeben das wieder zu geben, was Dich berührt..
Leider haben es nicht alle Menschen diese Gabe. Es bringt Erleichterung, die Worte des Abschieds...
Dankbar bin ich, das mein Mann noch an meiner Seite ist und wir auch heutzutage noch vieles aufarbeiten müssen.
Auch ich bin ein Hitzekopf und lerne noch immer manches von ihm anzunehmen. Dafür sind wir Menschen und unser Lebensumfeld halt unterschiedlich.
Sind halt unsere Prägungen. Aber es beruht auch auf Gegenseitigkeit (nicht immer, aber öfters*s!)
Den letzten Abschied, der mich sehr getroffen hat, war mein Vater, vor noch nicht zu langer Zeit (was ist Zeit, wenn es um Abschied nehmen geht?).
Sehr viel habe ich vermisst als Kind. Aber im nachherein weiß, ich ganz bestimmt sogar, wie prägend er für mich war und ist.
Danke Dir!
herzlichst, Ela

henryk .......DANKE......Henryk
ehemaliges Mitglied Ingrid das wirst Du, könnte ich Dir Schriflich geben.

LG Diro
ehemaliges Mitglied liebe Ingrid, bestimmt Dein Leben auch heute noch. Du musstest lernen, Deinen geliebten Mann loszulassen, musstest Dein Leben neu ausrichten ohne ihn. Auch Deinen Kindern musstest Du helfen auf ihrem Weg ins Leben ohne ihren geliebten Vater.

Du hast es geschafft in diesen Jahren, Deinen eigenen Weg - ohne ihn - zu finden. Seit ich Dich kenne, seit über einem Jahr, gehst Du in winzig kleinen Schritten voran. Du bist Dir bewusst geworden über Deine Situation und Du hast die Zeit der Trauer überwunden. Du hast akzeptiert, was nicht mehr zu ändern ist. Und Du hast Deinen Weg ins Leben, ins sinnvoll gelebte und glückliche Leben gefunden.

Dein Beitrag hier ist sehr wertvoll, denn er kann allen, die in einer ähnlichen Situation leben, Mut machen und zeigen, wie sie ihren Weg in ihr Leben ohne den geliebten Partner finden können.

Vielen Dank für das Einstellen dieses sehr persönliches Briefes!

Alles Liebe
Deine Beate
tilli Jeder Schmerz, wird einmal stiller.Geduld, aber es ist schwer nicht zu denken.
Du hast mit deinen Worten, vielen Menschen den Mut gegeben, Freude am Leben zu haben,auch wenn der Schmerz nicht so schnell vergeht.
Dieser Brief, mit solcher Liebe geschrieben, deine Erinnerungen,dein Leben.Dein Mut.
Ich kann keine Worte finden.Bin sehr gerührt.
Danke und grüße Tilli
anjeli Ich kann es nachvollziehen, wie du dich vor fünf Jahren gefühlt hast. Leer und ausgebrannt, hast funktioniert wie eine leblose Puppe.
Du hast es geschafft, dich wieder ins Leben zurück zu kämpfen und deine unendliche Trauer zu überwinden.

Jede Trauer ist individuell und deren Verarbeitung auch.
Wenn du zurückblickst, dann mit Freude, daß ihr einaneinder gehabt habt. Du wirst immer
erinnert werden, mal stärker und mal schwächer. Und dann sollte ein glückliches Lachen
dein Gesicht überziehen.

Wenn Menschen mit ihrem Schicksal hadern, Wiedergutmachung vom Leben fordern, sich in
ihrer Trauer vergraben und sich in ihrem Unglück suhlen, dann können sie krank werden.

Mein sterbender Mann hat mir das Versprechen abgenommen, daß ich mich wieder dem Leben
stelle, anstatt in der Trauer zu versinken.
Ich habe es geschafft, ohne Hilfe. Ich war ganz allein, habe alles mit mir selbst aus-
gemacht und mich wieder dem Leben gestellt. Ich weiß, daß ich alles richtig gemacht
habe und er würde sich freuen, wenn er mich jetzt sehen würde.

Durch ihn und durch das Leben mit ihm habe ich wahre Liebe erfahren. Diese schöne Zeit
möchte ich nicht missen und sie gibt mir unheimlich viel an Lebenskraft und Lebensfreude.

Ich habe ihn für immer in meinem Herzen.

Liebe Ingrid, ich danke dir für dieses Thema. Es weckt Erinnerungen, die nicht mehr
schmerzen.
Ich denke, daß du genauso fühlst und denkst.

anjeli/ulla
ladybird Liebe Ingrid,in Deinem Brief,erklärst Du,wie Du es geschafft hast, wirklich Schrittchen für Schrittchen lerntest,und Du an Dir arbeiten mußtest,den Trauerkreislauf,das Loslassen,dem Verstorbenen auch seine Ruhe zu gönnen,in das lebendige Leben,in die Gegenwart zu bringen. Auch wenn du meinst, es wäre nur wichtig, daß Du diese alles weißt, so meine ich,Dein Brief ist sehr bedeutend auch für viele anderen Menschen,daraus können wir nur sehen,ES IST MACHBAR,ES GEHT zu lernen und zu akzeptieren,daß alles seine Zeit hat,auch seine Zeit braucht....Du bestärkst uns, indem Du uns teilnehmen läßt,an Deiner Erkenntnis.Wir leben nicht nur miteinander,sondern auch voneinander.
Ich lese aus Deinen Worten, wie tief die Liebe geblieben ist,trotz Deiner neu gewonnenen
Lebenseinstellung und der Änderung mancher Rituale,denn neben Glaube und Hoffnung,
bleibt die LIEBE als GRÖSSTES. Sehr berührt und dankbar,herzlichst Renate
Traute So sollte man es halten,in Ehren, aber nicht zum Kult.Ich habe meinen Kindern ausdrücklich aufgetragen, kein Grab nur ein Plätzchen mit einem Bild und wenn euch etwas Gutes von mir einfällt, stellt eine Blume daneben.
Wegen mir soll soll sich keiner kalte Füße holen. dort wo sie hingehen würden bin ich nicht mehr.Ich bin in Gedanken bei ihnen, also sollen sie dort an mich denken.
Etwas anderes ist es in kleinen Orten, wo einer den anderen kennt.Da kann man am Grab einen Plausch über die vorausgegangenen halten.
Liebe Grüße,
Traute

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