Ambivalenzen

Mein Putztag ist meistens am Freitag. Beim Staubwischen, als ich mit meinem Staubmob bei den Bücherregalen gelandet war, und damit über den großen hölzernen Vogel strich, meinte ich, eine gewisse Altersmilde bei mir festzustellen. Den schönen schwarzen Vogel hatte ein enger Freund aus Farö mitgebracht, wo er seinen Urlaub verbrachte. Und ich dachte, merkwürdig, früher hätte ich die Geschenke von Menschen, die mir einmal sehr weh getan haben, entsorgt oder weitergegeben und nun steht er schon so viele Jahre bei mir, genauso wie seine für mich geschriebenen Gedichte in meiner kleinen Schatztruhe liegen, allerdings lange nicht mehr gelesen.
Als damals mein Ehemann und der Vater meiner Kinder ausgerechnet am Muttertag frühmorgens von einer anderen Frau wiederkam, und es war nicht das erste Mal, dachte ich, nun ist es genug, und warf meinen weißgoldenen mit viel Liebe ausgesuchten Ehering in die Toilette, zog ab, und weg war er. Der Ehemann mußte dann endlich auch gehen, allerdings zur Tür hinaus, aber das ist eine andere Geschichte.
Jetzt liegt in meinem Bücherregal allerhand von Menschen, mit denen ich eng verbunden war und es freut mich immer, mit dem Staubtuch über die persischen Gedichtbücher zu streifen, auch ein Geschenk, allerdings von jemandem mit gutem Beziehungs-Ausgang, wenn man den Tod so nennen möchte und die dicken bebilderten Wälzer für meine ehemalige Tätigkeit – wahrscheinlich schon längst überholte Erkenntnisse - bleiben auch an Ort und Stelle. Auch sie ein Geschenk. Alles Erinnerungen, mal mit Wehmut, mal mit liebevollen Gefühlen, manchmal mit ambivalenten.
Und auf diese ambivalenten bin ich inzwischen ein bißchen stolz. Denn was können die Geschenke dafür, dass sie mißbraucht wurden. Zumindest waren sie damals mit Liebe ausgesucht und so bleiben sie als Beweis für ein gelebtes Leben alle dort an ihrem Platz und wenn dann irgendwann der große schrottige Container kommt und alles einlädt, dann werde ich nicht mehr darüber trauern können.

Elbstromerin

 

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Kommentare (16)

Manopi
Manopi
Mitglied

Aus Ambivalenzen besteht unser Leben. Wir können nicht von Glück reden, ohne das Unglück zu kennen. Bei den Einen fällt es gemächlich aus, bei Andern drastisch wie bei dir. Vielleicht haben Letztere es am Ende sogar einfacher.
Aber bitte nicht immer den großen schrottigen Container beschwören!!

Elbstromerin
Elbstromerin
Mitglied

na gut.....Tränen lachen
Liebe Grüße
Elbstromerin

Elbstromerin
Elbstromerin
Mitglied

HeCaro, auch Dir sage ich danke für das Herzen Roseund wünsche Dir einen schönen Tag

HeCaro
HeCaro
Mitglied

Ich halte es so, dass ich los lassen übe und mich schon jetzt von allem
möglichen getrennt habe. Das Meiste verschenke ich oder gebe es an
die Wohlfahrt. Dann haben die "Wohnungsaüflöser" später nicht mehr
soviel Kram. Nur bei Büchern tue ich mich schwer. Die geb ich erst her,
wenn die Regale platzen.

Liebe Grüße
Carola

 

Elbstromerin
Elbstromerin
Mitglied

Liebe Carola, mit den Büchern sind wir auf einer Linie.
Ansonsten bin ich viel umgezogen und habe schon dabei von Zeit zu Zeit viel entsorgt.
Danke für Deinen Beitrag
LG Elbstromerin

Elbstromerin
Elbstromerin
Mitglied

Willy und Federstrich, danke für die Herzchen RoseRose

Willy
Willy
Mitglied

Ein Internetfreund, der eine riesige Sammlung von Büchern, Tonträgern aller Art und auch Erinnerungsstücke aus seinem sehr turbulenten Leben hatte; schrieb mir einmal. Er würde am liebsten all seine Habseligkeiten in seine kleine Yacht packen, aufs Meer fahren, ein kleines Leck ins Boot schlagen, sich dann einschläfern und mit allen Dingen und Erinnungsstücken versinken.  Als er mir das schrieb war 82 und ist wenig später an einer Lungenentzündung im Krankenhaus gestorben. Da ich mich im Ausland aufhielt erfuhr ich das alles erst später. 
Und warum ich das schreibe; nun er war vollkommen alleinstehend und ich nehme an dass der größte Teil seines Besitzers im Müllcontainer landete.  Seine eigene veröffentlichte Prosa hat er noch kurz vor seinem Tode gelöscht .Fand ich unendlich traurig, aber ich habe ihm im Portal "Bookrix" wo er  veröffentlichte, ein  kleines Denkmal in Form einer Kurzgeschichte hinterlassen. Mehr konnte ich leider nicht für ihn tun.
LG
W.

Elbstromerin
Elbstromerin
Mitglied

Lieber Willy, eine traurige Geschichte. Die Idee war sicher gut, das könnte mir auch gefallen. Das Leben spielt halt anders. Letztendlich kommt vieles nicht wie geplant. Aber wie schön, dass Du noch öffentlich an ihn gedacht hast.
Ich hatte mir gerade mal vor kurzem alle meine Gedichte und biographischen Schnipsel ausgedruckt und in Mappen untergebracht.
Aber ob es mich überlebt und überhaupt jemanden interessiert, weiß ich ja auch nicht.
Man lernt im Laufe des Lebens doch bescheiden zu werden und sich nicht so wichtig zu nehmen. Wir kommen und gehen wie Mio. vor uns, mit uns, nach uns und sind doch letztendlich nur ein kleines unbedeutendes Lichtlein. Ein Tropfen im Ozean.
LG Elbstromerin

Christine62laechel
Christine62laechel
Mitglied

Sehr schön und interessant geschrieben, liebe Elbstromerin. Die Geschenke können wirklich nichts dafür... Gut, dass man auch mit der Zeit einfach bereit wird, dieses und jenes zu vergeben - wenn es sich auch nicht vergessen lässt.

Mit Grüßen
Christine

Elbstromerin
Elbstromerin
Mitglied

Liebe Christine, selbstkritisch fragt man sich ja auch, ist es vielleicht ungekehrt ähnlich, ob irgendwo und bei irgendwem in einem Regal oder in einer Schublade etwas von mir lagert und es dort immer noch geduldet wird? Ein merkwürdiges Gedanke ist das, jeder hnterläßt ja seine eigenen Spuren.
Vielleicht wurde ja auch mir vergeben.
Danke für Deine Rückmeldung.
Liebe Grüße
Elbstromerin

Syrdal
Syrdal
Mitglied


Es sind vor allem die kleinen, unscheinbaren Dinge, die sich mit den schönsten Erinnerungen aus früheren Tagen verbinden. Eine kleine Vase, eine Muschel, ein kleines Buch mit dem an einer bestimmten Stelle eingelegten Ginkgo-Blatt... was auch immer – alles ganz persönliche Erinnerungen an einen einzigartigen Menschen, an eine einmalige Begebenheit, eine unvergessliche Begegnung oder an wunderbare Gemeinsamzeiten, eben an Dinge, die nur einem selbst gehören und in der innigsten Herzenskammer der Verschwiegenheit ihren Platz haben. Es sind die „Werte an sich“, die man nur selbst verstehen und in Ehren bewahren kann.
 
Etliche solche Kleinodien ehrt und bewahrt auch
Syrdal

Elbstromerin
Elbstromerin
Mitglied

Das hast Du ganz wunderbar poetisch beschrieben, danke.
Danke und liebe Grüße
Elbstromerin

ladybird
ladybird
Mitglied

Liebe elbstromerin,
....aber weißt Du, die von uns liebevoll aufbewahrten Erinnerungen bzw. Geschenke, gehen ja nicht alleine in den Container....unsere Kinder werden es wohl in den Container werfen. Dabei fragen und lachen und wundern  sie sicherlich auch, warum Muttern denn ausgerechnet solch (für sie) komische Dinger nicht schon lange selber entsorgt hat.....
ich habe schon zwei Wohnungen leer räumen müssen und habe mich, genau das  auch manchmal gefragt......
meine Kinder werden sich amüsieren über die eingegrauten Babysöckchen meiner (inzwischen erwachsenen) Enkelkinder.....

Ich kann Deine Gedanken/Gefühle gut nachvollziehen..
Lieben Gruß von
ladybird

Elbstromerin
Elbstromerin
Mitglied

Liebe Renate, Du hast Dich also auch damit befaßt. Ja, ich habe auch so komische Erinnerungsstückchen. Und ob meine Kinder dann lachen, das wäre auf jeden Fall gut und ich würde es begrüßen.
Sei lieb gegrüßt
Elbstromerin

werderanerin
werderanerin
Mitglied

Ich glaube, liebe Elbstromerin, dass einfach das "Alter" einen viel gelassener aber auch milder stimmen..., man legt nicht mehr jedes Wort auf die Goldwaage ,  ist nachtragend, gar böse...eher schätzt man mit den Jahren Erinnerungsstücke, führen sie einen doch zumindest für einige Zeit in vergangene Tage und was daran ist schlecht...nichts, denke ich, denn irgendwann einmal waren es doch auch schöne Tage /Jahre !
Wenn man dann auch noch schmunzeln kann, ist alles gut !

Kristine
 

Elbstromerin
Elbstromerin
Mitglied

Liebe Kristine, ja, es waren trotz allem einmal schöne Jahre, damit hast Du vollkommen recht. Und auch damit, dass man es oft erst im Alter so sehen kann.
Danke für Deine Gedanken dazu.
Liebe Grüße und einen schönen Abend
wünscht
Elbstromerin


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