Anselm und Eusebius

„Bruder Anselm, wie lange schon
bewegt uns die ewige Frage:
Was werden wir im Jenseits sehn
nach dem Ende der Erdentage?“
„Lieber Bruder Eusebius,
all unsere Überlegungen
brachten uns nur den einen Schluss:
Nur Gott erteilt uns die Segnungen.“

„Anselm, lass uns verabreden,
der erste von uns, der es erfährt,
wird von dort ein Zeichen geben,
mit dem er den Bleibenden belehrt.
Er sag‘ nur einfach „taliter“*,
was all die Herrlichkeit bestätigt,
wie man sie uns immer wieder
in den Heiligen Messen predigt.“

„Oh, eine herrliche Idee“,
spricht Klosterbruder Anselm sogleich,
„falls ich als Erster von uns geh‘,
geb‘ ich gleich Nachricht vom Himmelreich,
ausführlich kann‘s wohl nicht geschehn,
doch reich‘ dies‘ Wort zur Bestätigung,
dass alles, was ich hab‘ gesehn,
ganz so ist wie uns‘re Vermutung.“

„Anselm, lass es uns beschwören
und als Geheimnis still bewahren,
werden es im Traum dann hören,
das Wort als Himmelszeichen. – Amen!“
Sehr bald schon ging Eusebius
von Gott gerufen durchs gold‘ne Tor,
staunte mit höchlichstem Genuss:
So stellt sich kein Mensch den Himmel vor!

Eusebius erschien sogleich
Bruder Anselm im nächtlichen Traum
„Anselm, ich bin im Himmelreich,
mein Bruder, höre, man glaubt es kaum,
doch zwei Worte sage ich dir,
es ist TOTALITER ALITER*
niemals auf Erden konnt‘ ich mir
ausmalen solch herrliche Bilder.“


© Syrdal 2019
…………………….

*taliter (lat.) = es ist so
*aliter (lat.) = es ist anders
*totaliter aliter (lat.) = es ist gänzlich (völlig) anders

Gestaltet nach einer mittelalterlichen Erzählung von zwei Mönchen, die sich das Paradies (den Himmel) in ihrer Phantasie in den glühendsten Farben ausmalten.
 

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Kommentare (10)

Muscari

Lieber Syrdal,

mit angehaltenem Atem habe ich Deinen Worten gelauscht und dabei die wunderbaren Wechselbilder betrachtet, begleitet vom gregorianichen Gesang.
Es erinnert mich an frühere Zeiten, als mich all das sehr beeindruckt hat.
Heute sehe ich einige Dinge etwas abgeklärter, wobei mir nur die Hoffnung bleibt.

"bewegt uns die ewige Frage:
Was werden wir im Jenseits sehn
nach dem Ende der Erdentage?“


Mit Dank und herzlichem Gruß von
Andrea

Syrdal

@Muscari

Liebe Andrea, sicher stellen sich viele Menschen die Frage, was wohl einstmals sein wird, wenn… Doch dies bleibt offen, bis der eigene Übergang erfolgt ist. Dann aber gibt es wohl kaum eine Möglichkeit, so wie Eusebius dem Anselm eine Nachricht zur Erde hinunter zu „flüstern“. So bleibt uns nur unser eigenes Vertrauen, unser Gottvertrauen…

...meint mit freudiger, der Gewissheit nahe liegender Hoffnung
Syrdal  

HeCaro

Lieber Syrdal,

natürlich möchte  man nur zu gerne wissen, was kommt, wenn wir das "goldene Tor" passiert haben. Wie es da ausschaut und was uns erwartet.
Aber ich denke, auch mit der größten Fantasie können wir es uns nicht ausmalen, da reicht unsere menschliche Vorstellungskraft nicht aus. Und wenn wir doch eine Idee haben sollten…es wird sicher  „alles ganz anders“ sein.
 
Liebe Grüße, Carola
 

Syrdal

@HeCaro

Aber ja doch, liebe Carola, es ist so, wie es Eusebius nach seiner Ankunft im Himmel dem Bruder Anselm sogleich berichtet hat: Totaliter Aliter, also völlig anders, aber unvorstellbar herrlich!

Mit dieser schönen Aussicht liebe Grüße von
Syrdal

Tulpenbluete13

Lieber Syrdal,

Jeder von uns hat sich bestimmt schon Gedanken gemacht wie es denn nach dem Tod wäre...
und wie"praktisch" wäre es wenn uns die- die vor uns gegangen sind- etwas darüber erzählen oder ein "Zeichen" geben könnten.

Die von Dir sehr eingehend vorgetragene Geschichte passt genau dazu....
Eine sehr interessante Geschichte... vor allem der Schluss...hier passt einfach nur das Latein... die Sprache der Gelehrten...

Danke für Deine Geschichtet in Bild, Vers und Ton....sehr gelungen..passend zukm heutigen Totensonntag..

Liebe Grüße
Angelika

Syrdal

@Tulpenbluete13

Ja freilich, liebe Angelika, möchten wir alle möglichst genau wissen, wie es im Himmel wohl sein wird. Eusebius flüstert dem Anselm die Worte TOTALITER ALITER – ist das nicht sagenhaft schön beschrieben mit nur zwei Worten…

...meint mit heiterem Blick hinauf in den Himmel hinter dem goldenen Tor
Syrdal  

2.Rosmarie

Lieber Syrdal,

welch ein Genuss!

Ich habe dein Video mit dem wundervoll gekonnten Vortrag zutiefst genossen.

Inhaltlich finde ich die letzte Wendung besonders bereichernd. Sie entspricht genau meinen Vorstellungen.

Du trägst deinen Text - untermalt von der passenden Kirchenmusik - perfekt vor, gerade so, als hättest du dies gelernt.

Danke für diese tiefe Freude!

Liebe Grüße
Rosmarie

Syrdal

@2.Rosmarie

Liebe Rosmarie, möge das kleine Gedicht dir und uns allen den „Totensonntag“ zum frohen Gedenken leiten und zum tief innen empfundenen Wissen, dass es all den Vorausgegangenen dort im Himmel hinter dem "Goldenen Tor" im ewigen Licht wohl ergeht…

Danke für deine freundlichen Worte.

Liebe Grüße
Syrdal

Christine62laechel


Lieber Syrdal, im vorigen Jahr konnten wir dieses Gedicht nur lesen. Wenn von dir nun die Geschichte erzählt, klingt sie noch mehr glaubwürdig. Möge man mal wirklich in eine Welt der Begeisterung übergehen dürfen...

Mit Grüßen
Christine

Syrdal

@Christine62laechel

Oh ja, liebe Christine, du erinnerst dich an das Gedicht, aber nunmehr in rechter Weise „vertont“ ist es ja fast wie neu erfahren und man freut sich vielleicht nun doch schon ein wenig auf die „Welt der Begeisterung“…

Mit solcher Freude grüßt
Syrdal


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