Auf einem Esel zum Drachenfels ??


Auf einem Esel zum Drachenfels ??
Draußen schien die Sonne erbarmungslos. Sie kannte keine Gnade und verbreitete in unseren beiden Dachzimmern eine unglaubliche Hitze.
Nur mit BH und knappem Höschen bekleidet, stand Mutter schwitzend vor dem Kohleherd und rührte in der Suppe, als sie plötzlich den Deckel auf den Topf knallte und rief:
„Morgen fahren wir an den Rhein, ich halte es hier nicht mehr aus.

Ich bin diese Kriegs- und Nachkriegsmisere satt. Wir müssen endlich mal raus aus dieser elenden Wohnung."

Bei diesem Ausbruch war ich zusammen gezuckt und Lotte, meine kleine Schwester, schaute Mutter nur überrascht an.
Schon vor dem Krieg hatte für Mutter und Vater eine Fahrt an den Rhein das größte Ferienvergnügen bedeutet. Davon zeugen noch viele Fotos.
Zwar kannte ich diesen Fluss als blaue Linie aus unserem Erdkundebuch, die sich zwischen Eifel, Westerwald, Taunus und Hunsrück ihren Weg bahnt, aber mehr nicht.

Jedenfalls packte Mutter am nächsten Morgen eine Tasche mit Proviant, und dann ging es zum Bahnhof.
Im Städtchen Mehlem angekommen, ließen wir uns am steinigen Rheinufer nieder. Dort sah ich zum ersten Mal, wie sich große Schiffe auf einem Wasser fortbewegen. Und während Mutter und meine kleine Schwester mit den Füßen entspannt durchs flache Wasser platschten, blieb ich sitzen und träumte den Schiffen auf ihrer Fahrt hinterher.
„Seht ihr da drüben den Berg mit der Burgruine? Das ist der Drachenfels. Mit der nächsten Fähre setzen wir über und suchen uns in Königswinter ein Nachtquartier. Morgen früh trägt uns dann ein Esel dort oben hinauf“, schwärmte Mutter und wies hinüber zur anderen Seite.
Auf einem Esel reiten? dachte ich ängstlich.

Dann standen wir auf der schaukelnden Fähre, und ich schaute ein wenig beklommen in die Fluten des Rheins unter uns.
Nach einigem Laufen durch die Straßen von Königswinter fanden wir schließlich eine Unterkunft in der Scheune eines Bauern. Es war schon eine ungewohnte Erfahrung, in diesem pieksenden Heu zu übernachten.
Aber man kann sich kaum vorstellen, wie gespannt meine Schwester und ich auf den nächsten Morgen waren, denn unter uns im Stall hörten wir sogar die Esel, die ab und zu ein lang gezogenes I-aah von sich gaben. Sie würden uns also am nächsten Tag zum Drachenfels tragen.
Nachdem Mutter am Morgen dem Bauern das Geld für die Übernachtung gezahlt hatte, musste sie gestehen, dass nun doch das Geld fürs Eselreiten nicht ausreiche und sie ja noch an die Rückfahrt denken müsse.
 
Seltsamerweise bricht an dieser Stelle meine Erinnerung ab. Wahrscheinlich wäre der Fußweg hinauf in der herrschenden Hitze zu anstrengend geworden.
Nur die Schiffe auf dem Rhein, der unvergleichliche Heuduft des Nachtlagers und das gelegentliche I-Ahh der Esel sind mir im Gedächtnis geblieben.
Aber noch heute zieht es mich oft an den Rhein, und ich genieße es, dem langsamen Dahingleiten der Schiffe zuzuschauen. 

 

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Kommentare (6)

Tannenmuetterchen

Als ich noch klein (bzw. jung) war, fuhr ich mit der Familie von Brühl auch stets nach Mehlem, setzte mit der Fähre über, und dann ging es zum Drachenfels. EIN EINZIGES MAL per Esel. Ein Esel, den mein Vater führte und der bockig bis zum Abwinken war. Das Kind saß verzweifelt oben daruf, Vater schob oder zog, bot Leckerchen an, war verzweifelt... Das Vieh hatte keine Lust! - In den darauffolgenden Jahren waren wir stets zu Fuß unterwegs - durchs Nachtigallental. Und noch später entdeckten wir das wunderbare Lemmerzbad und schwamm dort ein paar Runden. Mein Vater war von Beruf Schwimmeister, und das Schwimmen war eher sein Metier als das Eselstreiben.

Muscari

Herzlichen Dank für Eure freundliche Begleitung nach Königswinter und natürlich für Eure Kommentare und die vielen Herzchen.
Auch wenn die "Eselei" nie stattgefunden hat.

Erst im Jahr 2013 ergab sich wieder die Gelegenheit, nach Königswinter zu kommen. Nur sind wir dann mit der Zahnradbahn auf den Drachenfels gefahren. Von dort gibt es einen traumhaften Ausblick auf den Rhein.
Andrea

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ladybird

Liebe Andrea,
Dein Erlebnisbericht vom Drachenfels machte mir gerade Gänsehaut: meine Enkelin (in Schottland lebend) hat vor zwei Tagen den Drachenfels besucht und war so begeistert, allerdings blieben die Esel im Stall wegen dieser Hitze.
Von Deiner Erinnerung habe ich gerne gelesen und ab und zu genieße ich eine Rheinfahrt nach Königswinter, das ist am Fuße des Drachenfels eine bunte,kleine Stadt
DSC01762.JPG

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Behalte Dir deine so spannende Erinnerung weiterhin so lebendig im Gedächtnis,
wünscht dir mit Dank fürs Teilen
Renate

Tulpenbluete13

Liebe Andrea,

es ist gut daß Du uns hin und wieder mit solchen "alten Geschichten" versorgst, damit man es nicht vergisst (die Generation die sich bewusst daran erinnert, stirbt ja gerade aus..)wie schwierig die Zeiten damals waren und wie wir mit "wenig" zufrieden waren.. Gerade jetzt bei dieser Hitze kann man sich gut vorstellen wie heiß es unter dem Dach war.
Die spontane Entscheidung Deiner Mutter finde ich prima..

Und welch eine Freude und Überraschung für Euch Kinder, und egal daß ihr im Heuschober übernachten musstet... das ist jetzt wieder ganz "in". Siehe im Spa-Hotel "Heubaden"...lach..

Was die Esel angeht bin ich auch noch nicht auf einem geritten. Wie sie "Iahen" höre ich jeden Tag weil sie im Grundstück hinter mir gehalten werdenund das bei kaum Auslauf... aber das ist ein anderes Kapitel...lach..

Dankeschön für Deine interessante Geschichte..ich habe sie gern gelesen..

Heissen Gruß schickt Dir
Angelika😃

 

ahle-koelsche-jung

Eine sehr schöne Geschichte aus alten Zeiten.
Aber eins ist geblieben: Jeder weiss womit er Geld machen kann; selbst für ein Bett im Stroh.
Ich kann mir aber sehr gut vorstellen was es für dich und deine Schwester für ein tolles Erlebnis war.

schöne Grüße Wolfgang

Manfred36

Dies ist auch eine Burg Drachenfels, allerdings im Pfälzischen Wasgau. Sie wäre besser zu erreichen gewesen. Ich habe von ihr eine Rekonstruktionsskizze gemacht.


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