AUF KOHLE GEBOREN

Auf Kohle geboren.

Eine endlose Menschenkarawane bewegte sich leise und ehrfürchtig über den Friedhof. 
Schwarze Anzüge, schwarze Hüte, schwarzer Sarg. Schwarze Kohle. Nur das monotone Läuten einer Glocke durchdrang die bedrückende Stille.
Viele Menschen weinten. Sogar die erwachsenen Männer.
Damit konnte ich als Kind gar nicht umgehen. "Ja, die Grube holt sich ihren Anteil immer zurück. Nun ist die Erika ganz allein mit den fünf Kindern," drangen später Gesprächsfetzen im Flüsterton an mein Ohr.
Danach die Zeremonie der Beisetzung. Schwarze Zylinder der Sargträger, schwarzer Talar des Pfarrers und schwarze Uniformen des singenden Knappenchors. Schwarze Kohle. Immer wieder erschien dieses Bild in meinem Kopf und ich wurde es nicht los.

Mein Onkel war Bergmann und hatte einen schrecklichen Unfall auf der Zeche. Ich würde ihn nie mehr wiedersehen, sagte man mir.

Onkel und Tante hatten ein kleines Haus mit Garten in einer Zechensiedlung. Es war ein Paradies für uns Kinder, denn dort gab es Hunde, Katzen und Kaninchen. Ein Nachbar hatte sogar Hühner. Die Leute und Nachbarskinder gingen dort ein und aus. Meine Tante schnitt dann immer ein ganzes Brot auf und schmierte Schmalzbrote für die ewig hungrigen Kindermäulchen. Wir spielten draussen bis zur Dämmerung Schnitzeljagd, sogar im Regen. Und die Freiheit erschien mir dort grenzenlos zu sein. Manchmal mopsten wir uns aus den Nachbarsgärten Karotten oder Rhabarber. Doch keiner sagte etwas oder tadelte uns deswegen.

Im Winter war das Haus immer gut geheizt, denn der Onkel bekam von der Zeche jährlich mehrere Tonnen Deputatkohle zugeteilt.

Der Kauf eines Fernsehers gehörte damals wohl zu den größten modernen Errungenschaften von Onkel und Tante. Sie waren damit die ersten in der Siedlung die solch ein Gerät besaßen. Und ab sofort war Kino angesagt, denn die halbe Nachbarschaft machte es sich dort abends im Wohnzimmer gemütlich.
Die Stimmung war immer prächtig, denn es wurde gleichzeitig auch viel Alkohol konsumiert.
An den allerersten Film, den ich dort sah, kann ich mich noch gut erinnern.
Er trug den Titel - So weit die Füsse tragen - und die Spannung des Filmes beschäftigte mich danach noch unglaublich lange.

Meine Mutter war immer sehr verärgert, wenn mein Vater von einem dortigen Besuch angesäuselt zurückkehrte. In meinem Elternhaus wurde nämlich gar kein Alkohol getrunken.

 
Nach der Beerdigung wurden die Gäste zum Kaffeetrinken eingeladen. Es fand im Haus der Tante statt. Mehrere Bleche mit Streusselkuchen standen für die Gäste bereit. Einige Nachbarinnen hatten ihn in der Zwischenzeit gebacken.
Dann wurden die ersten Schnappsgläser gefüllt und man stieß damit gemeinsam auf den lieben verstorbenen Onkel an. Jetzt weinte zum Glück niemand mehr. Ich war erleichtert und froh,  diesem beklemmenden Gefühl der Trauer endlich entkommen zu sein.
Jemand legte eine Schallplatte auf. Schon als die Musik ertönte war die erste Schnapsflasche bereits leer.
Es wurde auch wieder gelacht und alle waren bester Laune.
Dann wurden Tische und Stühle zur Seite geschoben, denn man brauchte etwas mehr Platz zum Tanzen. Und schon drehten sich die ersten Pärchen vernügt im Kreise. Mein Vater forderte ganz kess fremde Damen zu einem Tänzchen auf. 
Es kamen immer mehr Leute dazu. Viele brachten Getränke mit und stimmten seltsame Gesänge an.

Plötzlich hatte ein Cousin von mir die Idee Fußball zu spielen. Einige der sportlich ambitionierten Herren eilten sofort voller Tatendrang nach draußen in den Garten. Zwei Wäschepfähle deuteten das Tor an.

Und wer war der Torwart? Natürlich mein Vater, in seinem besten Anzug!

Jemand lag zwischen den Stachelbeersträuchern und schlief. Ich ging näher hin, um ihn besser sehen zu können. Aber es war ein fremder Mann. Nein, ich kannte ihn nicht.

Der Heimweg mit meinem schwankenden Vater dauerte, obwohl meine älteren Brüder ihn kräftig stützten,  viel länger als gewohnt.

Am nächsten Tag hing der Haussegen bei uns zu Hause mächtig schief, denn meine Mutter sprach kein einziges Wort mehr mit ihrem Mann. Und mein Vater? Na, der konnte sich an nichts mehr erinnern. Er hatte wohl den berühmten Filmriss.

Aber irgendwann nahm er meinen ältesten Bruder an die Seite und fragte mal vorsichtig nach:
"Sag mal, war gestern irgend etwas?"
I
 
 

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Kommentare (2)

Syrdal
Syrdal
Mitglied


Das ist Leben pur!
 
...fein beobachtet, schön erzählt, gern gelesen!
 
Mit Sonnenmontagsgruß
Syrdal

Distel1fink7
Distel1fink7
Mitglied

Danke Rosi65 , dass uns in diese Deine  Welt mit genommen hast.
Hab es gern gelesen.
Grüße vom Distel1fink7


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