BEGEGNUNGEN

Begegnungen

2.30 Uhr. Die Müdigkeit machte Eva langsam fertig. "Penn hier bloß nicht ein", ermahnte sie sich und öffnete energisch das Seitenfenster bis zum Anschlag.

Der eiskalte Fahrtwind, der sofort gierig nach ihren langen Haaren griff, ließ Eva erschauern. Seufzend verschloss sie das Fenster wieder und konzentrierte sich nur noch auf ihre Arbeit...die Heimfahrt nach Dortmund.
Die A40 war zu dieser Uhrzeit gespenstisch leer. Nur vereinzelte Lastwagen rollten eilig mit ihren donnernden Frachten über die Autobahn.In der nächsten Kurve verrutschten geräuschvoll einige der Quarkbecher, die sich hinten auf dem Autorücksitz türmten.

Mahmoody wachte endlich mal auf und fragte:"Wo sind wir?"
"Wattenscheid," antwortete Eva knapp. Ihr Arbeitskollege war auf dem Beifahrersitz eingenickt, und hatte seit ihrer Abfahrt friedlich neben ihr geschlafen.
Sie kamen gerade aus Moers von der Mittagsschicht. Eva war vollkommen erschöpft, denn sie hatte wohl zehn Stunden im Akkord gearbeitet.Oder mehr? Eva stellte fest, dass sie gar nicht mehr in der Lage war klar zu denken.
In der Fabrik liefen die Arbeitsbänder den ganzen Tag und förderten unerbittlich neue gefüllte Quarkbecher herbei. Tausende und Abertausende!!! Heute sausten mal, zur Abwechslung,die Sorten Vanille, Erdbeere und Banane auf Eva zu, um sich von ihren flinken Händen geschwind in die gestapelten Pappsteigen umfüllen zu lassen.

Alle zwei Stunden standen den Arbeitern zehn MInuten Pause zu.Endlich konnte man mal etwas trinken und die Toilette aufsuchen. Manche schafften in dieser Zeit vielleicht noch eine knappe Zigarettenlänge... Ein kleiner Imbiss war da nicht mehr drin. Wozu auch? Die Kantine war zur Spätschicht eh geschlossen.

Vanille, Erdbeere, Banane...Vanille, Erdbeere, Banane...Vanille, Erdbeere, Banane... lieber Gott, es nahm einfach kein Ende! Mit der Zeit langweilten sich auch die Bandführer und begannen sich mit kleinen Spielchen an den Leiharbeitern zu ergötzen. Sie ließen die Transportbänder einfach mal schneller laufen. Mal gucken...schneller! Noch schneller! Am Nebenband schossen plötzlich die Quarkbecher platzend auf dem weißen Kachelboden auf, denn ein älterer Mitarbeiter konnte bei dieser Geschwindigkeit einfach nicht mehr mithalten. Mit hochrotem Kopf sammelte er die zermatschen Behälter verzweifelt wieder auf. Eva verließ sofort ihren Arbeitsplatz, um dem Mann zu helfen. Die drei Studenten an ihrem Band arbeiteten jetzt für sie mit. "Hoffentlich treffe ich mal einen von diesen Bandführerschweinen auf der Straße...," knurrte einer der jungen Männer vor sich hin.
Nein, Eva wollte und konnte das alles nicht mehr ertragen!
 
"Das war gerade ein schöner Traum", gähnte Mamoody glücklich. " Ich saß gerade im Flugzeug, Richtung Heimat, um meine Eltern zu besuchen. Ach, war das schön."
"Ja, wirklich, ein schöner Traum", dachte Eva. Sie wusste, dass Mamoody großes Heimweh nach seiner Familie in Afghanistan hatte. Jeden Monat überwies er die Hälfte seines kärglichen Lohnes an seine Eltern, um sie finanziell zu unterstützen. Guter Junge!
Doch sie wusste auch, dass dieser junge Mensch nicht mehr in seine Heimat zurück konnte. Vorläufig jedenfalls nicht. Denn er war desertiert.

Vier Jahre war Mamoody für sein Land im Kriegseinsatz gewesen, und hatte das Grauen überlebt.
Sein Bruder, viele Freunde und Kameraden hatten es nicht geschafft.Nur die Hoffnung, seine große Liebe, sein schönes Mädchen Sahar wieder zusehen, gaben ihm wohl die Kraft dazu.

Als er nach langer Zeit wieder vor seinem Elternhaus stand, öffnete ihm seine kleine Schwester die Tür und sagte nur: "Warum kommst Du so spät? Sahar ist schon verheiratet."

Erst jetzt antwortete Eva behutsam:"Dein Traum war ein gutes Zeichen, Dein Wunsch wird sicher bald in Erfüllung gehen." Dann lachte sie: "He, ich hoffe, Du hast die vielen schönen Geschenke nicht vergessen!"

"Niemals vergesse ich einen Freund! Und wenn es nur ein kleines Stück Seife für den Nachbarn ist, so sollte doch jeder wissen, dass ich immer an ihn gedacht habe," ereiferte sich Mamoody.
Dann wurde seine Stimme leiser: "Ach, Eva, der Aligator hat nächste Woche einen neuen Einsatz für mich in der Metallfabrik. Männerarbeit, verstehst Du? Schade, dann können wir nicht mehr gemeinsam fahren."

Eva schluckte, als sie das hörte, denn allein wollte sie in dieser wiederlichen Quarkfabrik erst recht nicht arbeiten. Der Aligator war die harte Chefin der Zeitarbeitsfirma, bei der sie beide beschäftigt waren. Trotzdem gab sie dem Drängen Mamoodys nach, als er sich gemeinsame Arbeitseinsätze mit Eva wünschte. Warum wurden sie jetzt auf einmal getrennt?

2.40 Uhr. Bochum-Querenburg. Eva fuhr von der Autobahn und setzt Mamoody am nächsten Parkplatz ab. Er wohnte gleich gegenüber. Sie verabschiedeten sich nur ganz kurz. Doch auf einmal schrie Eva hinter ihm her: "Haaalt! Du hast Deinen Quark vergessen!

Mamoody drehte sich langsam um und grinste: "Der ist doch für Dich. Erinnerst Du Dich nicht? Jeder meiner Freunde bekommt doch ein Geschenk von mir."

Eva war richtig platt und konnte es gar nicht fassen, denn er war ein großes Risiko eingegangen, nur um ihr eine Freude zu machen. Denn er hatte alles nur für sie...geklaut.
Doch Mamoody hatte sie nie mehr wieder gesehen.


 

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Kommentare (10)

Rosi65

Oh,leider gerade erst gesehen...sorry

Mein Dankeschön geht auch an die liebe Tessie,die mir ein Herzchen übermittelt hat.

Liebe Grüße
 Rosi65

Urseli

Wunderschön, dass es noch Menschlichkeit gibt.Herz

LG UrseliLächeln

Rosi65

Vielen Dank, liebe Urseli,

dass Du meine Geschichte gelesen hast. Rose

Herzliche Grüße
    Rosi65 

Rosi65

Vielen Dank für eure Herzchen *freu*

von:
Protes
Roxanna
nnamtor44
Syrdal
ladybird

Viele Grüße
 Rosi65
 

werderanerin

Das erinnert mich an meine Jugendzeit..., wo ich ein Praktikum in einer Schokoladenfabrik absolviert hatte...damals klang das ganz super toll..., nach einer Woche konnte man weder das Wort Schokolade hören, noch die Arbeit ernsthaft machen...habe die Fließbandarbeit heute noch in unangenehmer Erinnerung und nicht verstehen, das man das überhaupt jahrelang machen konnte...

Kristine 

Rosi65

Liebe Kristine, 

diese Tätigkeit sehe ich auch eher als eine Strafe an.
Vielleicht hatten die Menschen, aus welchen Gründen auch immer, nur keine andere Wahl.

Das Schlimmste was ich mal bei einer Besichtigung gesehen habe, in einem Dienstleistungsunternehmen für Recycling, waren Bandarbeiter, die manuell den Müll sortiert haben.Sie trugen dabei zwar Mundschutz und Handschuhe, aber der Gesamteindruck und der penetrante Gestank der dort herrschte, hatten mich damals richtig schockiert.

Danke für Deinen Kommentar.
  Viele Grüße
     Rosi 

Christine62laechel

Liebe Rosi,

als Studentin habe ich in den 70. Jahren einen Monat lang in einer Zigarettenfabrik gearbeitet - es hieß dann, die Studenten und die "Arbeiterklasse" sollten sich näher kommen...
   Für mich bedeutete eine Schicht also, die Packungen mit Zigarettenschachteln in Pappkartons reinzulegen. Auch eine Arbeit am Fließband. Da gab es auch witzige Arbeiterinnen: Statt die Packungen, die sie zuklebten, in regelmäßigen Abständen auf den Fließband zu schieben, stappelten sie eine Menge davon, und erst dann - ab. Es war nicht mehr zu schaffen, dazu war der Klebstoff noch ganz feucht, die Packungen gingen kaputt, fielen runter... Da freuten sie sich. :)

Mit besten Grüßen
Christine

Rosi65

@Christine62laechel  

Liebe Christine,

anstatt neue Mitarbeiter, egal ob Aushilfen oder Praktikanten, zu unterstützen werden sie gedehmütig.Das kann man gar nicht verstehen und nachvollziehen.
Die Technische Universität Dortmund hat bei einer Untersuchung, im Jahr 2010, festgestellt, dass langjährige Fließbandarbeiter schneller altern. Das Gehirn altert schneller, da es kaum gefordert wird.Die Hände funktionieren fast automatisch.
Von Gehässigkeit stand da aber nichts. War in Deinem Fall hoffentlich die berühmte Ausnahme.Erschrocken

Viele Grüße
   Rosi65
 

Syrdal


Was für ein tristes Leben: Vanille, Erdbeere, Banane...Vanille, Erdbeere, Banane...Vanille, Erdbeere, Banane...
Da reist die Menschheit zu fernen Sternen, aber im „hochindustriealisierten“ Deutschland muss süßer Quark noch immer per Hand in Pappkartons gepackt werden – unglaublich! Und ein ohnehin von den Lebensumständen Gequälter schickt von seinem Jammerlohn noch die Hälfte in sein notleidendes Land, damit die Dortigen recht und schlecht überleben können, Konzernbosse hingegen heimsen sich tagtäglich und überall im bequemen Sessel das Millionenfache in die Taschen und wissen aus lauter „Döllerei“ nicht wohin mit dem Geld...
Das alles macht nur sprachlos, aber das Leben schreibt eben die wahren Geschichten.
 
Syrdal

Rosi65

@Syrdal  

Fließbandarbeit ist eine Strafe, denn der Mensch wird zum Sklave der Maschine, deren Zeittakt vorher von Controllern festgelegt wurde.
Jeder Arbeitnehmer möchte doch eine befriedigende, selbstständige Beschäftigung haben, die ihm vermittelt etwas Sinnvolles zu tun.
Wichtig sind dabei auch ein gutes soziales Umfeld, Sicherheit des Arbeitsplatzes, Wertschätzung, Aufstiegsmöglichkeiten und natürlich eine angemessene Bezahlung.
Stupide Arbeiten ohne Seele und Hirn sollte man wohl besser den Robotern überlassen.

Danke Dir herzlichst für Deinen Kommentar.
               Rosi65
 


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