Seit knapp zwanzig Jahren von Österreich abgetrennt, gehört jetzt auch das Zappenland zum Tschechischen Staat. Auch die Menschen, die Sudeten, haben sich dem Siegerwillen der Großen zu fügen.
Doch wie eh und je ziehen graue Nebelschwaden durch die Täler und Wälder des nordböhmischen Grenzgebirges, scheren sich nicht um Politik. Wie eh und je schaffen sie im Zappenland seltsame Gebilde im Wechsel von der Nacht zum Tag.
Majestätisch grüßt der Rosenberg den wie einen angelutschten Zuckerhut aufragendem Kleis mit seinen beachtlichen 755 Meter weiter südlich im Kreis Böhmisch Kamnitz, wobei beide bereits von der Sonne in zarte Farben getaucht werden.
Ein schöner Frühlingstag in der Osterwoche scheint sich anzumelden.
Glockenhelles trillern der Feldlerchen über den kleinen Saat- und Ackerflächen, der Binsdorfer Kleinhäusler dringt bis in das schon erwachende Dorf und möchte die Sorgen der hier seit vielen Generationen wohnenden Menschen verscheuchen.
Seelenruhig äsen einige Rehe auf dem Kleefeld neben dem Hohlweg bei Kriesche. Sie heben nur ganz kurz ihren schlanken, braunen Kopf, um den unweit ihres Standplatzes vorbei seiner Arbeit zustrebenden Familienvater zu betrachten.
Langsam steigt der Sonnenball höher über den Horizont. Seine wärmenden Strahlen bemalen in diesen Morgenstunden, wie mit Pinselstrichen, die gerade aufsteigenden Rauchzeichen eines erwachendem Dorfes in ein helles Grauweiß und die dazu gehörigen Gehöfte in zarte Pastelfarben.
Auch in der Binderschmiede kocht das tägliche Morgenmahl, die Milchsuppe mit eingebrockten Brotstücken, wie in allen Kleinhäuslerwirtschaften, auf dem Holzfeuer im gemauerten Herd der räumlichen Wohnküche.
Grauer Rauch steigt kerzengerade hoch über die alten Linden, hinter denen sich das Wohnhaus halb versteckt. Aus der Schmiede selbst tönt noch kein Hammerschlag. Eine friedliche Landschaft.
Josef Kretzschmer, Kleinhäusler aus dem Oberdorf Nummer 57, mit zwei Kühen und ein paar Ziegen im Stall, schreitet kräftiger aus. Der Weg bis nach Niedergrund, sein tägliches Ziel, ist noch weit und die Zeit drängt.
"Grüßt euch", nickt er den äsenden Tieren zu und meint zu sich selbst, "ihr habt es schön". Josef denkt dabei an den weniger reichlich gedecktem Tisch zu Hause, an seine Mutter mit den verarbeiteten Händen, an seine Frau Anna und die beiden Töchter.
Elli und Jetti packen vor und nach der Schule kräftig mit an, damit es einigermaßen voran geht und genügend Erdäpfel - auch Arbln genannt - auf den Tisch kommen.
Es ist ein ungeschriebenes Gesetz der Kleinhäusler mit ihren drei bis vier Hektar Acker und Wiese, daß die Kinder schon in jungen Jahren ihr Essen mit verdienen.
Doch jeden Morgen, wenn Josef diese friedliche Natur mit den Rehen und Feldlerchen sieht, vergißt er so halb die Sorgen um das tägliche Brot und sein Herz füllt sich mit Frohsinn.
Zum Feierabend dann, die Sonne färbt schon mit ihren Strahlen die Berge westlich der Elbe in ein leuchtendes Violett, sieht man es seinem müden Schritt an, daß ihm bei der Tschechischen Staatsbahn im Niedergrund für den Lohn nichts geschenkt wird.
Zu Hause wartet die Wirtschaft auf ihn.
+
Doch heute fühlt sich Josef Kretschmer, genannt Hongn Seff vom Jahrgang 1901, viel leichter als sonst. Etwa, weil es in der Osterwoche ist und er heute einiges Zuckerwek für seinen beiden Töchter im Rucksack mit nach Hause bringt, oder, weil der Festtagsbraten im Ziegenstall gut heran gewachsen ist?
Nein, da ist noch etwas anderes, das ihm so durch den Kopf geht. Persönlich Erlebtes, was ihm damals als Schüler des achten Schuljahres der Binsdorfer Schule in der Osterwoche widerfuhr.
Hongn Seff bleibt oben auf der Heide stehen, setzt sich dann an den Wegrand, stopft seine Tabakspfeife.
Plötzlich ist die Eile weg. Er taucht in die Erinnerungen seiner Schulzeit ein,sieht, wie er damals mit seinen Freunden die wohl schönste Rolle seines Lebens gespielt hat:
Vier Binsdorfer Jungen aus der letzten Schulklasse, der Achten, sind es, die nach Arnsdorf streben, als ob es zum ersten Stelldichein mit der Auserkorenen geht.
Fein sehen sie aus. Frisch gebügelte Hemden mit ganz steifen Kragen.
Das zwingt ihre Hälse weit in die Höhe.
Gewaschene Hände und saubere, rund geschnittene Fingernägel ohne Trauerränder, verbergen die tiefen Hosentaschen.
In den eng anliegenden Beinkleidern und blitzeblank geputztem, fast wie neu anzusehenden Schuhwerk, kommen sie sich wie aufgeputzte Stutzer vor.
Ihre eckigen Bewegungen gleichen Hühnern auf dem Glatteis. Gescheiteltes Haar und versorgt mit einem frischen Taschentuch, so ziehen sie los.
Nein, auf Freiersfüßen sind sie nicht. Dagegen spricht dieser Feiertagsaufzug.
Aber den außergewöhnlichen Anlaß für die von ihren Mamas gut ausstaffierten Söhnen gibt es schon: Nach alter Tradition, wie es ihre Väter und Großväter vor ihnen im alten Österreich getan haben, ist es heute ihr Kirchgang mit bevorstehender Beichte.
Kurz vor Ostern sei die beste Gelegenheit dazu, seine Seele zu reinigen von allen Sünden des Lebens, hat der Pfarrer in der letzten Religionsstunde zu seinen Schäflein von der vierten bis achten Klasse gesagt.
Der Seelenhirt hat dabei besonders die Vier angeschaut und sie für heute Nachmittag um drei Uhr, in die Kirche einbestellt. Die Vier, das sind Koulschitters Erwin, Binderschmeeds Korl, Schmeeds Seff und ihr Wortführer Hongn Jouseff
Nun sind die so Geforderten beileibe keine braven Schäfleins im Sinne des Wortes, doch zur Beichte müssen sie trotzdem. Der Herr Pfarrer duldet da keine Ausreden und krank sein, das kann heute leider keiner von den vier Unzertrennlichen behaupten.
So nehmen sie gleich die erste Abkürzung hinter der Trafik, wo die Straße mit einer Kurve nach rechts abbiegt und sich an der Schloßallee nach Arnsdorf und Rosendorf gabelt. Sie wollen die Sache mit der Beichte so schnell wie nur möglich hinter sich bringen.
Die vier beichtfähigen Binsdorfer sind sehr tief in ihren Gedanken versunken. Jeder hat heute Mühe, seine eigenen Probleme für das Bevorstehende zusammen zu kriegen.
Koulschitters Erwin, Binderschmeeds Korl, Schmeed Seff und Wortführer Jouseff zeigen wenig Begeisterung für den zusätzlichen Kirchgang. Sie bleiben einfach stehen, um sich gegenseitig zu ermuntern und Gedanken auszutauschen.
"Seff", meint jetzt der Korl, "eh hob gor keene Lust und weeß gornäi, wos ech beichtn sullä".
"Dir wird schun wos eifolln, mußtä n bisl nochdenkn", meint daraufhin seinen Freund beruhigend der Erwin und spielt mit einem Stückl Hols Ball.
"Mensch Erwin, is doos n Quarg", erregt sich der Binderschmeeds Korl. "Hätt ech blus olläs ufftschriebn", bedauert er kopfschüttelnd. Laut zieht Korl dabei die frische Luft durch die Nase. Das rauscht heute so ähnlich, wie die dorfeigene Dreschmaschine, wenn sie beim Dreschen über belastet wird.
"Ech hobs gmocht, eech hobs gmocht", bringt sich Schmeeds Seff erfreut und wie zufällig in das Gespräch ein.
"Dou guggä mou", wendet sich dieser an seine drei Freunde. Dabei zieht er, ganz überzeugt von der Richtigkeit seines Einfalles, ein zusammen gefaltetes und nicht mehr ganz sauberes Stückl Papier aus der tiefen Hosentasche.
"Ai dahn glehn Bichl hobsch olläs ufftschriebn. Dos sein meine Sindn! Die gaabsch näi haa!"
Schmeeds Seff guckt dabei triumphierend in die schweigend staunende Runde. Sein neues Hemd knistert direkt aus Ehrfurcht vor seinem Träger.
Die Jungen schauen ihren Partner ungläubig an. So eine gro0e Voraussicht
haben sie ihm gar nicht zugetraut. Sie sind sprachlos, was bei den Vieren selten vorkommt.
"Wu hostn doos tschriebn", stellt ihm Hongn Seff nach einer kurzen Staunpause zur Rede.
"Haidä ai dä Frieh", antwortet Schmeeds Seff und guckt seinem Namensvetter, den Hongn Seff, treuherzig, aber auch etwas schelmisch an.
"Zaich mou haa", fordert Hongn Seff ihm schließlich auf und will sich "dos Bichl" mit einem hastigen Griff nun doch etwas näher betrachten.
"Doos sin meinä Sindn", wehrt sich daraufhin energisch der Schmeed Seff und steckt "sei Bichl" ganz schnell wieder ein,
bevor sein Namensvetter so richtig "zugrabbschn" (zufassen) kann.
"Host leicht räidn mit dainä Zwäiä ai Reljioun", stellt Koulschitters Erwin schlußfolgernd fest, nicht nur weil er seine Zensur im Fach "Singen" hervorragend, die in Religion aber nicht gerade auszeichnungswürdig findet.
Damit scheint das Thema für die jungen Kirchgänger vorerst erschöpft zu sein.
Wieder jeder mit sich selbst beschäftigt, ziehen sie wortlos weiter, Richtung Beichtstuhl.
Jetzt haben sie die Arnsdorfer Straße erreicht. Der Erwin puhlt sich einige Kletten aus dem Stoff der langen Beinkleider.
Ist das alles ungewohnt! Stets und ständig "loofn ollä Vierä in kurzen Housn herum, zeigen stolz "den Katn" ihre strammen, muskulösen Beine, die sie schon bis in das achte Schuljahr der Binsdorfer Schule getragen haben.
Aber heute geht das einfach nicht.Ihre Mamas waren sich wohl einig:"Zur Beichte vor Ostern geht man richtig und gut angezogen". Auch die Ohrwaschln haben die Vier sicherlich unter strenger mütterlicher Aufsicht richtig säubern müssen. "Was soll der Herr Pfarrer sonst von uns denken, wo er doch alles sieht!"
Jawohl, das muß bedacht werden und so laufen die Vier fast artig durch die Gegend, entlang der Straße nach Arnsdorf.
Am Arnsberg wird erst mal Halt gemacht. "Broutschnittn zum Vaspä" hat jeder mit. Also erst mal den Körper gestärkt. Mit dem Geist, das kommt von selber, "mit vulln Moochn konnst bässa denkn, dou fällt Dia a nou was ai, wos dä beichtn konnst", erklärt Hongn Seff seinen "mitleidschn Fraindn" dabei bedauernd und überzeugt zunickend.
So wird ausgiebig gefuttert, weil man eben mit vulln Moochn besser denken kann und weil alle Vier "ooch wos fier dahn Gaistä tun wulln".
Schließlich vergeht auch diese geistesstärkende Rastpause. Die Kirche wartet unerbittlich auf die vier Freunde.
Voller Ehrfurcht betreten sie noch weit vor der Zeit jetzt den Mauereingang zum Friedhof, der die Arnsdorfer Kirche von der linken Seite begrenzt.
Das große Portal des Gotteshauses steht offen, als ob es die davor stehenden, zum Beichten entschlossene Vier bittet, doch noch einzutreten.
Hongn Seff ist der Mutigste. Er schreitet mit festem Blick nach vorn in das Kirchenschiff.
Die Drei, mit großen Augen, weil es doch etwas schummrig ist in der Kirche, folgen ihm langsam mit Abstand und fast angehaltenem Atem. So tapsen sie auf Zehenspitzen hinter einander wie im Gänsemarsch ins Kircheninnere.
Einem Magnet gleich, zieht ein kleiner dunkler Holzbau an der rechten Innenwand seine Augen an: Der Beichtstuhl! Da steht er mit seinem kleinen schwarzen Vorhang vor dem mit Holz vergittertem Fensterchen und der Sünderbank davor.
Seit seinem ersten Schuljahr war sein Platz als Sünder gezwungenermaßen immer vor dem Beichtstuhl, am Holzgitter.
Zu gerne würde er sich die Sache mal von Innen ansehen um zu erforschen, wo nun eigentlich die vielen Sünden aufgestapelt bleiben, auch die seinen, die so im Laufe der Jahre in das vergitterte Fenster von ihm gesprochen wurden.
Außer dem Kirchendiener keine weitere Menschenseele im hohen Kirchenraum. Auch der Diener verläßt gerade in dem Moment die Kirche durch eine seitliche Pforte in der linken Innenwand.
Jetzt sind sie ganz allein.
Binderwschmeeds Korl, Koulschitters Erwin, Schmeeds Seff und Hongn Seff stehen wie angegossen, voller Respekt. Das Kircheninnere versetzt die Mutigen so in Ehrfurcht, daß kein Muks über ihre Lippen kommt.
So ergeben sie sich einfach der Gewalt der Stille, sehen mit wachen Augen den Altar, die brennenden Kerzen davor. Rechts und links hohe, mit Gemälden und der Kanzel geschmückter Innenwände, die bunten Fensterscheiben.
Keiner scheint zu atmen.
Da erlöst Hongn Seff die anderen Drei aus ihren Bann: "Dä Pfarrer is näi douä. Kummt, mir duhn beichten iebn", lautet sein Vorschlag in die tiefe Stille und möchte sich damit seinen heimlichen Wunsch so ganz nebenbei erfüllen.
Korl und die anderen beiden trauen ihren sauberen Ohrwqschln nicht, gucken Hongn Seff ganz verdutzt, ja fast entsetzt an.
"Beichtn, wu kej Pfarrer dou is?" Korl kneift seine Augen halb ungläubig zu und zwickt kräftig den Erwin in die linke hintere Backe, worauf dieser ganz heftig zur Seite hopst.
"Jo, gäitn doos" meint zweifelnd der Schmeed Seff. "wu gor käi Pfarrer dou is?" Er kratzt sich verlegen am rechten Ohrwaschl.
Alle Drei grübeln angestrengt darüber nach, was der Schmeed Seff so eben gesagt hat.
"Und wos is mit daan Sindn, behaltschn die"? fragt Koulschitters Erwin in die allgemeine Nachdenkerei.
"Mußschn dou nomou beichtn, haidä nachmittsch",plagt ihn sein Gewissen zu dieser Frage. Zweimal am Nachmittag in der Kirche beichten, das erscheint ihm doch etwas zu viel.
"Wull mä doch näi wartn, bis dä Pfarrer kummn dut", wendet er sich dann einlenkend an Hongn Seff.
"Jaa, beichtn, wu kej Pfarrer dou is", erwiderte Hongn Seff, "dos gäiht!"
Jouseff ist voller Überzeugung, daß es keine Sünde sei. Er meint beschwichtigen zu seinem Freund Erwin Koulschitter: "Wir duhn jo bloß iebn. Beim Pfarrer bleibstä dann näi staggn. Dos gäiht schun", beruhigt ihm Hongn Seff erneut und blinzelt jetzt den Korl eindringlich an.
Dieser errät sofort, was der Hongn Seff von ihm will: "Ech konn dos näi, ech konn näi Pfarrer sein, neenee", lehnt da der Korl heftig den Kopf schüttelnd ab und stellt überzeugt fest, "owä du Seffl, du konnst dos dochä".
Korl will sich doch nicht noch eine Sünde mehr aufladen, Heiliger Bimbam!
Und was daraus noch alles werden kann. Dazu noch so eine gro0e Sünde! Da kann er sicherlich auf keine Vergebung hoffen und kommt gleich ins Fegefeuer!
Oder sogar noch schlimmer, zum "Daiwl aid Faierhölle! "Jessesmariandjouseff", erschrickt Binderschmeeds Korl und versteckt sich fast wie ungewollt ganz schnell hinter Koulschitter Erwins breiten Rücken. Diesmal ohne zu zwicken, läßt aber seinen energischen Herausforderer nicht aus den Augen.
Auch Schmeeds Seff guckt seinen Kumpan Seff wie eine Feldmaus an, die auf der Heide eine zschischelnde Kreuzotter hypnotisieren will.
"Ech konn dos anäi, konns Lochn näi haltn", meint Hongn Seff nur noch leicht abwehrend.
Doch kein "Aber" hilft Hongn Seffn. Von jeden der drei Freunde, jetzt "Seffl" genannt und dadurch sehr geschmeichelt, muß in den Beichtstuhl.
"Nou jo, ech moch dan Pfarrä. Ihr dud beichtn", gibt sich der Seffl überredet.
Die Drei, sichtlich erleichtert darüber, daß der Seffl, ihr Seffl, diese schwere Sünde für alle übernimmt, schieben den Hongn Seffl nun aus ehrlicher Dankbarkeit, gemeinsam in den Beichtstuhl. Jeder drückt seinen Seffl von einer Seite durch den Vorhang.
Sie beschließen, ihre Sünden mit verstellter Stimme in das Beichtfenster zu flüstern.
Hongn Seffl muß noch seine Jacke ausziehen und den Kopf darunter stecken, damit er ja nicht sehen kann, wer da gerade von seinen Sünden erlöst werden will. "Außerdem sei dos feierlichä", meint der Korl, welcher sich wieder voll gefangen hat.
So wird es sein!
Der Beichtvater macht es sich bequem im Beichtstuhle, rutscht auf seinen Hosenboden so lange hin und her, bis er richtig sitzen kann und klopft dann von innen an das vergitterte Fensterchen als Zeichen,daß man doch jetzt beginnen könne.
Die Drei blicken sich fest in die Augen. Schnell und leise wechseln sie ihre Plätze in der Reihe. Ein letztes Mal wird unter Kichern geübt, die Stimme zu verstellen.
Der erste Beichtkandidat schreitet nunmehr, so, wie es sich gehört, tief beeindruckt von der überwältigenden Räumlichkeit, zum Beichtstuhl.
"Grüß Gott Herr Pfarrer", lispelt er im reinsten Hochdeitsch.
Beichtvodä Jouseffl gibt sich auch große Mühe echt Hochdeutsch zu sprechen, so, wie er es vom Pfarrer noch in Erinnerung hat.
"Grüß Gott, mein Sohn", kommt es brummelnd aus dem Fenstergitter an das sauber gewqschene Ohrwaschl des Sünders.
"Sprich, mein Sohn, was und wie oft hast Du gesündigt", fordert er den Beichtwilligen auf.
"Sehr vielä Sindn hobsch bägongn. Muß ech die olle ufzähln", flüstert er fragend wieder im reinsten Dorfdialekt in das Holzgitterfensterchen.
"Alle einzeln, mein Sohn, alle einzeln. Sonst kann ich für Dich nichtum Vergebung bitten", antwortet das Holzgitterfensterchen ebenfalls flüsternd, dabei den Beichtwilligen ins Ohrwaschl pustend.
Der Sünder schluckt hörbar, holt tief Luft, sammelt Mut und Selbstvertrauen. "Ech hob hundert mol geliecht", beginnt er ganz mutig.
"Das ist schlimm mein Sohn, sehr schlimm. Aber, wenn Du Buße tust, dann wird Dir auch das Lügen vergeben werden", ermuntert ihm Beichtvodä Jouseffl.
"Hast Du weiter gesündigt?"
"Joo her Pfarrer. Mein n Voddä hobsch die Toubokspfeifä gmaust und salbsch geroocht".
"Das ist eine schlimme Sünde, mein Sohn. Hast Du noch weiter gesündigt?"
"Jo Herr Pfarrer. Bei dä Kaatn hobsch ais Famnstä geguckt. Huch! Wos dou olläs zahn hob! Wor doops schäimnä, Herr Pfarrer". Der Sünder atmat hastig und seine Augen beginnen zu strahlen.
"Das sind ganz schwere Sünden. So was tum artige Buben nicht", weißt ihm die Stimme hinter dem dunklen Gitter mahnend zurecht. "Was hast Du in den Stuben gesehn", will sie trotzdem wissen.
"Aber Herr Pfarrer,... ech konn näi dou drüwer räidn", weicht der Beichtling leise aus.
"Doch, mein Sohn. Deine Sünden werden Dir nur vergeben, wenn Du darüber sprichst", rät es neugierig aus dem Holzgitter.
"Ech konn näi", wehrt sich der Wissende erneut.
"Sei mutig und sprich", kommt es fordernd an sein Ohr.
"Tust mich a näi verotn, Herr Pfarrer", zweifelt der Beichter aufgeregt im Hochdeitsch
"Nein mein Sohn". Beichtvodä Jouseff wird ungeduldig.
"Deine Sünden und Worte sind hier gut aufgehoben. Komm also zur Sache"
Noch enger drängelt der Beichtwillige an das Holzgitterchen. "Ech sogs owä nur ganz leisä, Herr Pfarrer", und im reinsten Hochdeitsch: "Dos Fenster war ziemlich huch, ich mußte mich uff een Steen stelln, damit ich reingucken konnte. In der halbdunklen Stube wullt sich dä Stinä grod ausziehn". Der Beichtwillige holt hastig und tief Luft durch die Nase.
Erregt spricht er weiter in das Beichfenster: "Beim Zuguckn is mir da wirklich der Schweiß von der Stirne gelaufen su aufgerecht warsch. Wos do olläs so unter dä Wäschä und holb vasteckt zu sahn wor, kann ich wirklich nicht beschreiben, Herr Pfarrer. Mir istsch sou schwindlich gwordn, dosch vom Steen gfolln be. Haste dos a schun mol zahn?"
Und dann, als es nach einer Zeitlang immer noch ruhig ist im Beichtstuhl, fragt der Aufgeregte: "Mußsch noch weiter beichtn?"
Beichtvodä Jouseffl wird durch die Fragerei unsanft aus seinen Gedanken und Vorstellungen gerissen, was er wohl selbst dort gesehen hätte.
Er dreht dem Frager erbost sein Gesichte zu: "Dafür mußte zehn mal uff daan Knien durch dä Kirche rutschn". So sein hartes Urteil.
"Haste weiter gesündigt?"
"Obtschriebn hobsch a ai dä Schulä", kommt es jetzt wieder leise von der Sünderbank an das aufmerksam horchende Beichtvaterohr hinter dem Holzgitterchen im Beichtstuhl.
"Weiter hast Du nicht gesündigt? Du weißt, mein Sohn, schwindeln ist auch eine Sünde!" Forschend kommt diese Frage zu diesem Thema aus der dunklen Beichtstuhlgitterseite an das Sünderohr.
Hörbar holt der Geforderte tief Luft. Angestrengt denkt er nach. Dann überkommt ihm die Erkenntznis: "Doch, Herr Pfarrer. Mit dä Stinä bech ain Wald gegangn. Owä wossch dou gmacht hob mit dä Stine, sochsch Dir nou wirklich näi", beschließt der Erste energisch verneinend und mit schon lauterer Stimme seinen Vortrag.
"Mein Sohn, Deine Missetaten werden Dir vergeben sein, wenn Du künftig immer artig und früh in Dein Haijabette gehst". Beichtvodä Jouseffl beruhigt sich wieder, weil nur ein Name genannt wurde. "Sei braver als bisher und überlasse den Wald den Anderen. Du bist noch zu klein dafür".
Noch bevor der Beichtende über die Alterseinstufung protestieren kann, murmelt der diensthabende Beichtvodä im Stuhl etwas nur ihm Verständliches, hustet verstohlen hinter vorgehaltener Hand und klopft erneut auffordernd an das Holz der Innenverkleidung.
Damit ist der erste Sünder entlassen.
Der Zweite tritt heran, kniet vor dem dunkel verhangenem Fenster.
"Na mein Sohn, was hast Du mir zu sagen", kommt es aus dem Beichtstuhl.
"Gutn Tag wünsch ech und a en Grüßgott dazu, Herr Pfarrer", antwortet dieser sehr hastig und aufgeregt.
Papier raschelt, dann legt er los: "Zwantsch mol beim Nochborn Äbbl gmaust, beim anderen Nochbor ai dä Schainä immä die Hihnernästä obdraimt und dä Aiä ausglutscht. Reichtsch schun Herr Pfarrer", zischelt der zweite Kandidat im echten Dorfdialekt fragend.
"Halt, Halt, mein Sohn. Nicht so schnell! So viele Sünden auf einmal kann ich Dir nicht vergeben. Für die gemausten Äbbl haste gewiß schon Buse getan", erinnert sich Beichtvodä Seffl, weil er selbst dabei war und der arme Schmeed Seff hinterher über eine Stunde nicht vom Schaißhaisl runter konnte. "Was aber Deine weiteren Sünden im Hühnerstalle und wo anders angeht,nein mein Sohn, Deine Seele ist so schwarz wie Deine Schuh die Du trägst, erleichtere Dich".
"Herr Pfarrer, ech be barbsch...." rutscht es ihm über die Zunge, die er sich vor Schrecke darüber fast selbst abbeißen möchte. Zum Glücke denkt er noch rechtzeitig daran, daß sie doch "nur iebn tun". Schnell entschuldigt er sich, denn ihm ist noch was "eipfolln", das seiner Meinung als sehr sündhaft doch unbedingt noch erwähnenswert sei.
"Dä Herr Pfarrer haben recht, ech hob dähäimä ä gräiserä Kusinä, die uns besucht. Wenns schummrig wird, tu ech die immä obkitzln, kichärn tut sä immä, wenn ech doos on bnestimmten Stelln tu. Is dos näi a ä Sünd?"
"Bereue mein Sohn, bereue aus tiefster Seele und laß ab von dieser unkeuschen Kitzelei. Das ist eine ganz schwere Sünde, mein Sohn! Lerne dafür besser das Einmaleins, wenns schummrig wird, dann wird Dir auch Vergebung widerfahren".
Beichtvodä Jouseff gelingt es, den Beichtwilligen noch rechtzeitig zu unterbrechen, bevor dieser zu den Einzelheiten übergeht.
Ihm, den Beichtvodä, wird bei all den gedanklichen Vorstellungen seinerseit schon ganz heiß unter der Jacke.
Dann klopft es wieder.
Der letzte Sünder tritt jetzt zögernd und mit todernsten Gesichte an den Beichtstuhl.
"Beichte mein Sohn, beichte", kommt es schon ungeduldig aus dem dunklen Viereck, weil es ihm wohl schon mit der Zeit knapp wird.
"Herr Pfarrer, ech hob olläs vagaßn", haucht dieser in das nicht sichtbare und doch sehr aufmerksame Beichtvodäohr.
"Denke nach, Du Sünder, Du hast Deine Sünden nicht vergessen", donnert da unversehens der Ehrenamtliche aus dem Beichtstuhl, den erschrockem zurück weichenden Beichter an.
"...Herr Pfarrer, jetzt weeß ecs weda. Ei dä Schule tu ech immä die Katn an dä Zäppln ziehn". Der Beichtling zögert.
"Sprich weiter, mein Sohn, sprich", fordert der Beichtvodä Jouseffl.
"Ech hob bei Annas Familiä dan Niklaus gmocht und mit dä Rute ihrn Voddä gähaun. Dos wor schäine. Hait ge ech noch mit dä Annaa in Wold spaziern, wenns schummrig is. Dos wird noch schäinä", recht sich der arme Sünder.
"Woos", schreit es da aus tiefster Kehle iom dunklen Beichtstuhl auf, "mit mainä Anna? Dech sull owä glai dä Daiwl huln", dröhnt es schallend durch die Kirche.
Gerade in diesem Augenblicke betritt der Herr Pfarrer, noch ganz in Vesperstimmung, den heiligen Ort und bleibt lauschend stehen. Erschrocken und bestürzt schaut sich der Herr in Schwarz um in der Kirche, blickt besonderw angestrengt zwischen die beiden Bankreihen, so, als suche er wirklich flimmernde Fußabdrücke von dem eben beschworenen Hinkebein auf dem Steinfußboden.
Doch nichts dergleichen ist zu finden. Den herbei gerufenen Bösewicht aus der tiefen Hölle bekommt der Gute diesmal nicht zu Gesicht.
Beichtvodä Jouseffl stürzt jetzt wie vom unsichtbaren Huf des Hinkebeins getroffen aus dem Beichtstuhle, will dem Sünder wegen der Sache mit seiner Anna, an die Gurgel.
Dabei bleibt er wie zufällig mit der neuen Jacke an der Lehne hängen und reißt die hölzerne Stellage laut poltern nach vorne um. Jacke und Jouseffl bleiben dabei gottseidank heile.
Der Herr Pfarrer erschrickt gar sehr von den ganz ungewohnten Krawalle in seinem KIrchenreich. Sogleich schlägt er heftig zwei Kreuze, rührt sich dabei nicht von der Stelle.
Der Herr Pfarrer steht da, wie der Heilige aus Stein am Rentamt zu Binsdorf.
Beichtvodä Jouseffl will gerade zum Sprungen gegen seinen unvermuteten Rivalen ansetzen, da ruft aufgeregt und gaanz laut Binderschmeeds Korl: "Dä Pfarrer kummt, da Pfarrer kummt!" Korl bemerkt den Herrn Pfarrer und rennt, dabei laut, wie ein Eichelhäher im Wald warnend, mit "dä Pfarrer kummt, der Pfarrer kummt", wieselflink nach draußen.
Koulschitters Erwin und Schmeeds Seff flitzen mit ganz blassem Gesichtern gleich hinterher und überholen dabei noch den Warnrufer.
Auch Hongn Seff kann sich jetzt befreien. Er stürmt ins Freie. Geschafft, doch leider zu langsam.
Der Herr Pfarrer aus der Arnsdorfer Marienkirche überwindet in diesem Moment mit marmorweißem Gesichte seinen eben erlebten Schock. Im taghellen Kirchenportal erkennt er als letzten Flüchtigen den Binsdorfer Kretschmer Jouseff als einzigen der Missetäter und Teufelsbeschwörer.
Zu ihrer richtigen Beichte, mit Buße vor dem Altar und Vergebung, sind die Vier noch am gleichen Nachmittag, genau im drei Uhr, gekommen.
Von der Beichtübung hat keiner der Vier ein Wörtchen in den nun mit den echten Pfarrer besetztem Beichtstuhl über die Lippen gebracht, auch auf die Gefahr hin, gleich eine neue Sünde mit nach Hause zu nehmen.
So lautete ihr feierlicher Schwur. Das gegebene Freundeswort wollen alle Vier ihr Leben lang halten.
+
In den nächsten Religionsstunden an der Binsdorfer zweiräumigen Schule muß der Kretschemr Joseff höllisch aufpassen und paukt deshalb klamm heimlich, ohne daß es seine Freunde merken, ganze Absätze aus den kirchlichen Schriften auswendig.
Für alle Fälle, meint er.
Der Herr Pfarrer aber ist zufrieden mit seinen Schäflein namens Schmeeds Seff, Binderschmeeds Korl und Koulschitters Erwin aus Binsdorf.
Allein der Hongn Seff durfte damals, laut mündlicher Überlieferung, einhundert Vaterunser, vor dem Altar knieend und wörtlich einlösen. Es sollen wohl an die vier Stunden gewesen sein.
Seine Zensur im Lehrfach "Religion", war trotz Beichte, Buße und auswendig lernen, eine glatte "Sechs".
"Da konn mä halt nischt mochn" tröstet sich der Hongn Seff. Künftig wird er seine ganz persönliche Aufmerksamkeit mehr den weltlichen Belangen zuwenden, worauf sich jeder verlassen konnte.
+
Von der Binsdorfer Kapelle schallt der sechste Glockenschlag.
Hongn Seff hält die inzwischen erkaltete Tabakspfeife in der Hand, steht schmunzelnd auf, stopft sich eine neue und zündet sie an.
Aus dem Rauchfang der Binderschmiede drängeln nur noch ab und zu schwache Rauchschleier zum Himmel, als ob der gute Geist der oberen Dorfschmiede ganz gemütlich ebenfalls ein Abendpfeifchen schmaucht. Sein alter Jugendfreund, der Korl, macht auch Schluß mit dem Tagewerk, beginnt seinen Feierabend.
Unten im Hohlweg sieht er zwei Kinder. Seine Mädels. Sie kommen ihm, wie so oft, mit einem kleinen Leiterwochl und einer Ziege davor, entgegen.
Die eine von Beiden sitzt darin wohl mit Recht der Jüngeren. Ganz bequem hält sie sich an den Bordbretteln fest, während die Ältere forsch, die Zügel in der Hand haltend, den Kutschierer spielt.
"HÜh Liesl", ermuntert jetzt Elli, die Ältere, die vor den Wagen eingechirrte schwarzbraune Thüringer Ziege zum Weitergehen.
Die Liesl, so wird sie gerufen, meckert kurz auf, zieht an. Gemeinsam zuckeln Elli und Jetti mit ihrem Zugtier den von der Lohnarbeit heimkommenden Eisenbahner entgegen.
"Ein schöner Feierabend", meint Hongn Seff zu sich selbst und ist zufrieden mit der eigen, kleinen Welt
Wer könnte da wohl glücklicher sein im Zappenland, als der Hongn Seff mit seiner Anna und den beiden Töchtern?
Die Familie Kretschmer und viele anderen aus dem Dorf zogen aus unter Staatszwang nach einem großen Krieg, begannen in der Fremde mutig einen Neuanfang.
Hart arbeitend haben sie sich eine Existenz geschaffen, jenseits des Zappenlandes, wurden geachtete Bürger dieses Landes.
Sicher erzählen sie in den sommerlichen Grillabenden beim duftenden Thüringer Rostbrätl auf der Holzkohlenglut im eigenen Garten ihren Enkeln und Freunden aus der alten Heimat, die sie im Abstand von Jahren, wie als Gast in einer fremden Welt besuchen.

olebienkopp

PS: leider konnte ich nicht noch mehr kürzen, bitte um Entschuldigung.




Anzeige

Kommentare (3)

paulicke Erst einmal danke für deine Nachricht.
Toll, genial die Geschichte. ich hab es nehr mit dem Berliner Dialekt. Leider fällt mir das schreiben und lesen
schwer, habe eine amd, altersbedingte Makula Degeneration-
Kann nur mit Lupenmaus überwiegend arbeiten.
olebienkopp Ja, so ist es finchen.
Mit uns Alten stirbt auch die Sprache in seiner Form und Aussprache.
Das Dialekt macht mir auch schon Schwierigkeiten.
Danke für Deine netten Zeilen, der
olebienkopp
finchen ... ich liebe die in Mundart geschriebenen "Stellen". Und erinnere mich gleich an unser Dienstmädchen Maria, die aus Schlesien stammte. Ihre Mutter und die Schwester waren auch vor Ort. Und ich fand das herrlich, wenn sie in ihrem Dialekt miteinander sprachen. Und keiner verstand etwas - wie sie meinten- doch langsam bin ich da reingewachsen und konnte mit dem Verstehen gut mithalten. Das war immer recht lustig, sodaß ich diesem Treffen immer mit Begeisterung entgegen sah.
Eine schöne Geschichte, ich habe mich gefreut.
Mit lieben Grüßen
Dein Moni-Finchen

Anzeige