Das geflügelte Wort

Es kommt vor, wenn ich im Vorgarten mit Harke und Besen am Schaffen bin, dass meine Nachbarin mich bei jenem Pflichtprogramm erwischt. Nein, nicht um ihre Hilfe anzubieten, sondern um einen Small Talk zu führen. Habe ich ebendieses Vergnügen, höre ich News über Hinz und Kunz, Interessantes wie auch Uninteressantes. Vorübergehend wahre ich die Höflichkeit, letztlich verschafft sie mir eine Verschnaufpause. Zumindest klingt die Neuigkeit heute einladend.
«Meine Schwester hat ein Buch veröffentlicht, das Erste».
«Wovon handelt es»?
«Von einer Frau in den besten Jahren, lebensnah, authentisch und bildhaft geschrieben. Lässt sich gut lesen, ist das Richtige für unser Alter».
Zugleich huscht mir die Frage durch den Kopf, was ist überhaupt «das Richtige für unser Alter»?
Ich merke mir den kurzen Titel, verspreche mich zu informieren und fahre am darauf folgenden Mittag in die Stadt. Unteranderem führt mein Weg in die Buchhandlung. Ich verweile hier des Öfteren, erkunde intensiv die literarische Vielfalt, bevorzuge aus Kostengründen den Kauf von Taschenbüchern, ohne mich auf ein Genre festzulegen. So auch diesmal.
Die Sonnenbrille setze ich ab, krame ergebnislos in der unübersichtlichen Handtasche nach meiner Lesebrille. Letztendlich ertaste ich sie in der Seitentasche meiner Jacke.
Gleich vorne im Eingang des Buchladens stapeln sich auf dem Verkaufstisch die Neuerscheinungen. Aufmerksam lese ich die vielen Titel, finde jedoch nicht den Lesestoff, der genau das Richtige für unser Alter sein soll.
Ich wende mich Hilfe suchend an die Bibliothekarin. Sie ist augenscheinlich mein Jahrgang, trägt die modische Brille mit einem stylish Band am Hals, somit immer griffbereit. Das gefällt mir. Sie befasst sich mit meinem Anliegen, findet im PC den Titel wie auch den Namen der Autorin.
«Möchten Sie das Buch bestellen? Morgen Nachmittag ist es vorrätig».
«Warum ist es nicht ausgestellt, ist doch soeben erschienen»?
«Aus dem Überangebot der Neuerscheinungen können wir nur einen Teil ausstellen, der Literaturmarkt ist übersättigt. Wir haben allerdings die Möglichkeit jedes Buch zu bestellen».
«Es ist gewissermaßen eine Empfehlung. Soll das Richtige für mein Alter sein».
Beim letzten Satz verziehe ich die Mundwinkel zu einem schiefen Lächeln.
Routiniert, ohne meine Ironie zu beachten, liest die Händlerin auf dem Bildschirm den Klappentext. Anschließend gibt sie eine erste Einschätzung.
»Das Thema wird die jüngeren Leser weniger ansprechen. Es ist kein Buch über Fantasy oder Science-Fiction, desgleichen keine Folgeserie einer Krimireihe. Tendenziell ist es biografisch geschrieben, eher eine Literatur für die reifere Generation durchaus das Richtige für unser Alter».
Sie hebt den Kopf, schaut über den Brillenrand und lächelt mich an.
Ich sehe sie an, lächle zurück und bedanke mich für das geistige Band. Meine Brille verschwindet wieder in der Jackentasche.
Derweil ich meinen Weg fortsetze, beschäftigt mich weiterhin diese Plattitüde. Sie hat mich irritiert, lässt mich allein mit den vorherigen Betrachtungsweisen.
Ich tröste mich einstweilen, trotze der nichtssagenden Redensart, hoffe, dass ich in jedwedem Alter ein gesundes Gespür fürs Richtige habe.

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