Chaos am Walpertstag



Buche.jpg



Chaos am Walpertstag

Zwischen Altenschlirf und Schlechtenwegen,
wo Steingeröll noch von einer Wüstung zeugt
und seicht es abfällt zu Baches Stegen,
der holprige Hohlweg dann wieder ansteigt
und bald den Bergacker Lita* erreicht,
dort gibt’s eine Stelle seit alten Tagen,
wo manchem ein grauslich Gefühl beschleicht,
denn hier steht mit Stolz seit hunderten Jahren
eine gar mächtige Buche im Hain.

Alljährlich im Frühling zu Walpertstagen*
findet sich manche Gerätschaft dort ein,
kein Mensch möcht’ eine Erklärung wagen:
Mistgabeln mit verbogenen Zinken,
Dreschflegel, Forken, hölzerne Rechen,
zerfranste Besen und krumme Hippen,
Sensen aus rostzerfressenen Blechen...
Zum Teufel, wer hat das hierher gebracht“,
fragen die staunenden Bauern vom Weiler,
schon wieder liegt nach der Walpurgisnacht
im Hain solch ein Kram, was für ein Ärger!

Da spricht der Meister der „Kalten Mühle“,
die sich im Tal unter den Erlen versteckt:
In der Nacht gab es höllische Stürme,
bei mir hat es beinah das Dach abgedeckt,
es sausten Schatten mit lautem Pfeifen
und grässlichen Schreien reitend auf Stangen
über die Mühle mit wildem Keifen
in Richtung zum Hain, in dem sie verschwanden.“

Die Bauern sind darob sehr erschrocken,
sie hatten den nächtlichen Sturm nicht erlebt.
Das waren sicher Hexen vom Brocken“,
sagt Heiner, „die sind durch die Lüfte gefegt
auf Sensen, Hippen und alten Besen,
haben sich nächtens hier wieder verwandelt
in ihre weiblichen Menschenwesen –
die Fluggeräte sind dort noch versammelt.“
..............
So hatte Heiner recht deutlich erklärt,
was sich am Morgen nach der Walpurgisnacht
im Hain an der alten Buche darstellt:
Chaos am Walpertstag, von Hexen gemacht.

© Syrdal 2018

................................

Erklärungen:
*Lita = althochdeutsch: Abhang
*Walpertstag = 1. Mai, der Tag nach der Walpurgisnacht



 


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Kommentare (10)

2.Rosmarie

Lieber Syrdal,

solche alten Sagen - besonders von dir so spannend in Verse gefasst - lese ich gern!

Leider ist mein Gedächtnis nicht gut. Gerade vor ein paar Tagen sah ich eine Sendung über den Harz (Oje, oder war das eine über die Schwäbische Alb? Ich schaue ständig solche Dokumentationen...). Darin wurde eine Teufelskanzel gezeigt, auf der der Legende nach jedes Jahr zur Walpurgisnacht die Hexen tanzen. (Alle vorchristlichen, also heidnischen, Naturheiligtümer wurden später ja entweder dem Hl. Michael oder Hl. Georg geweiht oder eben verteufelt und mit entsprechendem Namen abgewertet.

Von dieser  begehbaren Teufelskanzel brach ausgerechnet vor wenigen Jahren in der Walpurgisnacht (!!!!!) ein Riesenbrocken ab und stürzte in die Tiefe. Menschen kamen zum Glück nicht zu Schaden. Nur wenige Tage vorher war noch ein örtlicher Fotograf oben gewesen, um spektakuläre Bilder zu machen.
In dem Geröllhaufen fanden sich am Tag nach Walpurigsnacht mehrere Hexen-Besen, was die Legendenbildung natürlich enorm anheizte.
Angeblich aber stammten diese Besen von einer Gruppe Landschaftsschützer, zu denen auch der Fotograf gehörte. Sie gaben an, mit den Besen diese Teufelskanzel regelmäßig gereinigt zu haben...

Und trotzdem... 😂

Du siehst, lieber Syrdal, der Stoff für solche Sagen wird auch noch in unserer Zeit nachgeliefert. 😁

Liebe Grüße
Rosmarie

Syrdal

@2.Rosmarie

Nun, liebe Rosmarie, es gibt in unserem Land viele als „Teufelskanzel“ bezeichnete Felsformationen. Allgemein bekannt ist freilich der auf dem sagenumwobenen Brocken im Harz befindliche charakteristisch geformte Felsen, von dem aus der Teufel „gepredigt“ haben soll.

Teufelskanzel auf dem Brocken.jpg

Dort oben auf dem Bergesgipfel tanzten früher in der Vorstellung der Menschen zu Walpurgis die Hexen mit dem Teufel um ein großes Feuer. - Ob es heute noch geschieht… wer weiß? Sicher gibt es Leute, die das glauben oder sogar wissen… aber zu diesen gehöre ich nicht, also grüße ich völlig unverhext in den ersten Mai-Sonntagabend

Syrdal

 

2.Rosmarie

"... 
Sicher gibt es Leute, die das glauben oder sogar wissen… aber zu diesen gehöre ich nicht, also grüße ich völlig unverhext in den ersten Mai-Sonntagabend"

Lieber Syrdal,

du bist köstlich! Ich grüße dich ebenfalls völlig unverhext zurück!
Rosmarie

HeCaro

Lieber Syrdal,
die Walpurgisnacht löst immer ein etwas mulmiges Gefühl aus. Die Vorstellung, dass sich Hexen mit anderen dunklen Mächten versammeln um Pläne zum Schaden der Menschen zu schmieden,  ist schon gruselig. 

Aber für dieses Jahr haben wir die Gefahr zum Glück  überstanden. Lach 

Danke für Dein tolles Gedicht.
Liebe Grüße,  Carola 


 

Syrdal

@HeCaro

Liebe Carola, ja, die Walpurgisnacht haben wir gottlob gut überstanden, aber die heutigen „Hexen“ – upps, es heißt ja im grün-verordneten, unsere schöne deutsche Sprache völlig verschandelnden Gendersprech nunmehr „Hexen*innen“ – sind eben auch nicht mehr das, was sie mal waren. Diese „dunklen Mächte“ kommen heute jederzeit in bestens getarnter, aber dennoch sichtbarer „diverser“ Gestalt daher, nicht selten fahren sie mit rotem oder grünem Schal, Pullover, Bluse oder Krawatte geschmückt im schwarzen AUDI vor… Und niemand ahnt zunächst, was sie im Schilde führen, doch dann kommt plötzlich mit Macht und für jedermann unumgänglich das ganze Unheil in Form von Freiheitsbeschränkungen, Preis- und Steuererhöhungen, Bevormundungen, Denunziationen und vielen anderen modernen „Folterwerkzeugen“ zutage. - So hat sich die Welt verändert…
...konstatiert nach gut überstandener Walpurgisnacht
mit Grüßen zum Sonntag
Syrdal

HeCaro

@Syrdal  
Wie Recht Du hast. Leider. 

Roxanna

Bin mit dir einer Meinung, lieber Syrdal, Hexen gibt es solche und solche. Früher, so denke ich jedenfalls, waren sie deutlicher zu erkennen, heute ist das schon schwieriger geworden 😁. Was sich Menschen früher zusammengereimt haben, wenn sie Naturphänomene versucht haben einzuordnen, das ist schon interessant. Immer muss ich in diesem Zusammenhang auch an die Hexenküche im Faust denken. Wo hat wohl dieser Hexenglaube seinen Ursprung genommen? In Märchen ist sie immer eine Böse. Für das Chaos am Walpertstag danke ich dir und grüße dich herzlich

Brigitte

DSC02566.JPG

Syrdal

@Roxanna

Liebe Brigitte, wie der frühere Hexenglaube, besser gesagt Hexenwahn, entstanden ist, weiß ich nicht. Sicher spielten da mehrere zeitbezogene Faktoren mit, angefangen von Angst vor Unerklärbarem und einfältigem Unwissen über Vermutungen, Neid, auch Bewunderung (Kräuter- und Heilwissen) bis hin zu Geisterglaube, Verleumdung, Ketzerei und sonstiger Beschuldigung, was letztlich im späten Mittelalter zu unsäglichem Leid und vielen Hexenverbrennungen bei lebendigem Leib geführt hat. Nur gut, dass das alles überwunden ist! Allerdings gibt es auch heute sehr wirksame, wenn auch diffizilere Methoden, sich unliebsamer Leute zu entledigen. Es reicht schon eine Denunziation an der „richtigen“ Stelle und ganz schnell ist jemand hinter Gittern verschwunden oder sogar durch einen „Unfall“ des Lebens entledigt worden. Es geschieht halt mehr im Unsichtbaren. - Hätten die Hexen zu früheren Zeiten wirklich die ihnen angedichteten Kräfte besessen, wäre wohl nicht eine im Feuer umgekommen. - Grauslich das alles.
Umso schöne klingen die Sagen und Märchen um die Hexen, die ja nun in der vergangenen Nacht wieder zum Tanz mit dem Teufel auf dem Boxberg im Harz herumgetollt sind. Aber ihre „Fluggeräte“ einfach an der alten Buche abzustellen, ist auch nicht die allerfeinste Art…

...meint mit hexischem Lächeln (siehe dein Foto von der Holzfigur) und freundlichen Maigrüßen
Syrdal 
 

Manfred36

Sie haben sich wenigstens nur mi Lärm aufgeführt, anders als in meinem Beitrag zum Malblog
vom 27.4.21
:

Syrdal

@Manfred36

Nun lieber Manfred, bei den Hexen gibt es solche und solche. Das haben wir doch im Leben ausführlichst kennen gelernt, oder…?
...ich schon, sogar erst kürzlich wieder und ich könnte Bücher darüber schreiben, lass es aber besser sein.

Mit rundum nachsichtigen Grüßen schmunzelt
Syrdal
 


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