Computer in der DDR

Nach einem Besuch in der Buchhaltung stand in Lothars SV-Ausweis nicht mehr Elektroinstallateur, sondern „Programmierer“, was ihn unheimlich stolz machte.
In der großen alten Villa, die der PGH als Verwaltungssitz diente, war kein Zimmer mehr frei. Deshalb wurde kurzerhand auf einem Treppenabsatz ein großer Holzverschlag errichtet, den Lothar sich allein ausrüsten musste. Er legte genügend Steckdosen an und sorgte für gute Beleuchtung. Dann tapezierte er die Wände und das Computerkabinett war gerade rechtzeitig fertig, als die beiden Computer angeliefert wurden.
Lothar traute seinen Augen kaum, als er die riesigen Holzkisten sah, die Karl Kamel auf dem Hof öffnete. Seine Hoffnung, dass sie überwiegend Verpackungsmaterial enthielten, war vergebens. Als die Holzwände entfernt waren, zeigten sich zwei mächtige Schreibtische aus Aluminiumguss, in die jeweils eine Tastatur und ein unglaublich großer Drucker sowie vier Diskettenlaufwerke integriert waren. Die eigentlichen Systemeinheiten waren kaum zu sehen. Das Gewicht der beiden Bürocomputer war mit je 180 kg angegeben.

Der Plan war, einen der beiden Computer in der Buchhaltung aufzustellen, um daran produktiv arbeiten zu können, wenn es so weit war. Das ging noch einigermaßen problemlos, denn die Buchhaltung lag im Hochparterre. Der Transport des anderen Monster-PC machte schon mehr Mühe, denn er musste in Lothars Holzverschlag im ersten Stock hochgehievt werden. Ihn die Treppe hochzutragen war sehr schwer, aber als sie ihn dann durch die Tür in Lothars Verschlag bringen wollten, stellten sie fest, dass die Tür zu klein war. Sie sahen keine andere Möglichkeit, als den Computer seitlich einzufädeln, was dann auch klappte, aber sehr mühsam war. Lothar spürte seinen Rücken wieder und bekam Angst, dass die Ischialgie wiederkommen würde. Endlich stand das Ungetüm da, war aber noch nicht funktionsfähig. Dazu musste erst ein Robocomp-Mitarbeiter erscheinen, um alle nötigen Installationen durchzuführen.
Als das bei der ersten Maschine erledigt war, wurde sie von dem Service-Techniker gestartet. Sie begann schrecklich zu rumoren, am Bildschirm erschienen grüne Zeichen auf schwarzem Grund, dann begann der Cursor zu blinken und erwartete eine Eingabe. Der Techniker hatte eine Diskette eingelegt, mit deren Hilfe der Computer gestartet worden war. Zum Schluss testete er noch den Drucker, welcher zwar funktionierte, aber einen schrecklichen Krach machte. Es handelte sich um einen außerordentlich großen Ty­penraddrucker, bei dem die einzelnen Zeichen auf einer Art Fächer saßen und bei Bedarf von einem kleinen Hammer auf das Papier gedroschen wurden. Es hörte sich an, als würde jemand im Stakkato mit einer Fliegen­klatsche nach Insekten schlagen. Die gesamte Prozedur wurde ebenfalls am zweiten Bürocomputer durchgeführt, dann verabschiedete sich der Techniker.

Als Lothar den Rechner in seinem Zimmer erneut starten wollte, verkündete der mit der lakonischen Meldung „No OS“, dass kein Betriebssystem vorhanden sei. Der Techniker hatte die Diskette mit dem Betriebssystem mitgenommen. 
Während Lothar noch traurig auf den Bildschirm schaute, ging plötzlich die Tür auf und der PGH-Vorsitzende betrat das Zimmerchen. Erwartungsvoll schaute er auf den Bildschirm und forderte Lothar auf: „Nun zeigen Sie mal, was die Kiste kann!“ Lothar erwiderte: „Was soll ich Ihnen denn zeigen? Ich fange doch gerade erst an.“ Der Chef wusste, was er wollte. „Ich will jetzt mal alles wissen!“ Lothar schaute verstört, als er mit einer Gegenfrage antwortete: „Was meinen Sie denn mit alles?“ Der Chef relativierte. „Na gut, alles über mich.“ Lothar musste ihn leider enttäuschen, indem er ihm mitteilte, dass dies ein jungfräulicher Computer sei, dem man sein Wissen erst nach und nach beibringen musste.
Der Chef zog verärgert ab. Die Firma hatte 40 000 Mark für jeden der beiden Computer bezahlt und dann wussten die gar nichts. Entweder war er betrogen worden oder sein neuer Computerfachmann hatte keine Ahnung. Die zweite Möglichkeit hielt er für die wahrscheinlichere. Neulich im Fernsehen hatte er gesehen, wie ein kleiner Junge, der kaum lesen und schreiben konnte, sich an einen Computer gesetzt hatte und sofort alle gewünschten Informationen von CIA, FBI und NASA auf den Bildschirm gezaubert hatte. Das war allerdings im Westfernsehen. Vielleicht waren die Computer im Westen besser.

Aus dem Buch "Er war stets bemüht" von Wilfried Hildebrandt


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Kommentare (2)

Prakash

Hallo Wilfried!

Eine interessante Erfahrung hast du sehr interessant dargestellt. Meinen ersten Computer, einen Tabletop, sah ich in Emden in 1987, auch ein Riesending!

In der DDR erlebte ich meinen ersten Computer im Oktober 1991 bei der Uebername von dem Konglomerat Germania. Das waren allerdings modernere Geraete und es gab dort sogar eine Computerabteilung mit 10-12 Mann! 

Du hast den Jahrgang von deiner sehr interessanten Erfahrung doch nicht erwaehnt!

Gruss

Prakash

Wilfried

@Prakash  ich kam 1987 zum ersten Mal dienstlich mit Computern in Berührung.


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