Computer – ja bitte!


Fünfzehn Jahre lang hatte ich mich erfolgreich gegen die Anschaffung eines Heimcomputers gewehrt, um dann  mir endlich doch einen anzuschaffen. Gezielterweise zum Zeitpunkt meiner vorzeitigen Pensionierung. „Du brauchst ca. 60 Zeitstunden, um dich einzufriemeln!“ war mir immer mutmachend gesagt worden. Nun, solange ich berufstätig war, hatte ich diese Zeit nicht übrig. Aber jetzt!
 
Monatelang zog sich die Entscheidungsfindung, welches Modell es denn sein durfte, hin. Monatelang auch das Klugmachen im Vorwege: Was gibt es? Worauf muss ich achten? Qualität, Ausstattung, Preise, Gesundheitsrisiken.... Wo stelle ich den ganzen Klumpatsch überhaupt hin? Welche Maße haben Monitor, Drucker, „Kiste“ (andere Leute nennen es „Rechner“) Wenn ich was mache, dann aber auch ordentlich. Das dauert eben länger. Sollte ich nicht vorher lieber einen VHS-Kurs besuchen? „Du bist des Lesens mächtig – da reicht auch ein Handbuch!“, setzte mein Sohn große Hoffnungen in mich.
 
Es war lang genug herumgedruckst und gebrütet worden – der Kauf fand dann, wenn man es in Anbetracht der langen Anlaufsphase so nennen kann, Hals über Kopf statt. Die Verkäufer in den Fachgeschäften waren lang genug genervt worden mit meinen laienhaften Fragen; die wischten sich den Schweiß von der Stirne, als der Handel endlich perfekt war. Ich mir aber auch! Mit etlichen unhandlichen Kartons und Packen voller Handbücher beladen chauffierte ich mein kleines Gefährt heim, wo Nachbarn mir beim Entladen halfen. Endlich standen die noch sicher verhüllten Geräte in meinem Arbeitszimmer. Es ging ans Auspacken und – schlimmer noch: ans Anschließen. Doch kaum zu fassen: Es ging ganz easy. Auf dem Fußboden vor diversen Handbüchern kniend machte ich mich ans Werk und das auch erfolgreich: Kartons aufreißen, Geräte rauswuchten, dort hinstellen, wo es die Grobplanung vorsah, und dann Stecker für Stecker an Ort und Stelle. Na bitte, doch ganz einfach!
 
Zwischen dem Aufstellen und der ersten Inbetriebnahme benötigte ich ein paar Tage Pause zum erneuten Kräfte sammeln.
 
Tja, und dann saß ich erwartungsvoll und voller Hoffnung vor dem Monitor, um mich mit den vielen, so gut verständlichen Aufforderungen, die sich unter „Folgen Sie bitte den Anweisungen des Herstellers“ verbargen, konfrontiert zu sehen. Ich war ja guten Willens, allem Möglichen zu folgen, aber es ist schwierig, brav zu sein, wenn man die Aufforderungen nicht versteht. Mein guter Wille allein reichte jedenfalls nicht. Zu Hilfe kam mir mein auf einmal wieder aufflammender Ehrgeiz. „Das wolln wir doch mal sehen...! Ich kriege das jetzt irgendwie hin!“ Das Prinzip „Trial and Error“ ist nicht dasjenige, welches am schnellsten zum Ziel führt, aber es führt irgendwann dorthin. Besonders hilfreich ist zudem eine geradezu verbissene Geduld mit sich selbst und der Technik.
 
Ich probierte hier und dort und da, ich fluchte, wollte die ganze kostspielige Anschaffung am liebsten durchs Fenster nach draußen donnern, juchzte dann wieder voller Siegeslaune über kleine Erfolge, bekam durch das viele Versuchen und Irren langsam Übung und auch schmerzende Augen (eine neue Brille musste her!), und war schon bald der ehemals so vehement abgelehnten Computerei verfallen. Nach nicht einmal einem halben Jahr konnte ich mir das Dasein ohne meinen PC nicht mehr vorstellen. Als ein Kuraufenthalt anstand, erwog ich tatsächlich die Anschaffung eines Laptops. Die Preise hielten mich davon ab.
Als nächstes gesellte sich – denn das war nicht ganz so teuer - ein Scanner zu meiner kleinen Grundausrüstung. Damit konnte ich nun Bilder für meine Fotokarten bearbeiten.
 
Die Krönung all meiner Fertigkeiten am PC war das Buch, das ich für meine Mutter zum 80. Geburtstag schrieb – mit eingefügten und aufbereiteten Fotos aus ihrem Leben. Nach 3monatigem Stöhn und Ach und Weh und Juchee mit eingeschobenen Nachtschichten war das Werk vollendet. Freunde und Bekannte und auch mein Sohn fingen die immer wieder auftretenden Probleme bei der Handhabung von PC und Scanner mal mehr, mal weniger geduldig, aber stets hilfsbereit auf, und gaben sich wirklich Mühe, mich und meine „Panik“ zu ertragen, wenn wie durch ein Wunder eine eben fertig geschriebene Seite auf Nimmer-Wiedersehen gelöscht worden war oder das ganze System infolge von Überforderung zusammenbrach und mir nur noch ein „Kaltstart“ eine gemäßigte Weiterarbeit ermöglichte. Die Tücken der Technik brachten mich manchesmal der Verzweiflung nahe, eröffneten mir aber auch immer wieder neue Dimensionen in der Handhabung dieses phantastischen Gerätes.
 
Knapp vier Jahre später trat die nächste bahnbrechende Errungenschaft in mein Leben und auf meinen Schreibtisch. Die vielfach gestellte Frage „Kann ich dir das mal eben rübermailen?“ sowie hilfreich geäußertes „Dazu findest du gute Informationen unter www. ...“ ließen mich mit dem Internet liebäugeln. Die Vorüberlegungen waren zwar nicht ganz so langwierig wie beim ersten Einstieg in die PC-Welt, benötigten aber doch einiges an Aufmerksamkeit. Den Ausschlag zum definitiven „Ja“ gab letztlich die Bemerkung der Steuerberaterin „Sie haben ja jährliche Portokosten wie ein mittelständischer Betrieb!“ Fürwahr, mein rege geführter Briefwechsel fraß Löcher ins Portemonnaie. Da könnte ich viel sparen, wenn ich statt Briefumschlag plus Porto all meine Briefe per e-Mail versende...
Die Erweiterung des PCs auf „Online-Fähigkeit“ war allerdings auch nicht von Pappe, denn mein alter PC – gerade so schön eingespielt – würde der Flut an Neuem nicht standhalten können. Ein neuer musste her. Ein neuer Telefonsanschluss musste her und verlegt werden. Und dann... Ja, dann ging man eben „online“ oder so...nicht? Hahaha...
 
© ajs/tergea
16.6.01
 


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