Da bleibt einem die Spucke weg!


Da bleibt einem die Spucke weg!

Eine nicht so ernste kulturhistorische Betrachtung

Kürzlich fand ich folgende Nachricht: 2006 wurde in einem Berliner Gerichtsverfahren geurteilt, dass das Spucken aus einem Fahrzeug an die Scheibe eines neben ihm haltenden Fahrzeuges den Tatbestand einer Straftat in Form einer Beleidigung und Sachbeschädigung erfüllt. Diese Nachricht führte in der modernen Zeit der Kommunikation zu Nichtigkeiten des Alltags zu einer fast ausufernden Diskussion.

Im Jahre 2008 wiederum stellte Professor Gerhard Meyer von der Universität Greiswald fest: Wem die Spucke wegbleibt, der bekommt nicht nur einen trockenen Mund. Ein ausbalanciertes System der Immunabwehr im Mundraum gerät aus dem Gleichgewicht, was Karies, Parodontose und schlimmstenfalls sogar Erkrankungen im ganzen Körper zur Folge haben kann.
„Speichel hält die Mikrobiologie im Mund im Gleichgewicht und hat eine wichtige Wächterfunktion”, betonte der Professor. Aber erst Stück für Stück kommt die Forschung hinter die vielfältigen Eigenschaften des Zaubersaftes Speichel, der nicht nur Zähne remineralisiert, sondern auch Wunden heilt, Krankheiten aufzeigt und Mörder überführt.

„Dabei wussten offenbar schon die Steinzeitmenschen, dass es gut ist, den Speichelfluss anzuregen”, berichtete der Zahnmediziner. So zeigen Skelettfunde, dass Menschen schon vor rund 23.000 Jahren kleine Kieselsteine lutschten - als eine Art prähistorisches Bonbon oder auch um die Verdauung anzuregen. Und wo viel Speichel ist, muss man wohl Ausspucken.
In der Braunschweiger Zeitung kam es zum Leserforum „Ausspucken vor Menschen“. Generell dürfte die Feststellung stimmen, ein Ausspucken vor Menschen ist in fast allen Kulturen eine Geste der Missachtung und Herabwürdigung. Und dennoch beobachtete man es jüngst bei den vielen Fernsehübertragungen zum Fußball. Was wiederum in dem Leserforum einen Leser animierte zu schreiben:

Man muss sich die Frage stellen, wer dieser ekelhaften Sitte auf dem Platz endlich Einhalt gebietet? Was macht der Deutsche Fußballbund? Die Funktionäre latschen über den vollgerotzten Platz mit ihren Lackschuhen und übergeben die Pokale an die „Fußball-Lamas“– einfach widerlich! Weder Trainer noch Schiedsrichter greifen in dieser Frage durch– wie auch, wenn DFB und die UEFA hier blind sind.
Vielleicht wird es ja demnächst entschieden.

Schon 1911 gab es eine gerichtsnotorisch verhandelte Sache in Radeberg. Vor fünf Jahren schrieb ich dazu: 9. Dezember 1911 – Heute vor 100 Jahren kam es vor dem Gewerbegericht Radeberg zu einer Verhandlung in der Frage „Ist Ausspucken ein Entlassungsgrund?“. In der Fabrik Koch & Kissig war der Tischler Mertens wegen eines gravierenden Arbeitsfehlers zur Rede gestellt worden. Während des Wortwechsels spuckte Mertens vor dem Geschäftsführer aus und hatte sich dabei an den Kopf gegriffen. Diese Handlung wurde als Beleidigung aufgefasst und der Tischler erhielt seine sofortige Kündigung. Zunächst versuchte Mertens seine Handlung vor Gericht zu bagatellisieren, doch Zeugen bestätigten den Vorgang. Das Gericht entschied, dass das Ausspucken als Ehrverletzung anzusehen ist. Bevor es zu einem Urteil kam, bot Mertens 20 Mark als Entschädigung an, obwohl es hierzu keine rechtliche Verpflichtung gab. Man nahm an und Mertens wurde wieder eingestellt.
Da bleibt einem wohl wirklich die sprichwörtliche Spucke weg.

haweger


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