Später gelegentlich, so stelle ich mir das heute vor, werden die lieben Nachkommen von meinen Sorgen und Ängsten durch diese Zeilen erfahren. Es wird ihnen mitfühlend bewußt werden, was ich erleiden mußte, um auch persönlich dieses erste Mal zu erleben.
Tage, ja Wochen vorher jagte alles für und wider des Nachts durch meinen Kopf, drängte und zwängte sich in meine Traumleben.
Ein Alptraum folgte dem anderen.
Soll es eine Ungewißheit ohne Ende werden?
Nein.
Mein Entschluß steht fest!
Heute ist es soweit und ich werde es tun. Endlich tun.
Ich werde meine erste SMS schreiben und auch versenden!
An wem?
Vielleicht an meinen Nachbar?
Nein, Das klappt nicht. Mir fehlt die Rufnummer.
An wem dann?
Jetzt hab ich's, ich schreib an meine Erstverlobte. Sie hat auch ein Händy, ein ganz gutes und darauf ist sie stolz.
Doch, was schreib ich?
Einfach fragen, wie es ihr geht?
Oder, daß es meine erste SMS sei?
Nein!
Das wäre eine Blamage meiner Persönlichkeit und auch zu ehrlich, denn ich bin mir wirklich im Zweifel, ob das auch bei ihr richtig ankommt.
Ehrlich fragen, was es zu Mittag zu futtern gibt?
Oder, ob sie ganz einfach mal Zeit hat für mich?
Ja, das klingt schon besser. Und dazu noch einen Schuß Romantk?
Einfach himmlisch, die Idee. Ich bin fast stolz auf mich selbst.
Also schreibe ich, baue die entscheidende Anfrage zusammen: " Hast Du Zeit für mich? Hast Du Lust auf einen kleinen Bummel durch die Botanik" und meine eigentlich den abendlichen Spaziergang durch die Osdorfer Rieselfelder, so, wie vor 55 Jahren.
Ob sie sich noch daran erinnern kann?
Als ich, so, stockend, nein schon mehr zaghaft suchend mit einem Finger die Buchstabentasten drücke, pocht im gleichen Rhythmus meine alte treue Kognacpumpe hart an die schon 72 Lenze erlebten Rippen. Poch, poch, poch.
Pochpochpoch dröhnt es dazu in meinen Ohren.
Dann ist mein erstes SMS raus.
Ich bekomme Gewissensbisse. Mein Mut sinkt in sich zusammen.
Was wird nun geschehen?
Und wenn sie nicht antwortet, was dann?
Schmollen und sauer sein, tun, als ob nichts wäre?
Ich weiß es nicht.
Ich warte. Minuten werden zur Ewigkeit.
Dann, plötzlich kommt eine Antwort per Funkschrift. Ich halte vor Aufregung den Atem an.
Tatsächlich, sie schreibt mir: "Habe im Augenblick Wichtigeres zu tun und deshalb keine Zeit" ist zu lesen.
Wann sie denn Zeit habe für einen traurigeinsamen Buben wie mich, schreibe ich eilig und sehr mutig zurück.
Wieder Stille.
Banges Warten, ewig lang.
Ich zähle wieder die Pulsschläge. 195 mal pro Minute an die Rippen links.
Immer noch kein Buchstabe auf meinem Handy zu sehen.
Ist mein Handy kaputt?
Die Batterie leer?
Sie schweigt. Funkstille.
Tief enttäuscht stecke ich das Zauberding weg, rein in den Tragebeutel.
Was habe ich falsch gemacht?
Ein flaues Gefühl befällt mich und treibt kalte Schweißperlen auf die Stirn. Ich fühle mich zu tiefst bedauernswert, mitleiderregend traurig und verlassen.
Doch halt,war da nicht ein Klingelzeichen im Tragebeutel?
Scharf wird gehorcht.
Da - wieder bimmelt es.
Hastig wird ausgeräumt, zwei leere Plastiktüten zerknüllt ineinander, ein verschrumpelter Boscopapfel bemüht sich unauffällig zu bleiben, daneben das lange vergeblich gesuchte Brillenetui ohne Inhalt, ein halb demolierter Zollstock, noch ein Stoffbeutel, dieser aber nur mit einem Handgriff.
Verflixt, wo steckt das Wunderding bloß?
Jetzt endlich krieg' ich es zu fassen, ganz unten am Beutelboden, halb versteckt in einer alten Schnäppchenwerbung.
Na also!
Jede Materie hat bei mir in der Tasche seinen Platz.
Das Zauberding fest umklammern und einschalten.
Ich lese mit stockendem Atem, was da unsichtbar durch die Luft Buchstabe für Buchstabe auf mein Handy eilt: " Von wegen Romantik und Rieselfelder", buchstabiere ich ganz doll hoffnungsvoll aufgeregt.
Ich lese fast zaghaft weiter, " komm Du mal Heeme, dann gibt's was mit dem Latschen, Du alter Kater!"
Ist SIE nicht wunderbar, meine Erstverlobte, aus der leider schon vergangenem Romantik unserer Jahre?


Anzeige

Kommentare (1)

floravonbistram
floravonbistram
Mitglied

das Lesen Freude.
Die Situation hast du sehr lebendig eingefangen und lässt uns miterleben.
Herzliche Grüße
Flo

Anzeige