Das Apfelbäumchen


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Das Apfelbäumchen

Fast achtzig ist er, der alte Mann
mit seinem gebeugten Rücken,
er sich mit Müh' nur bewegen kann
und manche Sorgen ihn drücken,
doch hat er sich heute aufgemacht,
schwer schleppt er sich in den Garten,
dort will er – so hat er sich's gedacht –
ein Loch graben mit dem Spaten.
Er müht sich lange, hebt Erde aus,
greift Steine mit bloßen Händen,
um anschließend nahe seinem Haus
ein Apfelbäumchen zu setzen.
„Ach guter Mann, was mühst du dich ab
und pflanzest einen Apfelbaum,
deine Zeit ist gewiss doch zu knapp,
siehst doch die Früchte nur noch im Traum.“
So sprach ein junger Unternehmer,
der den Alten sich schinden sah,
„Kauf dir Äpfel, das ist bequemer,
dort drüben der Markstand ist ganz nah!“
„Das weiß ich wohl, aber lieber Mann,
im Sinn hab’ ich andere Träume –
schau dich nur mal um und sieh dir an,
hier tragen die alten Bäume,
die Großvater einst eingepflanzt hat,
die schönsten und reinsten Früchte,
mein Vater später dieses auch tat –
so setzt sich fort die Geschichte.
Noch eines, mein Sohn, sage ich dir:
ich möchte, dass meine Enkel,
wenn sie dann hier sind, etwas von mir –
das ist meine Lebensformel –
so wie auch ich geschenkt bekommen.“
„Für Enkel hab’ ich keine Zeit“,
erwidert der Mann unbesonnen,
„wer denkt denn heute noch so weit –
jetzt will ich das Leben genießen
mit Reisen und Partys und Sekt,
das würden mir Enkel verdrießen –
nein, mein Leben ist ohne perfekt!“
Der Alte hört sich die Worte an,
kalt läuft’s ihm über den Rücken,
niemals wohl wird dieser junge Mann
andere Menschen beglücken.
Leis' gräbt er weiter in der Erde,
setzt bald das zarte Bäumchen ein,
dem Unternehmer könnt’s ’ne Lehre
für seinen Lebenswandel sein.
Und siehe, schon kommt der Mann zurück,
bedankt sich leis' bei dem Alten,
der ihm darstellte, wie wahres Glück
ein jeder sich kann gestalten.
.....................

Still betrachtet der Alte sein Werk,
er freut sich übers Gelingen,
konnte das Apfelbäumchen doch heut’
schon erste Goldfrucht erbringen.


© Syrdal 2016




Der Apfel ist in vielen Kulturen ein Symbol der Liebe, Sexualität, Fruchtbarkeit und des Lebens, aber auch der Erkenntnis und Entscheidung sowie des Reichtums. Er taucht in zahllosen Märchen auf und spielt in Mythologien und Ritualen eine große Rolle, denn er trägt das Leben in sich, aber auch den Tod: Schneewittchen wird mit einem Apfel in ein Koma versetzt (aus dem sie schließlich wach geküsst wird). Und wenn man auf die Ähnlichkeit von Eltern und Kindern hinweisen möchte, heißt es oft „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“. Die Vertreibung aus dem Paradies ist mit dem Apfel verbunden und vieles mehr…

 
 


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Kommentare (20)

2.Rosmarie

Lieber Syrdal,

dein weises Gedicht rührt meine Seele an! 
Es ist wunderbar!

Mit bewegten Grüßen und Dank
Rosmarie

Syrdal

@2.Rosmarie

Danke für deine Worte, liebe Rosmarie, und
liebe Grüße von

Syrdal  

nnamttor44

Eine wunderschöne Geschichte hast Du, lieber Syrdal, dem Apfel gewidmet! Dein Gedicht gefällt mir sehr gut.

Leider war es mir nicht möglich, selber in der Erde unseres Gartens zu graben, dafür hat auf meinen Wunsch hin mein Mann mehrere Apfelbäume gepflanzt, aber auch einen Sauerkirschbaum, der uns Jahr für Jahr eine reiche Ernte bescherte (neben der der Apfelbäume!). Eine frühe Apfelsorte war mir lieber als jede Kopfschmerztablette: einen Apfel dieser Sorte zu essen nahm mir jeden Kopfschmerz! Ich vermisse ihn schmerzlich, weil ich heute dort nicht mehr wohne ... Doch diese Sorte wächst seit vier Jahren im Garten meiner Tochter und ich darf dort ernten, so viel ich essen mag!

Herzlichen Dank für Dein Gedicht sagt

Uschi

Syrdal

@nnamttor44  

Dann, liebe Uschi, kennst und nutzt du den wahren Wert der Äpfel und kannst – so wie im Gedicht geschildert – vom umsichtigen Wirken deiner Familie profitieren. Die selbst geernteten Äpfel sind ja sowieso die besten…

...meint – mit winterliche n Grüßen
Syrdal

JuergenS

und er fällt verschieden aus, herunter, und nicht weit vom Stamm.😏

Manfred36

@JuergenS

(Gravitationsgesetz im 17. Jh.)

Das alles hat Newton daraus gelernt, dass ihm ein Apfel vom Baum herunter vor die Füße fiel. Was würde uns heute ein Harald Lesch ohne diese Erkenntnis lehren? 

JuergenS

@Manfred36  

wow, das wusste ich nicht.
also gegen die Erde hat der Apfel keine Chance, aber die Füße müssen halt in der Nähe des Aufpralls sein. 
Lesch könnte es nicht besser erklären, er würde aber seine Hände zur Illustration einsetzen.😃

Syrdal

@JuergenS

...deshalb heißt es ja auch: „Wie der Vater, so der Sohn!“

ladybird

Lieber Syrdal,
in England gibt es ja die Redensart:

"One apple a day, keeps the doctor away"

 jedoch sind diese Äpfel nicht genießbar.....Bad Neuenahr 011.jpgfand ich in meinem "Fundus" und finde es passend....mit Gruß und Dank für Dein wunderbares Gedicht
herzlichst
Renate

Syrdal

@ladybird

Liebe Renate, der Spruch der Engländer beruht auf erwiesener Wahrheit. Und gerade habe ich bei Tulpenblüte genau auf die Heilwirkung der Äpfel verwiesen… Das gilt auch Dir .

Liebe Grüße an den Rhein mit noch guten Wünschen für das gerade begonnene Jahr von
Syrdal  

Tulpenbluete13

Lieber Syrdal,

da hast Du dem Apfel ein würdiges "Denkmal" gesetzt. Danke dafür...
Wie schön daß der alte Mann an seine Enkel gedacht hat die mal dann die Früchte ernten können...und das obwohl er sich abgemüht hat beim Pflanzen...

Aus eigener Lebens"-erfahrung" im wahrsten Sinne des Wortes habe ich erlebt daß der eine oder andere Baum in meinem Garten über den "Pflanzer" (Oma, Opa, Vater usw.) identifiziert wurde und wird.  Gibt des etwas Schöners u. "Nachhaltigeres"? Das Schlagwort ist ja gerade sehr in Mode..lach.😉

Gut daß sich der jüngerer Mann es sich noch anders überlegt hat....
meint Angelika

(die gerade- zwischendurch- zufällig eine Apfel verzehrt hat...lach..
Es gibt kein vielfältigeres Obst als den Apfel: Ich denke da an Apfelkuchen, Apfelkompott,
Bratapfel, Apfelwein...usw. usft...

Syrdal

@Tulpenbluete13

Liebe Angelika, „Nachhaltigkeit“… das passt genau zu dem Beispiel mit dem Apfelbäumchen. Denn hätten unsere Altvorderen nicht nachhaltig gewirkt und die Natur sachkundig und vorausschauend gepflegt, könnten wir heute nicht die vielen guten „Früchte ernten“. So war es seit jeher und wenn wir es nicht weiterhin auch so machen, gehen unsere Nachkommen leer aus…

Nun aber weiterhin guten Appetit, ganz besonders im Wissen, dass Äpfel nicht nur gut schmecken, sondern auch überaus gesund sind. Sie haben etliche hervorragende Inhaltsstoffe (Vitamin C, B und A, Pektin, Salizylsäure, Dextrose, Apfelsäure u.a.) und auch diverse Heilwirkungen z.B. bei Arteriosklerose, Rheuma, Gicht, Obstipation u.v.m.

Also jeden Tag einen Apfel genießen, das unterstützt die Gesundheit.

Liebe Grüße
Syrdal

Dnanidref


Lieber Syrdal,
 
Dein schönes Gedicht zum Tage des Apfels, habe ich gerne und dankend gelesen,
zeigt es uns doch, dass man auch in unserem Alter den Nachfolgegenerationen, ohne Aufdringlichkeit, vieles noch mitgeben kann.
 
Mit herzlichen Grüßen aus dem Fuldaer Land
Ferdinand
 

Syrdal

@Dnanidref

Aber ja, lieber Ferdinand, wir können so manche Erfahrung weitergeben, wichtig ist nur – so meine ich – es wie du sagst – „unaufdringlich“ zu tun, dann wird es sicher auch gerne angenommen. Das Beispiel im Gedicht zeigt es an dem jungen Unternehmer, denn die erklärenden Worte des alten Mannes haben ihn nachdenklich gemacht…

Danke für deine guten Worte und freundschaftliche Grüße von
Syrdal

Rosi65

Lieber Syrdal,

das ist eine wunderschöne Geschichte, die sich der Apfelbaum mehr als verdient hat, denn er ist ein Wunder der Natur. Seine Frucht, der Apfel, gehört zu den gesündesten einheimischen Früchten, denn er ist eine ganz köstliche Vitaminbombe.

Der wohl älteste Apfelbaum Deutschlands steht in Stubbendorf (Landkreis Rostock).
Sein Alter wird auf 400-500 Jahre geschätzt. Obwohl der Baum 2007 von einem Sturm in vier Teile zerbrochen wurde, und ihn zerstörte, hat sich die Natur mit neuem Wurzelwerk und frischer Blütenbildung behauptet. 
Wer ihn wohl gepflanzt haben mag?

https://www.nnn.de/lokales/rostock/wir-koennen-richtig/aeltester-apfelbaum-trotzt-zerfall-id16827746.html

Herzliche Grüße
   Rosi65
 

Syrdal

@Rosi65

Liebe Rosi, über den Apfel, der mit der Menschheit seit Urzeit in vielfacher Weise verbunden ist, könnte man sehr viel schreiben. Im Gedicht hier – extra zum "Tag des Apfels“ eingestellt – steht der Apfelbaum ja eigentlich nur als anschauliches Beispiel im Zusammenhang mit der Weisheit des Alters und deren unaufdringlicher Weitergabe an die nachfolgende Generation.

Besonders aber danke ich für den sehr schönen Hinweis auf den „Stubbendorfer Wildapfelbaum“. Erstaunlich, dass es einen so alten Baum gibt, der sich selbst nach dem Auseinanderbrechen mit frischem Leben behauptet. Ein wahres Wunder der Natur!

Danke und liebe Grüße
Syrdal

Manfred36

Drei Dinge muss ein Mannin seinem Leben tun:

- in der Vorzeit: Jagen, Sammeln, Vermehren
- im Mittelalter: Eine Burg bauen, einen Drachen fangen, eine Jungfrau in Ketten legen 
- in der angehenden Neuzeit: Ein Haus bauen, einen Sohn zeugen und einen Baum pflanzen
- heute: Eine Domain gründen,  seine Latschen ins Netz stellen, ein Buch herausgeben

Bitte um Nachsicht für die Verballhornung.

Rosi65

@Manfred36

  😊😂😆

Christine62laechel


Man kann wohl doch hoffen, lieber Syrdal, dass es nun immer mehr solche junge Leute geben wird, die wie der Unternehmer aus deiner schönen Geschichte handeln können werden. Ein Lebenswandel ist nun notwendig, und die ältere Generation müsste schon zugeben, dass sie - allgemein gesagt - nicht immer nur richtige Lösungen für den Fortschritt fand. Errare humanum est, und war es nicht die Folge der Habgier, oder des Leichtsinns, dann besteht wohl die Hoffnung auf die Absolution. :)

Dein Gedicht gefällt mir sehr, denn sein Inhalt knüpft an etwas an, das mir so bekannt und selbstverständlich vorkommt - und es ist zugleich so angenehm klug. Nicht schlau, nicht smart, wie man es gerne heutzutage nennt. Hoffnungsvoll klug.

Mit besten Grüßen
Christine

Syrdal

@Christine62laechel

Liebe Christine, wie wohltuend ist es doch zu sehen, dass die Weisheit des Alters sich noch immer auch auf die Nachfolgegeneration „verpflanzen“ kann. Und der alte Mann, der mit 80 Jahren sein Apfelbäumchen pflanzte, hat ja den jungen Mann nicht mit erhobenem Zeigefinger belehrt, nein, er hat nur sein Tun erklär - und das „Korn fiel auf fruchtbaren Boden“…

Danke für Deine Zufügung und liebe Grüße zur Mitternacht von
Syrdal 


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