Das Ich - ein rätselhafter Begriff


An der Uni, als ich vor langer Zeit studiert habe, hat man uns beigebracht, ein Kunstwerk ganz ohne Bezugnahme auf dessen Autor zu analysieren. Werkimmanente Interpretation hiess das und entstand ganz im Geiste des sogenannten Poststrukturalismus, in dem der Satz von Roland Barthes "Der Autor ist tot" zur wegweisenden Maxime erhoben wurde. 

Für uns Studierende, die wir mit einem Bein noch in der Pubertät drin waren und für die doch die Essenz von Literatur die Gefühlswelt des Autors war, war der Barthes'sche Satz eine Zumutung. Wieso sonst sollte man Literatur lesen, wenn nicht um Menschen besser zu verstehen? Der werkimmanente Ansatz wollte und wollte uns nicht einleuchten. Doch die Dozenten waren knallhart: "Ein Satz über das Leben des Autors", sagte einer, "und ich reisse euch das ganze A4-Blatt aus der Hausarbeit heraus". 

Nun ja. Wir wollten bestehen und also blieb uns nichts anderes übrig, als uns an die Regeln zu halten. 

Rückblickend denke ich, dass wir uns deshalb so gegen die werkimmanente Methode sträubten, weil sie höchst anspruchsvoll ist. Es ist ein Leichtes zu sagen: Na ja, der Autor war halt verliebt, depressiv, verrückt usw. Doch ist man damit den einzelnen Worten auf den Grund gegangen? Hat man die Wortwahl des Autors ernstgenommen? Sehr bald erfuhren wir, dass die Bezugnahme auf den Autor nicht viel mehr als eine bequeme Ausflucht war, um sich nicht wirklich auf die Sprache eines Textes oder die Beschaffenheit eines Gemäldes einzulassen. 

Einer, der das wirklich gut konnte - der sich im Hörsaal bei jeder Erwähnung des Autors geradezu entschuldigte -, war Karl Pestalozzi. Ich erlebte ihn leider nur kurz, da er kurz darauf in Rente ging. Aber was er sagte, erschien mir so selbstverständlich, so offenkundig - es stand ja alles da, in den Gedichten, die er auslegte. Welchen Sinn hatte es, das zu wiederholen, was sowieso schon dastand? 

Erst, als ich selber versuchte, es ihm gleichzutun, merkte ich, was da alles dazugehört. Die werkimmanente Interpretation ist auf den ersten Blick etwa so, wie wenn man einen Menschen auf seine Gliedmassen reduziert. Worum es aber geht und was Pestalozzi eben zur Sprache brachte, ist das zu artikulieren, was in den Gliedmassen vor sich geht. Da sind Blutgefässe, Sehnen, Knochen und so fort. Au weia. Was hatte ich mir da eingebrockt. 

Hätte ich das gewusst - ich hätte einen anderen Beruf gewählt. Aber es war damals schnell um mich geschehen. Ehe ich's mir versah, war ich Feuer und Flamme, las wie eine Wilde Bücher zu Werkgeschichte, Reimschemen, Gattungstheorie, Rhetorik, Stilistik, Poetik ... Ich hatte mich nicht für die Germanistik entschieden, so schien es, sondern die Germanistik hatte mich gewählt oder - so empfinde ich es - erwählt. Ich empfinde es wirklich als grosses Privileg, die Möglichkeit gehabt zu haben, dieses Fach zu studieren. Noch heute kann ich kaum fassen, dass es in meinem Leben dazu gekommen ist und möchte mich am liebsten mehrmals am Tag zwicken. 

Heutzutage hat sich Vieles verändert und man darf wieder vom Autor reden. Ich tue es zwar auch, wenn ich einen Text untersuche, aber die frühe Prägung sitzt tief und ich spüre eine gewisse Hemmung dabei. Einen kleinen Versuch gestatte ich mir heute in diesem Blog. 

Worum es zunächst geht: Um Michelangelos "David":


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Was für eine Skulptur! Die kunsthistorischen Details können inzwischen in jeder Bibliothek nachgelesen werden. Da ich keine Kunsthistorikerin bin, steht es mir auch gar nicht zu, mich dazu zu äussern. 

Was ich spannend finde, ist ein Satz, den angeblich der Urheber, Michelangelo, geäussert haben soll. Und zwar habe er den Entstehungsprozess des Kunstwerks so beschrieben, dass er, der Künstler, einfach alles, was "nicht David" sei, vom Marmorblock zu entfernen habe, bis eben die Gestalt des David übrig bleibe. 

Ein faszinierender Gedanke! Michelangelo sagt im Grunde, dass sein David in jenem unförmigen, ursprünglichen Marmorblock schon angelegt gewesen ist. Das bedeutet, er, der Künstler, hat nicht irgend einen Stein zu meisseln begonnen, sondern hat zuallererst die Gestalt des David darin gesehen, die er nach und nach herausgearbeitet hat. Und dieses Herausarbeiten beschreibt er als Befreiung der Figur von dem, was sie nicht ist. So in etwa als würde man einen Diamanten polieren oder einen moosigen Stein herausputzen. Michelangelo stilisiert sich hier nicht als Schöpfer, sondern als Entdecker der Gestalt.

Natürlich passt dieses Denken in die Zeit. Es ist zwischen 1501 und 1504. Soeben wurde der neue Kontinent entdeckt. Überhaupt ist es die Zeit der italienischen Renaissance; der Mensch entdeckt sich selbst, kehrt vom theozentrischen Weltbild ab und stellt sich selbst in die Mitte des Erkenntnisinteresses. Diese Wende geht nicht für alle Zeitgenossen glimpflich über die Bühne. Nachdem die spanischen Juden 1492 von der Iberischen Halbinsel vertrieben oder aber zum Katholizismus zwangsbekehrt wurden, suchten viele Juden Unterschlupf in ganz Europa. Manche kamen nach Frankreich, andere nach Italien, wieder andere in die Niederlande und viele nahmen unterschiedliche Identitäten an, aus Angst vor der Inquisition. Etwas später wurden auch Versuche unternommen, die verschiedenen Religionen und Konfessionen unter einen Hut zu bringen, etwa aus der Feder des Uriel da Costa. Das Ende war tragisch: da Costa nahm sich das Leben, weil er nirgendwo heimisch wurde, weder geografisch noch spirituell. Die Frage "Wer bin ich?" mit einhergehender Ausradierung all dessen, was bislang identitätsstiftend war, ist nicht ohne. Sie kann, wie man sieht, tödlich enden. Und daher fürchten sich Viele davor. Sie bevorzugen dann die Suche nach dem richtigen Leben im falschen und spüren gleichzeitig, dass das nicht aufgeht. 

Wer bin ich? Wer oder was ist der Mensch? Das ist die Frage, die die Menschen damals umtreibt. Gott ist in weiter Ferne und somit ist ein erster Ansatz der zu sagen, dass der Mensch erstmal nicht Gott ist. Das ist gute augustinische Tradition. Für Augustin ist Gott "da oben" und der Mensch klein und unbedeutend. Da gibt es keine Berührungspunkte. Ausserdem lehrt die neuplatonische Tradition, die Augustinus gut kannte, dass auch von Gott nur gesagt werden könne, was er nicht ist. Negative Theologie nennt sich das. 

Auch die werkimmanente Methode hat, so gesehen, etwas Negativ-Theologisches: Ein Kunstwerk ist nicht identisch mit dem Autor, nicht das, was der Autor erlebt, nicht beabsichtigt, nicht geträumt, nicht gehofft hat. Nichts von alledem. Es ist das, was von der Auslegung übrig bleibt, wenn man alles, was zum Autor gehört, gewissermassen rot markiert und für ungültig erklärt.

Vermutlich ist es genau das, was mich so für die Literaturwissenschaft eingenommen hat. Das hat etwas Existenzielles. Was für die Interpretation des Kunstwerks gilt, gilt auch für die Interpretation des eigenen Daseins. Ich bin also das, was übrig bleibt, wenn ich alles, was zu mir gehört, erstmal ausschalte. Ich bin nicht meine Geschichte, nicht meine Erfahrungen, auch nicht die Interpretation meiner Erfahrungen und erst recht nicht das, was andere mir angetan haben. Ich bin auch nicht, was ich weiss und mir in Büchern angelesen oder auswendig gelernt habe. All das bin ich nicht.

Was bleibt übrig? Etwas, was von Beginn weg da war. Etwas, das all das erlebt, in sich aufgenommen und damit gerungen hat. Etwas, das vor aller Erfahrung war und nach aller irdischer Erfahrung somit auch noch sein wird. Eine Art Zuhörer. Oder Beobachter. So wie Michelangelo wohl den Stein betrachtet und letztlich David darin entdeckt hat. Jemand ist in uns, der uns betrachtet und uns nach und nach von allem befreit, was nicht zu uns gehört. Das ist unser innerer Entdecker, unser Befreier, unser innerer Michelangelo. Das ist letztlich unser wahres Ich, vor dem wir alle uns wohl weniger fürchten sollen. An Michelangelos David sehen wir, wie wundervoll unsere Gestalt sein kann, wenn wir uns auf die Entdeckung einlassen.  


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