Das Kind Folge Nr 1


Das Kind Geschichte Nr. 1


"Seppl"

Das Kind hatte geträumt. Es waren ganz schreckliche und furchterregende Träume gewesen, aber jetzt öffnete es die Augen und sah, dass es in einem Bett lag, das es vorher noch nie gesehen hatte und auch das Zimmer war ihm völlig fremd. Plötzlich öffnete sich die Tür und eine Frau rief aufgeregt, sie ist wach, kommen sie schnell, ihre Tochter ist endlich aufgewacht.

Das Kind erholte sich nun sehr schnell und erfuhr, dass es nun mit der Mutter in einem kleinen Ort bei Eisenach in Thüringen lebte und lange sehr krank gewesen sei. Die ständigen Bombenangriffe hätten es nötig gemacht, die Heimatstadt an der Nordsee zu verlassen.

Das schöne große Haus in dem sie aufgenommen worden waren, gehörte einem Müller. Die Mühle befand sich hinter dem riesigen Garten und wurde von dem Kind grenzenlos bestaunt.

Die Mahlzeiten wurden in der Küche eingenommen, und gleich bei der allerersten lernte das Kind Seppl kennen. Seppl war ein großer Langhaardackel, kastanienbraun und mit langem Behang. Er schloss mit dem Kind sofort Freundschaft, ja, er betrachtete es gerade zu als seinen Besitz.

An den Mahlzeiten nahmen der Müller und die Müllerin - die Söhne waren natürlich eingezogen - , die Mutter des Kindes, das Kind in einem hohen Stuhl thronend und Alfons teil. Alfons war Franzose und eigentlich Kriegsgefangener, was aber in dem Müllerhaushalt keine Rolle spielte. Außerdem sorgte er dafür, dass die Mühle immer in Betrieb war, denn Mehl war in dieser Zeit sehr wichtig.

Die Hauptperson - für das Kind jedenfalls - war natürlich Seppl. Er lag stets unter dem hochbeinigen Kochherd und verfolgte jede Bewegung am Tisch mit wachsamen Augen. Wehe, wenn einer es wagte, seine Hand nach dem Kind auszustrecken; dann sauste er mit irrem Tempo unter dem Ofen hervor, fletschte die Zähne und sprang den Verursacher knurrend an.

Mit der Zeit machten sich natürlich alle einen Spaß daraus, und so gab es während der Mahlzeiten immer viel Gelächter.

Es war ein aufregendes Leben. Das Kind durfte sogar einen Kindergarten besuchen, obwohl es dafür eigentlich noch viel zu klein war. Am ersten Tag brache die Mutter es hin und holte es am Nachmittag auch wieder ab, natürlich in Begleitung von Seppl. Aber bereits am nächsten Tag übernahm Seppl diese Aufgabe ganz allein.

Seppl begleitete das Kind auf Schritt und Tritt. Oft ging es zur Mühle um sich mit Alfons zu unterhalten und obwohl dieser kein Wort Deutsch sprach, war die Verständigung bestens. Die beiden saßen dann immer auf einem Sack Mehl, und das Lachen nahm kein Ende. Seppl wartete immer geduldig vor dem Eingang, denn die Mühle durfte er nicht betreten.

Das Kind hörte oft, dass der arme Alfons schreckliches Heimweh hatte, aber davon merkte es nie etwas.

Das Kind durfte alle Räume des Hauses betreten und auch den Garten durchstreifen, so viel es wollte. Als die Beeren reif waren, konnte es so viel davon essen, wie in den kleinen Bauch passten und nur eine einzige Wiese an einem Ende des Gartens war verboten, was auch Seppl sehr genau wusste.

Das Gras auf dieser Wiese war sehr hoch und verströmte einen ganz wunderbaren Geruch. Ein hübsches kleines Holzhaus begrenzte die Wiese. Jeden Tag betrachtete das Kind das Häuschen aus der Ferne, und weil es so allerliebst aussah , glaubte das Kind, es würde ganz bestimmt von Elfen und Feen bewohnt. Die Erwachsenen behaupteten zwar, dort würden die Bienen wohnen, die für den köstlichen Honig sorgten, aber das Kind glaubte davon kein einziges Wort. Warum sollten wohl Bienen - es hörte sie zwar in der Wiese summen - so ein herrliches Häuschen bewohnen, sie hatten doch noch nicht einmal Augen, um es zu bewundern.

An einem sonnigen Tag entschloss sich das Kind, der Sache auf den Grund zu gehen. Es m u s s t e einfach den Elfen und Feen guten Tag sagen. Seppl aber warnte es und blieb vor der Wiese sitzen. Na schön, sagte das Kind, bleib du nur ruhig hier, ich bin auch gleich zurück, und schon war es in der Wiese verschwunden. Das Gras schlug über seinem Kopf zusammen, so hoch war es. Die Bienen summten, aber das klang in den Ohren des Kindes wie Musik.

Eine Weile blieb Seppl ja sitzen, ohne das Kind zu sehen, aber dann hielt ihn nichts mehr, denn er hörte, wie das Kind plötzlich ganz erschrocken aufschrie. Natürlich wusste Seppl ganz genau, was da passiert war, denn auch ihn hatte in der Vergangenheit schon eine Biene gestochen, weil er die verbotene Wiese betreten hatte. Trotzdem rannte er nun zu dem Kind, um ihm beizustehen, aber schon wurde auch er gestochen.

Inzwischen waren die Erwachsenen aufmerksam geworden und die beiden kleinen Tunichtgute wurden aus der Wiese geborgen. Das Kind verteidigte Seppl und sagte, er hätte das Verbot eingehalten und ihm doch nur beistehen wollen. Nun hatten beide Schmerzen, aber das Kind ließ sich nichts anmerken, denn es schämte sich sehr, weil Seppl durch seine Schuld von einer Biene gestochen wurde. Dieser jedoch trug dem Kind nichts nach. Bestimmt wusste er, wie sehr er von dem Kind geliebt wurde.

Obwohl das Kind weiterhin fest davon überzeugt war, dass in dem Puppenhaus Elfen und Feen wohnten, ging es doch nie mehr dort hin, ja , es machte noch nicht einmal den Versuch, denn Seppl wich ja nie von seiner Seite.

Gegen Ende des Krieges flüchtete die Mutter Hals über Kopf mit dem Kind zurück in die Stadt an der Nordsee. Dem Kind wurde versprochen, dass man ganz bald zurück kommen würde, sonst hätte man es nicht von Seppl trennen können, aber es sah ihn nie mehr wieder.

Vergessen jedoch hat das Kind den Seppl nie, denn er sorgte für die glücklichste Zeit seiner Kindheit.

Von dem ersten selbst verdienten Geld kaufte das Kind einen Langhaardackel und taufte ihn auf den Namen Seppl.





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Kommentare (10)

pippa Sepp 2 war auch nicht mit meinen Eltern abgesprochen. Ich wohnte noch zu Hause und habe ihn meinen Eltern einfach vor die Nase gesetzt und zwar am frühen Morgen. Es sprang sofort zu meinem Vater ins Bett.......
Ja, von da an gehörte er Quasi meinen Eltern.
Gruß Pippa
Medea hieß ebenfalls Seppel. Ich habe ihn von einer Mitschülerin mit ca.
acht Wochen bekommen und in der Schultasche mit nach Hause gebracht.
Mit meinen Eltern war das nicht abgesprochen, aber dieser kleine
charmante Kerl eroberte sogleich die Herzen der übrigen Familie.
Ich war Fahrschülerin und mein Seppel begleitete mich bis zur Haltestelle
und wartete, bis ich in den Bus gestiegen war.

Als ich eben deine ergreifende "Seppel-Geschichte" las, liebe Pippa, fiel mir
sofort mein schöner, graugestreifter stattlicher Kater ein, Du hast ihn wieder
in mein Gedächtnis gebracht durch die Erinnerung an deinen
Seppel-Dackel.
pippa Liebe Linta,
Deinen Lorbass kannte ich ja, und schon bei ihm stürmten die Bilder nur so auf mich ein, aber jetzt Deinen Seppl zu sehen, hat mich glatt zum Weinen gebracht.

Danke und Grüße von
Heidi
Linta Liebe Pippa,
dreimal Lorbass und einmal mein alter Seppl aus Kindertagen.
Liebe Grüße
Linta









pippa Kinder, die vom ersten Tag ihrer Geburt an, Gewalt und Zerstörung mit erlebt haben, sind gezeichnet und fragen sich ein Leben lang, warum sie wohl überlebt haben. Erst wenn sie sich davon distanzieren, können sie ihr eigenes Leben führen.
Ich danke Dir, liebe Beate und schicke Dir
liebe Grüße
Deine Heidi
pippa erst jetzt bemerke ich, dass mich Fabelwesen wohl immer noch beschäftigen, siehe das Einhorn, was es ja auch nicht gibt, oder doch?
LIEBE GRÜßE
von Heidi
dottoressa durch Deine Geschichte habe ich erst erfahren, dass Du auch ein "Kriegskind" bist.
Es ist beeindruckend, woran Du Dich beim Schreiben erinnert hast! Man sagt, dass man die Jahre der frühen Kindheit nicht vergisst, man muss nur den Schlüssel zu den Erinnerungen finden.
Schön, wie Du uns daran teilhaben lässt, an dem Erlebnis mit der blühenden Wiese, dem Bienenstock,und dem Seppl!
Mir kommt da die Erinnerung an eine kleine Katze in Kärnten, die in den Ferien meine Freundin war. Aber das ist eine andere Geschichte.

Danke für Deine Geschichte vom Kind, dessen weitere Erlebnisse ich gerne lesen werde.

Liebe Grüße
Deine Beate
tilli Ja, Heidi es gibt jeden Tag etwas zu lesen in ST.Das ist doch besser wie ein Buch.Heute war ich in der verbotenen Wiese.Es ist doch so schön zu wissen ob es Elfen gibt oder nicht. Jeder macht etwas verbotenes im Leben,
Ja,aber haben wir auch so ein Seppi?.
Danke für die Geschichte Tilli
pippa Liebe Anita,
das ist sehr schön. Die meisten Erinnerungen sind mir tatsächlich beim Schreiben gekommen. Am Anfang dachte ich nämlich, es wäre zum größten Teil Phantasie, weil ich zu dieser Zeit ja erst ungefähr 2 Jahre alt war, glaube ich jedenfalls. Fragen kann ich ja niemanden.
Ganz liebe Grüße in die Ferne von Heidi
koala Das war schoen fuer mich, Deine Geschichte zu lesen, hier im fernen Australien.
Ich sah das Kind, Seppl, die Blumenwiese und das Bienenhaus.
Nein, stimmt nicht. Ich sah alles. Auch den Kuechentisch und die Muehle.
Anita aus Queensland

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