Der alte Brief
 
Die Schrift ein wenig ungelenk
bräunlich verblasst die Tinte...
Ein Brief – heute mir ein Geschenk ­–
in dem ich selbst mich finde,
da er an mich gerichtet war
vor über fünfzig Jahren
mit vielen Fragen, deutlich, klar –
kann sie erst jetzt erfahren,
denn niemals wurd’ er abgesandt,
war im Trumeau verborgen,
bis ich ihn heut’ zufällig fand...
Nun les’ ich von den Sorgen,
die mir die Mutter damals schrieb
und dann doch blieb im Schweigen,
am Schluss nur steht: Ich hab Dich lieb,
denn Du bist doch mein Eigen...
.......................................
Inzwischen nun ein alter Mann,
doch feucht sind mir die Augen –
dass Mutter mich jetzt sehen kann,
als Sohn will ich es glauben...

 
© Syrdal 2015

 


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Kommentare (11)

immergruen

Längst verblasste Erinnerungen sind manchmal Anlass für ihre Auferstehung.
Ich liebe solche Dinge, leider sind mir die meisten bei den vielen Umzügen verloren gegangen. Aber die eine oder andere, lange gewesene Begebenheit war Anlass für ein Buch.
Danke, lieber syrdal,
das immergruen

Tulpenbluete13

Lieber Syrdal,

ein alter Brief der vor langer Zeit an uns geschrieben wurde ist ein kostbares Gut....
Der der Mutter spielt noch eine besondere Rolle- stammt er doch aus einer Zeit in der sie nur Sorgen hatte..(und die meistens vor den Kindern "versteckte")..
Man sollte ihn immer wieder mal hervorholen und wissen wie gut es uns heute geht..
Deine Gefühle kann ich sehr gut nachempfinden..

Ich grüße Dich zum Wochenende herzlich
Angelika

Syrdal


Ja, liebe Angelika, das waren damals umfängliche Sorgen, die uns späterhin gottlob weitgehend erspart geblieben sind. Umso dankbarer darf ich sein, zu damalig schwieriger Zeit in einem wohlbehüteten Haus gelebt zu haben. Der Brief – mir ein unsagbar wichtiges Kleinod – berichtet in ergreifender Weise davon... Ich werde ihn einmal mit hoher Ehre an meine Kinder und Enkel weiterreichen.
 
Sonnige Herbstgrüße schickt dir
Syrdal

HeCaro

Lieber Syrdal,
wann immer man die Liebe seiner Mutter fühlen  
darf ist es tief berührend. Ich verstehe sehr gut, 
dass Du beim Lesen des Briefes feuchte Augen bekommen hast. 
Man spürt den Verlust in solchen Augenblicken besonders stark. 

Liebe Grüße, Carola 

Syrdal


...mehr noch, liebe Carola, es bestätigt sich beim Lesen eines solchen Briefes die absolute Untrennbarkeit einer geistiger Verbindungen für alle Ewigkeiten.
 
Liebe Grüße zum Wochenende
Syrdal
 

Roxanna

Wie schön, lieber Syrdal so einen Schatz zu finden, der dich noch einmal sehr mit deiner Mutter verbunden hat. So alt wie wir sind und noch werden, bleiben wir doch immer das Kind der Mutter und des Vaters. Das noch einmal spüren zu können ist schön und berührend.

Herzliche Grüße
Brigitte

Syrdal


Oh ja, liebe Brigitte, solch ein Brief ist ein ganz besonderer, unbezahlbarer Schatz, vor allem dann, wenn die wenigen Jahre zwischen Geburt und Nestflucht (es sind ja in unseren Zeiten oft nur etwa 18 – 20) in bist heute nachwirkender Harmonie im Gedächtnis sind.
Trotz der vielen Probleme der Nachkriegszeit hatte ich mit meinen Geschwistern im Elternhaus eine sehr, sehr schöne und vor allem charakterprägende Zeit. Umso mehr bewegen nun die nach Jahrzehnten aufgefundenen Zeilen...


Herzliche Grüße zu dir von
Syrdal   

werderanerin

Wie schön muss es sein, lieber Syrdal, solch einen Schatz in seinen Händen zu halten...und noch dazu die bewegenden Zeilen zu lesen. Auch wenn es solange her ist, wird es ungemein bewegen und Dinge in dir auslösen...halt sie fest für immer.

Kristine

Syrdal


Ja, liebe Kristine, nach so vielen Jahren einen solchen sehr persönlich gehaltenen Brief zu lesen, ist wie eine in diesem Moment postum erlebbare Begegnung mit dem wohl wichtigsten Menschen, den man auf Erden haben kann, denn ohne die Mutter würde man ja hier im Physischen nicht existieren. Und dass es zutiefst bewegend ist, diese mit klarer Anrede versehenen (sorgenden) Zeilen zu lesen, ist kaum zu beschreiben... – Ein wahrer Schatz liegt da in meinen Händen.
 
Liebe Grüße zu dir von  
Syrdal

Pan

Ich denke, dazu muss man nichts mehr sagen, still werden und all das auf sich wirken lassen!
Ähnliches wird wohl jeder Mensch in seinem Leben erlebt haben, denke ich. Nichtsdestoweniger ist es eine Zeichen von Menschlichkeit, sich daran zu erinnern,
sagt mit guten Gedanken
Horst~

Syrdal


Lieber Horst, aus deinen Worten „spricht“ das nur zu gute Verstehen einer solch herzerfassenden stillen Erfahrung – für mich eine zutiefst liebevolle Umarmung nach über fünf Jahrzehnten....
 
Ob das heute noch oft vorkommt? Die früher über Generationen stabilen Familienbande und die damit zumeist verbundene Sesshaftigkeit der Sippe hat sich inzwischen weitgehend aufgelöst. Man lebt nicht mehr am gleichen Ort zusammen und so auch nicht mehr im und mit dem Mobiliar der Eltern, gar Großeltern. Mit all dem ist auch ein Großteil Familienbindung verloren gegangen, zumindest sehr gelockert worden. – Wie froh bin ich, wenigstens ein Exemplar der geliebten (alten) Möbel aus dem Eltenhaus „gerettet“ zu haben. Es ist mir ein Stück ungemein wichtige „innere Heimat“, deren die Seele bewegende Schwingung für mich unvergänglich ist.
 
Auch zu dir gute Gedanken... 
Syrdal  
 


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