Der Eimer


Es gibt viele Bücher, an die man lebenslang denkt, und deren Fragmente ein Leben einfach prägen können. Weil so interessant, weil sie an ein eigenes Erlebnis erinnern, ein Problem zu lösen helfen, weil so traurig, weil so lustig…

Zu solchen wichtigen Büchern gehört ohne Zweifel „Les Misérables” von Victor Hugo. Abgesehen vom historischen Hintergrund, der nicht für alle gerade interessant oder überzeugend sein kann, ist der Inhalt des Buches echt berührend, und die Sprache charakteristisch und sehr schön.

Eine Stelle im Buch, die man nicht vergessen kann, ist der Moment, wo die kleine Cosette von der strengen Gastwirtin gezwungen wurde, trotz des späten Abends zur Waldquelle zu laufen, um Wasser für die Pferde in einem großen Eimer zu holen. Natürlich hatte das Kind Angst, in der Dunkelheit in den Wald zu gehen – doch die Furcht vor der erbosten Frau war noch größer.

Cosette lief also so schnell, wie es mit dem großen Eimer nur möglich war. Die Gegend kam ihr so grausam vor, wie ein Wald in der Nacht auch wirklich wirken kann. Da kam sie endlich an die Quelle, und beugte sich, um Wasser zu schöpfen, in Erwartung, wie schwer der Eimer gleich wird…

Doch da war der Jean Valjean gerade unterwegs, der in dem Kind das Mädchen vermutet hat, das er abholen wollte; das hatte er ihrer jungen Mutter versprochen, bevor sie verstarb. Paar Jahre früher hatte sie ihre kleine Tochter vertrauensvoll bei den Gastwirten gelassen, denn sonst könnte sie nicht arbeiten. Und sie hatte ja keinen Ehemann: Ihr Gelobte hat sie ohne ein Wort verlassen, was er auch für einen guten Witz hielt.

Im Buch steht geschrieben, dass die Cosette gar nicht erschrocken war, obwohl die große, dunkle Silhouette so plötzlich neben ihr erschien. Sie ahnte, dass der Mann ihr nichts Böses antun würde. Er nahm einfach den Eimer aus ihren Händen, und sagte: Mein Kind, das ist ja viel zu schwer für dich...

Kein Schriftsteller lässt sein Buch nur wörtlich verstehen. Diese Szene kann im Gedächtnis auch als ein wichtiger Hinweis bleiben: Selbst wenn alles schief geht, wenn keine Hoffnung in Sicht – wer weiß, vielleicht ist man nun eben mit einem schweren Eimer zu einer Quelle unterwegs.
 


Anzeige

Kommentare (4)

HeCaro

Das tragische Schicksal des Jean Valjean wurde schon mehrfach verfilmt. Zuletzt mit Gerard Depardieu. Aber das Buch berührt besonders,  weil  es ein Abbild der Zeit ist und viele sozialkritische Szenen enthält.

"Wenn du denkst es geht nicht mehr,
kommt von irgendwo ein Lichtlein her."

Dieser Spruch passt gut auf die Szene mit der kleinen Cosette  und
hat schon manchen in der Not getröstet. Er bedeutet niemals die Hoffnung
zu verlieren. Rettung kann auch noch in letzter Sekunde kommen.

Liebe Grüße, Carola







 

Christine62laechel

@HeCaro  

Ich habe mir auch mehrere Filmversionen angeschaut, und: In einigen wurde dieses Motiv ganz ausgelassen, Jean Valjean kommt einfach in das Gasthaus. Im Musical, und in der von dir erwähnten Version mit Gerard Depardieu treffen sie sich doch zum ersten mal an der Quelle, doch in den beiden Versionen war die Kleine erschrocken. Ich glaube, da hatte jedoch Victor Hugo Recht: Cosette bekam keine Angst. :) Macht nichts, das alles nur fiktiv...

Mit herzlichen Grüßen
Christine

Syrdal


Wer hat nicht schon einmal selbst erlebt, dass ehrliche Hilfe im Moment höchster Not plötzlich von einer völlig unvermuteten Seite kommt, so dass es nicht ohne begründete Überzeugung heißen darf: Gott hat einen Engel geschickt…

...wie z.B. in Gestalt des die kleine Cosette rettenden Jean Valjean in der sehr lebensnahen Schilderung im bekannten Roman „Die Elenden“ (Les Misérables) von Victor Hugo.

Schön, dass du diese Geschichte hier zur Nachdenkens-Anregung eingestellt hast.

Mit abendlichen Grüßen dankt
Syrdal
 

Christine62laechel

@Syrdal  

Die Geschichte der kleinen Cosette wurde auch separat als ein Büchlein für Kinder herausgegeben. Das habe ich mit 9 zum ersten Mal gelesen, und da war wohl auch ein Engel im Einsatz: Nichts brauchte ich da mehr als den Gedanken, dass vielleicht auch im Leben mal etwas so Schönes geschehen kann. Ich las die Geschichte immer wieder von Anfang an, und jedesmal zitterte ich zum Schluß: Ob er nur wieder kommt...? Ob er sie wieder in dem dunklen Wald findet...? :)

Das ganze Buch habe ich dann mit 15 oder 16 durchgelesen. Das Motiv aber, wo Jean Valjean ein Ende der unglücklichen Cosettes Kindheit setzt, ist mein beliebtestes geblieben.

Mit Grüßen
Christine


Anzeige