Der Fremde

 
»Guten Abend!« Jonas schreckt aus seinen Gedanken auf, mit denen er sich in diesen regnerischen dunklen Abend verkrochen hatte. Er wartet auf das Ende dieser nassen Episode des Tages. Die Stimme eines Mannes weckt ihn aus seinem Wachtraum. Woher der plötzlich gekommen war? Seltsam, wie er ihn mit seinen dunklen Augen prüfend anschaute.
        Jonas betrachtete ihn nun ebenfalls. Der elegante helle Mantel passt irgendwie nicht in diese Straße, gehört einfach nicht in diese graue Welt, deren Farben der Sonnenuntergang mit sich genommen hatte. Jonas schaut zu ihm hinüber, nickt ihm dann grüßend zu, stumm.
        Ein blauer Linienbus schleicht fast unhörbar heran und bleibt in der Haltebucht stehen, misstrauisch blickt der Fahrer durch die schmutzverschmierten Scheiben zu den beiden hinüber. Niemand steigt aus. Mit leisem Surren fährt der Elektrobus wieder an.
        Der Fremde hat sich inzwischen in die überdachte Eingangstür einer Herrenboutique gestellt. Durch ein Über-Eck-Schaufenster kann Jonas erkennen, dass der seinen Mantelkragen hochstellt. Wartet er nun auf einen anderen Bus?
        Währenddessen prasselt der Regen unaufhörlich auf das Pflaster des Gehwegs, spritzt an den Hauswänden hoch und überzieht staubgepaart das Ganze mit einem Schleier. Jonas drückt sich dicht an das Schaufenster dieses Ladens, der schmale Überstand gibt ihm ein wenig Schutz, kann aber nicht verhindern, dass Schuhe und Hose triefend nass geworden sind.
        Seine Blicke verlieren sich im dichten Grau des abendlichen Regens, Laternen spiegeln sich im Nass der Straße, der Regen wirft winzig kleine Fontänen vom Asphalt zurück. Fröstelnd versucht er, sich in seine dünne Jacke einzuwickeln. Unangenehm, dieses nasse und kalte Novemberwetter. Besonders für einen Menschen, der kein Zuhause hat und nicht weiss, wo er diese Nacht verbringen soll. Er ist müde, könnte umfallen vor Müdigkeit.
        »Kommt der 32er noch?« Der Mann schreit die Worte fast zu Jonas hinüber. Der fährt zusammen, hatte ihn schon nicht mehr beachtet. Zuckt dann die Achseln, weiß noch nicht einmal, ob dieses unsichere Zeichen in dem Zwielicht überhaupt sichtbar war. Dann überlegt er. Der 32er Linienbus? Der fährt hier überhaupt nicht, hat hier in diesem Stadtteil nie gefahren, ja er weiß mit Gewissheit, dass es in der ganzen Stadt überhaupt keine 32er Linie gibt!
Schon sehr seltsam. 
Der Mann im hellen Trenchcoat sieht auf seine Armbanduhr. Jonas Blick wird starr. Wie er erkennen kann, ist da gar keine Uhr, der Mann schaut nur auf seinen Unterarm!
      »Ist schon fast Mitternacht«, sagt der dann, »wo bleibt denn nur der Bus?« 
Jonas sieht den Fremden nun doch etwas intensiver an; er erkennt, dass der doch nicht so jung ist wie er vorher schien! Ihm fällt ein steinaltes Gesicht auf, mit modernem Hut, eingerahmt von Schal und hellem Trenchcoat. Wieso hatte er diese ledernen Falten seines Antlitzes vorhin nicht bemerkt?
        Der Fremde sieht ihn nun voll an. Der Junge kann seinem Blick nicht ausweichen. Ein Schauer läuft ihm über den ganzen Körper; trotz der unangenehmen Kälte des Abends wird ihm unwirklich heiß! Was ist geschehen? Woher kommt dieses Gefühl unangenehmer Vertrautheit zu diesem Menschen? Er bemüht sich in eine andere Richtung zu sehen, rollt den Kopf hin und her, um einer Verspannung der Halsmuskeln vorzubeugen.
              Irgendwo bellt aufgeregt ein Hund. Jonas mag es nicht, wenn Hunde nachts bellen. »Haben Sie Feuer?« fragt der Mann. Hat ein Zigarettenetui in der Hand, lässt es einladend aufspringen. »Nein«! Jonas Stimme klingt rau, bleibt fast im Halse stecken, »bin Nichtraucher.« Es sind seine ersten Worte, die heute Abend aus seinem Munde kommen.
»Naja, ist ja auch gesünder«, meint der Mann dann mit einem kurzen Blick, dann lacht er trocken auf, lässt das Etui wieder verschwinden, schaut wieder auf seine nicht vorhandene Armbanduhr.
        Der Regen fällt nun mit einer Intensität, wie es schon lange nicht mehr war, jedenfalls erscheint es ihm so. Dem Jungen ist elend zumute, er friert, ist durchnässt, todmüde und möchte eigentlich schlafen, unentwegt nur schlafen. Angestrengt überlegt er, wo er einigermaßen trocken unterschlüpfen könnte. 
Ihm fällt ein, dass hier irgendwo in dieser Gegend eine Kleingartenkolonie sein müsste. Da würde sich doch ein geschütztes Plätzchen finden lassen. Aber bis dorthin ist er total durchnässt, wie zum Teufel, trocknet das dann wieder?
      Er schaut den Mann gegenüber an. Der hat es gut, irgendwo steht für ihn ein warmes Bett, eine schmackhafte Mahlzeit, vielleicht ein Mensch, der sich Sorgen macht, der auf ihn wartet.
Und wieder fragt Jonas sich, was dieser Mann hier treibt. Warum er hier in dieser kalten regnerischen Nacht an einer Bushaltestelle steht und auf einen Bus wartet, der hier gar nicht fährt? »Kann ich Ihnen behilflich sein?« Jonas schreckt aus seinen Gedanken auf, sieht den Frager verständnislos an. »Es sieht so aus, als wenn Sie meine Hilfe brauchen«, meint der dann, »ich kann sicher etwas für Sie tun!«
»Für mich tun? Sie?« 
Der Junge ringt sich ein kurzes Lachen ab. Ein bitteres Lachen, tief aus der Seele heraus, aus einem Untergrund, der verschüttet ist. »Ganz gewiss nicht Sie! Und - Sie sollten mich in Ruhe lassen.«
      Der Fremde schaut ihn prüfend an, und indem er sich um die Ecke des Schaufensters beugt, sagt er dann eindringlich: »Da bin ich mir nicht so sicher! Meine Möglichkeiten sind unendlich - und meine Beziehungen reichen sehr weit!«
        Er zieht eine Visitenkarte aus der Tasche und reicht sie mit gestrecktem Arm herüber. Mit klammen Fingern ergreife Jonas die Karte, versucht im Halblicht der Schaufensterbeleuchtung den Namen zu entziffern: 
»Lucas- Beratungsdienste«, steht dort, dann noch:»Your time is limited!«*
Das steht dort in silbernen Schriftzügen auf dunkelgrauem Grund. Beratungsdienst? Welcher Art - was ist das? Ein Service, der sich nachts an Bushaltestellen herumtreibt und vagabundierende Menschen
anspricht? Der auf ausgerechnet auf ihn wartet?
         
        Der Regen prasselt weiter auf das Pflaster der Straße. Trotzdem beschließt Jonas, jetzt fortzugehen, diese Sache nimmt nun beklemmende Ausmaße an. Er hat es nicht so gern, wenn er eine Sachlage nicht überschauen kann, das schafft in ihm stets ein ungutes Gefühl, erzeugt einen Ring um die Brust, der den Atem nimmt.
      Als ahne der Fremde seine Gedanken, lächelt er ihn in einer Weise an, und als er ihm dann noch einladend zunickt und dies noch mit einer Bewegung seiner Hände unterstreicht, explodiert Jonas! Mit unnatürlich lauten Worten, die aus seinem tiefsten Inneren hervorbrechen, versucht er dem Anderen klarzumachen, dass er seine wie auch immer geartete Hilfe nicht haben will: 
»Las-sen- Sie -mich- in- Ru-he! Ich- brau-che- Sie- nicht!«
        Er schlägt seine durchnässte Jacke enger um sich, ergreift den am Boden stehenden feuchten Rucksack und rennt wie gehetzt über die Straße. Kein Blick mehr zurück, nein, der soll nicht denken, dass er Furcht vor ihm hat. Er hat keine Angst, er hat bestimmt keine Angst, wäre auch stark genug, um es mit dem Mann aufzunehmen! 
Der ruft ihm etwas hinterher, es klingt ähnlich wie: 
»Your time is limited!«
Der Regen peitscht ihm ins Gesicht, weil er mit diesen Auswirkungen des Unwetters zu kämpfen hat, nimmt er ihm auch noch das Denken ab. Er hat vollauf damit zu tun, die böigen Wassergüsse von seinem Gesicht fernzuhalten. Nachdem er in der Dunkelheit mitten in eine gewaltige Pfütze getreten ist, steht er urplötzlich vor dem Tor der Kleingartenanlage. Glücklicherweise ist es nicht verschlossen.
        In der Dunkelheit tastet er sich an der Hecke des Wegs entlang, findet ein niedriges Gartentor und wirft
seinen Rucksack hinüber, klettert dann mühsam über den Zaun hinweg. Irgendwelche Steinplatten weisen den Weg zu einer Laube im hinteren Teil des Gartens. Es riecht stark nach Zwiebeln, nach reifem Grünkohl und nach feuchter Erde. Die Gartenlaube erscheint ihm größer, als sie als Schatten von weitem erschien.man0.jpg
        Die beiden Fenster sind nicht mit Läden gesichert, zur Tür führen zwei Stufen hinauf, vorsichtig betritt er diese nassen, schlüpfrigen Holzbohlen. Tastet sich dann vorwärts und ist bass erstaunt! Die Tür ist nicht verschlossen! Die Tür zur Laube ist nur angelehnt, das hatte er nun nicht erwartet, ganz gewiss nicht. Jonas hatte vor, sich unter dem Vorbau ein wenig vor dem Regen zu schützen. Nun aber kann er doch bis zum Morgen ein wenig Trockenheit genießen. Ein winziges Stückchen Glücksgefühl durchströmt sein Herz. Wie wenig ist doch zum Glück nötig, wenn man am Rande der Gesellschaft lebt!
        Mit diesem beglückenden Gefühl betritt er den dunklen Raum der Gartenlaube, schließt die Tür hinter sich, um etwas Wärme zu spüren. Er sieht fast nichts, tastet sich weiter in den Raum hinein. Stößt an einen Stuhl, der polternd umfällt, dann ertastet er einen runden Gartentisch, legt den nassen Rucksack ab, hebt den umgefallenen Stuhl auf und lässt sich mit einem tiefen Seufzer nieder. 
Springt im selben Augenblick wieder auf, als eine bekannte Stimme im Hintergrund sagt:

» Hallo, your time is limited! «
                                                                              (*Deine Zeit ist begrenzt....)

Anzeige

Kommentare (7)

Muscari


Oh, mit großer Spannung habe ich diese Geschichte gelesen und bin nun ziemlich nervös geworden.
Yes, our time is limited. Das verhindert auch keine Gartenlaube...
Ach, ich möchte nicht daran denken, noch nicht.
Andrea

Rosi65

Also, nie wieder stelle ich mich an eine Bushaltestelle...viel zu gefährlich!!!😊

In dieser Erzählung schleicht sich der Schauder ganz langsam an den Leser heran.
Klasse geschrieben!👍

 

Pan

@Rosi65  
Hast recht, Rosi! Nie wieder ...

Roxanna

Spannend und ziemlich gruselig ist diese Geschichte, lieber Horst und sie hat ein offenes Ende, das viele Fragen aufwirft.

Herzliche Grüße
Brigitte

Pan

Genau das war beabsichtigt, liebe Brigitte ...

  

Syrdal


Eine Begegnung der dritten Art kommt mir spontan in den Sinn – und es gibt so manch Unerklärliches, das Bedeutsames zu sagen hat… So auch „Your time is limited!

...das bedenkt
Syrdal

Pan

S o ist es eben: Our time i s  limited, for all times ...


Anzeige