Auszug einer telefonischen Beratung im Rahmen eines Projektes der Gesellschaft zur Erforschung zwischenmenschlicher Beziehungen (GzEzB):


Dr. Schräg am Apparat!

Anruferin: Guten Tag, Herr Doktor!

Dr. Schräg: Guten Tag! Was haben Sie denn auf dem Herzen?

Anruferin: Ja, also direkt auf dem Herzen habe ich nichts, es sind eher die Augen.

Dr. Schräg: Sie sind sehbehindert?

Anruferin: Nein, nein! Ich wäre aber froh, wenn ich nichts mehr sehen würde.

Dr. Schräg: Sie wären froh, wenn Sie nichts sehen würden?

Anruferin: Ja, so ist es. Lange halte ich es bestimmt nicht mehr aus und es wird immer schlimmer und schlimmer.

Dr. Schräg: Was wird denn immer schlimmer? Sie müssen sich schon ein bisschen klarer ausdrücken, ich bin Psychologe und kein Hellseher.

Anruferin: Oh Verzeihung, Herr Doktor! Tut mir leid, dass Sie nur ein Pyschlogoge sind. Ich dachte, dass alle Doktors immer gleich Bescheid wissen. Sie haben doch auf solche Sachen studiert, oder?

Dr. Schräg: Ja, aber Hellsehen kann ich nicht. Leider!

Anruferin: Das ist schade. Nun muss ich ja ganz von vorn anfangen.

Dr. Schräg: Das wäre schön.

Anruferin: Ja, wissen Sie, es geht um meinen Mann. Seit einem halben Jahr ist er Rentner und putzt.

Dr. Schräg: Er ist Rentner und putzt. Das kommt nicht so oft vor. War er zwischendurch mal Hausmann?

Anruferin: Erwin, ein Hausmann? Nee, wo denken Sie hin! Erwin hat immer gearbeitet.

Dr. Schräg: Wo genau putzt denn Ihr Mann?

Anruferin: Auf der Straße, direkt vor unserem Haus.

Dr. Schräg: Ihren Mann stört wohl der viele Dreck?

Anruferin: Nein, Dreck auf der Straße hat meinen Mann noch nie gestört, aber Flecken und matte Stellen kann er nicht leiden. Alles muss glänzen und spiegelblank sein, dann ist er für eine Weile richtig glücklich.

Dr. Schräg: Wie schön für ihn. Und wie äußert sich das?

Anruferin: Er steht im Wohnzimmer am Fenster und schaut auf die Straße. Manchmal steht er stundenlang da und kann sich nicht sattsehen. Wenn ich ihn zum Essen rufe, kommt er nur widerwillig in die Küche. Und kaum ist er fertig, greift er sich den Putzeimer mit den Lappen und geht wieder auf die Straße.

Dr. Schräg: Ja, um Himmelswillen, was putzt Ihr Mann denn so eifrig?

Anruferin: Habe ich das denn noch nicht gesagt, sein Auto!

Dr. Schräg: Dagegen ist doch nichts einzuwenden, wenn Ihr Mann so sehr für Sauberkeit ist und immer alles schön glänzen soll.

Anruferin: Das habe ich am Anfang auch gedacht und war heilfroh, dass er beschäftigt war und mir nicht dauernd vor die Füße lief.

Dr. Schräg: Ja, aber wieso haben Sie denn jetzt Ihre Meinung geändert und wollen am liebsten nichts mehr sehen?

Anruferin: Also, das kam so. Am Anfang ist Erwin auch nur zwei oder drei mal am Tag rausgegangen und hat ein bisschen gewischt und ein paar matte Stellen wieder blank geputzt. Wenn es geregnet hatte, ist er sofort raus und hat alles wieder trocken gerieben. Manchmal hat auch ein Vogel auf den Lack geschissen … ähm, Entschuldigung!, etwas hinterlassen und dann war er immer sehr wütend.

Dr. Schräg: Das kann man ja auch verstehen. Und wie ging es weiter?

Anruferin: Nach etwa drei Wochen putzte er schon fünf bis sechsmal am Tag und nach etwa einem Monat fast jede Stunde. Wenn es regnete, noch öfter. Er hat dann auch immer die Profile der Reifen gesäubert und sie anschließend mit dem Föhn getrocknet.

Dr. Schräg: Mit einem Föhn?

Anruferin: Ja. Auf die Idee mit dem Fön war er besonders stolz. Diese vielen Rillen nur mit dem Tuch trocken zu kriegen ist ja nicht so einfach. Zum Schluss hat er sogar das Auto mit dem Wagenheber abwechselnd angehoben, damit er überall hinkonnte.

Dr. Schräg: Ihr Mann hat hat wohl schon immer sehr gründlich und gewissenhaft gearbeitet.

Anruferin: Das stimmt, aber das mit dem Auspuffrohr ging zu weit. Da ist mir der Kragen endgültig geplatzt.

Dr. Schräg: Was war denn mit dem Auspuffrohr?

Anruferin: Es war innen manchmal etwas rußig und das hat ihn furchtbar gestört. Nach jeder Fahrt hat er es sofort wieder sauber gemacht. Das war auch der Grund, warum er später überhaupt nicht mehr gefahren ist.

Dr. Schräg: Er ist nicht mehr weggefahren, aha!

Anruferin: Nein. Und nun kommt’s. Erwin putzt jetzt auch nachts. Er hat sich dafür extra einen großen Scheinwerfer gekauft, weil die Straßenbeleuchtung nicht hell genug ist. Außerdem gehen die Lampen bei uns im Dorf schon um Mitternacht aus. Dann ist es stockdunkel und bis zum nächsten Morgen will er nicht mehr warten.

Dr. Schräg: Was sagen denn Ihre Nachbarn dazu, dass Ihr Mann so oft sein Auto putzt?

Anruferin: Das ist es ja. Sie sagen nichts, aber sie tuscheln. Und das ist viel schlimmer.

Dr. Schräg: Das verstehe ich. Haben Sie denn keine Garage?

Anruferin: Doch, wir haben eine, aber Erwin könnte dann ja seinen Liebling nicht mehr sehen und das hält er nicht aus. Er hatte mal eine Kamera installiert, aber die funktionierte nicht so richtig und außerdem machte sie nur schwarz-weiß Bilder.

Dr. Schräg: Vielleicht reden Sie mal mit Ihrem Mann und schlagen ihm einen Kompromiss vor. Wie wäre es denn, wenn er sein Auto nur noch jeden zweiten Tag putzt und nachts nur einmal in der Woche?

Anruferin: Das habe ich ja versucht, aber es hat nichts genutzt. Seit gestern schläft er sogar im Wagen.

Dr. Schräg: Das geht nun wirklich zu weit. Aber ich weiß leider nicht, was ich Ihnen noch raten könnte.

Anruferin: Wissen Sie, Herr Doktor, ich kann verstehen, dass ihr Pyschlogogen da passen müsst.

Dr. Schräg: Passen müsst?

Anruferin: Ja, aber machen Sie sich nichts draus. Jetzt ist sowieso alles zu spät.

Dr. Schräg: Wie darf ich das verstehen?

Anruferin: Erwin hat sich noch ein Auto gekauft!


fred-lang

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Kommentare (8)

fred-lang
Mitglied
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Ja, es geht hier tatsächlich fred-lang -
um eine kostenlose und anonyme telefonische Beratung im Rahmen eines Projekts der Gesellschaft zur Erforschung zwischenmenschlicher Beziehungen (GzEzB).

Mit freundlichem Gruß
Dr. Schräg
Jana66
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Frage Jana66 -
Lieber Herr Dr. Schräg,

geht es in Ihrer Praxis, bzw. Blog, tatsächlich um eine kostenlose telefonische Beratung? Das fände ich nämlich sehr bemerkenswert.
Ganz offenbar kommt auch der Humor nicht zu kurz.

Beste Grüße
Jana
fred-lang
Mitglied
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Wie wahr! fred-lang -
Ein persönlicher Kontakt zu manifest Zwangserkrankten ist normalerweise die Voraussetzung für eine adäquate Therapie.
Dies ist allerdings im Rahmen meiner für anonym um Hilfe suchenden Anrufer kostenlosen telefonischen Beratungen nicht vorgesehen. In besonders krassen Fällen wie im vorliegenden Fall stößt mein Hilfsangebot natürlich schnell an seine Grenzen.
Es grüßt
Dr. Schräg
Syrdal
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Ja leider! Syrdal -
Therapieverweigerung ist eine typische Reaktion manifest Zwangserkrankter, denn sie leugnen ihre Erkrankung aus innerer Überzeugung und empfinden sich als völlig normal. Ganz ähnlich ist das beim Krankheitsbild Schizophrenie, weil sich die Betroffenen nicht selten in ihrem abnormen, oft euphorisiertem Zustand sehr wohlfühlen. Diese Menschen für eine adäquate Therapie zu öffnen, bedarf einer außerordentlich hohen Fachkompetenz und vor allem unendlicher Geduld.
Es grüßt
Syrdal

fred-lang
Mitglied
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Danke fred-lang -
für den Kommentar, lieber Herr Syrdal!
Leider hat der Erkrankte sich inzwischen gegen eine Therapie entschieden.
Beste Grüße
Dr. Schräg
Syrdal
Mitglied
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-.-.-.- Syrdal -
Einen Psychologen mit dem Putz-Problem zu kontaktieren, war schon nicht falsch. Wer sonst wäre prädestiniert, eine Zwangserkrankung - unter einer solchen dieser Erwin offensichtlich zu leiden hat - zu therapieren? - Eine hübsche Geschichte, ziemlich nah am "richtigen Leben"...
Es grüßt
Syrdal

fred-lang
Mitglied
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Eine gute Idee fred-lang -
An Stoff mangelt es nicht. Danke für den Vorschlag!
b.G.
F. (alias dr. Schräg)
Willy
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Sketch Willy -
Könnte man auch als Sketch direkt aufführen.
Vielleicht noch ein Sketch dazu -Der Zankteufel.

b.G.
W.