Des jungen Dichters Liebesleid



Feder und Tintenfass.JPG


Des jungen Dichters Liebesleid
 
Heiße Liebe zu Friederike*
schwörte der Studiosus im Lied*,
die Maid hörte des Jünglings Bitte,
doch bald gab’s den letzte Kuss zum Abschied.
Kurz nur blühte das Heidenröslein*
mit seinem lieblich betörenden Duft,
den Dichter zog es zurück zum Main,
ihn bald eine prickelnde Liebschaft* ruft,
die ihn in Herz und Sinn tief betört,
in Lotte er sich unsterblich verliert
und er ihr ewige Liebe schwört,
doch wird sein Flehen von ihr nicht erhört,
sie soll Frau Legationsrat* werden,
weil dieses doch längstens beschlossen ist. –
Oh weh, der Jüngling möchte sterben,
Eifersucht sein schmerzvolles Herz zerfrisst.
 
Liebeskrank wandert er an der Lahn
durch herbstbunte Landschaften hin zum Rhein,
plant in Gedanken einen Roman,
der Inhalt soll seine Liebesqual sein.
Bei einer Rast hoch auf dem Felsen
über Dorf Obernhof* nahe dem Fluss
hat er sich herzdringlich entschlossen,
dass die Geschichte er aufschreiben muss.
Es treibt ihn hin zu seinem Schreibpult,
Tinte und Feder bedient er mit Fleiß,
todtraurig schreibt er mit Ungeduld
seine Leidensgeschichte auf und weiß,
nur so kann er die Lieb’ verwinden,
er bannt seinen Kummer auf die Blätter,
muss schlussendlich den Titel finden
und sagt: „Die Leiden des jungen Werther“.
 
© Syrdal 2019
 


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Erklärungen:
*Friederike = während seines Studienaufenthaltes in Straßburg um 1770 hatte der damals 21-jährige Jurisprudenz-Student Johann Wolfgang von Goethe eine kurze, aber heftige Liebschaft mit der elsässischen Pfarrerstochter Friederike Brion.
*Lied = Goethes für Friedericke Brion geschriebenes Lied-Gedicht „Heidenröslein“ wurde über 150 Mal vertont, unter anderem von Robert Schumann und Franz Schubert. Als Volkslied hat sich allerdings die Melodie des Braunschweiger Musiklehrers und Chorleiters Heinrich Werner behauptet.
*Liebschaft = nachdem Goethe im Mai 1771 das bekannte „Mailied“ verfasst hatte,  kehrte er aus Straßburg nach Deutschland zurück und lernte im Juni 1772 als Praktikant am Reichskammergericht in Wetzlar die Tochter des dortigen Kastaneiverwalters Charlotte Buff („Lotte“) kennen.
*Legationsrat = Amtsbezeichnung im Auswärtigen Dienst
*Obernhof = kleiner Fachwerkort nähe Nassau an der Lahn, über dem ein Felsvorsprung den Blick zum Taunus und zum Westerwald gewährt. Goethe soll bei einer Rast auf dem Felsen gesagt haben „Der Weitblick ist zum Sterben schön“ und dabei den Entschluss zu seinem 1774 auf der Leipziger Buchmesse vorgestellten Briefroman „Die Leiden des jungen Werthers“ gefasst haben. Nach einer 1778 vorgenommenen Überarbeitung entstand daraus der Roman „Die Leiden des jungen Werther“(jetzt ohne Abschluss-s), der Goethe gleichsam über Nacht in Deutschland berühmt machte und seither zu den erfolgreichsten Romanen der Literaturgeschichte gehört.

 

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Kommentare (9)

Syrdal


Mein Dank für das feine   
Herz 
geht heute an
Muscari
Monalie
mit freundlichen Grüßen von
Syrdal
 

HeCaro

Lieber Syrdal,
einen Ausschnitt aus dem Leben Goethes
hast Du herausgesucht um ihn zu würdigen.
Das kann auf diese Art nurJemand,  der selbst
die Dichtkunst beherrscht. Chapeau.

Liebe Grüße, Carola 
 

Syrdal


Liebe Carola,
das sind gar schmeichelnde Worte, die ich wohl gerne lese, doch bleibe ich in allem – auch was meine Poesie-Versuche betrifft – mit beiden Füßen fest auf dem Boden...
 
...dennoch dankt dir mit lieben Grüßen
Syrdal 

indeed

Oje, als ich" Die Leiden des jungen Werthers" das erste mal las, hatte ich wenig dafür übrig. Mich störte ungemein dieses damals für mich noch unerfahrene Mädel den Sprachstil des, wie ich meinte, übertrieben geschilderte Leiden, weil ich meinte, er ergötzte sich geradezu in seinem Leiden. Kurz: er war mir zu wehleidig.

Auch habe ich noch das Urteil meiner Töchter im Ohr, die beide darüber stöhnten, dass das Buch im Unterricht regelrecht "seziert" wurde. 

Das Buch steht nun schon seit einigen Jahrzehnten in unserem Bücherregal und so habe ich es mir vor ca. einem halben Jahr noch einmal "angetan", lach.

Für mich selber ist die Erfahrung interessant, wie sehr das eigene Gedankengut und die Sicht auf die Dinge sich im Laufe eines Lebens verändern. Heute kann ich mich eher in die Zeitepoche zurückversetzen, in der dieses Buch geschrieben wurde und somit habe ich mich doch "ausgesöhnt".

Danke dir, lieber Syrdal, für alle deine anhängenden Ausführungen und natürlich für deine Dichtung hierüber. Habe ich gerne gelesen.

Mit einem Lächeln in meiner Erinnerung schicke ich dir liebe Grüße und wünsche dir ein entspanntes und schönes Wochenende.
Ingrid
 

Syrdal


Es ist ja ein oft zu erfahrendes Phänomen, dass sich die geistige Aufnahme gleichen Stoffes im Laufe der Lebenszeit deutliche verändert, sicher auch, weil eigene Erfahrung in die jeweiligen Empfindungen einfließt. Und, liebe Ingrid, sehr zu verstehen ist, dass Goethes Liebes-Wehleidigkeit von einem jungen, das ganze (Liebes-)Leben noch vor sich habenden  Mädchen kaum verstanden, geschweige als wahrhaft angenommen werden kann, zumal Goethe mit dem als Stoffgrundlage herangezogenen Suizid des Pfarrersohnes Karl Wilhelm Jerusalem seinem „Werther“ einen ausgesprochen tragisch-dramatischen Ausgang gegeben hat. Das will man in jungen Jahren einfach nicht...
 
Hab Dank für deine interessante Replik zu dem kleinen Gedicht, das ja nur einen Bruchteil der Goetheschen Lebens-und Liebesgeschehnisse aufgegriffen hat. – Eigentlich wollte ich über das Heidenröslein fabulieren, doch hat es sich dann so ergeben, wie es nun hier dargestellt ist. – Und wenn man sich mit Goethe nur ein wenig beschäftigt, kommt man in tausenderlei Fragen. Ob der „große Alte“ in seinem Leben überhaupt einmal die Liebe richtigund wahr erfahren hat? Wissenschaftliche Aussagen dazu lassen daran zweifeln... Doch der Werther ist ein schillerndes Mosaiksteinchen aus dem damals (1774) noch jungen Leben des großen Dichters.
 
Ein verstehendes Lächeln sendet Dir mit Sonnenwünschen für den Goldenen Oktober
Syrdal
 
 

protes

erst in der schule
dann in gesmmelten Goehte
und zu letzt Massnet

nein zuletzt
in reimform von dir
lieber Syrsal
einen sonnigen tag
und gruß
wünsche und schicke ich dir
hade

Syrdal


Gerne, lieber hade, nehme ich die mich nur allzu sehr ehrenden Grüße dankend entgegen und sende solche mit mild lächlelnder Wochenendsonne ebenso freundlich zurück...
 
Syrdal  

Manfred36

Extreme Geister, die sich ihrer Begabung bewusst waren, und die sich ihren Schreibstoff "zusammenlebten", konnten natürlich viel Lebensnahes dichten. Sie brauchten in ihrer Zeit nicht viel "Aufgesetztes" und Konstruiertes mit einzubringen. Aber nicht Viele hatte ja diesen Freiraum.

Syrdal


Es ist wohl wahr, dass Goethe allein von Hause aus zu den Privilegierten seiner Zeit gehörte und schon in Jugendjahren enormen Freiraum hatte. Doch diesen in rechter Weise zu leben und ein weltweit geachteter „Dichterfürst“ zu werden, hat dann noch eine ganz andere Dimension, die bei weitem nicht jedem vergleichbar Privilegierten gegeben ist. Goethe hat seine vielen Begabungen in mannigfacher Weise „gelebt“ und ist so zu einem der ganz Großen geworden. Zu seinen ersten großen Schriften gehörte sein 1774 erschienener Briefroman „Die Leiden des jungen Werthers“, der ihn in Literaturkreisen zur jungen Berühmtheit werden ließ.
 
Mit Dank für deine das hier im ST etwas ungewöhnliche Thema ergänzende Gedanken grüßt
Syrdal  


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