Die drei Siebe des Sokrates


Die drei Siebe des Sokrates
rechts: Sokrates, Philosoph und Lehrer von Platon;
links: Zuordnung nicht eindeutig: Aeschines oder Xenophon.
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.                                         ▼ Figur des Sokrates •1•
182_b1_640x228px-Raffael_058.jpg
Raffael (1483-1520): Die Schule von Athen (1509, Detail).
Wandfresko in den Stanzen des Vatikan; via The Yorck Project; gemeinfrei.
 
Gewidmet den Besuchern und Anhängern
der Kleinen Kneipe (KK)
 im Forum der Seniorentreff.Community,
die am 8. April 2002 eröffnet wurde,
heute also 16 Jahre besteht und moderiert wird
von der ST-Freundin Chris aus Franken. (•4•)

 
Die drei Siebe des Sokrates
 
Einst sprach ein einfacher Athener Bürger
den Sokrates, den jeder kannte, an,
um etwas, das ihm auf dem Herzen lag,
dem hochberühmten Manne mitzuteilen.

.         Ob er gelegen käme – schien ihm nichtig,
.         dass man ihm zuhörte – dagegen wichtig!

 
Der Weise unterbrach seine Gedanken
und wandte dem Besucher sich dann zu,
hob geichsam wie in Abwehr eine Hand,
um, wie es schien, den Ankömmling zu zügeln.

.         "Halt ein! Hast du die Rede durch drei Siebe
.         gesiebt, zu sehen, was am Ende bliebe?

 
Du scheinst gar das Verfahren nicht zu kennen?
Das erste Sieb lässt nur das Wahre durch –
Erfundenes hängt in den Maschen fest.
Hast du das so geprüft, statt loszureden?

.         Ach nein – du hast es irgendwo erfahren …
.         Was wird das zweite Sieb da erst gewahren?

 
Das prüft als nächstes nämlich jetzt auf Güte.
Es ist doch gut, was du erzählen willst?"
"Nein … leider eher schon das Gegenteil."
"Dann geht das dritte Sieb nicht einzusparen:

.         was du mir mitzuteilen bist erbötig,
.         das sollte dringlich sein, ja eher – nötig!"

 
"Notwéndig ist es eigentlich nicht wirklich … "
"An deiner Rede, meinst du also selbst,
ist nichts, das wahr noch gütig oder drängt?
Dann solltest du's am einfachsten begraben!

.         Wir würden uns ganz nachhaltig entlasten,
.         wenn wir uns damit gar nicht erst befassten!"

 
© Wolfgang H. (elbwolf; März 2018)
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•1• Sokrates wurde um 470 v. Chr. in Athen geboren und 399 v. Chr. zum Tode durch Vergiften (Schierlingsbecher) verurteilt. Er gilt als Urvater der Philosophie. Da Sokrates selbst keine Schriften hinterlassen hat, verdanken wir seine Überlegungen  und Ideen vorwiegend den Mitteilungen seines Schülers Platon, darunter wohl auch diese auf uns überkommene Legende. Es war leider für mich nicht zu ermitteln, wer die verbreitete Standardversion der "3 Siebe" als Erster ins Deutsche übertragen und editiert hat.
•2• Wer sich näher mit dem philosophischen Gehalt auseinandersetzen möchte, findet Anregungen in den beigelinkten Arbeitsblättern.
•3• Es zeigt sich, dass diese "philosophische Schnurre" sehr verbreitet ist und vor allem Rechtsanwälte darauf zu stehen scheinen und als Motto in ihren Kanzleien verwenden – wohl hoffend, von ihrer Klientel damit Wahrheit, Güte und Notwendigkeit (für die rechtliche Auseinandersetzung) einfordern zu können.
•4• Die Freunde der KK haben Sokrates' 3 Siebe zu einem ihrer Lieblingstexte erkoren, vielleicht weil sie im Reben- und Hopfensaft das Wahre, Gute und auch das Notwendige sehen!?

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Kommentare (10)

Anabell23
Anabell23
Mitglied

Ich bin kein Mensch der siebt und siebt und nochmals siebt. Das würde ich
auch gegenüber einem Sokrates nicht tun.
Ich sage meine Meinung ohne Wenn und Aber, äußere mich wahrheitsgetreu
und wie ich möchte.

Vielleicht sollte man nicht alles so auf die Goldwaage legen und toleranter
gegenüber seinen Mitmenschen sein.
Schließlich kann man in jeder Suppe ein Haar finden.

Grüße Anabell23



 

elbwolf
elbwolf
Mitglied

Wahrheitsgetreu - das ist nur das eine und erste Sieb, @Anabell, das Du vielleicht nicht brauchtest.
Was mich angeht, hätte ich meine Probleme mit dem zweiten, nämlich nur Gutes oder Gütliches anzusprechen, denn es sind doch eigentlich die Gemeinheiten, die vorrangig auf den Tisch kommen müssten.

Das dritte ist aber auch nicht zu verachten, sich nämlich seine Zeit nicht stehlen zu lassen, sich nicht in Unnützes einzubringen und für den eigentlich Gefragten den Stellvertreterkrieger abzugeben.

Es ist überraschend - wenn man sich die Sache mit geometrischen Figuren (3 einander überlappende Kreise) verdeutlicht, wie wenig letztlich durch die Sokrates'schen Siebe - wenn sie aufeinander-folgend angewendet werden -  noch hindurchkommt: nämlich das, was einen als "tadellos" ausweisen würde ...
Danke für Deine Betrachtung
und Grüße vom elbwolf

elbwolf
elbwolf
Mitglied

Du hast mich richtig erlöst, @gittimax! Ich stehe hier schon 3 volle Tage und siebe und siebe - und keine Reaktion von Deiner Seite - aber jetzt bist Du da! Und stellst natürlich eine knifflige Aufgabe:
In Deinem Schriebs ... Verzeihung: Beitrag! ... müsste demnach in Deiner eigenen Einschätzung nicht alles wahr oder gut oder nötig sein.
Hmm, nötig ist Dein Beitrag (zumindest für mein Wohlbefinden) schon; was sollte an ihm sonst "ungut" sein? Bliebe nur der Wahrheitsgehalt, aber zum Teufel noch einmal, WO solltest Du da gefehlt haben? Mich beschleicht eine einzige vage Vermutung ... Du wolltest Dich dem roten Weine widmen? Das muss es sein: in Wirklichkeit trinkst Du anscheinend lieber weißen! Es kommt eben doch einmal auch das Verborgenste heraus. Und Sokrates hätte es Dir gleich angesehen ... ich aber brauche ein Dutzend Zeilen, um mich durchzufitzen.
Macht nichts, hast wenigstens Dein Senfl..., Dein Scherflein dazugegeben!
Gruß+Dank = elbwolf
 

gittimax
gittimax
Mitglied

Der Sokrates war wirklich ein außergewöhnlicher Gelehrter.
Dein Gedicht, lieber Elbwolf, hat mich angeregt, zu überprüfen, ob ich dazu einen Beitrag schreiben könnte, der die drei Siebe überstehen würde.
Nun bin ich zu dem Schluß gekommen, dass dies wohl nicht der Fall wäre.
Deshalb beende ich meinen Kommentar,wünsche dir, sowie allen Kommentatoren und -rinnen eine gute Nacht und widme mich auch lieber dem roten Weine.
Zum Wohl, liebe lillii.

elbwolf
elbwolf
Mitglied

Einen Nachsatz auch noch von mir zu Deiner KK-Besatzung, Chris:
Ihr habt da einen ganz famosen Kerl unter euch, den @SamuelVimes, der am Sonntagmorgen  "auf noch nüchternen Magen" eine Persiflage auf die "Drei Siebe" geschrieben hat, so in der Art der 10 kleinen Afrikanerlein (politisch korrekt heißt es noch ein wenig anders, aber es fällt mir nicht ein), die nacheinander alle abhanden kommen. Hier sind zum Schluss alle Siebe weg, mit der Konsequenz, wie Sam-Vim konstatiert:

.                       und Sokrates hört all die Lügen …
.                       …
.                       Er schimpft und klagt wettert rum
.                       die Bürger finden das sehr dumm
.                       ja man macht sich unbeliebt
.                       wenn man mal etwas versiebt


So was könnte man ganz ernsthaft (!) mal nachzuahmen versuchen - ehrlich: was steht heutzutage nicht alles kopf! Und Wortspiele, über die ich mich prächtig amüsiert habe, hat schon Sam-Vim noch nüchtern mehr als genug angebracht.
elbwolf


 

chris
chris
Mitglied


Die drei Siebe des Sokrates.....

vor vielen Jahren fand ich sie mal im www. Damals setzte ich sie hier im
Forum in die Kleine Kneipe und immer wieder mal fielen sie mir in die
Hände.

So kam es auch, dass ich mit dem Elbwolf ins Gespräch kam, als er
mich auf einen Fehler aufmerksam machte.

Nun wurde natürlich das Sieb weiter ausgebaut und ich sage Danke
für die weitere Aufklärung.

Lillii,, lese gerade deinen Kommentar und ich denke, jeder hat den
Hinweis verstanden. Ich habe mir schon lange abgewöhnt, hinter manchen
Beiträgen was zu lesen, was dort nicht steht.

In dem Sinn, in dem es wohl früher geschrieben wurde, möge jeder es für
sich selber anwenden.............   dann wäre manches im Zusammenleben
leichter.

Grüße aus Franken

Chris
 

elbwolf
elbwolf
Mitglied

Dir, Chris, ein besonderes Dankeschön - nach der Diskussion über die Schreibweise römischer Zahlen sind wir doch tatsächlich zu Deiner Textsammlung gekommen, in der die "Drei Siebe" enthalten waren. Und ich gestehe hier etwas fast Genierliches: Ich kann mich beim besten Willen nicht erinnern, der Sakrates'schen Anekdote je begegnet zu sein!
Du hast mir mit Deinen KK-Streitern geholfen, einen schwarzen Fleck unter meinen Kenntnissen aufzuhellen.
Und außerdem habe ich nur genau das "verdichtet", was in der Legende wirklich schwarz auf weiß steht und nicht bloß zwischen den Zeilen erahnt werden musste.
Dir und der KK weiter bestes Gedeihen!
Herzlich - elbwolf

lillii
lillii
Mitglied

liebe Chris,
aus Deinem Kommentar habe ich herausgelesen, dass ich mit Dir übereinstimme und nicht jedes Wörtchen auf die Goldwaage lege.
Ich gestehe auch, dass ich ab und zu einem Gläschen trockenem Rotwein nicht abgeneigt bin und....
dass es auch schon mal  eins zu viel war,na ja, ich entschuldige das mit menschlicher Schwäche und sing mit...

Willi Millowitsch und ich denke,
lieber Elbwolf , Du und die kleine Kneipe, ihr werdet kräftig mit einstimmen.

Grüße von der lillii

lillii
lillii
Mitglied

in vino veritas ?

ach - wer die Wahrheit sucht im Saft der Reben -
der sollte wissen, dieser Saft der trübt
ein jegliches normale leichte Denken -
sich bei zu viel Genuss von ihm nicht fügt.
Drum sollt' die KLEINE KNEIPE wohl bedenken
und ihm nicht allzu vielen Glauben schenken.


ich glaube aber, dass alle Besucher der KK  das wissen und nur ab und zu mal über die Stränge schlagen,
eine davon überzeugte

lillii


 

elbwolf
elbwolf
Mitglied

Sollte ich Verseschmied die Siebe des Sokrates auf Dich, verehrte @lillii, anwenden wollen, so müsstest Du jetzt den Test auf Wahrheit, Güte und Notwendigkeit bestehen ...
Du siehst selbst ein wenig die einzige denkbare Schwachstelle - ist es nötig, in den Bacchusbecher zu gucken? Aber alle hier ringsum - und ich bei Bedarf auch - werden Dir bestätigen: ja, es ist nötig!
Damit hättest Du mit Deiner Mitteilung Gehör gefunden!
Danke, dass Du Deine Bedenken so freundlich verpackt hattest.
Grüße - elbwolf
 


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