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Das ist also wirklich ein geniales und rätselhaftes Gemälde. In der Sixtinischen Kapelle ist es so klein und so weit oben an der Decke, dass es neben den anderen Fresken geradezu untergeht. Doch zum Glück gibt es Kunstlexika und das Internet, wo man Michelangelos Werk etwas genauer unter die Lupe nehmen kann. 

Es ist unergründlich. Je länger man es betrachtet, desto mehr Fragen tauchen auf. Geniale Kunst eben, die nie altert oder aus der Mode kommt. Universelle Kunst, trotz oder gerade wegen der Einfachheit, mit der ein gewaltiger Vorgang, nämlich nichts weniger als die Erschaffung des Menschen, dargestellt wird. 

Ich habe mich schon immer gefragt, was Adam da macht. Gott höchstpersönlich schwebt ihm gegenüber. Doch schon da tauchen erste Unsicherheiten auf. Schwebt ihm Gott vielleicht nur vor? Wer erschafft hier wen? Ist es vielleicht Adam, der sich sein Gottesbild erschafft? Falls ja, könnte das die gelangweilte, resignierte Körperhaltung erklären, mit der er daliegt. Er scheint sich aus dem alten Mann nichts zu machen. Wieso auch? Es ist ja nur sein persönliches Hirngespinst. Wäre es anders, würde dieser Gottesgestalt irgendeine Realität anhaften, wäre man doch versucht, zuzupacken und deren Hand zu ergreifen. Ein winziger Spalt trennt die beiden Zeigefinger. Und dieser Gott gibt sich alle Mühe, streckt sich aus, fällt beinahe aus seiner Wolke, um den Adam zu berühren, der, bei genauerer Betrachtung, die Pupillen sogar wegzudrehen und nicht mal in die Richtung der Gestalt zu blicken scheint. Dieser Gott macht sich bemerkbar, bleibt aber von dem in sich gekehrten Adam unerkannt in der Luft.

Vielleicht wartet Adam auf seine Gefährtin. Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist, heisst es in der Bibel aus göttlichem Mund. Vielleicht ist seine Einsamkeit der Ursprung jenes Gottesbildes. Eins und eins gibt auf die Dauer zwei, heisst es bei Nietzsche. Vielleicht war Adam da schon viel zu lange mit sich allein gewesen. 

Jedenfalls scheint es dem Menschen an nichts zu fehlen. Michelangelo hat ihn, ganz zeitgemäss, mit einem gut genährten, üppigen Körper ausgestattet. Und der Sündenfall hat sich noch nicht ereignet, denn Adam liegt mit entblössten Genitalien, also noch ohne den von Gott geflochtenen Rock, da. Das ist der vollkommene Mensch, noch ohne jede Sünde. Und schon da wurde er - akzeptiert man die These, dass er der Erfinder Gottes ist und nicht umgekehrt - mit Fantasie, mit einer eigenen Schöpfungskraft ausgestattet. 

Was für ein grossartiges Gemälde. Da ist so viel drin. Wahrhaft, ein Meisterwerk.  

 


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