Die menschliche Schwäche



Die menschliche Schwäche


Auf einem Bürgersteig wurde vor ein paar Wochen ein Mann totgefahren. Ein Mazdafahrer war in seinem Wagen mit hoher Geschwindigkeit aus einer Toreinfahrt herausgekommen. Nun muss ich dazu anmerken, der Fahrer hätte auch jegliche andere Automarke besitzen können, BMW, Mercedes, Opel oder Citrone (ich hoffe, ich habe jetzt genug Werbepunkte gesammelt), es hätte an der Sache an sich nichts ändern können.

Der Fußgänger war auf der Stelle tot und man kann dem verzweifelten Mazdafahrer nicht einmal die Schuld in seine ausgetretenen Schuhe schieben, weil er an sich abstoppen wollte, aber das Brems- mit dem Gaspedal verwechselte. Das kann ja nun durchaus einmal vorkommen und ist nun wirklich kein Beinbruch.
Die ganze tragische Angelegenheit der Geschichte kennen aber leider nur die wenigsten.

Willibald Mückenbart (Name frei erfunden) war Fleischer von Beruf. Er war ein tüchtiger Arbeiter, er war mächtig stark und ein mutiger Mann. Einmal verkloppte er auch eine ganze dreiköpfige Bande Halbstarker, die sich völlig untypisch einer etwa 40jährigen betrunkenen Dame in einigermaßen unzüchtiger Weise nähern wollten. Ein anderes Mal hatte Willibald Mückenbart auch einen Wohnungsbrand in seinem Haus auf recht drakonische Weise verhindert.

Es war in einer Hochparterre-Wohnung, da brannte ein Kleiderschrank. Willibald kurz das Fenster aufgerissen und den ganzen schweren Schrank auf die Straße gekegelt, obwohl – wie es sich später herausstellte – ein Herr in dem Schrank versteckt war und der Ehemann der betreffenden treulosen Gattin das Feuer ganz bewusst angelegt hatte.
Na ja, diese Episoden werden hier ja nur aus dem einfachen Grund so plastisch geschildert, damit jeder merkt, was für ein kühner, tapferer und mutiger Geselle dieser Willibald Mückenbart war.

Aber eine Schwäche hat ja schließlich der Gescheiteste – denken wir nur an Siegfried mit dem Blatt hintendrauf.
Also nicht das Blatt war es und auch nicht der Rücken, im Gegenteil, die Zähne machten Willibald Mückenbart quasi von Geburt an zu schaffen. Einmal beim Kinderzahnarzt, da hatte die Zahnärztin ihn so gepiesackt, dass der arme Willibald für sein ganzes Leben lang von Zahnärzten die dicke Knollennase voll hatte.
„Lieber leiden!“ – das war seine Devise geworden. Und viele Leute kannten den fleißigen Fleischergesellen nur mit wenigstens einer dicken Backe. Selbst auf der Polizei wollten sie ihm die Schwellung schon als besonderes Kennzeichen eintragen, gewissermaßen amtlich machen.

Manchmal, so in der Kneipe, trank der gute Willibald Mückenbart nur Schnaps, weil der so gut betäubte. Er hatte sogar mal eine Art seelischen Doktor aufgesucht, ihm die ganze Leier herunter gebetet (unter anderem wollte der seltsame Heilige auch wissen, wie oft Willibald Verkehr hätte und ob regelmäßig – das hat doch mit Zähnen im Leben nichts zu tun!) und dann hat der Seelenklempner autogenes Training verschrieben. Weil Schmerzen nur Einbildung wären, hätte der Arzt gesagt, das erzählte Willibald Mückenbart allen Kollegen auf der Arbeit hinterher. Man müsste entweder gar nicht dran denken oder einfach die Zähne zusammenbeißen. Aber erst mal können! Jedenfalls half dieses autogene Training seltsamerweise erst einmal eine ganze Weile.

Dann wurde es aber immer schlimmer. Wenn Willibald mehr als zwei Backen(Wangen) in seinem Gesicht gehabt hätte, wären auch die noch geschwollen gewesen. Einmal hatte er auf seiner Arbeit im Schlachthof in der Kantine geäußert, dass er sich am liebsten aufhängen wollte. Aber da haben ihn die lieben Kollegen kameradschaftlich ganz schön zur Schnecke gemacht. Von wegen!
Am nächsten Tag schleppten sie ihn mit Gewalt zum Zahnarzt. Rechts ein lieber Kollege und links auch noch ein noch lieberer Mitarbeiter. Und so saßen sie alle drei mehr oder weniger zwangsweise, aber geduldig im Wartezimmer des Grauens, bis Willibald dann endlich dran kam. Aber dann mussten die beiden Gefolgsleute doch noch schnell auf ihre Arbeit düsen.

Jetzt hatte der arme Zahnarzt aber ganz schön zu ackern. Der tapfere Fleischergeselle jammerte wie ein altes Waschweib am Spieß, so dass ihm schließlich auch noch die Arme angebunden werden mussten. Sechs Spritzen versenkte der besorgte Zahnklempner im Rachenraum von Willibald Mückenbart und holte anschließend die ersten vier totalen Ruinen aus deren Wurzelbett.
„Das wär´s dann fürs erste“, sagte der in Schweiß geratene Monteur de la Freß freundlich zum Abschied zum immer noch gut betäubten Fleischergesellen.

Willibald Mückenbart stieg noch ganz benommen die lange Treppe vom Zahnarzt hinunter zur Straße, aber er fühlte sich irgendwie doch ein bisschen glücklich.
„Ich Rindvieh“, sagte er selbstkritisch.
„Das Vergnügen hätte ich wirklich schon zwanzig Jahre früher haben können.“ Und er dachte dankbar an seine kräftigen Kollegen vom Schlachthof.

Da kam – wie ich bereits am Anfang kurz erwähnte – der Mazda aus der Toreinfahrt gesaust.
 


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Kommentare (18)

heide

Lieber Humorus,

Dein Fanblock hat sich vergrößert, seit heute bin ich auch dabei.
Willibald Mückenbart, der arme Kerl, ich hätte ihn warnen müssen. Denn schon seit Jahren
suche ich keine Zahnärzte mehr auf, deren Praxen direkt neben Toreinfahrten liegen.
Warum? Weil es Humorus mit dieser fantastischen Fantasiegeschichte gibt. Zwinker.

Grüßl
Heide

Humorus

@heide  
Hallo liebe Heide ich freue mich, dass ich Dich für meine Hobbyschreiberei begeistern konnte. Mein Zeil ist und bleibt, ein lachen und Lächeln in die Welt zu schicken, denn Lachen ist ganz bestimmt eine bessere Medizin als alle Pillen der Welt, welche wir oftmals schlucken müssen. Wenn Du die Zeit findest, schau mal etwas weiter in meinem Block, da lauert noch viel mehr für Dich.

Ganz lieben Gruß aus Karlsruhe

ahle-koelsche-jung

Einen unglücklicheren Zufall hättest du, lieber Klaus, nicht besser beschreiben können.
Eine herrliche Geschichte, die fast auf mich zutreffen könnte, was den Zahnarztbesuch angeht. Nachher denk ich auch oft; war doch garnicht so schlimm.
Aber ich denke damit können sich Einige identifizieren.
OK das Ende des Heldes wünscht man Keinem, aber es rundet die Story herrlich ab.
Weiter so Klaus, war halt wieder mal eine tolle  Sache die du eingestellt hast.
Viele Grüße und ich drück die Daumen für noch viele Leser deiner Werke, Wolfgang

Humorus

@ahle-koelsche-jung  

Na lieber Wolfgang nun habe ich Dich nach Deinem Urlaub aber arg beschäftigt und ich danke Dir mein treuer Freund, dass Du Dir die Zeit genommen hast. Wegen der "vielen" Leser sehe ich ja die vielen "Klicks" ganz oben, aber leider fehlt einigen die Zeit mal ein paar Worte zu schreiben. Naja, das wird mich nicht erschüttern, denn jedes Lächeln und Lachen, was ich erreiche ist ein Gewinn für mich.

Lieben Gruß Klaus

Majorie

koestlich - einfach nur herrlich geschrieben. Hab's genossen - danke!
Warum nur habe ich nicht eher Deine 'Geschichten' bemerkt? Wie daemlich kann
man sein? Well - besser spaet als garnicht.
Werde von jetzt an versuchen, nichts mehr zu versauemen. Ich liebe diese Art von
Satiren bei denen man zunaechst annimmt, sie seien WIRKLICH, ehe dann ein
Licht aufgeht.
Danke nochmals und "So long", RuthRose


 

Humorus

@Majorie  

Hallo liebe Ruth, jetzt bin ich aber mehr als angenehm überrascht. Aus dem fernen Kanada liest Du in meinem kleinen Blog und so konnte ich ein Lächeln sogar soweit über unseren Erdball schicken. Wow! Das hätte ich niemals für möglich gehalten. Danke für Deine Worte und ich hoffe, Du findest noch meine anderen Geschichten. Alles Gute für Dich und einen lieben Gruß in die weite Ferne.

Klaus

Rosi65

Lieber Klaus, bei Deiner Satire Daumen hochmusste ich sofort an meinen früheren Arbeitskollegen Thomas denken, der mal unter großen Zahnschmerzen litt. Vor einem Zahnarztbesuch hatte er panische Angst, denn er war regelrecht traumatisiert von einer üblen Zahnbehandlung beim BundeswehrarztSchreienMüde

Ich sprach ihm Mut zu, nahm ihn am Arm und begleitete ihn,in unserer Mittagspause, zur Arztpraxis. Vorher hatte ich dort schon angerufen und einen Notfall mit Angstpatienten gemeldet.In der Praxis wurde er zum Glück sofort zum Stuhl geleitet und behandelt.
"Ex und hopp!" sagte der Doc nur, als er ihm den kranken Zahn zog. Da war die Welt für Thomas schnell wieder in Ordnung.

Danach wurde er auch nicht plattgefahren, denn ich habe ja gut auf ihn aufgepasst, so dass er seinen Dienst wieder antreten konnte.
Und wenn er nicht gestorben ist, macht er sich jetzt bestimmt ein schönes Rentnerleben.Lächeln

L.G.
Rosi65

NS. Das war bis jetzt Deine beste Geschichte!

Humorus

@Rosi65  

Danke für Dein Kompliment und Dein Erlebniss ist ja auch schon eine kleine Geschichte wert. Meine war nur so aus mir heraus gepurzelt. Werde mich weiter für Euch bemühen. Danke noch einmal.

Lieben Gruß Klaus

Monalie

hallo Klaus die geschichte hast du gut geschrieben,man gut das wir alle unsere Schwächen haben. Am Ende bleibt er auf der Strecke,schade ! So ist das Leben, lieben  Gruß Moni

Humorus

@Monalie
Hallo Moni, danke für Deinen Kommentar, aber wie Du schon selbst schreibst, so ist das Leben. Habe mir die Geschichte aber nur zusammen gebastelt.

Liebe Grüße Klaus

APet

Ach, das hätte ich ihm nicht gewünscht. 

Man bleibt da etwas sprachlos am Schluss. 

Die Geschichte ist schön und spannend geschrieben. 

Humorus

@APet  
Liebe Agathe danke, dass sie Dir gefallen hat, ist aber leider nur etwas von meinem schwarzen Humor. Ich denke der Fleischermann lebt irgendwo noch.

Lieben Gruß Klaus.

Arni

Mückenbarts Schicksal berührt mich tief. Denn - hol mich der Zahnartzt - solche Geschichten schreibt das Leben - oder HumorusLachen.


Herzliche Grüße aus München
Arni

Humorus

@Arni  

Hey Arnold ja so kann oder könnte es gehen. Aber diese kleine Geschichte ist etwas zusammen gebastelt und ich freue mich, dass ich Dir wieder gefallen habe.

Liebe Grüße aus Karlsruhe nach München

Roxanna

Toll geschriebene Geschichte, lieber Klaus. Das Schicksal oder wie immer man das nennen will,  ist manchmal verdammt ungerecht sage ich da nur. Er hätte besseres "verdient".

Herzlichen Gruß
Brigitte

Humorus

@Roxanna  

Liebe Brigitte ich freue mich dass Du als treue Leserin wieder vorbei geschaut hast und die Geschichte Dir gefallen hat. Aber ich denke Willibald lebt noch irgendwo mit seinen Zähnen, denn es waren alles nur Gedanken von mir.

Liebe Grüße Klaus

Willy

Mein lieber Mann, Pointe auf den Punkt gebracht und wie zu lesen liegen Freud und Leid ganz dicht nebeneinander.
Armer Willbald!
(Sehr gut strukterierte Story!)
LG
Sweder

Humorus

@Willy  

Hallo mein treuer Freund. Es freut mich immer, wenn Du vorbei schaust und Deine Meinung ehrt mich sehr. Bin ja nur ein Hobbyschreiber und ich schreibe immer einfach darauf los ohne praktische Erfahrung, wie man es schreibt. Dir alles Gute.

Liebe Grüße Klaus


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