Die Morgengabe
. . . . .[i]Stanzen o. Ottaverimen


Erkenntlichkeit durch eine Morgengabe
bezeugt der Mann ihr nach verbrachter Nacht,
wie sehr er sich im Nachhinein noch labe
an all dem Neuen, das er nie gemacht;
und erst die Dinge, die man vor sich habe,
sind überhaupt nicht einmal angedacht.
Am ersten Morgen ginge das als Sicht,
auf Dauer brauchte es wohl mehr an Licht.

Da stünde Morgengabe für das Hoffen,
das man beim Kennenlernen nur erahnt,
in Wahrheit fühlt man sich doch leicht betroffen –
es ist nicht abzusehn, was sich noch bahnt.
Denn Mögliches steht nie auf ewig offen,
zur Eile andrerseits sei nicht gemahnt …
Wie wahrt man also eigenes Gesicht,
und äußert andrerseits nicht den Verzicht?

Was wäre eine Gabe für den Morgen
an einem nahezu schon jeden Tag?
Was nähme unversehens alle Sorgen,
die Misslichkeiten, die man gar nicht mag?
Ihr wollt euch hier von mir Ideen borgen?
Ich ahne es: ihr nehmt mich in Beschlag …
So wisst – ich kenne ein Vergissmeinnicht
und widme der Erwählten ein Gedicht!

© elbwolf, Mai 2017
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Zur Abbildung:
Sie zeigt den Buchtitel einer Anthologie aus Ausgaben der Deutschen Buchgemeinschaft, erstmals verwendet Anfang der 1920/30er Jahre.
Als Bildbeigabe hätte ich mir eine der lächelnden Frauen von Brynolf Wennerberg gewünscht, aber zur Lizenzfreiheit fehlen da noch drei Jährchen – schade!

Ein paar Anmerkungen zur Gedichtform:
○ Die Stanze oder Oktave bzw. Ottaverime (von Ottava rima) gilt als die "Königin der Strophen" (s. J. V. Stummer, S. 84). Ursprünglich wurde sie von den Franzosen vor 1250 erfunden. Dann führte sie Boccaccio (1313-75) in Italien ein. In Deutschland fasste sie erst im 18. Jh. endgültig Fuß durch Goethe, Schiller und später die Romantiker.
○ Die Stanze umfasst 8 jambische Verszeilen mit einem deutlichen Einschnitt nach 6 Zeilen (Aufgesang) und einem abschließenden Verspaar (Abgesang). Im Aufgesang gibt es nur 2 Reimsilben, die miteinander wechseln; Der Abgesang ist ein Reimpaar mit einer eigenen Reimsilbe; damit hat man als Reimschema: abababcc. Die a-Verse müssen 11-Silber sein, als b- und/oder als c-Verse sind auch 10-Silber zulässig.
○ An seiner allerersten Stanze schreibt man wohl einen ganzen Tag – mir hatte das seinerzeit nur knapp gereicht. Trotz der erforderlichen Planung der Reime erscheint einem später die Stanze eher als zu leicht, so dass man sich freiwillig Erschwernisse auferlegen kann. Ein früheres Beispiel verwendet in beiden Strophen die gleichen b- und c-Reimsilben. Das obige Beispiel verwendet in allen Strophen die gleiche c-Reimsilbe, und diese Abgesänge formen gleichsam das erzählerische Fortschreiten der Handlung im Gedicht. Man versuche einmal, die drei Verspaare der Abgesänge hintereinander zu lesen!
Anm.: Zur rhythmischen Verstärkung habe ich am 16.5. zwei Verse leicht verändert.
○ Es wäre schön, wenn nach Sonett, Dezime und Kanzone auch diese Gedichtform in der Poesie-Abteilung unseres ST ihre Anhänger fände und sich einbürgerte. Viel Erfolg!

Kommentare (1)

elbwolf
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Werte dichtende Kolleg/inn/enschaft! elbwolf -
Wieder einmal ergreife ich das Wort zu einem Kommentar darüber, dass bisher niemand hier kommentiert hat – was ja zumindest alle früheren Widersacher natürlich freuen dürfte. Aber:

Eine Stanze muss man natürlich erst einmal verinnerlichen! Sie selbst ist als Gedichtform eine Weiterentwicklung der Siziliane, die die einfachere Struktur "abababab" hat. Aber die frühen Poeten hatten schnell bemerkt, dass solche Gedichte einstrophig gerieten, weil sie ihr Pulver nach einer Strophe so gründlich verschossen hatten, dass sie keinen Schwung für eine weitere Strophe fanden. Deshalb die Stanzen-Struktur "abababcc" – denn mit dem c-Reimpaar schafft man einen Übergang zu einem neuen Anlauf und damit zu einer weiteren Strophe. Auch zwei Stanzen bilden schon ein vollständiges Gedicht. Und was man in drei Stanzen-Strophen hineinlegen kann, habe ich hier oben selber gezeigt.

Werte Poet/esse/n! Ich bin - wie immer und entgegen allen Vorurteilen über mich - gern bereit, denen Unterstützung zu geben, die einen Versuch wagen möchten. Das habe ich schon seit den Zeiten angeboten, als ich hier die Sonette vorgestellt hatte. Da war unsere Poetessa @2.Rosmarie dabei, die ihr Gedicht "Eigenlob" eintrug, mit dem sie sich noch nie an die Öffentlichkeit getraut hätte, wie sie meinte. Und das war ... ein schönes und vollkommenes Sonett; es steht heute noch HIER in unserem ST.
Ich biete für Beratung und Kommunikation die folgende E-Mail-Adresse an:
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . .elbwolf.werkstatt-1@web.de
und wünschte, dass davon Gebrauch gemacht würde und es hier noch weitere Stanzen gäbe.
elbwolf, am 18.5.2017