Die schützende Hand


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Auf einem Feld bei Limburg in Hessen ist vor Tagen eine Fliegerbombe aus dem zweiten Weltkrieg explodiert, mit einem Verzögerungszünder. Das Ausmaß muss man anhand des Drohnenbilds erahnen. Das erinnert mich an meine Kindheit.

Einzelne Bomber flogen Nachtangriffe ohne dass Sirenen und Flak anschlugen. Wir konnten uns nur wundern, wie exakt einer die Bahnstrecke mit seiner Bombe getroffen hatte. In einer Vollmondnacht schreckten wir durch das Brummen eines Anderen aus dem Schlaf. Wir hörten über uns das pfeifende Heulen der Bomben und gleich darauf zwei erschütternde Explosionen. Für den Luftschutzkeller hätte es nicht mehr gereicht. Am Morgen sahen wir, dass eine der Bomben direkt neben dem Weiher eingeschlagen war, in dem ich Schwimmen gelernt hatte, die Andere im anschließenden Acker. Dann war da noch ein kleines Loch am Hang darüber, in das man leicht hinein konnte, im Gegensatz zu den Riesen-Kratern, und ein leerer Kerosin-Tank. Wir Kinder sammelten wie üblich Splitter als Trophäen ein und überlegten, wie wir das mit dem Weiher wieder hinkriegen würden. Drei Tage darauf hörten wir von der anderen Talseite und weier oben her eine gewaltige Detonation und sahen den Rauchpils am Weiher aufsteigen. Eine Bombe mit Verzögerungszünder, die aber zum Glück kein Menschenleben forderte.

Damals, als ein Kind mit 9 und keineswegs religiös, überlegte ich schon, dass da wohl eine schützende Hand über mir war. Das Gleichnis begleitete mich durch mein ganzes Leben.

 


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Kommentare (4)

Willy

Erlebte Tieffliegerangriffe auf Flüchtlingszüge und Bobenterror meine älteren Geschwister haben das alles bewusst miterleben müssen.
Ich glaube nicht an schützende Hände - man hatte einfach Glück und andere eben leider Pech.
Wer bin ich denn, dass Gott die schützende Hand über mich hält, aber andere elendig verrecken lässt.
W.

Manfred36

Ich gaube nicht, dass Glück mit Lohn und Verdienst zusammenhängt, umso mehr bin ich dafür dankbar; wem? Der Krieg war nicht das Traumatischste in meinem Leben, sondern das Gefühl, dass mir in meiner autistischen Ecke immer wieder etwas zugut kam, was "mir eigentlich doch gar nicht zustand". Weil du es aber den Kriegsschatten angeschnitten hast: Mein Freund Werner, mit dem ich schon früh Rad-Fahrten unternahm, Mutter fromme Zeugin Jehovas, Vater im Krieg misteriös umgekommen, spielte mit einer Handgranate, die ihn zerfetzte. Selbst da habe ich nicht nach "Gott"  oder Gut und Böse gefragt. Aber als "so ist es einfach" nahm und nehme ich es auch nicht hin.

APet

Das, was du schreibst, ist zutiefst erschütternd. 
So etwas muss einem ein Leben lang begleiten 
und immer wieder auftauchen. 
Vor allem dann, wenn von Kriegen berichtet wird.
Und das ist ja beinahe Alltag, aber wie uns scheint, soo weit weg.
Oder doch nicht?

Lieben Gruss, Agathe 
 

Manfred36

Ich habe bewusst versucht, die Krieg-Impressionen aus meinem Beitrag rauszuhalten, obwohl sie wohl ja auch Erinnerungsanteil sind. Ich fühle nicht mehr und nicht weniger als dass "das Schicksal" mich in meinem Leben oft gut behandelt hat, und dass ich irgendwie dankbar dafür sein möchte. Mir ist das, was heute kriegerisch und mörderisch geschieht, gar nicht weit weg und ich leide darunter.


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