Das Buch habe ich zum ersten Mal als Studentin gelesen. Es hatte mir sehr gut gefallen, und als die Geschichte noch im Unterricht ausführlich besprochen wurde, hoffte ich den Inhalt gut verstanden zu haben. Erst nach vielen Jahren habe ich zufällig den Film, anhand des Buches gedreht,  in einer Videothek im Regal stehen sehen; es waren die Zeiten, wo jedermann einen Videorekorder zu Hause hatte, und man sah sich wenigstens einen guten Film jeden Abend an.
 
   Ich kannte den Inhalt ja; trotzdem sah ich mir den Film fast mit offenem Mund an. Am Ende geweint, wie sonst…
 
   Gestern habe ich mir den Film wiedermal bei YouTube nach weiteren vielen Jahren angesehen; ich stimme - jetzt - mit einem von den Kommentaren überein, dass das Buch viel besser war, als der Film. Meistens ist es so; wie viel von den interessanten Gedanken oder Äußerungen kann man schon in einem Film präsentieren. Ein Gerede würde keinen soo interessieren.
 
   Am meisten hat mir, wie auch früher, das Spiel von den zwei Haupthelden gefallen: Dem ziemlich steifen Herrn Ingenieur, der im Laufe der Tage zu einem hübschen und romantischen Manne wird, und das süße junge Mädchen, das sich wie ein Aschenputtel in eine Prinzessin - in eine interessante Frau verwandelt.
 
   Und die Szene im Restaurant in Paris ist nach wie vor meine beliebteste. Sie haben da etwas gegessen, glücklich, weil nach einer kurzen Trennung wieder zusammen – und da erinnert sich der Ingenieur in dem verliebten Mann, dass er ja eine Konferenz vor hat. Die junge Dame will nicht zeigen, wie betroffen sie sich damit fühlt, dass er nun weggeht. Sie zündet sich eine Zigarette an, als ob sie sich selbst davon überzeugen müsste: Du bist ja erwachsen, darfst nicht kindisch weinen… Ganz traurig sitzt sie allein am Restauranttisch, nicht bewusst, dass er sie kurz durch das Fenster beobachtet hat. Sie schaut nach unten, denn die Tränchen die brennen unter den Augenlidern. Und plötzlich ahnt sie, dass sich jemand neben ihr setzt – und sie weiß schon alles…
 
   Zu Ende sehe ich aber den Film nicht mehr. Diese Liebe ist so schön dargestellt; ich möchte gerne vergessen, wie die Geschichte dann endet.
 
 
(Max Frisch: Homo Faber)
 
 


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Kommentare (8)

Manfred36


An das Buch von Max Frisch erinnere ich mich nur schattenhaft, und den Film habe ich nicht gesehen. Es ist schon so, dass man beim Lesen sich selbst die Bilder aufbaut und in der Verfilmung dann manches oberflächlich erscheint, andererseits aber auch als Alternative. Die meisten Beziehungs-Filme leben halt aus  pointierten Einzelszenen, die durchaus gut gespielt sein können, wie offenbar in diesem Fall auch. Ich hätte ein Leben wie Faber nicht verkraftet.
 

Christine62laechel

@Manfred36  

Ich glaube, da wollte Max Frisch den Ingenieur Faber als eine besonders gleichgültige und kalte Person darstellen, deswegen eine solche Menge von Unglücksfällen, die keinen Eindruck auf ihn machten, und von Affairen mit Frauen, die endeten, bevor etwas richtig angefangen hatte. Warum war aber der Mann so, wie er war? Es musste wohl eine - oder mehrere - Ursachen gegeben haben, wieso er sich in nichts emotional engagieren wollte.
Und dann Mal versucht... Womit konnte er sich eine solche Strafe verdient haben, mein Gott.

Rosi65

Liebe Christine,

bin echt begeistert! Da ich dieses wundervolle Buch erst kürzlich gelesen habe, wußte ich natürlich sofort worum es geht.Daumen hoch

Am meisten hat mich daran allerdings die super geschilderte Persönlichkeitswandlung des Walter Faber`s fasziniert.Sein fest zementiertes und rationales Weltbild bricht plötzlich, dank der Liebe eines jungen Mädchens, wie ein Kartenhaus in sich zusammen.

Den Film kenne ich allerdings nicht. Von den Verfilmungen guter Bücher war ich oft ziemlich entäuscht.
 
Bis auf zwei Ausnahmen: 1.) Die Asche meiner Mutter / Frank McCourt
                                               Regie: Axel Pleuser
                                          2.) Shining / Stephen King / Hauptrolle als Bösewicht:Jack Nicholson
                                               Regie: Stanley Kubrick

Herzliche Grüße
 Rosi65

Christine62laechel

@Rosi65  

Ja, liebe Rosi, viele Verfilmungen enttäuschen, weil wir uns beim Lesen die ganze Gesichte ganz anders vorgestellt hatten: Andere Menschen, andere Räume, andere Stimmen manchmal sogar. :) Oder aber: Eine Verfilmung kann einfach nicht sehr gut sein.

Mit lieben Grüßen
Christine

Roxanna

Ist es nicht schön, liebe Christine, dass es Bücher/Filme gibt, die einen so bewegen und sogar ein Stück auf dem Lebensweg begleiten. Was wären wir ohne Literatur und Musik, die ich auch für sehr wichtig halte. Ich stimme dir zu, dass die Bücher meistens besser sind. Oft wird zugunsten der Spannung im Film auch die Handlung etwas oder manchmal sogar stark verändert.

Danke für deine Erzählung, die ich gerne und mitfühlend gelesen habe.

Herzlichen Gruß
Brigitte

Manfred36

@Roxanna

Du hast Recht, Brigitte. Auch ich hatte eine Zeit, in der mich Bücher, Filme und Musik bewegt haben. Die Reste an Büchern und CDs stehen im großen Haus noch um mich herum und ich greife nur selten hin. Mich passiv und durchgehend auf etwas Ganzheitliches einzulassen, schaffe ich nicht mehr. Lieber klopfe ich, wie heute, selbst auf dem Piano herum.
b.G. Manfred
 

Roxanna

@Manfred36  

Wenn ich mir deine Blogs anschaue, gibt es aber sehr viele Themen, mit denen du dich beschäftigst, lieber Manfred. Geht das nicht in die gleiche Richtung?

Herzlichen Gruß
Brigitte

Christine62laechel

@Roxanna  

Liebe Brigitte,

ja, Du hast absolut Recht, was wären wir ohne einfach - Kultur? Was die Bücher und Filme anbetrifft, da geben sie den Lesern oder Zuschauern so viele Möglichkeiten: Ein eigenes Leben mit dem fiktiven vergleichen, eventuell es zu verändern versuchen. Trost finden, wenn mal mit Sorgen belastet. Einfach ein wenig klüger werden. :) Bücher sind, wie man manchmal sagt, unsere besten Freunde.

Mit lieben Grüßen
Christine
 


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