Die Teufelsnadel
 
Eine Stimme rief seinen Namen: „Gerold“. Gerold erhob sich und schüttelte die Grashalme aus den Beinkleidern. Dann trabte er zum Tor des Schlosses, wo ihn sein Herr aufgebracht erwartete. „Du verdammter Nichtstuer, wo hast du dich wieder herumgetrieben? Habe ich dir nicht aufgetragen, das Lederzeug meines Pferdes einzuwichsen? Wo zum Teufel hast du es hingeschmissen?“ Er zog seine Peitsche aus dem Stiefelschaft und wollte Gerold den Riemen über den Kopf sausen lassen. Aber Gerold duckte sich blitzartig, weil er es bereits erwartet hatte. Der Hieb fuhr über sein zerschlissenes Wams am Rücken und war kaum spürbar. Schnell sprang er zur Seite und rief: „Nicht schlagen, Herr. Das Lederzeug hängt, wie ihr es mir befohlen habt, neben dem Brunnen auf der Stange. Und es ist vorzüglich vom Schweiss des Pferdes gewaschen und eingewichst. Ihr wisst doch, Herr, dass ich es nicht wagen würde, euren Befehl zu missachten.“
                Kuno, der Gebieter beruhigte sich. Gerold wusste aus Erfahrung, dass er nach seinem Mittagsschlaf noch bärbeissiger war als sonst schon. Kuno wickelte sich den Lederriemen der Peitsche ein paarmal über Hand und Ellenbogen und steckte ihn dann zusammen mit dem Schaft wieder zurück in den Stiefel. Dann schritt er gemächlich zum Ziehbrunnen und begutachtete Gerolds Arbeit. Langsam verflog der böse Ausdruck aus seinem Gesicht. Es konnte ihm nicht entgangen sein, dass der Knecht das Lederzeug mit Spucke und Speckschwarten gut eingerieben und danach mit alten Lappen auf Hochglanz poliert hatte. Natürlich konnte er, nachdem er ihn grundlos zusammengestaucht hatte, nicht etwa zu erkennen geben, Gerold hätte gute Arbeit geleistet. Schliesslich war er ja der Herr und Gerold nur ein geduldeter, stinkender Niemand, wie man sie sich dutzendweise im Schloss halten konnte. Deshalb gab er dem Sattel einen überflüssigen Tritt mit dem Stiefel, dass das Leder einen Ton von sich gab, das an das Grunzen eines Frischlings erinnerte. Dann aber raunzte er Gerold über die Schulter zu: „Versorg das Zeug in der Remise, du Affe!“ Dann zog er mit langen Schritten davon und verschwand über die Treppe im Schloss.
 
Vor dem Schloss, am Hang quasi angeklebt, waren Ställe und die Hütten der Bediensteten der Schlossherren. Hier wohnte auch Gerold mit seiner Frau Kathrin und seinen zwei Kindern. In einiger Distanz lagen um das Schloss ein paar Höfe, die von Leibeigenen bewirtschaftet wurden. In guten Jahren gaben die Äcker genug Nahrung ab um die Bauern selbst zu ernähren und ihren Zehntel ins Schloss zu bringen. In diesem Jahre aber, von dem hier die Rede ist, war seit Jänner kaum ein Tropfen Regen gefallen. Was die Bauern auch aussähten, es kam gar nicht erst zum Keimen. Nur gerade die Gärten, die sich die Frauen rings ums Haus hielten, konnten bewässert werden, da auch die Brunnen langsam austrockneten. Der Bach, der vom Berg herunter durch Göskon lief und in die Aare mündete, war bereits ausgetrocknet, die letzten Krebse hatten sich im Schlamm eingewühlt und wurden von den Bauern eingefangen, damit sie nicht nutzlos krepieren mussten. Sie durften sie jedoch nicht selber verspeisen, denn die Schlossherren hatten das alleinige Recht darauf. Und wehe, ein Untertan wurde dabei erwischt, dass er sich einen Krebs zu Gemüte führte. Kuno drohte jedem, ihm eigenhändig einen Finger der rechten Hand abzuschlagen als Strafe.
                Natürlich war es nicht nur hier so trocken. Nein, im ganzen Land und sogar bis weit über die Grenzen hinaus litten die Menschen unter einer bitteren Hungersnot. Viele in den umliegenden Ländern wanderten aus. Die meisten in die Berge, wo die Gletscher die Bäche noch einigermassen mit Wasser füllen konnten. Dieses aber wurde bereits für das Bewässern der kargen Bergäckerlein verwendet, bevor es in die breiteren Flüsse gelangen und auch die einst so fruchtbaren Täler des Mittellandes mit ihrem kostbaren Nass befruchten konnte. Die Aare war nur noch ein schmales Rinnsal. Die Fische sammelten sich in den wenigen tiefen Stellen und konnten bereits von Hand gefangen werden. Einige Handwerksleute aus dem Lande Bayern kamen auf der Suche nach Arbeit und Essen bis in die Gegend, wo sie sich erschöpft nieder liessen. Klar, dass sie auch hier in der Gegend von niemandem zu essen bekamen. So waren sie denn tagelang nackt in der Aare auf Jagd nach Fischen. Und sie waren so erfolgreich darin, dass sie noch genug ins Schloss bringen konnten. Zwar ärgerte sich Kuno masslos über die „Payerbrut“, wie er die Neuankömmlinge nannte. Da sie ihm jedoch nicht zur Last fielen, und weil er sich dachte, er könnte die guten Handwerksleute nach Abklingen der Hungersnot gut gebrauchen, liess er sie gewähren, als sie zu äusserst am Dorfrand ihre primitiven Schilfhütten aufbauten und sich ansässig machten.
                Der Göskoner hatte seine Goldstücke aus dem Versteck genommen und vier Boten zu Pferde bis hinab in die Nähe des Meeres gesandt, die ihm und seinen Untertanen das nötigste an Esswaren besorgen sollten. Er hatte ihnen eingeschärft, immer in der Gruppe zu bleiben und ja keine Einzelaktionen veranstalten zu wollen. Denn überall wimmelte es von Hungrigen, die sich als Räuber und Wegelagerer ihr und das Leben ihrer Familien sicherten. Falls sie mehr Nahrung auftreiben könnten, sagte er ihnen, als sie zu Pferd transportieren könnten, sollten sie einen Kahn kaufen und die Waren auf dem Rhein und der Aare bis nach Göskon schiffen. Die Pferde aber sollten sie zu einem guten Preis verkaufen und den Erlös für die Anschaffung des Schiffes verwenden.
                Natürlich konnte dieser Ausritt nicht verborgen bleiben. Die Köchin des Göskoners erzählte es dem Bauernfraueli, das die Milch ins Schloss brachte und dafür Mehl erhielt. Das Bauernfraueli erzählte es seinem Mann; dieser gab das Gehörte dem Wagner weiter, der es auf der Stör in Olten einem Ritter weitergab. Und dieser schliesslich überbrachte die Neuigkeit auf einem Ritt Kuno, dem Schlossherrn, als er einen Anstandsbesuch bei ihm machte.
                Diese Nachricht bereitete Kuno schlaflose Nächte. Natürlich hätte auch er die nötigen Goldstücke gehabt, damit er Waren im Ausland hätte beschaffen können. Aber diese Lösung wäre ihm wohl nur in äusserster Lebensnot eingefallen. Nein, sein Trachten ging schon bald in die Richtung, wie er dem verhassten Göskoner die eingeschifften Waren abspenstig machen könnte. Als er die Lösung gefunden zu haben glaubte, rief er Gerold, den Schmied Jufli und seine Kollegen, die Stallburschen Bernhard, Karel und Friederich in das Schloss, was eine absolute Seltenheit war, denn Kuno schaute sonst mit eiserner Härte darauf, dass das Niedere Gesinde keinen Fuss über die Schlosstreppe machen durfte. Kuno sass auf seiner Stabelle am riesigen Eichentisch und stierte sie an. „Ihr wisst ja alle“, fing er seine Rede an,“ dass wir alle am Hungertuch nagen.“ Dann machte er eine Kunstpause, was Gerold Gelegenheit gab, in seinem Kopf den Gedanken hochkommen zu lassen, dass er nur wusste, wie das ganze Schloss und die Bauern jeden Abend mit knurrenden Mägen in die Strohsäcke krochen. Aber bei ihrem Herrn Kuno sah man noch keine einzige Rippe am Leib hervortreten. “Und ihr wisst ja alle auch“, fuhr Kuno fort, „dass mir der Göskoner noch eine Menge Geld schuldig ist“. Wieder machte er eine Pause und schaute mit seinen stechenden Augen allen lauernd ins Gesicht, ob sie wohl wüssten, dass die Wahrheit doch eher andersherum war, nämlich, dass Kuno für ein Ross, das er dem Göskoner vor einem Jahr abgekauft hatte, noch immer den Kaufpreis schuldig war. Dies wusste ja im Umkreis von ein paar Meilen jedes Kind, denn solche Nachrichten verbreiteten sich wie ein Lauffeuer auf dem Oltner Märit. Kuno fuhr fort: „So ist es denn nicht mehr als recht, wenn ich versuche, mein Guthaben mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln einzutreiben. Also, wie ich gehört habe, hat der Göskoner ein Schiff auf der Aare gen Göskon schwimmen, das vollbeladen ist mit Esswaren, die ja auch wir dringend nötig haben. Nun geht mein Plan dahin, dass zwei von euch in Aarau auf die Anfahrt des Nachens lauern. Die zwei Abgesandten können sich jeder ein schnelles Ross aussuchen. Sobald das Schiff auftaucht, reitet der eine von euch im Blitztempo zu mir auf die Burg um zu rapportieren, wieviele Mann Besatzung es hat und wann es vor der Göskoner Burg eintreffen wird. Der andere aber reitet unauffällig auf der Höhe des Schiffes mit, damit er mir berichten kann, falls die Ware an einem anderen Ort abgeladen werden sollte. In der Zwischenzeit mache ich mit den anderen von euch einen Plan, wie wir dem Göskoner die Ware am besten abluchsen können. Also, wer von euch meldet sich freiwillig für den Ritt?“
                Alle starrten auf ihre Fussspitzen und sagten kein Wort. „Das habe ich mir doch gedacht, dass ihr alles Feiglinge seid,“ brüllte Kuno plötzlich los, dass sie alle erschrocken davon rennen wollten. Aber Kuno hatte vorgesorgt. Die Türe war verriegelt, ein Ausreissen also unmöglich. „Hiergeblieben,“ schnarrte Kuno schon ein wenig leiser. „So soll denn halt das Los entscheiden. Ich habe in weiser Voraussicht bereits ein paar Knebeli gebrochen. Kommt her; wer die zwei Kürzeren zieht, macht sich unverzüglich daran, die Rosse zu satteln und mit dem nötigen Proviant für vier Tage zu beladen. Kommt also her!“
                Einer um den anderen traten wortlos zu Kuno hin und zogen aus seiner Hand ein Knebelchen. Auf Kommando hielt jeder das gezogene in die Höhe. Es hatte Gerold und den Schmied Jufli erwischt! „So geht denn in des Teufels Namen und macht eure Sache gut. Und dass ihr nicht etwa auf den Gedanken kommt, abzuhauen. Denn ihr wisst ja: eure Familien hätten es ansonsten auszufressen!“ Sein schallendes Gelächter machte ihnen deutlich, dass er nicht zögern würde, zwei unschuldige Familien einfach so aus einer Laune heraus in den Kerker zu werfen oder gar draussen an der Burgmauer aufzuhängen als abschreckendes Beispiel. „Und sagt zu keinem Menschen, wohin ich euch geschickt habe, nicht einmal euren Frauen!“, waren Kunos letzte Worte zu diesem Thema. Dann machte er eine herrische Handbewegung und deutete nach draussen.
                So ging Kuno denn zu seiner Frau und erklärten ihr, was sie sich unterwegs hatten einfallen lassen: Sie seien von Kuno ausgesandt worden, Nahrung zu beschaffen, was ja auch einigermassen der Wahrheit entsprach. Dann sattelten sie die Rosse, schickten die Magd Lisi in die Küche, sie solle ihnen für vier Tage Proviant holen. Offenbar hatte Kuno dort bereits Bescheid gesagt, denn Lisi kam mit zwei Leinensäcklein, in denen ein paar steinharte Brote und für jeden fünf Moorrüben lagen. Das war zwar nicht gerade ein lukullisches Essen, was Lisi da aufgetrieben hatte. In Anbetracht dessen aber, dass zu dieser Zeit wohl nicht viel Besseres im Vorratsraum lag, zurrten sie die Säcke an die Sättel, behändigten die Speere und machten sich auf den Weg.
                In leichtem Trab erreichten sie noch vor dem Abend Aarau, wo sie sich in der Nähe der Schifflände auf der Wiese lagerten. Zwar waren in der Nähe einige Herbergen. Da sie aber nur einige abgegriffenen Geldstücke zu eigen hatten, war die Auswahl schnell getroffen. Sie konnten nur hoffen, die Sommernächte würden nicht zu kühl und es würde nicht etwa zu regnen anfangen. Diese Hoffnung aber war recht zwiespältig, denn andererseits war Regen genau das, was sich das ganze Land seit Monaten erhoffte und vom Himmel erbat.
 
Das Lagern der neu dazu Gekommenen konnte natürlich nicht unbemerkt bleiben. Immer wieder kamen Männer aus der Stadt oder solche, die mit den Schiffen zu tun hatten, zu ihnen auf einen Schwatz, und natürlich auch um sie auszuhorchen. Aber sie hatten sich die Ausrede zurechtgelegt, sie müssten hier auf ihren Herrn warten, der mit einem Schiff vom Meer her kommen werde.
                Der Schiffsverkehr auf der Aare war des niedrigen Wasserstandes wegen recht gering. Und zumeist waren es Holzlieferungen oder Holzkohle, die da mühselig die Aare hoch oder herab gestachelt wurden. Endlich am dritten Tage ihres Wartens aber kam ein Kahn, der mit Plachen zugedeckt war. Hier musste sich, so mutmassten sie, ganz besonders kostbare Ware darunter befinden. Vier Schiffer mit breitrandigen Hüten, aber sonst nur mit Hüfttüchern bekleidet, stachelten den Kahn mit ihren langen Stangen gemächlich ans Ufer und begannen es an den eingerammten Pfählen zu vertäuen. Man hatte verabredet, dass Jufli bei den Rossen bleiben würde, die an langen Leinen angebunden am Aarebord das spärliche Lischengras abweideten. Gerold aber schlenderte, als wäre er auf einem Spaziergang, auf die Männer zu und begann, die Schiffer nach dem Woher und Wohin auszufragen. Zuerst wollte keiner mit einem Wort herausrücken und sie taten, als ob sie kein Wort seiner Sprache verstehen würden. Als Gerold ihnen aber den mit frischem Wasser gefüllten Ledereimer zum trinken hinhielt, nahmen sie diesen dankend an und tranken ihn abwechselnd leer. Die Zungen waren gelöst. Sie hätten Waren, die sie nicht näher bezeichnen möchten, nach Göskon zu schiffen, sagten sie. Gerold fragte noch so nebenbei, ob sie denn noch heute weiterfahren wollten. Sie schauten einander an und einer sagte, nein, hierfür wäre es ja zu spät. Sie würden sichs auf dem Kahn bequem machen und mal wieder eine Nacht lang abwechselnd schlafen. Unterwegs hätten sie ja immer auf Wegelagerer aufpassen müssen, was sie kaum zum schlafen ermuntert habe. Hier an diesem belebten Ort aber wäre wohl mit einem Raubzug nicht unmittelbar zu rechnen, weshalb es genüge, wenn sich jeweils einer von ihnen wachhielte. Gerold wünschte ihnen noch eine angenehme Nachtruhe und ging mit dem Eimer in der Hand gemächlich zu Jufli. Sie verabredeten, Gerold solle sofort nach Anbruch der Nacht im Galopp heim zu reiten. Jufli aber werde sich an der Aare zur Ruhe legen und das Schiff beobachten.
                So setzte Gerold sich denn auf sein Ross und ritt heim zu. Zuerst ritt er nur langsam. Als er aber die Stadt nicht mehr sah, gab er dem Ross die Sporen und preschte heim zu, wo er noch vor Mitternacht eintraf und Kuno, der sich bereits in seinem Bett befand, Bericht erstattete. Dieser sprang erregt hoch. „Gut!“ krächzte er. „Leg dich jetzt schlafen. Am Morgen, bevor der Hahn kräht, müssen wir uns aufmachen. Schlaf aber hier im Stall. Ich will dich nicht daheim holen lassen. Und es ist auch besser, wenn du nicht deiner Frau unter die Augen treten musst. Du könntest sonst vielleicht in Versuchung kommen, unser Vorhaben zu verraten!“
                Wenn Kuno nun anfänglich gemeint hatte, zu Fünft könne man ein Schiff überfallen, musste er wohl oder übel seine Meinung ändern. Denn als er hörte, es seien vier wehrhafte Schiffer auf dem erwarteten Kahn, machte er ein bedenkliches Gesicht. Klar wäre es besser gewesen, die Mitwisser auf eine möglichst kleine Anzahl zu beschränken. Gerold hatte ihm auch gesagt, die vier Schiffer seien offenbar immer bestens auf der Hut, was ja die Aussage des einen bestätigte, der sagte, sie seien auch nachts immer auf Wache. Und schliesslich war es ja unmöglich, einen Überfall auf dem Wasser unbemerkt zu starten. Gerold war gespannt, was sich Kuno einfallen lassen wollte. Am liebsten wäre es ihm gewesen, wenn man auf die Sache verzichtet hätte. Dies war aber leider nicht der Fall. Denn gleich nachdem er sich entfernt hatte, rief Kuno auch noch den Knecht aus dem Keller, den Burschen, der die Aufgabe hatte, die Einkäufe auf dem Markt zu tätigen und den Wagner Eduard zu sich, die er in die Sache einweihte. Auch sie waren natürlich alles andere denn begeistert über die Aussicht, in Händel verwickelt zu werden. Aber Kuno schwatzte ihnen ein, es sei überhaupt keine Gefahr zu befürchten, denn sein Plan lasse den Überfall ganz ohne Blut zu vergiessen bewerkstelligen. Wenn das nur gut geht, dachte sich wohl jeder insgeheim.
                Früh in der Nacht war auch noch Jufli eingetroffen und berichtete, der Kahn werde, nicht wie gestern bereits vernommen, im Laufe des späten Morgens seinen Lagerplatz in Aarau verlassen, sondern, weil die Schiffer Angst bekommen hätten, dass gestern ein Spion sie habe aushorchen wollen, und weil ja Vollmond sei, bereits kurz nach Mitternacht starten. Es hiess also keine Zeit mehr verlieren. Auch Gerold wurde eiligst wieder geweckt, kaum dass er seine Füsse im Stroh ausgestreckt hatte. Die anderen waren bereits angezogen und die Rosse, soweit Sättel vorhanden, gesattelt. Für jeden stand auch noch ein Packpferd bereit. Aufgeregt schwirrte alles durcheinander. Kein gutes Vorzeichen, dachte Gerold grimmig. Wie sollte ein solch kriegsungewohntes Häuflein zusammengewürfelter Knechte, Wagner und anderer Zeitgenossen es fertigbringen, einen kriegsmässigen Überfall auf eine Händel gewohnte Schiffsbesatzung zu gewinnen?
                Aber Gerold musste dann doch über Kuno staunen. Denn als sie hinter ihm zur Aare galoppiert waren und an der Furt zwischen Schönenwerd und Göskon anlangten, sahen sie durch die dichten Nebelschwaden im seichten Wasser eine Menge Treibholz, Wurzelstöcke, Äste, ganze Baumstämme quer über die Fahrrinne geschichtet. Kuno grinste über sein ganzes Banditengesicht. „Das habe ich, als ihr noch alle im Stroh gelegen habt, im Lichte des Vollmondes mit meinem Ross dahin geschleppt und mühsam aufeinander geschichtet,“ erzählte er mit meckerndem Lachen. Insgeheim musste Gerold ihn nun doch bewundern. Nicht umsonst war er als der stärkste Dreinhauer im Umkreis von fünfzig Meilen im Land herum bekannt und berüchtigt. Aber dass er nun einmal selber Hand an eine Arbeit legte, das war denn doch neu. Denn Gerold hatte ihn noch nie einen Handstreich selber ausführen oder schmutzige Hände kriegen sehen. Für das hatte er schliesslich seine Knechte.
                Kuno hiess sie nun, die Rosse im hohen Schilf anzubinden und sich dann selber darin zu verstecken. Gerold schickte er eine Meile die Aare hinunter. Er solle dort auf der Wiese hinter dem Schilfgürtel einen Haufen dürrer Äste und Flechten zusammensuchen und aufschichten. Und sobald der Kahn ihn passiert habe, solle er das Zeug anzünden.
                Gerold entfernte sich auf dem Bollenufer so schnell er von einem Stein zum anderen springen konnte, wobei ihm Nebelschwaden seinen Bart in ein glitzerndes Kunstwerk verwandelten, und tat dann wie geheissen. Kaum hatte er den Haufen beisammen, sah er im Rank vor sich den Kahn aus dem Nebel auftauchen. Ruhig stachelten die Schiffer ihn Meter um Meter die Fahrrinne entlang in Gerolds Richtung. Als sie vorbei waren, zündete dieser die Flechten an, welche mit kleinen, blauen Flämmchen zu züngeln begannen und dann auf das dürre Holz übergriffen. Gerold versteckte sich im Schilf und schaute dem sich entfernenden Kahn nach, der mit sanftem Schwingen bei jedem Stoss der Stachel kleiner wurde und dann seinem Blickfeld entschwand. Dann kämpfte er sich wieder durch das Schilf nach oben zur Wiese. Hier war der Nebel bereits so licht, dass er mindestens eine Meile weit sehen konnte. Eilends machte er sich zum Lagerplatz seiner Leute, die den Rauch und das Feuer bereits gesichtet hatten und nun aufgeregt der Dinge harrten, die da kommen sollten. Offenbar hatte Kuno in Gerolds Abwesenheit die Mannen weiter instruiert. Sie kauerten in zwei Kolonnen im kleinen Durchgang zum Wasser, den sie ins Schilf getrampelt hatten. Jeder hatte seine Waffe umklammert, um den Leib ein Hanfseil gewickelt und wartete auf das Kommando, loszulaufen. Sie mussten nicht mehr lange warten. Die Schiffer unterhielten sich des Rauschens des Wassers wegen sehr laut, so dass sie sie bereits hörten, als sie noch über hundert Schritte vor ihnen lagen. „Achtung,“ raunte Kuno, „nun werden sie gleich in die Biegung fahren und den Holzstapel sehen!“ Und so war es denn auch. Zwar war da noch ein kleiner Nebelfetzen über dem Wasser, der den Kahn für einen Moment lang verschwinden liess. Dann aber war plötzlich ein Fluchen aus vier Männerkehlen zu hören. Dann ein Knirschen, als sie den Kahn in das Kies fuhren. Man sah durch das Schilf, wie sie ihn mit „hohruck-hohruck“ so weit auf die Steine zogen, bis er ihnen nicht mehr davon schwimmen konnte. Dann gingen sie gemächlichen Schrittes zum aufgestapelten Holz. Einen Augenblick standen sie da und berieten sich. Offenbar kamen sie zum Schluss, der Fluss selber habe den Haufen hier angeschwemmt. Dann spuckten alle vier in die Hände und begannen, Stück um Stück des Holzes abzutragen und auf die Kiesel zu werfen. Diesen Moment hatte Kuno abgewartet. „Auf sie!“ raunte er. Sie spurteten auf die Männer los. Diese standen wie erstarrt, als sie eine Horde Wilder aus dem Dunkeln auf sich zu rennen sahen. Einer ergriff zwar noch einen langen Prügel, mit dem er die Angreifenden abwehren wollte. Aber diese waren ihnen zahlenmässig und in der Bewaffnung so überlegen, dass sie bald jeden Widerstand aufgaben und ihre Hände über den Kopf hielten. Schnell fesselten sie einem um dem anderen die Hände auf dem Rücken und führten sie ins Schilf, wo Kuno ihnen befahl, sich hinzulegen. Falls sie seinen Anweisungen Folge leisten würden, sagte er drohend, würde ihnen weiter nichts geschehen. Dann ging man ans Ausladen der Nahrungsmittel, welche man den Packpferden auf die Gestelle luden. Der Waren waren aber so viele, dass sie unmöglich alles aufladen konnten. So schleppten sie den Rest des Essbaren höher in das Schilf und bedeckten alles mit diesem. Was nicht essbar war, liessen sie im Kahn. Dann befahl Kuno ihnen, mit dem Rest der Seile und den Rossen das Schiff in den Auslauf eines Baches zu ziehen, welcher keinen Tropf Wasser führte, und es ebenfalls mit Schilf zu decken. Den Schiffern stopften sie nun noch je einen Knebel in den Mund und befestigten diesen mit einem Strick um den Kopf. Dann befahl Kuno ihnen, sich die Beine so übereinander zu legen, dass sie sie zu einem Paket verschnüren konnten. Er versprach ihnen, nachdem alle Waren abtransportiert seien, würde er sie persönlich wieder aus ihrer misslichen Lage befreien. Jeder der Reiter lud sich selber noch zwei Säcke auf sein Ross. Dann brachen sie auf.
                Auf Schleichwegen ritten sie der Burg zu. Schnell luden sie die Waren im Hof ab. Die Mägde verstauten sie in den Vorratskammern. Kuno verbot ihnen bei ihrem Leben, auch nur ein Wörtchen nach draussen sickern zu lassen. Dann ritten sie im Galopp wieder der Aare zu und luden den Rest der Esswaren noch auf die Rosse. Der Nebel hatte sich wieder verdichtet. Er füllte das ganze Flussbett und die angrenzenden Wiesen und Äcker mit seinen grauen Fangarmen. Während sie in aller Eile beluden, sagte Kuno, er werde nun eigenhändig die Schiffer von ihren Fesseln befreien und ihnen befehlen, sich die nächsten paar Stunden nicht vom Fleck zu rühren. Als er zurückkam, hatte er ein infames Grinsen auf seinen wulstigen Lippen, die Augen waren zu zwei schmalen Schlitzen zusammengekniffen. „So, jetzt habe ich sie von ihrem Leiden erlöst“, kam es meckernd aus seinem mit braunen Zahnstoffeln bestückten Mund. Dann gab er das Zeichen zum Aufbruch.
 
Gerold hatte keine Ruhe mehr. Kunos letzte Worte gingen nicht aus seinem Schädel. Was hatte er nur gemeint damit, als er von „Leiden erlöst“ sprach? Und dann kam ihm noch der Gedanke, was würde passieren, wenn die vier Schiffer nach der befohlenen Wartezeit ihre Meldung auf der Göskoner Burg machen würden? Die Männer konnten das Aussehen der Räuber doch bestens beschreiben, hatten sie sie doch ausgiebig betrachten können, während sie die Waren umluden. Und Jufli und Gerold hatten sie ja bereits in Aarau gesehen, den Jufli zwar weniger als Gerold, welcher sich ja mit ihnen unterhalten hatte!
                Gerold ging nach Hause und legte sich wortlos auf das Stroh. Seine Frau Kathrin schaute ihn aus merkwürdig fragenden Augen an. „Du hast doch etwas auf dem Herzen?“ fragte sie plötzlich. Die Kinder spielten draussen Ritter und Räuber. Gerold war noch nie ein guter Lügner, deshalb hielt er Kathrins fragende Augen nicht lange aus. Stockend erzählte er ihr die Geschichte, die sie eben erlebt hatten, ausführlich. Kathrin schlug entsetzt die Hände über ihrem Kopf zusammen. „Da stimmt doch etwas nicht in dieser Geschichte!“ flüsterte sie. „Du musst heute Nacht unbedingt zum Fluss, um dich zu überzeugen, dass Kuno die Männer tatsächlich losgebunden hat“. „Aber er hat ja die Stricke nachher auf sein Ross gebunden, allerdings nicht alle. Die Beine habe er den Männern nicht losgebunden, sagte Kuno zu uns, damit sie nicht gleich los rennen könnten“, erwiderte Gerold zaghaft. Kathrin schüttelte ihren Kopf. „Da stimmt trotzdem etwas nicht. Du musst unbedingt nachschauen. Sonst gehe ich selber,“ fügte sie noch fast drohend bei.
 
So machte Gerold sich nach Einbruch der Dunkelheit also zu Fuss im Eilschritt auf den Weg zur Aare. Die Nacht war ziemlich hell, denn es war ja Vollmond. Als er sich vorsichtig dem Ort der Handlung vom Morgen näherte, kam ihm plötzlich in den Sinn, es wäre ja denkbar möglich, dass man dort auf sie lauerte. Denn es hatte ja immer noch Waren im Kahn, und es wäre ja immerhin möglich, dass die Räuber in der folgenden Nacht diese auch noch zu holen versuchten. Gerold  änderte also seine Route. Ein paar hundert Schritte weiter unten schlich er durch das Schilf zum Ufer, und dann, immer sich in das Schilf drückend, dem Platze zu, wo er den versteckten Kahn wusste. Gottlob, dieser war noch immer mit Schilf bedeckt. Dann schlich er dorthin, wo die vier Schiffer gefesselt worden waren. Plötzlich gefror ihm fast das Blut in den Adern, denn er stolperte über ein paar Männerbeine. Er dachte, nun werde man ihn packen und vor den Richter schleppen. Aber die Beine machten keine Anstalten, sich in Bewegung zu setzen. Und nun sah er die ganze Bescherung: die vier Männer lagen mit eingeschlagenen Schädeln regungslos im Schilf! Da war nicht mehr zu helfen, dachte er entsetzt und machte sich schleunigst auf den Heimweg. Nur mit Überwindung brachte er es fertig, Kathrin das Erlebte zu schildern. Sie tat einen tiefen Atemzug und sagte dann leise: „Genau so habe ich mir die Sache vorgestellt. Der Kuno konnte doch nicht riskieren, die Männer laufen zu lassen. Die wären ja schnurstracks zum Göskoner gelaufen und hätten euch verraten. Der Kuno ist ein Mörder. Und ihr habt ihm unwissend dabei geholfen. Wie können wir nun je fertig werden mit diesem Wissen und Gewissen?“
 
Es war inzwischen Tag geworden. Die Hähne erinnerten daran, dass es galt, dem normalen Tagewerk nachzugehen. Auch Gerold machte sich, nun bereits zwei Tage und Nächte ohne Schlaf hinter sich, dem Schloss zu, wo er seine tägliche Arbeit, mehr schlafend denn im Wachzustand, erledigte. Auch die Kumpane schlichen wortlos ihrer Arbeit nach. Nur Kuno schien heute besonders gut aufgelegt zu sein. Die Mägde hatten auf sein Geheiss jedem am Überfall Beteiligten einen Sack mit Lebensmitteln gerüstet. Hätten sie die Waren verrotten lassen sollen? Hier war Überlebensnahrung für die nächsten Wochen. Also nahm halt jeder seine Ration mit nach Hause.
                Offenbar hatten auch die Kumpane, die verheiratet waren, mit ihren Frauen ähnliche Diskussionen gehabt, wie Gerold mit seiner Kathrin. Nach Einbruch der Dunkelheit besammelten sich darum alle Erwachsenen hinter dem Schloss in der Remise. Einer hielt Wache draussen. Im Inneren aber begann eine hitzige Diskussion über das weitere Vorgehen. Das Resultat davon war , dass sie alle überzeugt wurden, keiner von den Männern käme mit dem Leben davon, wenn es auskäme, dass sie am Raub beteiligt gewesen waren. So beschlossen sie denn, keinem Menschen auch nur ein Sterbenswörtchen zu verraten von der ganzen Sache.
 
Natürlich wurden die toten Männer am Aareufer im Schilf entdeckt. Die Tat sprach sich wie ein Lauffeuer im ganzen Land herum. Eine hektische Untersuchung begann. Aber noch in der selben Woche begann es endlich zu regnen. Sieben Tage und Nächte lang goss es wie aus Kübeln. Anfänglich jubelten alle. Aber die Bauern sahen mit Sorgen, wie die ausgetrockneten Äcker sich mit dem Regenwasser zu schmutziggelben Rinnsalen vermischten. Wo die Äcker an Hängen lagen, war dies verheerend. Tiefe Rinnen bildeten sich zu Sturzbächen, die samt Erde in die Bäche flossen. Auf den Äckern der Ebene aber begann die Saat, die vor Monaten ausgesät worden war, in Rekordzeit zu spriessen. Falls das Wetter und die Sonne mitspielten, konnte im Spätherbst noch mit reifem Korn gerechnet werden. Auch das Gras auf den Wiesen schoss in die Höhe. Endlich bekamen die Kühe wieder reichlich Futter. Die Schweine hatten nie Not gelitten, denn sie waren von den Frauen in die Wälder zum Eicheln fressen getrieben worden. Dort fühlten sie sich wie im Paradies, wenn sie als besondere Leckerbissen dicke Würmer und Larven aus dem lockeren Boden rüsseln konnten. Ein paar Sauen paarten sich sogar mit den reichlich vorkommenden wilden Keilern, sodass nach ein paar Monaten die ersten Mischlinge zwischen Sauen und Wildschweinen zur Welt kamen. Auch die meisten Menschen hatten nun ausgesorgt.
                Das Erlebnis an der Aare hatten sie verdrängt. Jeder hütete sich ängstlich, es wieder auszugraben. Dass jedoch jeder sich in Gedanken damit beschäftigte, sah man daran, dass sie sich nicht mehr so offen in die Augen sehen konnten wie früher.
                Kuno aber tat als ob nie etwas geschehen wäre. Ja, er lebte zunehmend kecker. Besonders auf die Frauen hatte er es abgesehen. Wann immer eine ihm über den Weg lief, hatte sie unter seinen Anzüglichkeiten und gar Schlimmerem zu leiden. Auch Kathrin hatte einmal ein böses Erlebnis mit ihm, als sie mit ihren Kindern im Wald Beeren suchen gegangen war.
                Ihren Männern verheimlichten die Frauen diese Dinge. Aber es konnte nicht bis in alle Ewigkeit verheimlicht werden. Da sie es manchmal, wenn sie den inneren Druck nicht mehr aushielten, ihren Nachbarinnen oder Freundinnen erzählten, und weil diese dann, trotz hochheiligem Versprechen, es niemandem zu verraten, wiederum ihrer besten Freundin weitersagten, konnte der Moment nicht ausbleiben, da der eigene Mann es vernahm.
                Bevor die grosse Trockenheit kam, ging Kathrin jeweils wenn Not am Manne resp. der Frau war, ins Schloss, wo sie bei der Wäsche oder in der Küche aushalf. Lohn erhielt sie, wie auch Gerold und die anderen Bediensteten, nur in Form von Esswaren und Kleidern. Höchstens gegen das Jahresende zu, oder wenn die Bauern den Zehnten ins Schloss lieferten, und wenn Kuno gerade gnädig gestimmt war, gab es eine Silbermünze, die dann sofort für das Nötigste in der Familie oder im Haushalt umgesetzt wurde.
                Etwa ein Jahr nach dem Raubzug geschah das Unvermeidliche. Als Gerold spät nachts nach Hause kam, sass seine Frau in einer Ecke, still vor sich hin starrend. Auf dem Herd war kein Essen zum Wärmen bereitgestellt. Gerold erschrak mächtig. Denn solches war in den bald zehn Jahren ihrer Ehe noch nie passiert. Er setzte sich zu ihr und fragte teilnahmsvoll, ob sie denn krank sei. Sie schüttelte kaum merklich den Kopf und schaute zu Boden. „Hast du etwas gegessen heute, das dir nicht gut tat?“ Wieder nur das leise Kopfschütteln als Antwort. „Ist mit den Buben etwas passiert?“ fragte Gerold immer erregter. Da liess sie ihren Kopf auf den Schoss sinken, dass Gerold davon nur noch die blonden Kraushaare sehen konnte. „Dann sag mir wenigstens, wo du heute gewesen bist und was du gemacht hast!“ bat Gerold eindringlich. Da begann sie zu schluchzen, leise zuerst, aber immer mehr schüttelte es den zierlichen Körper und sie fing gar plötzlich laut zu schreien an. Dann stand sie auf und rannte aus dem Haus. Gerold sofort hintendrein. Beim Garten holte er sie ein und riss sie in seine Arme. „Halt mich fest, Gerold, halt mich bitte ganz fest!“ schluchzte sie. Nun kamen auch noch die beiden Buben, die durch den Lärm offenbar erwacht waren, aus dem Haus und suchten sie. Als sie die weinende Mutter sahen, umklammerten sie ihre Beine und weinten mit. Gerold hob das Gesicht des älteren, Thomas, schaute ihm streng in die Augen und fragte, wo Mutter heute gewesen sei. „Im Wald haben wir Beeren gesucht,“ rief er weinend. Nun kam Gerold ein böser Verdacht. Er schickte die beiden Buben ins Stroh und fragte Kathrin leise: „Ist euch der Herr begegnet?“ Sie nickte nur mit dem Kopf und wollte sich von ihm lösen. Aber er liess sie nicht los. „Hat er dich.....?“ Sie nickte wieder. Da drückte Gerold sie noch heftiger an sich und führte sie ins Haus zurück, wo er sie mitsamt den Kleidern auf das Bett sinken liess. Sie drehte sich gegen die Wand. Das Schluchzen hörte auf. Gerold setzte sich neben das Bett bis sie eingeschlafen war. Dann ging er zum Haus von Jufli, dem Schmid. Jufli wohnte alleine. Seine Frau war im ersten Kindsbett gestorben. Das war noch bevor Gerold aufs Schloss kam. Als sie sich befreundet hatten, tauschten sie ihre Sorgen gegenseitig aus. Aber meistens war Gerold es, der einen guten Rat erhielt. Er klopfte an die Tür. Drinnen brannte noch eine Kerze, wie er durch das Fenster gesehen hatte. „Wer ist da?“ tönte es aus dem Haus. „Ich bin`s, der Gerold,“ kam die Antwort. Die Tür wurde geöffnet und Jufli schaute vorsichtig heraus. „Komm herein,“ sagte er und ging voraus. Drinnen setzte Gerold sich wortlos auf eine Stabelle. Jufli sah ihm, ebenfalls schweigend, ins Gesicht. Dann ging er zum Schrank, nahm eine Flasche und ein Glas heraus und schenkte ein. „Da, trink. Ich glaube, du hast es nötig,“ sagte er. Dann zog er eine Stabelle vom Tisch weg und setzte sich frontal vor Gerold hin. Dieser griff zitternd nach dem Glas und schüttete sich den Inhalt in die Kehle. Es war ein billiger Fusel, den ihm da Jufli eingeschenkt hatte. Aber er wirkte. Langsam begann er zu erzählen. Jufli nickte nur hin und wieder, als hätte er nichts anderes erwartet. Als er alles gehört hatte, stand er auf und schenkte auch sich ein Glas voll, das er in einem Zuge hinter die Binde goss. Er schüttelte sich. Dann setzte er sich wieder vor Gerold hin und begann zu erzählen: „Wie du ja unschwer wissen wirst, bist du, oder besser gesagt deine Kathrin, nicht die und der erste, denen das passierte. Ich kann dir sagen, dass Kuno schon als Halbwüchsiger hinter den Weibern her war. Er hat auch die Meinige einmal im Stall bös erwischt. Neun Monate später kam sie ins Kindsbett und ist daran gestorben. Sie hat immer gesagt, sie wolle mich nicht mit einem Kind strafen, das ihr von einem abartigen Wüstling aufgedrängt worden sei. Und sie hat es fertiggebracht, es zu verhindern. Ich denke, sie hat sich so lange gewehrt, das Kind aus dem Leib zu lassen, bis sie daran verblutet ist. Damals war noch die Mutter meiner Agnes bei uns im Haus. Sie wusste von ihrer Tochter, was passiert war. Sie war eine Kräuterfrau. Einige Leute behaupteten sogar, sie verstünde mehr um die Dinge zwischen Himmel und Erde als andere Menschen. Als sie ihrer Tochter nicht helfen konnte, und als sie sie in meinen Armen sterben sah, tat sie einen unheimlichen Schwur. Sie werde nicht ruhen, rief sie so laut, dass es alle draussen hören mussten, bis der Teufel in Gestalt des Ritters Kuno seine gerechte Strafe erlangt habe. Eine junge Magd, die ein Auge auf Kuno geworfen hatte, hinterbrachte ihm brühwarm, was da im Hause des Schmieds passiert und geschrien worden war. Kuno verreiste noch am gleichen Tag und ward nicht mehr gesehen bis er volljährig war. Seine beiden Brüder waren gar nicht erbaut, als er wieder auftauchte. Der Vater lag im Sterben und war eben daran, das Erbe unter ihnen aufzuteilen. Als Kuno zu ihm ans Bett trat, kam ein unheimlicher Fluch aus seinem Munde. Er wünsche ihn zum Teufel, zu dem er ja schon zu Lebzeiten gehöre, keuchte er mit bereits fast erloschenen Augen. Dann starb er, ohne das Erbe verteilt zu haben. Die Brüder bekamen bösen Streit. Aber einer von ihnen verunglückte auf der Jagd auf merkwürdige Art, und den zweiten fand man eines morgens erschlagen auf einem Acker. Es wurde gemunkelt, dass beidemal der Junker Kuno seine Hand im Spiele gehabt hätte. Aber beweisen wollte und konnte man es ihm nicht.
                Bevor meine Schwiegermutter starb, rief sie mich an ihr Lager. Lange schaute sie mich an bevor sie redete. Dann aber, mit letzter Kraft flüsterte sie mir zu: `Du bist der einzige Mann in und ums Schloss, der diesem Teufel von Kuno sein verdientes Ende bereiten kann. Schmiede eine Nadel, nicht dicker als ein Strohhalm und etwa einen Mittelfinger lang. Schmiede sie an einem Ende so zu, dass sie mit Leichtigkeit in das Fleisch des Teufels eingedrückt werden kann. Dann, wenn er wieder einmal besoffen ist, jage ihm diese Nadel so tief ins Herz, dass man ihr Ende von aussen nicht mehr gewahren kann. Kein Mensch wird dann daran zweifeln, dass der Unhold anders gestorben ist als er es verdient hat, nämlich an seinem Rausch.` Dann ergriff sie meine Rechte und verlangte, dass ich schwöre, es genau so zu tun, wie sie es von mir verlangt habe. Nach einigem Zögern schwor ich es denn mit erhobenen drei Fingern. Ein kurzes Lächeln flog über ihr Gesicht, dann tat sie ihren letzten Atemzug.
                „Und, hast du denn die Nadel geschmiedet?“ fragte Gerold, schon ein bisschen über sein eigenes Elend getröstet. „Ja, das habe ich“, erwiderte Jufli. Er stand auf und begab sich zum Kasten, wo er eine Holzschatulle herausholte, die er Gerold geöffnet in die Hände drückte. Tatsächlich: hier lag, eingebettet in ein Tüchlein, eine bereits ein bisschen angerostete Eisennadel von etwa vier Zoll Länge. „Das Tüchlein stammt vom Leichenhemd meiner Agnes“, sagte Jufli und rieb sich die Augen. Dann folgte eine lange Pause. Gerold wickelte die Nadel wieder in das Tüchlein, klappte die Schatulle zu und überreichte sie Jufli mit der Frage: „Und, wie geht die Geschichte weiter?“ „Kommt Zeit, kommt Rat!“ erwiderte dieser vielsagend. „Warten wir doch ab, was das Schicksal von uns will!“ Gerold stand auf, drückte Jufli die Hand und ging nachdenklich zu seinem Haus, wo er seine Kathrin friedlich schlafend und noch immer angekleidet im Bette fand. Er deckte sie mit dem Leintuch zu und setzte sich dann an den Tisch, den Kopf auf seine Arme und diese auf die Tischplatte gelegt. So schlief er den Rest der Nacht, und böse Träume durchschwirrten seinen Schlaf.
 
Einige Jahre vergingen. Die Natur schien sie für das Jahr der Dürre entschädigen zu wollen. Denn eine Rekordernte löste die andere ab. Die Vorratslager waren bis obenhin gefüllt mit Fleisch, Dörrfrüchten und Korn für Menschen, und Stroh, Rüben und Heu für das Vieh. Auch der Schlossherr war für einmal zufrieden mit dem, das ihm seine Untertanen geliefert hatten. Der Kopf stand ihm nach einem Fest. Die Knechte und Mägde bekamen den Auftrag, das Schloss herauszuputzen und mit Girlanden aus Blumen zu flechten. Einige Tische wurden im Schlosshof aufgestellt und Pfähle in den Boden getrieben, auf die Bretter als Bänke gelegt wurden. Dann wurde aufgetischt, was in den Vorratskammern zu finden war. Die Bauern des Engeren Kreises waren mit ihren Frauen und Kindern eingeladen. Und jede Familie brachte von ihren eigenen Vorräten an Backwaren einen Korb voll mit als Zugabe.
                Alle standen um die Tische. Kuno war als Letzter gekommen und ging zum Tisch, wo das Gesinde des Schlosses bereits seine Plätze stehend eingenommen hatte. Kuno setzte sich an die Frontseite des Tisches und rief: „Nun setzt euch schon, ihr Hungerleider. Heute könnt ihr euch mal wieder eure Mägen vollschlagen und euch auf Kosten des Hauses besaufen, hahaha!“ Alle setzten sich. Aber keiner getraute sich, den ersten Bissen zu nehmen, bis auch Kuno sein Brot brach und den ersten Schluck aus seinem Becher getrunken hatte. Dann aber hieben alle drein, dass es eine Freude war, ihnen zuzuschauen. Die Kinder waren als erste satt. Sie tollten im Schlosshof herum und spielten Reiter und Ross. Nach etwa einer Stunde bekam Kuno glasige Augen. Er griff den um ihn herumsitzenden Mägden in die Kleider und kniff sie. Da nützte alles sich wehren nichts. Aber die Weiber wussten, wie sie ihn besänftigen konnten: Fleissig füllten sie ihm den Becher und liessen ihn hochleben, dass er vor Saufen kaum mehr zum Verschnaufen kam. Volltrunken griff er sich die Köchin und wollte mit ihr tanzen. Aber mitten im „Tanz“ sackte er plötzlich zusammen und griff sich ans Herz. Wie erstarrt standen alle um ihn herum. Schliesslich war es Jufli, der das Kommando gab: „Hebt ihn auf und bringt ihn in seine Kammer.“ Die Knechte taten wie Jufli kommandiert hatte. Sie schleppten ihn mehr als sie ihn trugen die Treppen hoch in die Schlafkammer. Alle am Fest Beteiligten folgten im Gänsemarsch die Treppen hoch. Jufli aber entfernte sich stillschweigend. Sämtliche Erwachsenen umstanden Kunos Bett und warteten auf etwas, was wie ein Geheimnis im Raume schwebte. Dann kam Jufli wieder. Er befahl den Kindern, sich im Schlosshof die Zeit zu  vertreiben, denn sie hätten im Schloss nichts zu suchen. Dann trat er in die Kammer ein. „Schaut mal her was ich da habe“, rief er laut. Alle drehten sich nach ihm um. Er hob die Schatulle, die Gerold schon bei ihm gesehen hatte und schwenkte sie durch die Luft. Dann erzählte er die Geschichte der Nadel, die er nun aus der Schatulle hob, genau so, wie er sie Gerold einmal erzählt hatte. Die Menge erstarrte. Wäre die Nadel nun zu Boden gefallen, man hätte sie klingen hören. „Tue es!“ sagte plötzlich Kathrin. Gerold schaute sie entgeistert an. „Tue es!“ riefen nun auch die anderen Frauen laut. Aber Jufli schaute wie zu einer Salzsäule erstarrt auf den verhassten Schlossherrn. Seine Hände zitterten, sein Atem ging keuchend. Da riss Kathrin ihm die Nadel aus der Hand und rief: „Wer macht mit?“ „Ich, ich, ich...!“ tönte es aus dem Kreis der Frauen zurück. Kathrin trat nun ans Bett. Sie öffnete Kuno das Wams und tastete den Brustkorb ab. Dann setzte sie vorsichtig die Spitze der Nadel schräg unter die letzte Rippe der linken Brustseite. Langsam begann sie sie in die Haut zu pressen. Als die Spitze kaum ins Fleisch eingedrungen war, begannen die Frauen zu kreischen, und jede wollte auch ein kleines Stücklein das Mordwerkzeug in den Leib des Teufels drücken. So kam eine um die andere und tat ihr Werk. Als die Nadel kaum noch zu sehen war, trat Jufli ans Bett und stiess mit einem lauten „Fahr zur Hölle, wo du hergekommen bist!“ die eiserne Nadel so weit in den Leib Kunos, dass nichts mehr zu sehen war, als ein kleiner, roter Punkt. Dann bekreuzigte er sich und alle taten es ihm nach.
                Der Körper Kunos lag nun bewegungslos auf dem Bett. Kathrin ergriff seinen rechten Arm und fühlte, ob noch Puls zu fühlen sei. Aber nichts mehr war zu spüren. Sie wollte eben das Wams wieder zuknöpfen, als sie erschreckt innehielt. Sie trat einen Schritt zurück und deutete wortlos mit dem Zeigefinger auf den roten Punkt, wo sich etwas zu regen schien. Alle starrten hin. Und nun bewegte sich langsam aus dem roten Punkt ein dunklerer. Aus dem dunklen Punkt formten sich zwei Augen. Ein fast fingerdicker Leib folgte. Fadenartige Beine strebten emsig ans Licht. Zuletzt lag ein fast handlanger Körper einer Larve auf dem Brustkasten Kunos. Nach einigen Momenten der Ruhe bewegte sich dieses Ding. Es begann sich zu häuten. Gebannt schauten die Umstehenden dem Schauspiel zu. Nach einer Zeit, die allen ewig lang vorkam, war ein anderes Insekt aus dem ersten geschlüpft und begann nun langsam seine Flügel aufzupumpen. „Eine Teufelsnadel!“ Wie ein einziger Schrei ertönte es aus allen Kehlen. „Das geht doch mit dem Teufel zu“, flüsterte eine der Mägde. Und Kathrin präzisierte: „Der Teufel in Gestalt Kunos hat sich mit der Nadel, die wir ihm ins Herz gestossen haben, zur Teufelsnadel vereinigt. Fahr zur Hölle!“ Sie ging zum Fenster und öffnete es weit. Die Libelle drehte sich auf dem Leib Kunos in Richtung des Fensters und begann, ihre Flügel zu schwingen. Die Stille im Raum wurde unerträglich, man glaubte, das Sirren der Flügel zu hören. Plötzlich erhob sich die Libelle in die Luft. Sie schwebte über Kunos Augen ein paarmal hin und her. Dann flog sie höher, zog einen Kreis über ihren Köpfen und verschwand durch das Fenster.


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Kommentare (2)

Rosi65

libelle.jpg
Die "Teufelsnadel" 

Als kleines Dankeschön für diese gruselige, aber spannende Geschichte, sende ich Dir, lieber Schorsch, ein Bild von der echten Teufelsnadel-Libelle. 
Ein richtig gefährlich wirkendes Exemplar, wie ich finde.
😲💀😱
Zum Glück ist sie aber eher harmlos, da sie keinen Stachel besitzt.

Herzlichen Gruß
    Rosi65

 

schorsch

@Rosi65

Herzlichen Dank für das Überreichen der "Goldenen Teufelsnadel! (;-))

Schorsch 


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