Die Tücken der Angst


Als ich ein Teenager war, lief im Fernsehen eine Serie mit dem Titel "Die Nanny". Darin ging es um einen alleinerziehenden Vater, der ein Kindermädchen für seine drei Kinder suchte und dabei auf die zwar unerfahrene, aber sympathische und zugleich attraktive Fran stiess. Unschwer zu erraten, dass die beiden sich im Laufe der Serie ineinander verliebten. Das Ganze war, wie so oft bei romantischen Komödien, voraussehbar. Irgendwann wurde die Serie aus dem Programm genommen. Und letzte Woche tauchte die Hauptdarstellerin Fran Drescher wieder in den Medien auf, diesmal nicht in einer Serienrolle, sondern als Privatperson, mit ihrer Autobiografie unter dem Arm, in der sie angeblich von ihrer Krebserkrankung erzählt. 

Ich finde es schon gut, dass Promis dazu beitragen, gewisse Themen wie psychische Krankheiten, sexuelle Gewalt usw. zu enttabuisieren. Aber seien wir ehrlich: Nicht selten geht's dabei doch auch ums Geschäft, wenn man die eigene Person so in den Mittelpunkt stellt. Wie war das früher, in den Anfängen von Film und Fernsehen? Kaum einer hat gewusst, dass Rock Hudson homosexuell war. Das Privatleben der Schauspieler stand einfach nicht zur Rede. Sie machten ihren Job und was hinter den Kulissen ablief, ging niemanden etwas an. Freilich war dabei auch eine Menge Vertuschung im Spiel. 

Es ist nicht ganz einfach, die Selbstoffenbarung so zu betreiben, dass daraus weder Stereotypen noch Exhibitionismus werden. Denn es ist ein Unterschied, ob ich den Satz "Ich liebe dich" denke, in mein Tagebuch schreibe, ihn im Zwiegespräch bei Kerzenlicht äussere oder damit vor ein breites, anonymes Publikum trete. Das Medium beeinflusst den Inhalt einer Botschaft. So ist das nunmal. 

Ich selber hatte schon immer Angst davor und ich staune, angesichts dessen, immer wieder darüber, dass ich in einem Beruf gelandet bin, wo man sich vor ein Publikum stellen muss und ganz dem Urteil der anderen ausgesetzt ist. Im Grunde genommen habe ich, glaube ich, eine soziale Phobie. Je mehr ich unterrichte, desto mehr kapsle ich mich privat ab. Ich brauche diesen Schutzraum. Aber auch das kann entgleisen. Irgendwann muss man sich anders zu schützen wissen, beispielsweise dadurch, dass man nicht alles mit jedem teilt, dass man nicht rund um die Uhr erreichbar ist, dass man nicht zu allem Ja sagt, dass man sich bewusst Auszeiten nimmt und ebenso bewusst Zeit mit Menschen verbringt, die einem wohlgesonnen sind. 

Ich würde nicht sagen, dass ich die Zauberformel dafür gefunden habe. Ich bin auf der Suche. 

Wenn man sich zu sehr abkapselt, so viel kann ich sagen, steigt die Angst. Man verliert das Selbstvertrauen, man weiss nicht mehr, wie das geht, ausgelassen zu reden, zu feiern... Man muss alles von Grund auf wieder lernen. Es wundert mich daher nicht, dass viele Superstars den Boden unter den Füssen verlieren, wenn sie von jetzt auf gleich von der grossen Masse verfolgt, fotografiert und einfach nie in Ruhe gelassen werden. Man muss innerlich schon sehr gefestigt sein, um da nicht durchzudrehen. 

Aber eben: Alles kann entgleisen. Ein stückweit brauchen wir einander auch, um erst zu uns selbst zu finden. Martin Buber hat es so schön ausgedrückt: Am Du wird das Ich zum Ich. 

Meine Eltern waren da keine guten Vorbilder. Sie haben sich zu sehr eingekapselt. Freundschaften haben sie keine gepflegt. Auch das ist auf die Dauer ungesund. 

Ich merke jedenfalls, dass die Angst mich wieder fest im Griff hat. Gestern wollte ich einkaufen gehen und ich habe gedacht, das schaffe ich nicht. Ich hatte wahrhaft das Gefühl, ich würde sterben oder nicht weit kommen, wenn ich mal einen Fuss vor die Tür gesetzt hätte. Als ich auf der Strasse so vor mich herging, habe ich mich zurückerinnert, wann ich das erste Mal dieses Gefühl zu sterben gehabt hatte. Das lag lange zurück und siehe da: Es stimmte nicht. Ich bin immer noch am Leben und kerngesund. Das hat mich ein bisschen entspannt. Ich kann das. Ich schaffe das. 

Dieses "Was, wenn...?" ist besonders schädlich. Was, wenn ich mitten auf der Strasse zusammenklappe? Was, wenn ich einen Herzinfarkt kriege? Was, wenn...? Die Liste irrationaler Befürchtungen liesse sich lange fortsetzen. 

Dank der Logotherapie habe ich gelernt, der Angst mit Humor zu begegnen. Ich könnte auf der Strasse zusammenklappen? Umso besser! Vielleicht kommt dann ein attraktiver Rettungssanitäter und ich finde so die Liebe meines Lebens! Ich könnte einen Herzinfarkt kriegen? Wunderbar! Einen kürzeren und schmerzloseren Tod kann man sich kaum wünschen. Her damit! 

Der Humor hat etwas unglaublich Entwaffnendes. Vielleicht ist es das, was Fran Drescher dazu angetrieben hat, über ihre Krankheit öffentlich zu reden. Umberto Eco sagt, wir Menschen sind zum Lachen gekommen, weil wir wissen, dass wir sterben müssen. Die Tragik mit anderen zu teilen, gibt ihr einen komödiantischen Anstrich. Das eigene Schicksal wird leichter. 

Manche Leute sagen, die Angst habe eine schützende Funktion. Das ist bestimmt wahr. Es ist gut, dass man Angst davor hat, mit Sandalen ins Hochgebirge zu gehen. Dadurch kauft man sich robustes Schuhwerk und ist auf der Bergwanderung besser geschützt. Aber wovor ist man geschützt, wenn man sich daheim einigelt und sich kaum noch traut, zum Supermarkt zu gehen? Da wird die Angst sinnlos. Sie entartet zur Farce. Das Leben zieht an einem vorbei und man ist wie lebendig begraben. 

Ich habe für nächste Woche ein Jobangebot bekommen. Und zwar soll ich auf einer Konferenz simultan übersetzen. Nach allem, was gestern war, wollte ich nicht zusagen. Doch dann kam der Humor ins Spiel und ich dachte mir: Ich werde mich auf der Konferenz blamieren und alle werden mich auslachen? Herbei damit! Ich wage es! Andere zum Lachen zu bringen ist auch eine Leistung. 


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Kommentare (2)

Distel1fink7

Sandra75

Oh ja, das kann
ich voll nachvollziehen.

Für mich ist der Schutzraum wichtig. Nach vielen Schicksals-
schlägen hab ich ihn mir gebaut. Als mein lieber Ehemann ver-
starb und ichallein war in der großen Stadt Berlin, abends im Bett
die Angst in mir hochkroch, baute ich mir eine Pyramide. Darin
lag ich sicher  etc.

Jetzt habe ich die Stadt verlassen und eine kleine aber feine
Wohnung. Wenn ich dann  im Bett liege fühle ich mich nicht !

einsam und verlassen, Ich will das genau so haben und ich
sage "Danke Gott " oder Herr daoben. 

Danach hat mich in deinem Bericht besonders,, das mit den
Eltern berührt ".

Tja Sandra, ich finde mich da wieder.

Distel1fin7


 

Sandra1975

@Distel1fink7  
Schön, liebe Distelfink. Danke vielmals, dass du deine Emotionen und Erfahrungen mit uns teilst. 
Viele Grüsse
Sandra


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