Die Wahl des Kaisers


Es war einmal ein Kaiser. Er saß auf seinem goldenen Thron und regierte das Land. Er war schon sehr alt und wusste, dass er die Regentschaft abgeben musste. Der Kaiser hatte aber keine Kinder. Er war so sehr damit beschäftigt gewesen, das Land zu regieren, dass er vergessen hatte, sich eine Frau zu nehmen. Deshalb ließ der Kaiser im Lande verkünden, dass er alle jungen Männer prüfen wolle. Sie sollten klug sein, aber auch die Welt mit dem Herzen sehen können. Sie mussten nicht aus einem reichen Hause stammen, den Reichtum besaß der Kaiser genug. Er hatte all die vielen Jahre sein Land mit Weisheit regiert und so den Reichtum vermehrt.
Damit er eine gute Wahl treffen konnte, stellte er eine gut überlegte Bedingung. Jeder Bewerber sollte drei Geschenke mitbringen, gut durchdacht und ausgewählt. Ein Jedes als Symbol für seinen Überbringer.


Als die Herolde durch das Land zogen, machten sich sofort tausende junge Männer auf den Weg zum Kaiser. Auf Pferden, bepackt mit großen Taschen oder auch Geschenken. Viele waren in Kutschen unterwegs, bei denen, ob der großen Last der Geschenke, nicht selten die Räder zersprangen. Die meisten jungen Männer gingen aber zu Fuß zum Kaiser. Viele von ihnen führt dieser Weg durch das ganze Land.
Jeden Tag wurden es mehr und mehr, und bald zog eine große Karawane quer durch Felder und Wälder, überquerte Gebirge und Täler. In manchem Flussbett, blieben die kaputten Teile einer Kutsche zurück.
Auch reife Männer hatten sich unter die Menschenmenge geschummelt. Hatten ihre Köpfe mit Tüchern umschlungen und die Körper in Stoffe gehüllt, bereit, den Kaiser zu hintergehen, und vielleicht auch eine Chance zu haben. Viele Männer waren erschöpft, wurden krank und konnten erst nach großen Pausen weitergehen.

Sie alle hatten Haus und Hof verlassen. Die jungen Söhne die Eltern, und die älteren Männer ihre Familien. Wiesen und Äcker verdorrten und in den Ställen schrie das Vieh. Nur wenige blieben zurück. Die Alten, die Frauen und die Kinder schafften alleine die Arbeit nicht mehr.
Ähren und Früchte wurden von Vogelschwärmen geerntet. Gemüse verfaulte in der Erde, und was doch noch geerntet werden konnte, fand nicht genug Käufer oder konnte nicht bezahlt werden.

Es war heiß und die Sonne brannte den Männern auf die Köpfe. Viele wurden hitzig und kamen immer öfter in Streit. Der eine versuchte die Geschenke des anderen zu finden oder gar zu stehlen. Ein junger Mann stach seinen Dolch in seinen Widersacher, und brachte ihn so aus dem Weg, nahm seine Geschenke und verschwand in der Dunkelheit.
Es dauerte nicht lange und bald lagen viele Tote seitlich an den Wiesen und Feldern. Einige von ihnen wurden heimlich des Nachts in der Erde verscharrt und vergessen, die anderen ließ man einfach liegen. Der lange Menschenzug aber wanderte an ihnen vorbei. Alle hatten nur ein Ziel, zum Kaiser zu gelangen und das Reich zu bekommen. Manche Mutter würde ihre Söhne nie wieder sehen.


Derweil saß der Kaiser auf seinem Thron und wartete auf die Bewerber.

Noch hatte die Karawane die Stadt nicht erreicht, als einer der Herolde vor den Kaiser trat, von den vielen Menschen berichtete und vom Unglück erzählte, welches über das Land hereingebrochen war. Der Kaiser erschrak und wollte sofort seine Ratgeber zu sich rufen. Doch der Herold bat ihn damit noch einen Augenblick zu warten und gab ihm einen Sack und eine helle Schriftrolle mit der Bitte, diese zuerst zu lesen.
Als der Kaiser den Sack öffnete, fand er einen Maiskolben, eine Kugel aus Stein und eine Ähre. Er öffnete auch die Schriftrolle und las:


Hoher Kaiser, ich bin ein Bauer und habe elf Kinder. Sechs Knaben und fünf Mägdelein. Meine gute Frau ist bei der Geburt des elften Kindes gestorben. Ich komme gern zu dir und übernehme dein schweres Amt, denn schwere Arbeit bin ich gewohnt.
Nun zu den gewünschten Geschenken. Wenn du dich für mich entscheidest, wird dein Volk immer zu essen haben.
Warum ein Maiskolben und kein Brot als Symbol, wirst du dich fragen. Weil ich an alle Geschöpfe denke, auch an die Tiere, deshalb der Maiskolben.

Die Kugel aus Stein ist von allen Seiten gleich, egal wie du sie drehst. Sie ist fest und beständig. Nicht einmal die Zeit wird sie zerstören. Sie symbolisiert meine Entscheidungskraft. Vor jeder wichtigen Entscheidung will ich sie in meiner Hand rollen. Keine Ecken oder Kanten werden meine Gedanken beeinflussen. Und wenn mir eine Entscheidung doch einmal schwerfallen sollte, dann will ich die Steinkugel in einen Bach legen und des Wassers Lauf solange betrachten, bis meine Gedanken ebenso klar sind wie das Wasser, und meine Entscheidung sicher.

Die Ähre symbolisiert das Wachstum und ist das Symbol für meinen Geist. Als Bauer habe ich viel von meinen Vorfahren und der Natur gelernt. Letztere lehrt mich immer noch. In einer Ähre sind viele Samen. Deshalb vereint dieses Symbol die Gedanken, die Geduld, die Weisheit und den wachen Verstand, mit dem ich das Land regieren werde.
Nur auf gutem Boden und mit guter Pflege gedeiht eine Pflanze aus dem Samen. So will auch ich meinen Geist pflegen, und ihm immer einen guten Boden zur Verfügung stellen. Will alte und weise Menschen zu mir holen, um ihre Meinungen zu erfragen! Für manche Antwort werde ich mich auch zu den Kindern wenden.
Ich will das Land ebenso gut regieren, wie du es tust, großer Kaiser. Nur zu dir kommen kann ich nicht, denn alle anderen Männer haben das Dorf verlassen und sind auf dem Weg zu dir. Die Tiere sind in Not und die Felder verdorren.
Jede Hand wird von Sonnenaufgang bis zur Nacht gebraucht. Wenn du dich für mich entscheidest, dann weiß dein Herold mich zu finden.


Der Kaiser hatte lange schon erkannt, welch Unglück sein Aufruf verursacht hatte. Er bestieg, wenn auch beschwerlich wegen seines hohen Alters, sein Pferd, und ritt mit dem Herold und einigen Soldaten gen Osten. Da er sich in einen grauen Mantel gehüllt hatte, erkannte ihn keiner.
Mit Entsetzen betrachtete er die Menschenmengen, die nun bereits einen Tagesritt vor seiner Stadt angekommen waren. Er sah die frischen Gräber und die Toten, und wusste, er hätte nie so lange warten dürfen.

Sie ritten viele Tage lang, und immer noch kamen ihnen viele junge Männer entgegen. Dem Kaiser traten die Tränen in die Augen, wenn er die verdorrten Felder und die hilflosen alten Bauern und die Bäuerinnen sah. In der Ferne sahen sie am achten Morgen ein Feld, auf dem ein Mann und viele Kinder arbeiteten. Der Herold zeigte auf ihn. Der Bauer schwang eine Sense und mähte das Getreide. Als der Kaiser durch die niederliegenden Halme auf ihn zuging, richtete sich der Bauer auf und sah ihm entgegen. Er nahm seine Kopfbedeckung ab und verneigte sich leicht.


Noch ein ganzes Jahr lebte der alte Mann, der einst das Land regierte, im Palast. Mit dem neuen Kaiser verband ihn längst eine tiefe und innige Freundschaft. So hatten beide Männer noch viele Gelegenheiten gefunden, sich von ihrem Leben zu erzählen.
Der alte, abgedankte Kaiser berichtete von vielen Erlebnissen und besonders von seiner Freude, nie einen Krieg geführt zu haben. Der neue Kaiser erzählte Geschichten von seiner guten Frau, und füllte mit ihnen des einsamen Alten Herz.
Als der Alte starb, weinte der Kaiser bitterlich.

Die jungen und auch reifen Männer, die sich vor einem Jahr auf den Weg gemacht hatten, ein Kaiserreich zu gewinnen, waren nach Hause zurückgekehrt. Die Gräber am Wegesrand und die vielen Toten hat keiner von ihnen in seinem Leben je vergessen. Ebenso wenig die Lehre, dass man, wenn man eilig davon läuft, alles verliert und nur mit Mühsal und Entsagung wieder zu Wohlstand gelangt.
Im Kaiserreich aber wurde gut geherrscht vom neuen Kaiser. Und da dieser all seine Kinder mit in den Palast gebracht hatte, war auch die weitere Regentschaft gesichert.

Mir ist so, als wäre ich selbst dabei gewesen.

 

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