Die Welt, in der wir leben


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Der Maestro, Roger Federer, ist weg. So schade. Auf dem internationalen Parkett hat die Welt des Sports einen grossartigen Menschen und Tennisspieler verloren. Schade. Wirklich schade, auch wenn man ihm, dem 41-Jährigen, nach einer derart steilen, langen und gänzlich skandalfreien Karriere, die Ruhe auch gönnen mag. 

Ich war gespannt auf seine Abschiedsworte und die hatten es tatsächlich in sich: "Ich bin nicht traurig, ich bin glücklich", sagte er. Gleichzeitig dankte er, zu Tränen gerührt, seiner Familie, allen voran seiner Frau Mirka, für die bedingungslose Unterstützung. 

Man mag denken, dass das Floskeln sind. Doch bei genauem Hinsehen sind sie es nicht.

Schon in den Neunzigerjahren veröffentlichte der US-amerikanische Schriftsteller, David Foster Wallace, der in jungen Jahren selber auf hohem Niveau Tennis gespielt hatte, einen Aufsatz über Federer, in dem er erzählte, wie er vor dem Fernseher auf die Knie fiel, angesichts der geschickten Spielzüge des damals noch jungen Schweizers. 

Foster Wallace analysiert nicht nur Federers Spieltechnik, sondern auch das, was man seine Persönlichkeit oder seinen Charakter nennen mag und bezeichnet Federer aufgrund dessen als Ausnahmeerscheinung. Was kommt bei diesem Spieler alles zusammen?, fragt er sich. Nun, da ist sicher Talent. Dann die Eltern, die dieses Talent fördern, ohne den Jungen auszubeuten. Ausdauer gehört ebenfalls dazu, d.h. stundenlanges Schlagen von Tennisbällen gegen die Garagenwand und später hartes Training auf dem Platz.

Und dann das, was Foster Wallace "the early commitment to the girlfriend" nennt. Und das ist tatsächlich bemerkenswert. Dass Mirka und Roger sich praktisch auf dem Platz gefunden haben, als Neunzehnjährige zunächst, wobei sie etwas älter ist und seither ununterbrochen zusammen waren. Da sind stabile Bindungen, zur Familie wie auch zum Sport.

Man hat beim Lesen den Eindruck, dass Foster Wallace von diesem "commitment", von diesem bedingungslosen Ja durch dick und dünn besonders beeindruckt war, vielleicht auch deshalb, weil er selbst, als er jenen Artikel schrieb, schon selbstmordgefährdet war und möglicherweise spürte, wie der existenzielle Boden unter seinen Füssen wankte. 2008 nahm er sich dann das Leben. 

Federers Abschiedsworte waren rührend, nicht zuletzt, weil er sagte, er würde alles nochmal genauso machen. Zyniker sagen: Klar, als Multimillionär mit einem Wohnsitz in der Schweiz und einem andern in Dubai hat der leicht reden. Und genau diese Zyniker waren es wohl, die seit langem schon darauf pochten, Federer solle endlich aufhören. Neid war bestimmt mit im Spiel. Und Neid hat viele Gesichter. Er kann sich zum Beispiel darin äussern, dass man vermeintlich gutgemeinte falsche Ratschläge gibt, um den anderen so auf eine falsche Fährte zu locken. Dass Federer dies erlebt haben muss, hat er in einem Interview durchblicken lassen, als er sagte, man habe ihm geraten, "böser" und nicht immer so nett zu sein. Das würde ihm mehr Erfolge einhandeln. 

Nettigkeit als etwas Schlechtes darzustellen scheint tatsächlich eine neue Tendenz zu sein. Neulich gab es dazu einen langen Artikel von einem Psychotherapeuten im Schweizer "Tagblatt". Wer nett ist, hiess es da sinngemäss, ist farblos, kann nicht für sich einstehen, lässt alles mit sich machen und strahlt eine gewisse Gleichgültigkeit aus. So in etwa ging die Meinung dieses Therapeuten. 

Florian Schröder, ein deutscher Kabarettist, bezeichnete Kanarienvögel als Inbegriff der Nettigkeit: Sie stinken nicht, machen keinen Lärm, stören niemanden, sondern fliegen brav in ihrem Käfig herum, so hat Schröder den Begriff karikiert. 

Wer nett ist, ist ein bisschen dümmlich und durchschaut die wahren Verhältnisse nicht - das scheint die gängige Auffassung zu sein. 

Jim Parsons, der in der Netflix-Serie "Hollywood" den bösartigen Agenten Henry Willson spielt, kommt in der Analyse der Filmfiguren auf die Nettigkeit seines Antagonisten, Rock Hudson, zu sprechen. Hudson, meint Parsons, checkt nicht, dass Willson seine Gefühle verletzen will. Er interpretiert alle Demütigungen von Willson auf der Faktenebene und begreift nicht, was wirklich abgeht. Er ist einfach naiv und weiss sich dadurch letztlich nicht zu wehren. 

Nun ja, das mag alles sein.

Ich selber finde es problematisch, jemandem zu Bösartigkeit zu raten. Das eine ist, für sich selbst einzustehen. Grenzen zu ziehen. Nein zu sagen. Jemandem, der übergriffig wird, freundlich aber bestimmt die Tür zu weisen. So nicht mit mir. 

Das kann man aber durchaus auf freundliche und nette Art tun. 

Bösartigkeit hingegen ist etwas anderes. Wer böse ist, macht sich unbeliebt. Der historische Henry Willson war ein gutes Beispiel dafür: Er war höchst erfolgreich in Hollywood, doch als alle genug von seinen Demütigungen hatten und ihm den Rücken zukehrten, starb er völlig verarmt und einsam.

Jemandem zur Bösartigkeit zu raten kann also nicht als Erfolgsrezept gemeint sein. 

Federer sagte im Interview, er habe diesen Rat ignoriert, weil er sonst nicht mehr er selbst wäre und ständig schauspielern müsste. Das fand ich sehr tiefgründig von ihm. Denn im Grunde sagt er: Das Böse ist nichts als eine Maske, die wir aufsetzen, um uns im Leben durchzuschlagen. Im Grunde aber sind wir alle viel lieber nett zueinander. Das entspricht unserer eigentlichen, menschlichen Natur. Das Böse kostet unnötige Kraft und führt, wie bei Willson letztendlich doch zu nichts als zu Selbstzerstörung. 

Sogar zuletzt gibt uns der Maestro noch eine wertvolle Lehre mit auf den Weg. Federer ist ein Grosser. Ein ganz Grosser. 

Er gelangte zu höchsten Ehren in einer Welt, die die Bösartigkeit favorisiert. Doch nicht trotz seiner Nettigkeit, sondern meiner Meinung nach erst recht dank ihrer. 
 

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Kommentare (2)

Roxanna

Das Wort "nett" macht mir immer etwas ungute Gefühle, liebe Sandra. Nett erinnert mich an ein kleines, liebes Mädchen, das artig seinen Knicks macht. Sich zu verweigern mit den Wölfen zu heulen, die Bösartigkeit für normal oder vielleicht sogar notwendig erachten, um zu dem zu kommen, was man meint, es stünde einem zu, zeugt wirklich von Größe. Ich finde das ist sehr viel mehr als "nett". Es setzt auch den Glauben an das Gute in der Welt voraus, die teilweise doch sehr verkommen ist. Durch Bösartigkeit wird so viel Schaden angerichtet an Menschen sowieso und auch anders.

Lieben Gruß
Brigitte

Sandra1975

@Roxanna  
Ja, liebe Brigitte, was Federer uns vorlebt, ist wahre Grösse. Da kommt nicht jede:r ran. Gut, dass es heute noch solche Vorbilder gibt. 
Viele Grüsse


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