Das Wildholl-Loch bei Unter-Seibertenrod im hohen Vogelsberg


Die Wilde Holle
 
Hoch im Lohwald bei Sywarterode*,
unweit der alten Hutebuchen,    
gibt es versteckt eine Basalthöhle,
dort die Hütejungen Schutz suchen
vor den grässlichen Unwetterblitzen,
die Donar grollend vom Himmel schickt –
eng beieinander müssen sie sitzen,
nur knapp sich der kleine Raum ausstreckt.
 
Einmal zu Mittag – die Sonne stand hoch –
waren zwei Ziegenhirten erstaunt:
heraus trat aus dem basaltenen* Loch
eine junge Frau – hochelegant,
in schneeweiß strahlendem Kleid. – Leichtfüßg schritt
sie rasch hinauf in den Buchenwald,
und bald sie auf einem Schimmel dort ritt
in herrlicher Majestätsgestalt.
 
Einer der Buben weiß etwa Bescheid:
„Das ist gewiss die wilde Holle*,
man kann sie nur sehen zur Mittagszeit,
ihr Pferd führt sie hin zur Ohm-Quelle*,
damit es am Wasser sich laben kann
und seine geheime Kraft auffrischt,
danach geht der Ritt steil himmelwärts an,
hinauf ins Reich vom göttlichen Licht.“
 
Als Epona* kehrt sie von dort zurück,
rittlings auf ihrem edlen Schimmel,
den Menschen verhilft sie zu Ernteglück
als Göttergeschenk aus dem Himmel,
Pferden verleiht sie Gesundheit und Kraft;
und andere Taten sind bekannt  –
doch weil sie mitzieht im Jagdzug der Nacht*,
wird sie die „Wilde Holle“ genannt.
 
© Syrdal 2019 
......................................
 
Erklärungen:
 
*Sywarterode = um 1330 erste altdeutsche Bezeichnung des heutigen Ortes Unter-Seibertenrod im Ohmbachtal unweit von Ulrichstein im Hohen Vogelsberg
*Basalt = es handelt sich hier um blasenreichen Basanit (vulkanisches Alkaligestein)
*Wilde Holle = Sagengestalt, in Thüringen am Hörselberg oder in Hessen am Hohen Meißner auch als „Frau Holle“, Hulda oder Perchta bekannt; sie ist die "Große Göttin" oder auch die "Mutter Erde"
*Ohm-Quelle = etwa 1000 m nordöstlich von Ulrichstein, befindet sich auf einer Höhe von 570 m NN die Quelle der Ohm, eines kleinen Wasserlaufs im Vogelsberg, der nach knapp 60 km bei Cölbe in die Lahn mündet
*Epona = keltische Göttin der Fruchtbarkeit und römische Göttin der Pferde
*Jagdzug der Nacht (auch "Wilde Jagd") = Geisterzug – bestend aus den Seelen von Menschen, die „vor ihrer Zeit“ gestorben sind – der vornehmlich in den Raunächten unter Toben und Schreien durch die Lüfte zieht


 


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Kommentare (6)

Tulpenbluete13

Lieber Syrdal,

schön sind sie die alten Sagen und Mythen und ich finde es schade, daß sie immer weniger Beachtung finden.

Es gibt auch in Oberfranken und selbst in meinem Heimatort solche alten Sagen und Mythen. Ich lese sie immer wieder gern. Sie ranken sich oft um alte Quellen und Bächlein..
Und dann gibt es ja bei uns Kreuzsteine und Martern um die es auch jede Menge Sagengut gibt..

Danke für die Mühe die Du Dir immer wieder machst- solche Sagen nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

Herzlichen Gruß
Angelika

 

Syrdal


Liebe Angelika, es ist wirklich sehr zu bedauern, dass die Beachtung der Sagen und Märchen und überhaupt all der alten Geschichten mehr und mehr schwindet. Es hat ja jede Region viele aus früheren Zeiten überkommene sehr schöne Sagen, Geschichten und Erzählungen. Ich kann ja leider davon nur wenige mal bearbeiten und „bedichten“. Doch freut es mich, wenn dies dann gerne gelesen wird…

...dafür dankt dir hier mit lieben Grüßen
Syrdal  

HeCaro

Lieber Syrdal, 

die Mythologie birgt einen Schatz an Sagen und Gestalten und viele davon sind weitgehend unbekannt. Diesmal hast Du uns von Epona erzählt, die man nicht so kennt, und dem gespenstischen Jagdzug der Nacht.  Ich finde es gut,  dass diese alten Sagen immer wieder erzählt werden und so erhalten bleiben.

Liebe Grüße Carola 

 

Syrdal


Leider, liebe Carola, werden die uns überkommenen Geschichten mit den vielen einst ungemein bedeutsamen Sagengestalten heute kaum noch beachtet, man kennt sie ja nicht mehr, denn die moderne überdekadente Lebensweise überdeckt ja dies alles und schüttet es zu. Bekannt ist vielleicht Frau Holle noch als eine Gestalt oder aus dem Märchen von der Gold- und der Pechmarie. Aber wer weiß denn etwas über die vielen „Götter der Vorzeiten“, wer kennt denn Epona als Fruchtbarkeitsgöttin und Göttin der Pferde? - Es gibt so viele hochinteressante Geschichten und Erzählungen, die uns einen tiefen Einblick in das Denken und Fühlen und in die naturverbundene Lebensweise unserer Vorfahren vermitteln.

Mit Dank für dein Interesse wünscht dir einen schönen Tag

Syrdal  

Manfred36

Alte Sagen können was Köstliches sein; ich habe 5 Bücher im Regal stehen. Natürlich alle aus der Pfalz, wie du dir sicher kopfschüttelnd denken wirst. Sie knüpfen alle an Spuren an, denen man noch heute nachgehen kann. Ich Ruin von Mensch natürlich nur noch in sehr bescheidenem Rahmen. Man greife aber nur ab und zu hin, sonst wird man von der Phantasie der Autoren verrückt.
Gruß von Manfred

Syrdal


Ja, lieber Manfred, Sagen und auch Märchen sind ein wahrer Schatz unserer über viele Jahrhunderte „gewachsenen“ Kultur. Nur allzu gerne tauche ich ein in die wundersamen Geschichten, die ja alle etwas aus dem Leben unserer Altvorderen zu erzählen haben. Interessant sind sie allemal. - Es gibt ja in allen Regionen unseres Landes diese historischen Überlieferungen, auch viele Sagen der „Palz“ sind mir bekannt. Du hast ja die ehrwürdigen Plätze vieler Geschehnisse früherer Zeiten direkt vor der Haustür und hast viele auch persönlich inspiziert. Da wäre ich gerne dabei gewesen...

Über deinen Besuch der alten Basalthöhle auf dem Vogelsbergmassiv freut sich
Syrdal  


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