Ehrwürdige Wartburg




Wartburg-1.jpg


Ehrwürdige Wartburg

Mit des Tages spätmüdem Licht
fließt friedliche Stille über das Land,
am blassgrauen Abendhimmel bricht
das Glitzern der Sterne durchs Wolkenband
über Gipfeln vom Thüringer Wald.

Dort auf dem Bergfels bei Eisenach
thront stolz die Burg von Ludwig dem Springer*
mit weißer Mauer und grünem Dach;
weit sichtbar ragt der Turm wie ein Finger
aus der Festung mächtiger Gestalt.

In den Gemächern der edlen Burg
fand würdige Herrschaft oft Landgrafs Gunst,
einige brachten neue Liturg*,
andere bemühten sich hoher Kunst
mit Schauspiel, Tanz und Minnegesang.

Höfische Lyrik wurd‘ vorgestellt,
auch Wolfram von Eschenbachs* Parzival*
mit dem die Gralsburg* suchenden Held;
ein Sängerwettstreit* aus festlichem Saal
weit über das Land hinaus erklang.

Manch lobende Panegyrici*
hat Landgraf Hermann* sich gern angehört,
Worte geschliffen mit Akribi
im Vortrag, hat den hohen Herrn betört
und stets höchlichst zufrieden gestellt.

Mit vier Jahren kam Elisabeth*
aus Ungarn an den herrschaftlichen Hof,
in einer Rolle bezeuget steht,
sie werde bald Ludwig des Vierten* Lob,
dem jungen Landgraf es sehr gefällt.

Die Königstochter heiratet er
und war ihr ein lieb'voller Ehemann,
Elisabeth sich mit Demut sehr
um Arme mühte so gut sie es kann
und gar viel Leid der Kranken lindert.

Auch Martin Luther lebte versteckt
in der Wartburgfeste als Junker Jörg*,
keiner der Häscher hätt‘ ihn entdeckt,
die Bibel deutsch zu schreiben war sein Werk,
das er hier schuf ganz ungehindert.

Meister Johann Wolfgang von Goethe
war die Burg eine wichtige Stätte,
die er öfter lobend erwähnte.
Er empfahl die Sammlung der Schätze*,
die noch immer dort ausgestellt sind.

Still ruhen Burg und Thüringer Wald
behütet von Gott unterm Himmelszelt,
nach dunkler Nacht schickt der Morgen bald
sein Leben weckendes Licht in die Welt,
auf dass ein neuer Tag nun beginnt.


© Syrdal 2021


Wartburg-2.jpg


………………………..


Erklärungen:
 
*Ludwig der Springer = Graf Ludwig von Schauenburg (* 1042; † 1123), genannt Ludwig der Springer, gilt als Erbauer der Wartburg (1067) bei Eisenach, die zur Keimzelle der Landgrafschaft Thüringen wurde.
*Liturg = Liturgie / Kirchenmusik; im Mittelalter auch Bezeichnung für eine Person, die die gottesdienstliche Liturgie leitet
*Wolfram von Eschenbach (* um 1160; † um 1220 ) = deutschsprachiger Minnesänger und Dichter von epischen Werken
*Parzival = Epos (erzählende Versdichtung), das wohl wichtigste Werk des Wolfram von Eschenbach
*Gralsburg = geheimer Ort, an dem der Heilige Gral (Jesu Abendmahlsbecher) aufbewahrt und von der Gralsgemeinschaft geschützt wird
*Sängerwettstreit = ein von sechs Minnesängern auf der Wartburg veranstalteter Wettstreit um die besten Minnegesänge, der nach einem Jahr schließlich mit außerordentlicher Weisheit von dem berühmten Minnesänger, Sterndeuter und Zauberkünstler Meister Klingsor aus Siebenbürgen geschlichtet wurde; real aber handelt es sich um eine schrittweise gewachsene Sammlung mittelalterlicher Sangspruchgedichte des 13. Jahrhunderts um einen angeblichen Dichterwettstreit auf der Wartburg
*Panegyrici = festliche Rede zum Lob der Obrigkeit
*Landgraf Hermann = der kunstsinnige Hermann I. von Thüringen (* 1190; † 1216) aus der Familie der Ludowinger war Pfalzgraf von Sachsen und Landgraf von Thüringen
*Ludwig IV. = Sohn des Landgrafen Hermann I. von Thüringen - war der Ehemann der später heilig gesprochenen Elisabeth von Thüringen
*Elisabeth (* 1207 in Pressburg (Ungarn) auf Burg Rákóczi; † 1231 in Marburg an der Lahn) = dritte Tochter von König Andreas II. von Ungarn mit Gertrud von Kärnten-Andechs-Meran; wurde im 13. Lebensjahr verehelicht mit Landgraf Ludwig IV. von Thüringen und erhielt damit den Titel Landesfürstin Elisabeth von Thüringen, Elisabeth wurde wenige Jahre nach ihrem Tod heilig gesprochen
*Junker Jörg = Deckname des Reformators Martin Luther, der nach dem 1521 in Worms über ihn gelegten kaiserlichen Bann für 10 Monate heimlich auf der Wartburg in einem Versteck untergebracht war
*Ausgestellte Schätze = die auf Goethes Anregung zurückgehende Wartburg-­Sammlung, die heute etwa 9.000 Objekte umfasst, illustriert eindrucksvoll die fast 1000jährige Geschichte der Wartburg 


 

Anzeige

Kommentare (19)

Roxanna

Heute Abend, lieber Syrdal habe ich endlich die Ruhe gefunden, dein wunderbares Gedicht über die Wartburg zu lesen. Leider habe ich sie auch nur einmal von der Ferne gesehen und hatte keine Gelegenheit sie zu besichtigen. Es ist einfach interessant so weit in die Geschichte dieser Burg abzutauchen, von der du uns viel Wissen vermittelst. Die Geschichte der Hl. Elisabeth kenne ich schon von Kind an, weil ich einmal ein Buch über sie geschenkt bekommen habe.  Mit Dank und herzlichen Gruß

Brigitte

Syrdal

@Roxanna

Nun, liebe Brigitte, vielleicht hast du ja irgendwann die Möglichkeit zu einem Besuch der Stadt Eisenach und damit auch der stolzen Burg auf dem Fels über der Stadt. Wir haben in unserem schönen Land viele sehenswerte Bauten und Denkmale, wunderbare Schlösser, einmalige Höhlen (z.B. die Feengrotten in Saalfeld), sagenhafte Seen und Strände, herrliche Parkanlagen (Nymphenburg, Bad Muskau, Wörlitz usw.), reichhaltige Galerien und Museen u.v.m., aber die Wartburg steht bei allem ganz oben auf der Liste der Sehenswürdigkeiten, die man mindestens einmal im Leben gesehen und besucht haben möchte.
Dass dir dies vergönnt sein möge, wünscht dir

mit herzlichen Grüßen
Syrdal 

2.Rosmarie

Lieber Syrdal,

du verstehst es immer noch und immer wieder, uns durch deine tiefgründigen Gedichte geschichtliche Fakten und Hintergründe ins Gedächtnis, bzw. mitten ins Herz, zu holen.

Die Wartburg habe ich bisher nur von unten und in Filmen von innen gesehen. Sie ist eines der ganz besonders geschichtsträchtigen Gemäuer unseres Landes. Nur wenige Burgen dürften an ihre Bedeutung heranreichen. 
Wie schön, dass du ihr eines deiner berührenden Gedichte widmest! 

Liebe Grüße
Rosmarie

Syrdal

@2.Rosmarie

Ja, so ist es, liebe Rosmarie, die Wartburg ist „eines der ganz besonders geschichtsträchtigen Gemäuer“ unseres Landes. Sie wurde in den fast 1000 Jahren seit ihrer Gründung zwar immer weiter ausgebaut und „verschönert“, wurde aber nie wie viele andere Burgen zerstört. Nicht zuletzt deshalb gibt es so viele bis heute erhaltene Zeugnisse aus vergangenen Zeiten, die es unbedingt lohnt, zu erkunden und anzusehen. Und mit Freude erfahre ich, dass das kleine Gedicht auf diese einmalig schöne Burg aufmerksam macht.

Mit Dank für deine freundlichen Worte zum Wartburg-Gedicht grüßt zum Abend
Syrdal 

indeed

Lieber Syrdal,

da habe ich wieder etwas dazu gelernt. Mir ist zwar bekannt, dass Luther unter dem Namen Junker Jörg dort die Übersetzung der Bibel geschrieben hat, so dass auch der normale Bürger sie lesen und verstehen kann. Das war es denn aber auch schon.

Leider war ich noch nicht in dieser Burg drin. Als wir 1991 dort ankamen, war der Andrang so groß, dass wir 3 Stunden Wartezeit in Kauf nehmen sollten. Die Zeit hatten wir aber nicht, denn wir wollten noch nach Karla und dann weiter nach Berlin an dem Tage. So haben wir notgedrungen darauf verzichten müssen.

Du erzählst uns immer schöne Historie oder Legenden in Versform und dafür sage ich dir meine Bewunderung. 

Eine schöne Woche wünsche ich dir und sei herzlich gegrüßt.
Ingrid

Syrdal

@indeed  

Ach, dass ist schade, dass der Besuch der ehrwürdigen Burg wegen des hohen Andrangs ausfallen musste, ist aber sehr zu verstehen, denn es gibt dort so viel zu sehen und zu erfahren, dass man wirklich Zeit und Ruhe haben möchte, um wenigstens das Wichtigste aufnehmen zu können. – Vielleicht gibt es ja mal wieder einmal Gelegenheit und dann weniger Andrang. Derzeit ist es ohnehin nicht möglich, weil alles geschlossen ist, aber in Normalzeiten… dann vielleicht außerhalb der Reisesaison, z.B. im zeitigen Frühjahr oder im November.
In das Gedicht konnte ich ja nur kleine „Historiensplitter“ einbeziehen, aber ich freue mich, dass es dir, liebe Ingrid, eine kleine Anregung ist.

Danke für deine freundliche Würdigung. Zu dir kommen hier viele gute Wünsche für die nächsten Sonnentage – mit lieben Grüßen
Syrdal

HeCaro

Lieber Syrdal,
perfekt wie alle Deine Gedichte. Es ist eine Freude wenn einem Geschichte in dieser Form nahegebracht
wird und die Wartburg ist es wahrlich wert, dass man sie "bedichtet". Den Ort an dem Martin Luther das Tintenfass nach dem Teufel geworfen hat, wollte ich schon immer mal besuchen. Werde ich noch, ganz bestimmt
 
Ich wünsche Dir einen schönen Sonntag
Liebe Grüße
Carola
 

Syrdal

@HeCaro

Es freut mich, liebe Carola, wenn dich das kleine Wartburg-Gedicht zu einem Besuch der ehrwürdigen Wartburg animiert. Über Luthers Tintenfass-Wurf nach dem Teufel habe ich schon als Kind gestaunt. Das kleine Übersetzer-Zimmerchen steht nach wie vor so da, wie es zu Luthers Zeiten war und man wird dort von einem ganz besonderem Gefühl ergriffen, wenn man die uralte Einrichtung sieht und auch die Wand mit dem Tintenfleck.

Einen Besuch der Wartburg kann ich nur wärmsten empfehlen, heute freilich verbunden mit sonnigen Grüßen zum Frühlingsbeginn von
Syrdal  

Tulpenbluete13

Lieber Syrdal

zu meiner Schande muß ich zugeben daß ich noch nicht auf der Wartburg war. Ein paarmal war ich in der Nähe (Rennsteig-Wanderung) aber jedesmal haben mich die hohen Besucherzahlen abgeschreckt. Ich mag keine Massenansammlungen (Phobie) Paradoxerweise kommt mir da Corona ein wenig "entgegen".

Ob ich jetzt noch dazu komme die geschichtsträchtige Burg zu besuchen ist fraglich.
Aber Du hast ja in Deinem Gedicht alles Wichtige erwähnt. Trotzdem hätte ich sie gern mal in "echt" gesehen..
Danke für die Geschichtsstunde...und daß du Dir so viel Mühe gemacht hast.

Einen schönen Sonntag wünscht Dir
Angelika

werderanerin

Da kann ich dir nur einen guten Tipp geben..., nutze die Winterzeit, da ist es sehr viel angenehmer..., wir waren mal im Januar dort, wunderbar und es lohnt sich wirklich.

Kristine

Syrdal

@Tulpenbluete13

Liebe Angelika, freilich ist zu verstehen, dass hohe Besucherzahlen – vor allem auch jetzt in Corona-Zeiten – nicht gerade zu einem Besuch einer so hoch frequentierten historischen Stätte animieren. Es gibt aber auch Wochen und Tage, da ist (wenn die Burg nach Corona wieder für Besucher geöffnet ist) der Ansturm nicht so groß… z.B. im „grauen“ November.

In einem kleinen Gedicht lassen sich ja nur einige wenige Dinge benennen, die ehrwürdige Burg hat aber noch tausend andere, auch optisch wunderbare Bilder und Überraschungen bereit. Das kann man einfach nicht beschreiben, man muss es gesehen und erlebt haben.

Dank dir aber für deine Anerkennung. Vielleicht gelingt dir ja doch írgendwann ein Besuch dieser wirklich einmalig schönen Burganlage. Es würde dir ganz sicher große Freude bereiten...

Dies wünscht Dir mit lieben Grüßen zum Sonntag
Syrdal  
 

ladybird

,Die Krönung Thüringens hat eine solche Ehrung verdient,
lieber Syrdal, sie ist Dir großartig gelungen. Und die Krönung eines Besuches in Thüringen, ist ein Besuch oben auf der Burg.
Schon vor der Wende habe ich sie "erkraxelt", endlich oben wird man sehr belohnt. Letztes Jahr konnte man sich  vom Parkplatz mit einem Sammeltaxi
hoch fahren lassen....das fand ich jetzt altersgerecht schon angenehm.
Die Eindrücke sind stets bleibend und imposant.
Mit Gruß und Dank :
Na, wie en......Renate
 

Syrdal

@ladybird  

Liebe Renate,
es ist eine sehr feine und zugleich überaus treffende Bezeichnung für die Wartburg:
„Die Krone Thüringens“. Und so ist für jeden Thüringen-Besucher der Weg hinauf zur ehrwürdigen Wartburg wirklich eine Krönung im Reisegeschehen.

Dass man nun auch vom Parkplatz aus mit dem Sammeltaxi hinauf fahren kann, ist für unsere Semester eine wahre Erleichterung. Früher aber als Kind haben wir allzu gerne die berühmten Wartburgesel bestiegen, die uns hinauf bis zum Droschken-Wendeplatz getragen haben. Das war freilich eine zusätzliche Attraktion...


wartburg-eselstation.jpg

Wenn ich wieder „klein“ bin, reite ich ganz bestimmt wieder zur Burg hinauf, sagt mit ehrlicher Vorfreude…
...und Samstagabendgrüßen
Syrdal
 

WurzelFluegel

dieses Gedicht gefällt mir Syrdal,
und wenn man Glück hat und die Burg an einem Tag besucht, an dem sich keine Touristenmassen durchwälzen, erzählen die alten Gemäuer die Begebenheiten, die du in Verse fügtest und noch mehr... schöne Stimmungen hast du eingefangen

Gruß von
WurzelFluegel

Syrdal

@WurzelFluegel

Einen „ruhigen Tag“ auf der Wartburg zu erwischen, ist reines Glück, zeigt aber auch, dass es ein großes Interesse gibt, die Burg und ihre Geschichte und freilich auch ihre Geheimnisse zu erforschen. Und da gibt es so sehr viel zu sehen und zu erleben, dass man immer wieder kommen möchte.

Einen nächsten „ungestört-beschaulichen“ Besuch wünscht dir
Syrdal  

Monalie

Lieber Syrdal oh wie schön deine Gedicht,ich kenne die Wartburg und habe dort oben auch  schon über Nacht verweilt,ein Erlebnis wunderbar und geheimnisvoll, gern gelesen von Mona

Syrdal

@Monalie

Ja, liebe Mona, ein Wartburgbesuch ist in der Tat ein besonderes Erlebnis. Und dann dazu noch in dem edlen Wartburghotel zu nächtigen mit dem herrlichen Blick auf meine Heimatstadt… das ist unvergesslich!

Danke für deine kurze Schilderung, möge sie Besuchsanregung für viele Leser sein.

Liebe Grüße
Syrdal  

werderanerin

Die "Wartburg" bei Eisenach ist wirklich schon von weitem hoch oben zu sehen und hätte ganz sicher so einiges zu erzählen, lieber Syrdal. I

Ich war schon öfter dort, auch in ganz jungen Jahren...erst vor ca. 4 Jahren sind wir im Winter den Weg zur Burg hochgekraxelt. Ich hatte die Steigung am unmittelbaren Eingang zur Burg gar nicht mehr so in Erinnerung.

Im Winter ist zum Glück kaum Publikum dort und somit konnten wir ganz in Ruhe alles anschauen, auch das Zimmer, wo Luther wohl lebte und die Bibel übersetzte. Der große Fleck an der Wand soll ja von ihm stammen...

Eine geschichtsträchtige Burg, die es lohnt, zu sehen.

Kristine dankt herzlich für diese , sehr informativen Zeilen


 

Syrdal

@werderanerin

Immer wenn ich auf der Autobahn A4 nahe der Grenze zwischen den Bundesländern Hessen und Thüringen über die imposante, nach der Kriegszerstörung längst wieder aufgebaute Werrabrücke fahre, geht mein Blick fast magnetisch hinüber zur stolzen Wartburg.
Dieses edle Wahrzeichen im Leben nicht wenigstens einmal besucht zu haben, ist ein die Lebensfülle schmälerndes Versäumnis, steht diese alte ehrwürdige Burg doch für viele historische Stationen unseres Landes in fast allen Entwicklungsbereichen, vor allem in Kunst und Kultur, Baukunst, Religion, Geschichte und Politik. Hinzu kommen viele Legenden und sagenhafte Begebenheiten. Und nicht zu vergessen die weit über die Landesgrenzen hinaus bekannten Wartburgkonzerte mit oft ausgesucht internationaler Künstlerbesetzung. Für jeden interessiert durchs Leben Gehenden ist ein Wartburgbesuch einfach ein Muss.

Schön, dass auch du die Wartburg in guter Erinnerung hast. Darüber freut sich
Syrdal  


Anzeige