Eigentlich tut er uns leid




Eigentlich tut er uns leid, heute, an Heilige Drei Könige, und er hat ausgedient.

Erst war er so aufmerksam ausgesucht, behutsam nach Hause getragen. Am Tag vor der Heiligen Nacht bekam er seinen Schmuck, wir waren verliebt in seinen Anblick. Als wir dann zu den Kindern gingen, haben wir vorher neben ihm im Wohnzimmer den Stollen angeschnitten, der ganz nach Mutters Rezept entstanden war, haben ein Täßchen Kaffee dazu getrunken und ihn dann mit seinen Strahlelichtern bis zum späten Abend zurückgelassen.

Er schenkte uns soviel Friedlichkeit und Wärme, wenn wir in den Feiertagen zusammen saßen und an die Zeiten mit den Kindern und Enkeln dachten. Und zum Jahreswechsel stand er noch immer so tapfer auf seinem Podest, hielt eisern die Nadeln fest, glänzte mit dem echten, schweren Lametta, kuschelte sich an den Kugeln und Strohsternen.

Mit Wehmut nahmen wir ihm heute all den Schmuck ab – selbst da ließ er nicht die Nadeln fallen, hätten wir ihn noch länger behalten sollen, so, wie wir es in alten Bauernhäusern in der kalten Stube erlebten, wo das gute Stück bis Ostern gehalten wurde? Nun liegt er da zusammen mit anderen Leidensgenossen, ausgesondert und freigegeben zum Schreddern.

Eigentlich tut er uns leid, unser echter, schmucker Weihnachtsbaum.


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Kommentare (3)

...also unser kommt morgen früh weg, aber dann gaaaaanz bestimmt!
Er war immer noch fast so schön wie zu Beginn.... Nur jetzt fallen die Nadeln, und ehe auch Kugeln fallen, tutto est finito!
koala Beim naechsten Weihnachsbaum laesst Du Dich nicht mehr von der berliner Buerokratie zwingen, Euer noch so frisches Weihnachtsbaeumchen schon der Schreddermaschine zu uebergeben. Lasst es so lange stehen, wie es Euch Freude macht. Dann schnippel es in taschengerechte Groesse und bei der naechsten Tour durch Berlin lasst Ihr hier und da ein Zweiglein zurueck, bis die Tasche leer ist.
Es gruesst Dich
Anita
...aber unser soll noch stehen bleiben bis irgendwann nächste Woche. Auf Wunsch der Männer (Ehemann, Schwiegervater und Bruder) wurde ein besonders großer Baum beschafft. Er reicht vom Boden bis fast an die Zimmerdecke. Nach alter Tradition habe ich ihn liebevoll geschmückt mit dem alten, bunten, teils glänzenden, teils matten Christbaumschmuck, der noch aus meiner Kindheit stammt, der aber inzwischen ergänzt wurde durch zahlreichen neuen, darunter Metall- und Strohsternen. An den Zweigspitzen hängt sparsam Lametta, gerade eben so viel, dass es geheimnisvoll silbern glitzert.
Am Samstag abend werden wir ihn nochmal gemeinsam genießen, seinen Duft und seinen Anblick!

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