So viele Jahre
 
In einem Königsreich lebte einst ein Prinz. Er war 15 Jahre alt und ein sehr schöner Jüngling. Eines Tages beschloss er, sein Pferd zu satteln und einen großen Ausflug zu machen. Er wollte alle Schönheiten seines Reiches kennen lernen. Aber da es nicht allzu groß war, gelangte er bald in das benachbarte Königsreich.
Um die Mittagszeit kam er an einen idyllisch gelegenen kleinen See, in dem gerade die Prinzessin dieses Reiches badete. Sie sah den schönen Reiter näherkommen, verließ schnell das Wasser und versteckte sich hinter einem Gebüsch. An der Kleidung und am Wappen erkannte sie sofort, um wen es sich bei dem Jüngling handelte.
Dem Prinz verlangte es nach einem Bade und er legte seine Kleidung ab und begab sich ins erfrischende Wasser. Die Prinzessin beobachtete alles mit klopfendem Herzen und wallendem Blute ganz nahe aus dem Gebüsch heraus. Sie sah zum ersten Mal einen nackten jungen Mann und das benahm ihr so die Sinne, dass sie unwillkürlich seufzte.
Und der Prinz vernahm erstaunt diesen flehenden Seufzer, eilte zu dem Gebüsch, woher der Laut kam, und schob die Zweige auseinander.
Was er da erblickte, übertraf alle Schönheit, die er bisher kennen gelernt hatte. Vor ihm stand die wunderschöne nackte Prinzessin, mit ihrer glatten weichen weißen Haut. Er betrachtete mit großer Freude den schönen Körper des Mädchens. Besonders gefielen ihm ihre gewölbten Brüste, die sich gleich ihrem erregten Atem mitbewegten und das wunderschöne Gesicht mit den großen staunenden Augen.
Die beiden nackten jungen Menschen verschlangen sich mit den Blicken und konnten sich nicht satt sehen an den Wundern des anderen Geschlechts. Mit dem Prinzen ging eine seltsame Veränderung vor sich. Das war ihm völlig neu, irgendwie musste eine Verzauberung von diesem Mädchen ausgehen. Auch ihre Augen waren starr auf den Jüngling gerichtet.
Instinktiv, ohne dass ihm jemals jemand erklärt hatte, was dieser Zustand bedeutet, wusste er, dass er dieses Mädchen begehrte. Er hatte ein überaus großes Verlangen danach und seine Blicke fixierten das nackte wunderschöne Mädchen. Auch die Prinzessin sehnte sich danach, den Prinzen in ihre Arme zu schließen und sich in seine Arme schließen zu lassen.
Schon wollte er sich auf sie zustürzen und sie umarmen, als sie zurückwich und rief:
"Halt!!! ...
Ich fühle dasselbe Verlangen wie du, aber ich bin die Prinzessin dieses Reiches.
Wenn du mich begehrst, so wie ich dich begehre, dann geh zu meinem Vater, den König und halte um meine Hand an."
Der Prinz willigte ein. Sie legten ihre Kleider an und begaben sich zum König, dem Vater der Prinzessin.
Als er vernahm, dass der Prinz seine Tochter zur Frau begehrte, war der König sehr erbost, denn er hasste das Nachbarkönigreich. Andererseits konnte er den Prinzen nicht grundlos ablehnen. Also ersann er eine List und sprach:
"Ich gebe dir gern meine Tochter zur Frau, und nach meinem Tode sollst du auch Herrscher dieses Reiches sein.
Aber .... vorher musst du für mich sieben Jahre lang die allerniedrigsten Dienste verrichten. Wirst du das ohne Murren durchhalten, so soll die Hochzeit sein."
Insgeheim dachte er sich, dass kein Jüngling oder Mann solch ein Opfer auf sich nehmen würde, um eine Frau zu heiraten.
Der Prinz willigte aber ein. Nun musste er die schwerste und schmutzigste Arbeit im Schloss verrichten, die Kohlen aus dem Keller zu den Öfen tragen, die Schweineställe ausmisten, die Aborte reinigen. Er bekam eine schmutzige Schlafstelle auf Stroh in der Gesindekammer zugewiesen. Die Prinzessin durfte er nicht sehen. Nur einmal im Jahr, wenn sie Geburtstag hatte, dann konnte er sich mit dem Gesinde an den Weg stellen und das schöne Geburtstagskind an der Hand des Königs vorbeischreiten sehen und ihr huldigen. Dort stand er nun in seiner schmutzigen stinkenden Arbeitskleidung. Und als sie an ihm vorbeischritt, trafen sich ihre Augen und die Liebe durchfuhr ihre beiden Körper. Der Prinz vergaß für diesen Moment alle Mühen und Entbehrungen des ganzen vergangenen Arbeitsjahres. Und voller Sehnsucht trat das Bild des nackten Mädchens am See in seine Vorstellung. Er spürte dabei eine seltsame Anspannung in seinem Unterleib.
Endlich waren die sieben Jahre vergangen. Nun war er 22 Jahre alt. Er war reifer und kräftiger geworden, kein Jüngling mehr, sondern ein richtiger Mann.
Er warf das schmutzige Arbeitsgewand ab, wusch sich und zog saubere Kleidung an. Sodann trat er vor den König hin und sprach:
"Sieben lange Jahre habe ich für dich geschuftet. Nun löse dein Versprechen ein, und gib mir die Prinzessin zur Frau!"
Der König sah in grimmig an. Das hätte er nicht gedacht, daß der Bursche diese sieben Jahre durchhält. Aber er ersann eine neue List. Zornig schrie er den Prinzen an: "Was erlaubst du dir, du frecher Lügner? Wer sprach von sieben Jahren? Ich sagte sieben mal sieben Jahre. Du hast erst ein mal sieben Jahre für mich gearbeitet. Willst du meine Tochter zur Gemahlin haben, so mußt du noch sechs mal sieben Jahre für mich arbeiten.
Meine Minister und Beamten können das bezeugen."
Und er schaute drohend zu seinen Ministern und Beamten, welche ängstlich mit ihren Köpfen nickten.
Der Prinz schäumte vor Wut, und der Prinzessin brach es fast das Herz, bitterliche Tränen füllten ihre Augen.
Aber der Prinz konnte es nicht wagen, den König als Lügner hinzustellen, er hatte schließlich die Macht.
So sprach er also mit unterdrücktem Zorn: "Verehrter König, verzeiht mir meinen Irrtum. Ich werde weitere sechs mal sieben Jahre für euch arbeiten, um die Prinzessin als Ehefrau zu bekommen.
Aber ich bitte euch, laßt dieses Versprechen in großen Buchstaben an die Wände des Thronsaales einmeißeln."
Denn er wollte nicht noch einmal betrogen werden.
Und so geschah es, in unauslöschbaren Worten wurde in Stein gemeißelt, daß der Prinz nach insgesamt sieben mal sieben Arbeitsjahren die Prinzessin zur Ehefrau erhalten solle.
Der Prinz schlüpfte wieder in sein stinkendes Arbeitsgewand und machte sich an die widerliche Arbeit, Tag um Tag, Jahr um Jahr.
Und es gab nur einen jährlichen Feiertag für ihn, der Geburtstag der Prinzessin, wo er ihr eine Sekunde glücklich in die Augen blicken durfte.
Nach fünf mal sieben Jahren war der heimtückische König verstorben und die Prinzessin wurde zur herrschenden Regentin. Aber auch sie konnte das Gesetz nicht ändern, das steinern im Thronsaal eingemeißelt war. Und die Minister und Beamten des Reiches achteten streng darauf, daß das Gesetz peinlich eingehalten wurde.
Endlich kam der Tag, an dem die 49 Jahre harter Arbeit vorüber waren. Der Prinz hatte nur immer an seine Liebste gedacht und so das Zählen der Jahre und Tage vergessen.
Aber die Regentin, die nun nicht mehr die Jüngste war, vergaß keinen Tag zu zählen, denn auch sie war voller Sehnsucht.
Pünktlich zur abgelaufenen Stunde stürzte sie zu ihm in den Schweinestall, wo der ergraute und nicht mehr so kräftige Prinz gerade den Mist gabelte.
Freudig lachend rief sie ihm im gespielten Befehlston zu: "Mein Geliebter, schnell, wirf die elende Forke weg, steig aus deinen stinkenden Kleidern, eile ins königliche Bad. Unsere Hochzeit ist angerichtet."
Und am selben Tage wurde eine prächtige Hochzeit gefeiert, er wurde zum neuen König gekrönt und er vereinigte sein neues Königreich mit dem Reich seines Vaters, der inzwischen auch gestorben war.
Endlich kam die Hochzeitsnacht. Nackt traten sie aufeinander zu. Sie hatten sich sehr verändert nach den 49 Jahren des Wartens. Was geblieben war und noch stärker geworden war, das war das Feuer in ihren Augen und in ihren Herzen.
Sie nahmen sich in die Arme, sanken auf das Bett nieder und vereinigten sich in unendlicher Liebe. Niemals waren zwei Menschen in der Welt glücklicher als diese beiden.
Der einzige Gott, den es gibt, der Gott der Liebe, hielt schützend und segnend die Hände über die Liebenden, welche die heilige Handlung vollzogen.
Er war derartig gerührt von so viel Treue und Opferbereitschaft, dass er eine göttliche Träne verlor, welche auf die Liebenden fiel und sogleich ein Wunder wahr werden ließ. Ihnen wurden sechs mal sieben Lebens- und Liebesjahre zurückgeschenkt.
Und wenn sie nicht gestorben sind, so lieben sie sich noch heute.
💘💘💘


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Kommentare (1)

Gitte1709

Lieber dunkelgraf, 

das ist eine wunderschöne Geschichte , ein Märchen, aber Märchen können auch wahr werden.

Wenn sich zwei Menschen wirklich lieben, dann werden sie dass, was ein Mann und eine Frau tatsächlich verbindet, sich für immer bewahren:

Liebe,  Achtung, Sehnsucht, Begehren und Treue. 

Liebe Grüsse Brigitte 
 


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