Ein Morgentraum vor 1000 Jahren


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Ich werde heute früh wach und kann mich von meinen Träumen nicht befreien und „aus den Federn hüpfen“. Deshalb döse ich noch bildhaft darüber nach, wie es mir vor nunmehr 1000 Jahren in dieser Situation ergangen ist. Wie komme ich drauf? Durch die vielen „Mittelaltermärkte“ die jetzt überall ablaufen?

Wach gekräht hat mich der Hahn kurz vor Sonnenaufgang. Ich richte mich auf meiner Fichtenbretter-Pritsche mit Strohsack und Schaffelldecke auf und schaue zu meiner Hiltrud hinüber und auf ihre Hände und Haare, die sie gestern Abend nicht mehr hat in Ordnung bringen können. Ich werde sie etwas später wecken. Meine drei Kinder schlafen auf aufgeschüttetem Stroh gleich neben der Kochofen-Feuerstelle, die jetzt natürlich weißlich tot ist und keinen Rauch zum offenen Abzug unter dem Dach mehr abgibt. Über mein leinenes Hemd werde ich meine übrigen Kleider neben mir auf dem Boden anziehen: Meine wollene Hose und den dunkelgrauen Rock, den ich über den Kopf ziehe und der mir bis über die Hüften reicht, mit Schlitzen an den Seiten, und meine Lindenholz-Schuhe, an denen noch die Erde von gestern hängt. Meine „Festtagsschuhe“ aus Leder liegen in der Truhe, meinem „Möbelstück“ neben Pritsche, Schemel und Tisch. Ich überlege, wie alt ich sein könnte, aber obwohl ich rechnen (nicht schreiben) kann, komme ich nicht darauf. Ich werde jetzt erst meine Notdurft auf dem nahen Misthaufen verrichten und mir dabei das Haus mal richtig betrachten. Es ist von meinem Vater, denn wir leben im Bauernstand, als Lehnsleute. Es ist schon an den Balken und dem Hecken- und Lehmwerk dazwischen angegriffen und wir werden überlegen müssen, ob wir nicht nach Norden wegziehen, denn es ist in den letzten Jahren zusehends heißer und der Boden unfruchtbarer geworden. Trotzdem habe ich hier Rodungsland dazu genommen und werde es heute mit dem Ochsen bearbeiten, geführt von meinem Ältesten. Den Eichenholz-Pflug mit eisernem Dorn zu halten, einmal längs, einmal quer Pflügen und alles Überflüssige an den Rand werfen ist Schwerarbeit und ich und mein Ochse (der auch Fron-Spanndienst leisten musste und ein wenig aufgescheuert ist) werden heute Abend wieder schön müde sein. Jetzt aber zunächst einmal an das Vieh denken und es versorgen bzw. auf die Weide lassen. Dann wird Hiltrud auch die erste Mahlzeit bereitet und hoffentlich nicht zu viel Rauch produziert haben, denn die Wärme drückt schon von oben auf den Abzug. Wir werden uns auf Schemeln an unseren Tisch setzen, eine große, von Schragen gehaltene Holzplatte, jeder mit seinem mit Brot-Brei gefüllten Holznapf (Mehl, mit Milch aufgekocht und mit Honig gesüßt) und Holzbecher (Molke, der Rest der Milchverwertung). Beim Kauen wird es zwischen den Zähnen knirschen, wegen des Abriebs von Hiltruds Steinmühle.

Ach, war es damals doch so schön!!
 


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Kommentare (4)

Muscari

Dein gedöster Traum ist irgendwie faszinierend.
Ja, so mag es gewesen sein. Nicht unbedingt vor 1000 Jahren.
Aber aus heutiger Sicht möchte ich nicht wieder dorthin zurück.
Lächeln
Es grüßt Dich
Andrea


 

Willy

Wie gut geht es uns doch heute? Ich denke, die Wahrheit liegt, wie so oft) in der Mitte. Zurück will keiner ...
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Syrdal


Hallo Manfred,
 
richtig schön beschrieben, dieses Mittelaltertumsbild einer wohl einigermaßen intakten Sippe im Verbund einer gut funktionierenden bäuerlichen Gemeinschaft. Ja, man möchte sich da gern mit einfinden...

Dann aber laufen die Gedanken und Bildvorstellungen weiter: Fronarbeit... Zins und  Zinseszins für den gepachteten Acker...  Jahresabgaben in kaum erbringbarer Menge... dann der 30jährige Krieg... die Kreuzzüge im 11. und 13. Jahrhundert... tausende Fehden zwischen Kleinstaaten, Fürsten und sonstwem... vagabundierende Räuberhorden... Hexenverbrennungen... Ketzerverfolgungen... Folter... Überfälle und Brandstiftungen in großem Ausmaß... und dies alles mit einer Lebenserwartung von gerade mal 30, höchstens 35 Jahren...

Ach nein, dann doch nicht nochmal Mittelalter.

Aber stattdessen die Neuzeit, die Moderne? Da habe ich auch viele, viele Fragen...
Und auch da findet keine Antwort
Syrdal
 

lillii

@ Manfred, Du hast mich eingefangen in Deiner Traumwelt,
ich habe als Gast dabei gesessen und zugeschaut, denn auch zufällige Gäste wurden sicherlich beherbergt und beköstigt;
Der Brotbrei schmeckte vorzüglich, danke dafür  und nun hoffen wir, dass es heute wirklich nicht zu heiß wird .

LG Luzie


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