Ein Schritt vor, zwei zurück


Gestern war ein guter Tag. Ein Highlight, könnte man sagen. Meine Mutter traute sich gestern nämlich, drei Jahre nachdem sie im Koma lag und wir sie fast aufgegeben hatten, alleine raus. Sie wollte einkaufen gehen, währenddem ich unterrichtete und das tat sie auch. Das war schön. 
Heute habe ich gedacht, ich traue mich mal, sie alleine in der Wohnung zu lassen und gehe selbst einkaufen, gehe aber etwas weiter weg, damit sie länger alleine bleibt. Zwischendurch rufe ich an, um nachzufragen, wie es geht. Mutter ging es gut.
Womit ich nicht gerechnet hatte, waren meine Selbstmordgedanken. Die waren auf einmal lautstark da, vor allem, als ich über die Strassenbrücke lief, um zum Warenhaus zu gelangen. Da hätte ich glatt von ihr runterspringen können. 
Ich habe in diesen Jahren gelernt, mit diesen Gedanken umzugehen. Ich weiss ja, dass mein Gehirn mir damit einen grausamen Streich spielt, auf den ich mich nicht einlassen darf. Aber wenn dieser Impuls zu springen so stark ist, fällt es schwer, den Unterschied zwischen mir und dem Gehirn zu machen - die Gedanken zu objektivieren, wie Psychologen zu sagen pflegen. 
Einfach weiteratmen, habe ich gelernt. Tief und tiefer durchatmen, bis der Spuk mit dem Selbstmord vorbei ist und mein Gehirn endlich die Klappe hält. Das war schwer heute. "Jetzt rufst du Mama an und verabschiedest dich" hörte ich irgendwas in mir denken. 
Ich konnte mich zurückhalten, auch wenn es schwerfiel. Ich bin stolz auf mich, dass ich meinem Gehirn die Stirn geboten habe.Oder wie Frankl es formulierte: "Man muss sich von sich selbst nicht alles gefallen lassen."


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Kommentare (6)

Roxanna

Ja, liebe Sandra, "man muss sich von sich selbst nicht alles gefallen lassen". Was sich tief in der Seele eingegraben hat, wird man nicht ein für allemal los. Es gibt zeitweise Ruhe und taucht dann wieder auf, manchmal unvermittelt oder in einer abgewandelten Form, so dass man auf Anhieb nicht sofort bemerkt, dass es sich um ein "altes Muster" handelt. Das einzige ist wirklich zu lernen, damit umzugehen und, wenn man es alleine nicht schafft, sich Hilfe zu holen. Diese starken, engen Mutterbeziehungen sind sehr kompliziert, ich spreche da aus Erfahrung.

Alles Gute und viel Kraft wünscht dir
Brigitte

Sandra1975

@Roxanna  
Vielen Dank, liebe Brigitte.
Ich denke, jeder Mensch hat so seine Prägungen, die ihn bis zum letzten Atemzug begleiten. Viktor Frankl hat es drastischer formuliert; er meinte: "Jeder hat sein Auschwitz". Insofern ist ganz richtig, was du schreibst: Diese Muster werden nie endgültig Ruhe geben; man muss sich ihnen stellen und akzeptieren, dass sie nunmal zu einem gehören. Wenn man sie bekämpft, ist es, glaube ich, umso schlimmer.
Viele Grüsse
Sandra

Christine62laechel


Liebe Sandra, ich bin voller Bewunderung für Euch Beide. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie schwierig es ist, mit solchen Beschwerden, mit solchen Entscheidungen zurecht kommen zu können. Ihr seid Beide einfach brav; ich wünsche Euch herzlich, dass Ihr weiter so stark bleibt.

Mit besten Grüßen
Christine

Sandra1975

@Christine62laechel  
Danke, liebe Christine. 
Dir auch einen schönen Tag.
Viele Grüsse 
Sandra

chris33

Du  scheinst Deine Krankheit im Griff zu haben, trotzdem wuerde ich immer fuer den Notfall  eine Tel. Nr.  bereit halten. 

Du hast vermittelt, dass  es  gar nicht einfach war,  die Situation zu bewältigen. 
Ich  hoffe aber . dass du , obwohl du gut mit deinen Gedanken umgehen kannst, professionelle Hilfe in Anspruch nimmst, wenn noetig. 

​​​​​Geh bitte nicht mehr ueber die blöde  Strassenbruecke, liebe Sandra.
Ich weiss, das ist eine oberflächliche Problembewaeltigung..... 😒 

In der Hoffnung, dass es deiner Frau Mama bald  noch besser geht und du dadurch etwas mehr  Entlastung erfährst,

verbleibe ich

mit netten Gruessen 

Chris33 


​​​​​​.. 
​​​​​

Sandra1975

@chris33  
Vielen Dank für die Ermutigung und die lieben Worte. 
Heute war wirklich kein einfacher Tag. 
Mit liebem Dank für deine Hilfe und dass du dir extra die Zeit genommen hast zum Antworten. 
Sandra


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