Ein Sonnabend im August


Ein Sonnabend im August

Das Frühstück dauerte wieder ewig, aber jetzt ist Mutti endlich fertig. Wie an jedem Sonnabend haben wir auch heute noch viel vor.
Meine Mutter steckt eine größere Menge Ostgeld ein, mir gibt sie unseren Westgeldvorrat. Sie hofft immer, dass ein Kind unverdächtiger sei.
Wir gehen zum S-Bahnhof Schönhauser Allee und kaufen zweimal Hin-und Rückfahrt für 40 Pfennige Ost das Stück. Das erspart uns den Kauf von Rückfahrkarten für Westgeld.
Dann gehen wir die Treppe zum Bahnsteig herunter. Auf dem Treppenabsatz orten wir die erste Gefahrenstelle in Form einer Zöllnerin. Zum Glück ist diese gerade mit einem Betrunkenen beschäftigt, der sie lautstark beschimpft. Als der Trunkenbold dann auch noch "Flintenweib" schreit, kommen zwei Transportpolizisten und führen ihn ab. Wir sind durch diesen Zwischenfall erst einmal auf den Bahnsteig gelangt, ohne behelligt zu werden. Leider ist aber damit die Gefahr noch lange nicht vorbei. Der Bahnsteig wimmelt nur so von Uniformierten. Bevor der Zug einfährt, mustern die getreuen Staatsdiener schon das Publikum. Wer mit großen Taschen in den Westen will, erregt den Verdacht entweder schmuggeln oder abhauen zu wollen, was beides nicht im Sinne der SED ist.
Als schon fast niemand mehr auf den Bahnsteig passt, fährt endlich der Zug in Richtung Gesundbrunnen ein. Aus dem Lautsprecher ertönt die Ansage
"Vollring über Westkreuz. Letzter Bahnhof im demokratischen Sektor!"
Ich habe schon vor Jahren aufgegeben, darüber nachzudenken, warum ausgerechnet Ost-Berlin der demokratische Sektor sein soll.

Der Zug ist gerammelt voll, die Türen werden von außen geöffnet aber niemand will aussteigen. Also hilft nur drängeln. Die Herrschaften mit den dicken Gepäckstücken werden von Uniformierten zum Ende des Bahnsteigs geführt, wo sie in einem Holzhäuschen gefilzt werden. Die nehmen uns in diesem Zug also keinen Platz weg. Aber es reicht auch so. Irgendein Witzbold ruft:
"Macht doch mal die jejenüberliejenden Türen uff, denn wird wieder Platz!"
Kaum jemand lacht über diesen abgedroschenen Witz. Alle warten nervös auf die Abfahrt des Zuges. Wohl niemand hat ein reines Gewissen und kann richtig frei durchatmen, was nicht nur an der total überfüllten S-Bahn liegt.

Die Zöllner werfen noch einen letzten prüfenden Blick auf uns, dann schließen sich die Türen automatisch und der Zug setzt sich in Bewegung. Wir verlassen den Bahnhof. Nun müssen wir nur noch die letzte Hürde nehmen, die aus einem Holzbahnsteig auf sonst freier Strecke besteht. Der sieht auch verdammt nach Kontrolle aus. Man hat zwar hier noch nie einen Zug halten gesehen, aber wir könnten ja die ersten sein. Der Zug fährt jedoch auch heute durch und uns wird etwas wohler. Dann fahren wir unter der Millionenbrücke durch und erreichen den Bahnhof Gesundbrunnen. Wir haben es mal wieder geschafft!
Fast alle Fahrgäste steigen hier aus, und eine große Masse Mensch wälzt sich die Treppe vom Bahnsteig empor. Von der Werbung an den Stufen für verschiedene Schuhgeschäfte ist in diesen Minuten absolut nichts zu sehen. Aber wir wissen auch so, wo wir hinwollen.
Als wir endlich den Bahnhofsvorplatz erreichen, empfängt uns buntes Treiben. Ein Bananenhändler verkauft von seinem dreirädrigen Tempowagen herunter seine gebogenen Früchte. Ich höre ständig "Fünfe für `ne Mark, sechse für `ne Mark und weil Du so schlecht aussiehst sieme für `ne Mark und eene zum Kosten!" Überall stehen illegale Geldwechseler, die ihre Dienste anbieten, aber meine Mutter geht zielstrebig auf eine richtige Wechselstube zu. Sie tauscht 100 Mark Ost gegen 21,34 DM. Das sollte zusammen mit dem Westgeld, das ich in meiner Hosentasche geschmuggelt habe, reichen, um ein Paar neue Schuhe für mich zu kaufen. Die sind zwar für uns furchtbar teuer, aber die Igelit-Schuhe, die im Osten angeboten werden, vertrage ich einfach nicht.
Also begeben wir uns in ein Schuhgeschäft in der Badstraße. Ich probiere Schuhe an und behaupte, dass sie mir gut passen. Die Verkäuferin geht mit mir zu einem Röntgenapparat, in dem man die Fußknochen sehen kann, und so wird offenbar, dass mir die Schuhe wohl doch besser gefallen als passen. Aber wir sind ja im Westen, und da gibt es diese Schuhe auch noch eine Nummer größer. Meine Mutter bezahlt, und ich behalte die neuen Schuhe gleich an. Die alten lassen wir uns einpacken.
Es ist noch etwas Geld übriggeblieben, und so gehen wir noch Kaffee für meine Eltern und ein Micky-Maus-Heft für mich kaufen.
Dann schlendern wir die Badstraße rauf und runter. Insbesondere interessiert sich meine Mutter für die Kinos. Manchmal geht sie mit Vati abends ins Kino. Als wir schon fast am Bahnhof Gesundbrunnen angekommen sind, findet sie im Corso einen Film, der ihr zusagt und bei dem man die Kinokarten 1:1 mit Ostmark bezahlen kann. Sie kauft zwei Karten für den Abend, dann gehen wir zum Bahnhof zurück.
Dort preist der Bananenverkäufer immer noch seine verderbliche Ware an. Er ruft jetzt: "Zehne für ne Mark, elwe für ne Mark!" Wir drängeln uns in die erste Reihe. Prompt kriege ich mit der Bemerkung
„Komm her Kleener, Du bist doch aus'm Osten"
eine Banane zum Kosten. Meine Mutter kauft eine Riesenstaude, dann fahren wir wieder nach Hause. Jetzt ist der Zug nicht ganz so voll. Die Fahrgäste bereiten sich in der einen oder anderen Weise auf die Grenzkontrolle vor. Es wird umgepackt und versteckt. Eine Frau versucht zur Freude der Männer eine Westzeitung in ihrem Ausschnitt zu verbergen.

Wir fahren in den Bahnhof Schönhauser Allee ein und werden schon von den Zöllnern empfangen. Diesmal kommen wir nicht so glimpflich davon. Der Schuhkarton und das große Netz mit Bananen wecken behördlichen Verdacht. Meine Mutter wird angehalten und kontrolliert. Ich gehe weiter, als wenn mich das alles nichts angeht. Das ist unsere ausgemachte Strategie für solche Fälle. Ich warte vor dem Bahnhof bis sie endlich erscheint. Den Karton mit den alten Schuhen hat sie noch, die Bananen und den Kaffee haben sie ihr abgenommen. Bloß gut, dass ich mein Micky-Maus-Heft selber getragen habe. Das wäre ein schwerer Verlust für mich gewesen! Auch die neuen Schuhe an meinen Füßen haben den Grenzübertritt unbeschadet vertragen. Meine Mutter ist traurig, aber wenigstens haben sie die Kinokarten nicht gefunden. Leise sagt sie:
"Ach, wann wird diese verfluchte Grenze endlich verschwinden?"


Es ist Sonnabend der 12.August 1961.


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Kommentare (19)

Wilfrid45

Wilfried, deine Antwort entspricht genau dem Denk-Themata, welches ich kenne von Euch die die Wahrheiten verdrängen.
Wer die geschilderte politische Lage und deren Folgen zu verantworten hat ist vom sogenannten "Klassenstandpunkt" Meilen entfernt, und ich sage es noch einmal die Masche funktioniert schon wieder erfolgreich ohne den von dir angespielten Klassenstandpunkt.
Wilfrid45

Michiko

Lieber @Wilfrid45,
hier geht es um die Folgen, die 29 Jahre Mauerbau in den Menschen hinterlassen haben. Begonnen mit persönlichen Erlebnissen vom 12. zum 13. August 1961. Eine Stadt wurde geteilt, Menschen mussten ihre Wohnungen räumen, Menschen verloren ihr Leben, wollten sie von einem in den anderen Teil des Landes wechseln, Ausreisewillige wurden drangsaliert, teilweise sogar weggesperrt oder als zuvor Inhaftierte an den Westen "verkauft"! Familien waren 29 Jahre getrennt, haben sich auseinandergelebt, sind gestorben hüben wie drüben, selbst bei lebensgefährlichen Erkrankungen gab es keine Besuchsgenehmigung. Ich höre auf.
Die Mauer ist weg und jetzt wieder einen Klassenstandpunkt zu formulieren, um die "Vorfeldzusammenhänge" zu diskutieren, das ist hier nicht Sinn des Beitrages von Wilfried, und das ist vorbei und auch gut so.

Michiko
 

CharlotteSusanne

Lieber @Wilfrid45,
da ich die Kommentare angezeigt bekomme, habe ich mit Interesse
Deinen Beitrag gelesen, aber leider nicht verstanden, welche
Diskussion Du hier führen möchtest.

Wenn Dich das Thema doch so interessiert, würde ich Dir
Vorschlagen, in "Politik"  einen neuen Thread aufzumachen und
eingangs darzustellen, welches Problem Du diskutieren möchtest.

Hier ging es bis jetzt um eigene Erlebnisse im Vorfeld des
13.August 1961, was sich  übermorgen zum 60. Mal jährt.

CharlotteSusanne

Wilfrid45

hallo@CharlotteSusanne , wie ich aus deiner Vita entnehmen kann sind wir das gleiche "Baujahr" und haben ähnliche Erfahrungen mit ähnlichen Erlebnissen machen müssen nach unserer Geburt. Darum geht es mir vom Grunde her, weil sich schon wieder die Deutschen in der Bundesrepublik vor den Karren spannen lassen, wie man es mit unseren Väter und Müttern gemacht hat, bloß nicht mit deren Fassade sondern eleganter!
Ich zweifle nicht daran was für teilweise schlimme Erlebnisse manche Menschen und Familien mit der militärisch befestigten ehm. Sektorengrenze erleben mußten. Ich war in der Berufsschule, als die "Mauer" 150 m entfernt auf unserem Gelände gebaut wurde.
Aber was mich ständig auf die Palme bringt, keiner stellt die Frage wer war verantwortlich für diese Zwangsmaßnahme? Nicht Ulbricht und die Russen! Sondern Herr Adenauer und die Amerikaner, sie waren es die eine Neutralität von Deutschland, wie für Österreich ablehnten. Das Ergebnis heute haben die Amis´ihren Fuß in der Ukraine und wir Deutschen vergessen die  von Bismarck, der gute Gedanken und Thesen hatte mit dem Umgang von Russland! Muß ich mehr schreiben?

CharlotteSusanne

@Wilfrid45

Wie Du aus dem "Gedächtnisprotokoll" vom 12.8.61 von Wilfried
entnehmen kannst, ging es hier im Blog einfach mal nur um das
eigene Erleben aus dieser Zeit.
Zu den Hintergründen  des Mauerbaus haben wir alle eine
differenzierte Meinung.
Ich bin durchaus bereit, im Politik-Forum  Deine Ansichten zu lesen
und evt. auch zu kommentieren, aber nicht hier.
Vielleicht stellt einer von den Polit-Profi-Diskutanten das Thema ein.
Immerhin ist es ein denkwürdiges und einschneidendes Datum, der
60. Jahrestag "des Baus des antifaschistischen Schutzwalls"........

Ich nehme an, (was ich nur zu gut verstehen kann), daß Deine
Meinung zu der westlichen Expansionspolitik in Richtung Osten
(Ukraine usw.) auf helle Empörung unserer fleißigsten Diskutanten
und Diskutantinnen stoßen würde, und deren einseitige Sichtweise
im Nachplappern der SZ ist es mir nicht wert, Zeit zu investieren.

Vielleicht verstehst Du das.

P.S. Ich war  in einer Betriebversammlung in den 70er Jahren mal
so aufgeregt, daß ich "Mauer" gesagt habe. Ich hätte aber
"antifaschistischer Schutzwall" sagen müssen, und hätte ich mich
nicht revidiert und "entschuldigt", hätte ich mit schlimmen Konsequenzen
rechnen müssen...........was ja hier in einer Demokratie undenkbar ist.

Charlie

 

Wilfrid45

Hallo Wilfried, leider lese ich über eine schwere Zeit Prosa, die keine Prosa war und leider die übliche Halb/Unwahrheiten.
Wer hat die Teilung eines schönen Landes verursacht und dieses große schöne Land zu einem Drittel verkleinert, wer? Darüber sollte man schreiben und nachdenken. Wir waren mit unserer Berufschule 150 m von Eternit entfernt, die Sektorengrenze damals ging durch unser "Schulgelände", also ich weis was gelaufen ist! Das schlimme ist heute nach 76 Jahren verarschen die gleichen Leute schon wieder ihr Volk.
Wilfrid45

Wilfried

Hallo Wifrid45, gern gebe ich dir zuerst einmal die Definition von Prosa laut Wikipedia:

"Prosa (lateinisch prōsa oratio ‚gerade heraus, schlichte Rede‘)[1][2] bezeichnet die ungebundene Sprache im Gegensatz zur Formulierung in VersenReimen oder in bewusst rhythmischer Sprache."

Insofern weiß ich nicht, warum mein Text keine Prosa sein sollte. Lyrik ist es jedenfalls auch nicht.

Zur Frage der Halb/Unwahrheiten kann ich nur sagen, dass ich die Erlebnisse eines 13-Jährigen schildere, der vom Ostteil Berlins in den Westteil und wieder zurückgefahren ist. Ich kann daran nichts Unwahres erkennen.

Wer für den Bau der Mauer verantwortlich ist, war schon immer eine Frage des Klassenstandpunkts, wurde von mir aber gar nicht thematisiert.

Dass du dich immer noch verarscht fühlst, tut mir leid. Ich bin in der glücklichen Lage mich nicht mehr verarschen lassen zu müssen.

Viele Grüße
Wilfried
 

werderanerin

Lieber Wilfried..., habe die Berichte nun aufmerksam gelesen..., da ich den "Mauerbau" selbst nicht erlebte aber weiß, wie es war, mit Mauer zu leben..., erlaube ich mir einfach, auch ein wenig beizutragen.

Bin in Ostberlin aufgewachsen und es war immer irgendwie "mein Berlin" - als Kind hat man sich keine Gedanken gemacht, WO man lebte - wir wohnten ganz einfach in Berlin, Punkt !

Erst später (viel später)..., wurde einem schon auch klar, dass es "zwei" Berlin gab - und das garnicht weit weg. Die Bernauer Straße z.B. war sehr bekannt, die Mauer stand ja dort gewissermaßen direkt vor den Häusern, um nur ein innerstädtisches Beispiel zu nennen.

Hin und wieder waren wir mal dort aber eigentlich interessierte es kaum - es glaubte doch auch niemand daran, dass sich dieser "Vorhang" irgendwann Tatsache mal öffnen würde.

Also..., "richteten" wir uns eben ein, so gut es eben ging, das taten alle aber eben sehr unterschiedlich. Manche waren sehr viel besser dran, hatten sehr vieles und lebten gut. Es gab große Unterschiede aber das möchte ich alles garnicht auseinander klabüsern...

Zum Glück ist das alles seit über 30 (!) Jahren vorbei - nun könnte man ja dieses Thema sogar weiter "spinnen" - geht es uns nun besser, was hat sich verändert oder was eben vielleicht nicht..., was ist auf der Strecke geblieben...man spürt doch auch hier im ST immer wieder, wie sensible das Thema "Ost/West" oft immer noch ist...nichts ist vorbei ..., wohl ein Thema für sich !



Kristine

Wilfried

Liebe Kristine,

du hast recht, dass uns dieses Thema immer noch nicht losgelassen hat und auch weiterhin unser Denken beeinflussen wird.
Ich habe mich in meinen Büchern auf verschiedene Weise damit beschäftigt.
In meinen Reisebüchern schildere ich das Reisen bis zur Wende mit allen Erschwernissen und Hindernissen, die es damals gab. Es gibt auch ein Kapitel, das sich direkt mit dem Mauerfall beschäftigt, das ich hier zum 9. November veröffentlichen werde. Nach der Wiedervereinigung konnten und durften wir verreisen, wohin wir wollten, aber da gab es andere Schwierigkeiten, wie Geldmangel, Sprachprobleme und anderes. Auch darüber schreibe ich selbstironisch.
In meinem Buch "Er war stets bemüht" beschreibe ich mit Humor die Arbeitsverhältnisse in der DDR und im vereinten Deutschland sowie die wirre Wendezeit.
Auch durch meine beiden Romane zieht sich wie ein roter Faden der Vergleich DDR, vereintes Deutschland und Wendezeit,

Liebe Grüße
Wilfried

Michiko

Hallo Wilfried,
Deine Erinnerungen vom 12. August 1961 könnten auch meine sein. Wir "Baumschulenweger" sind - wie so oft - mit der S-Bahn von "Baume" nach Neukölln gefahren, zwei Stationen. Am 12. August waren wir im Kino Apollo, am S-Bahnhof Neukölln und schauten uns den Film "Das Glas Wasser" mit Lilo Pulver und Gustav Gründgens an. Noch völlig ahnungslos, von dem was kommen sollte, fuhren wir gut gelaunt nach Hause.
Am Sonntagmorgen ein Gerücht wie ein Lauffeuer durch Baumschulenweg, wir alle sofort hoch zur Sonnenallee, es waren nur ein paar Schritte und sahen, wie Soldaten und Kampfgruppen Stacheldraht ausrollten, die Grenze war zu. Auch der abkürzende Weg über den Heidekampgraben (Ku-graben sagten wir) war versperrt. Wir waren geschockt, es flossen Tränen, aber noch glaubte niemand daran, dass dieser Zustand Bestand haben würde, und das dann 28 Jahre.
Mein Grossvater war im April 1961 verstorben und meine Oma sagte nur immer, bloß gut, dass Opa das nicht miterleben muss. Unsere Familie war zur Hälfte in W-Berlin ansässig, es war ein unsagbarer Einschnitt. Und es war eine Zeit ohne Handy, ohne Internet und wir hatten nicht einmal ein Telefon. Die Kommunikation war völlig weg.
Onkel und Tante von mir mussten ihr Gartengrundstück am Teltowkanal räumen, bekamen in Johannistal einen Garten angeboten, aber kein Vergleich. Entschädigung gab es nicht. Ich erinnere mich, dass das Winken von der Ostkanalseite zu Verwandten auf der Westkanalseite verboten war.
Ja, die Patrouillen in der S-Bahn durch die Polizei sind mir auch erinnerlich. Sie konnten einem alles wegnehmen, was im Westen gekauft wurde. Meine Konfirmation war im Mai 1961 und wir kauften den Stoff für mein Kleid, den Handschleier und die Handschuhe in Neukölln. Sogar die Blumen brachten unsere Angehörigen aus W-Berlin für mich mit. Die Konfirmation war in der Kirche zum Vaterhaus in Berlin-Baumschulenweg.
Ich erinnere mich beim Schreiben gerade an eine Parfümerie in der Karl-Marx-Strasse in Neukölln, die hatte neben dem ihrem Eingang einen Duftflacon hängen, aus dem unablässig ein Duftwasser tropfte. Man hielt sein Taschentuch im Vorbeigehen ein paar Sekunden drunter und nahm den Duft - was auch immer es war - gerne mit.

LG Michiko

Wilfrid45

@Michiko, das ist realistisch und ohne Pathos geschildert, wie es tausende Menschen war genommen haben. Auch wie ich erlebt habe!
Wilfrid45

indeed

Hallo Wilfried,

gestern Abend haben wir uns den Film 3 1/2 Stunden angesehen. Handlung ist der Tag des Mauerbaus in Berlin, Schwerpunkt ein Zug vom Westen in den Osten und die Entscheidungen der im Osten beheimateten Passagiere, die eigentlich zurück nach Hause fahren.

Sehr ergreifend und sehr deutlich wurden Schicksalsentscheidungen mit ihrem "Rattenschwanz" gezeigt, die wirklich unter die Haut gingen.

Deine Geschichte zeigt ebenfalls auf, wie die Berliner aus Ostberlin mit Magengrummeln sich für uns heute alltägliche und notwendige Artikel beschaffen konnten. Viele im damaligen Ostblock hatten noch nicht einmal diese Chance, denke ich.

In der Nachkriegszeit hatten unsere Eltern hier ähnliche Schwierigkeiten, wenn sie auf sogenannter Hamstertour Erfolg hatten. Viele Ordnungshüter haben kontrolliert und es ihnen weg genommen. Ich erinnere mich, dass meine Mutter einige Geschichten erlebt hat und sie uns mitteilte. Die Not war sehr groß und aus lange ausrangierter alter Kleidung wurde neu genäht für uns Kinder.

Einige haben sich aus Ballonseide ihr Hochzeitskleid selber genäht. Geheiratet wurde an Weihnachten, wo man sich über lange Zeit ein paar notwendige Zutaten abgespart hatte, um wenigstens eine Tasse Tee zu haben mit etwas Gebäck. 
Ein Christbaum war Luxus. Ein Zweig tat es auch . . . 

Schuhprobleme hatte ich auch. Meine Schuhe waren zu klein und meine Fersen wundgescheuert und die Zehen musste ich krümmen. Als ich dann endlich ein paar Schuhe bekam, was eigentlich kurze Stiefel waren, musste ich vorne Papier reinstecken. Die mussten für einige Jahre halten. Ich war damals 5 Jahre alt. 

Nur in den 50iger Jahren ging es langsam aufwärts bei uns. 

So kamen mir beim Lesen so einige Erinnerungen hoch.

Danke für deine Geschichte. Heute sind viele übersättigt und wissen überhaupt nicht, wie es war und alles ist so selbstverständlich. 

Mit lieben Gruß von
indeed - Ingrid

 

ahle-koelsche-jung

Ein sehr emotionaller Bericht über eine Zeit die sich ein "Wessi" eigentlich nicht vorstellen kann. Ich bin zwar so eine Wessi, aber da wir Verwandte im "Osten" hatten, die wir auch besuchten, ist mir sowas auch in Erinnerung und bewusst.

VG a-k-J

CharlotteSusanne

Zu meinem Beitrag möchte ich etwas ergänzen, was die Form betrifft :

Ich habe meinen Text in zusammenhängender Form geschrieben und nach dem
Veröffentlichen gesehen, daß hier willkürlich Abstände in den Zeilen gesetzt sind,
die ich bestimmt nicht SO wollte. Warum weiß ich nicht. Habe das auch manchmal
schon bei Gästebucheinträgen erlebt.
Bin dankbar, wenn mir jemand mitteilen könnte, warum das so ist.
LG 
Charlie

P.S.  auch hier wieder !

CharlotteSusanne

Lieber Wilfried, der 13.8.1961 ist so ein Tag, an dem man noch heute genau weiß, wo man war, und wie der Tag verlaufen ist.
Es war damals sehr schönes Sommerwetter. Ich war mit meinem Vater am 12.8. über
Nacht privat bei der Familie eines Kriegskameraden meines Vaters in Hennigsdorf.
Am 13.8. sind wir alle früh mit dem Auto losgefahren nach Ahlbeck, als die Nachricht
kam, daß die "Grenze dichtgemacht wird".  "O Gott, wo kriege ich denn jetzt mein Nougat
her, wenn ich nicht mehr rüber darf?", meinte Frau L.
Sie hatte einen Textilladen, und sie hätte mich am liebsten noch reichlicher "ausstaffiert",
aber es blieb bei einer Mohair-Strickjacke, die damals angesagt war.

Im Auto gab es nur noch ein Thema. ...............

In Ahlbeck  trafen wir uns noch mit "Hansi", der in Westberlin als Dressman arbeitete,
aber in Ostberlin wohnte. Der war fix und fertig !!!
Irgendwie muß er es aber dann doch noch in den Westen geschafft haben, denn er
war in den Jahren danach in den Neckermann-Katalogen  bei der Männermode als
Model mit abgebildet.


Als die Sommerferien vorbei waren, kam ich in die 11. Klasse der EOS, und meine
Klassenkameradin hatte sich eine Mohair-Strickjacke aus Westberlin mitgebracht,  die
viel hübscher aussah als meine aus Ostproduktion, die mir Frau L. in Hennigsdorf
als "Bückware" verkauft hatte........😁

Ich habe mit großem Interesse Deinen Bericht vom 12.8.61 gelesen.
Bin auch ein paarmal in "Gesundbrunnen" ausgestiegen, die Treppe hoch und denke
noch heute an das Flair und die Gerüche.............. wow, wenn man aus einer Kleinstadt
in Thüringen kam !

Mit Gruß
Charlie

Wilfried

Natürlich war der 13. August 1961 ein sehr einschneidendes Erlebnis - nicht nur für mich und meine Familie.
Wenn ich vieles noch so genau schildern kann, so liegt das aber auch an meinem guten Gedächtnis.
Als ich meine Reisebücher veröffentlicht hatte, fragte mich viele Leser, ob ich Tagebuch geführt habe. Das hatte ich nicht. Trotzdem konnte ich noch sehr viele Episoden meiner Reisen seit 1958 niederschreiben. Ich benutzte höchsten ab und zu einen alten DDR-Atlas und Google Maps, um zu wissen, wie die Städte hießen, durch die wir gefahren waren.
 

Rosi65

Lieber Wilfried,

wie wahnsinnig intensiv muss Du als Kind diese kleine Reise damals erlebt haben, dass Du Dich jetzt noch an alle Details so gut erinnern kannst? Von diesem Erlebnis hast Du hier so lebendig und fesselnd berichtet, dass ich tatsächlich kurz glaubte, ich wäre dabei gewesen...wunderbar geschrieben. 👍

Herzliche Grüße
   Rosi65

Muscari


Lieber Wilfried,

mit großem Interesse habe ich Deinen sehr eindrucksvollen Beitrag gelesen.
Damit wurde wieder einmal eine besondere Erinnerung in mir geweckt. Was waren das furchtbare Zeiten !
Zwar sind mein Mann Robert und ich Westdeutsche und leben auch hier, aber Robert hatte soeben sein Studium in Berlin beendet und --
an dieser Stelle erlaube ich mir, kurz aus meiner Biografie zu zitieren:
"Als ich am Morgen des 13. August 1961 das Radio für die Nachrichten einschaltete, traf uns alle der Schlag  .....
..... hat Walter Ulbricht den Bau einer Mauer, eines antifaschistischen Schutzwalls, befohlen, um den Zugang nach West-Berlin endgültig abzuriegeln.
Du lieber Himmel, und mein Robert war erst seit einer Woche vor dort zurück."
Mit Dank und herzlichem Gruß,
Andrea

 

ladybird

Lieber Wilfried, das ist eine wahre Gänsehaut-geschichte, wenn man bedenkt, dass sie genau so erlebt wurde.Für Deine Mutter war sie wohl aufregender, als für Dich im "Micky-mouse-Alter"? Ich denke, ins Kino sind Deine Eltern wohl nicht mehr gekommen?
Ich habe diese Nachricht auch noch in trauriger Erinnerung.Diese historischen Ereignisse vergißt man nie.
Bei späteren Besuchen auch in der DDR erfuhren wir dann, wie diese Mauer alle Herzen zerriss? Dass sie Familien während  des Kaffeetrinkens im Garten einfach  zerteilte.......unverstellbar bis heute?
Haben Deine Eltern noch das Ende dieser verfluchten Mauer erleben können?
wir können nun froh sein, dass sie endlich der Vergangenheit angehört..
mit Dank ,und Freude
grüßt ladybird


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