Ein stilles Örtchen


Ein stilles Örtchen

Das Örtchen, von dem ich hier erzählen möchte, ist edel, aber alles andere als still. Es gleicht nämlich eher einem Taubenschlag. Davon konnte ich mich heute wieder einmal überzeugen.
Die Frau, die dieses Örtchen immer noch bewacht und pflegt, übt einen Beruf aus, der eigentlich hoch bezahlt werden müsste. Ein Beruf von ungeheuer weitreichender Bedeutung. Gäbe es ihn nicht, liefen in unserem Land noch mehr Menschen mit ruhelosen und gequälten Gesichtern herum.

Ich weiß nicht, seit wie vielen Jahren die abgearbeitet wirkende Frau in diesem  Kaufhaus tätig ist. Es müssen gefühlte Jahrzehnte sein, denn sie gehört hier gewissermaßen zum Inventar.
Freundlich wie eh und je, geleitete sie mich wieder in eines der noch stilleren Örtchen, verpasste dem Sitz der Befreiung ein paar Wischeinheiten und ließ mich mit den Worten „Bitteschön, meine Dame“ allein.

Wenn ich all die Jahre zurück denke, stand im Vorraum, neben der Schale fürs Kleingeld, immer eine frische Blume auf dem Tisch. So auch heute wieder. Eine kleine Vase mit Stiefmütterchen.
Doch vor Jahren war mir dort eine Rose aufgefallen, die verwelkt über dem Rand des Glases hing. Das war so ungewöhnlich, dass ich gleich zweimal hinschauen musste.
Ich hatte ein Geldstück in die Schale gelegt und beschlossen, im Blumenladen gegenüber eine frische Rose zu erstehen und noch einmal zurückzukommen. --
Selten habe ich so überrascht strahlende Augen gesehen.
Allerdings bekam ich dann ein Stück bedrückende Lebensgeschichte zu hören. Sie erzählte, dass ihr Mann sie oft geschlagen habe und dass sie nun endlich geschieden sei.
In ihrem Mitteilungsbedürfnis vergaß die gute Frau sogar ihren Service.
 
Doch heute war sie weniger gesprächig, aber sie strahlte übers ganze, inzwischen faltig gewordene Gesicht. Ich glaube nicht, dass sie sich nach der langen Zeit an mich erinnerte.
Egal, denn plötzlich kamen gleich drei Damen hintereinander zur Tür herein.
Die nette Örtchenfrau winkte mir noch zu, lächelte und verschwand wieder um die Ecke.

Wischwisch und weg. „Bitteschön, meine Dame.“

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Kommentare (8)

Muscari


Ihr Lieben,
Herzlichen Dank sage ich Euch für die freundlichen Herzen und Kommentare, mit denen Ihr mich auf dieses besonders gepflegte Örtchen begleitet habt.
Es stimmt, dass solche Örtchen sehr selten geworden und nur manchmal noch in Hotels zu finden sind.
Widerlich sind oft die Örtchen an Autobahnraststätten, aber Manfreds Beschreibung der Vakuumtoilette in der Nuklearklinik hat mich schockiert.

Vor längerer Zeit fiel mir ein Buch in die Hände, das den Titel "Stille Örtchen" trägt, geschrieben von Morna E. Gregory. Es enthält hoch interessante Fotos von Örtchen aus aller Welt und verschiedenen Epochen.

Es grüßt Euch herzlich
Andrea




 

Manfred36

Nicht still ist auch das Örtchen, mit dem ich monatlich in der Nuklearklinik in Berührung komme (Halbwertszeit 48 Std ++), eine Vakuumtoilette, die sich in dem kleinen Isolationsbunker explosionsartig entlädt und deren Knall selbst die angrenzenden Mauern durchdringt.

protes

lächelt zu deiner geschichte
ja inzwischen werden die netten damen und auch die mürrischen
durch automaten ersetzt
da gibt es nur eines nein zwei
 geht auf oder nicht
zumindest zum rein kommen
rein machen es unter umständen dann aber doch noch
dauernd ersetzbare menschen.
liebe grüße hade

werderanerin

Muss ganz ehrlich sagen, dass man diese fleißigen Damen ja wirklich kaum noch sieht. In Kaufhäusern oder auch anderen öffentlichen WC Bereichen, sehe ich fast nur noch ausländische Mitarbeiter. Dabei fällt eben auf, dass sie die Sprache nicht beherrschen und man schon deswegen gar nicht ins Gespräche kommen kann.

Es ist heute sowieso anders geworden, denn der weile haben sich ja diese WC s durchgesetzt, wo man erst eine Schranke überwinden muss, eh das ersehnte Ziel erreicht ist. Oftmals habe ich gar kein Kleingeld mehr, was ja noch erschwerend hinzu kommt. 
Die WCs an Autobahnen finde ich ganz schlimm aber was soll man machen, wenn's kneift... ?

Ich persönlich habe immer Hochachtung vor den Damen/Herren gehabt, die solch eine Job ausgeübt haben. Das war sicherlich niemals ein Traumjob, vielleicht eine Art letzte Chance, überhaupt Geld zu verdienen...wer weiß...eine schöne, kleine Geschichte.

Kristine

Tulpenbluete13

Liebe Andrea,

auch die "Klofrau" ist etwas was so langsam "ausstirbt"....
Schade eigentlich..
Wenn ich da an die hässlichen WCs im Bahnhof Hamburg (selbstreinigend)
denke....da sind auch Klofrauen.. sie haben nur die "Aufsicht" und es sind meist Afrikanerinnen...
Leider muß man sie hin und wieder benutzen und dann noch Schlange stehen weil soviele Damen einfach mal "müssen"...

Ich fand es sehr rührend, daß Du die alte Frau ein wenig glücklich gemacht hast.... So "leicht" geht das...man muss nur mit offenen Augen durchs Leben gehen.

Es grßt Dich ganz herzlich
Angelika

 

HeCaro

Liebe Andrea,
meine Erfahrung ist, dass fast alle Toiletten,
in denen eine Clofrau "herrscht," blitzsauber
sind und eine freundliche Atmosphäre haben. 

Du hast einen Beruf gewürdigt,  der in Gesellschaft
nicht so angesehen ist.  Finde ich gut. 

Liebe Grüße, Carola 

Syrdal


Eine Betrachtung aus dem wahren Leben. Besonders gefällt mir die stille Anerkennung, die dieser Örtchenbetreuerin zuteil wurde. Sie hat ja auch aus ihrer Tätigkeit eine sichtlich ästhetische Berufung gemacht.

Bis vor nicht allzu langer Zeit war ich beruflich sehr viel unterwegs. In allen Hotels, in denen ich übernachtet habe, sahen die „stillen Örtchen“ etwa so aus, wie hier abgebildet; sie waren immer sauber, stets bestens gepflegt, sehr oft gut duftend (parfümiert), grundsätzlich mit kleinen Handservietten, die nach dem einmaligen Gebrauch in einen Korb gegeben wurden und oft waren die Räume sogar Musikbeschallt, aber nie „bewacht“ von einer “netten Örtchenfrau“ (das ist eine sehr schöne Formulierung!) - Wünschenswert wäre es, wenn die Toilettenanlagen überall so aussehen würden, ob nun ständig „betreut“ oder nicht.
Auf Autobahnen allerdings habe ich aus gutem Grund die „Örtchen“ nie aufgesucht, warum wohl…


Es grüßt
Syrdal
 

Rosi65

Liebe Andrea,

wohl dem, der im Notfall, so ein sauberes Örtchen mit freundlichem Kundenservice auffindet.
Leider werden diese Einrichtungen, so wie von Dir geschildert, immer seltener.

Oft empfand ich die Toilettenzugänge an den Autobahnraststellen und Tankstellen, die mit einem Drehkreuz gegen "Schwarzgänge" gesichert waren, als lästige Blockaden an.
Viele Senioren, die in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt sind, Rollator- und Rollstuhlfahrer, haben enorme Schwierigkeiten diese Schranken zu passieren. Da wünsche ich mir eine bessere Lösung.

Danke, für Deine kleine Geschichte, in der Du dieses Thema so nett aufgegriffen hast.

   L.G.   
Rosi65  


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