Eine leise Sehnsucht


Eine leise Sehnsucht
Seit einem halben Jahr hatte die Pfarre einen neuen Kaplan mit Namen Helmut. Er war ein Mann des Zweiten Vatikanischen Konzils, einer Kirche, die sich nun endlich öffnete. Dieser frische Wind beflügelte ihn, denn er wollte junge Familien zusammen führen und mit ihnen Familienkreise gründen.
So entstanden nach und nach Kreise mit je fünf jungen Ehepaaren, die bereits kleine Kinder hatten.
Man traf sich monatlich reihum, wobei der junge Kaplan stets ein gern gesehener Gast war. Es wurden alle möglichen Themen besprochen, teils religiöse, teils all das, was junge Ehepaare mit kleinen Kindern damals bewegte. Vor allem zum Thema Familienplanung bzw. Empfängnisverhütung ließ Helmut seine ungewohnt tolerante Einstellung durchblicken. Er veranstaltete Familiengottesdienste, bei denen die Kinder sogar ihr Spielzeug mitbringen durften, was bis dato völlig undenkbar gewesen war.
 
Gelegentlich trafen sich die Familienkreise zu geselligen Veranstaltungen im Pfarrheim. Oft wurden Schallplatten mit aktuellen Melodien aufgelegt, zu denen getanzt wurde und auch Helmut sich mal diese und mal jene junge Mutter auf die Tanzfläche holte.
Vielleicht fiel es auf, dass er besonders mich häufig aufforderte und zwischen uns angeregte Gespräche entstanden. Aber selbst Robert, mein Mann, maß dem keine Bedeutung bei. Schließlich war ich seine Frau und Helmut katholischer Priester.
Zu dieser Zeit war der Sänger Jean Claude Pascal der Renner auf dem Plattenteller. Wenn sein Song „Gefangen, gefangen, für immer gefangen …“ erklang und gerade dann der Kaplan mich zum Tanzen aufforderte, lag ein seltsames Knistern in der Luft. Was war das?
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Seitdem knisterte es häufiger, wenn der Kaplan und ich uns begegneten…
 
An einem Abend hatte ich gerade den kleinen Andy zu Bett gebracht, als es klingelte. Da Robert seit einigen Tagen auf einem Fortbildungslehrgang weilte und ich nun mit dem Kind alleine war, zögerte ich zunächst mit dem Öffnen der Haustür. Wer mochte das sein, der da so eilig die Treppe herauf kam?
„Ich denke, das ist Dein Schirm, der seit unserem letzten Treffen an meiner Garderobe hängt. Bei diesem Wetter hast Du ihn bestimmt schon vermisst“, sagte Helmut ganz außer Atem und hielt mir den Schirm entgegen.
„Oh danke, das ist lieb von Dir. Aber komm doch ein paar Minuten rein auf einen Drink.“
Ich führte ihn ins Wohnzimmer und bat ihn, Platz zu nehmen.
„Ich möchte nur Wasser, bitte.“
Ich goss ihm und mir ein Wasser ein und setzte mich ihm gegenüber.
Da saß er nun, und eine gewisse Verlegenheit machte sich breit. War da wieder dieses Knistern?
Plötzlich ein Geräusch aus dem Kinderzimmer.
„Ich schau mal gerade nach Andy.“
Als ich zurückkam, hatte Helmut sich bereits erhoben und schaute auf die Uhr.
„Du, ich muss leider weg, ich habe noch einen Termin.“
Er nahm meine Hand in beide Hände, hielt sie eine Weile ganz fest und schaute mich lange an. Dann stürmte er die Treppe hinab, und ließ mich verwirrt zurück ...
 
Als Helmut nach einigen Jahren zum Pfarrer ernannt und an die Pfarre einer anderen Stadt berufen wurde, blieben die Familienkreise sich selbst überlassen. Im Laufe der Zeit begann das Interesse an gemeinsamen Unternehmungen zu schwinden, auch weil die Kinder größer wurden und einige Familien in andere Stadtviertel zogen. Die Kreise lösten sich auf.
Robert und ich waren noch die Einzigen, die Helmut zu seinem silbernen Priesterjubiläum besuchten.
 
Viele weitere Jahre waren vergangen, als eines Tages bekannt wurde, dass der inzwischen 74 Jahre alte Pfarrer einen Schlaganfall erlitten habe und sich nach einer REHA nun in einem Seniorenheim befände.
Da beschlossen Robert und ich, Helmut noch einmal zu besuchen.
Mit Hilfe seiner Betreuerin hatte er sich in Schale geworfen und saß nun zusammen gesunken in seinem Sessel. Obwohl Roberts und mein Haar inzwischen weiß geworden war, schien es, als würde Helmut seine alten Freunde wieder erkennen, erinnerte sich jedoch nicht an unsere Namen.
Er wies auf den Tisch, wo zum Kaffee gedeckt war.
Auf  Roberts Arm gestützt, erhob er sich schwer, griff nach seinem Stock und ließ sich an den Tisch führen. Doch schon bald war klar, dass die Unterhaltung einseitig bleiben würde, während Helmut nur nickte und vor sich hin lächelte.
Bis er plötzlich nach meiner Hand griff. Ein wenig erstaunt legte ich die Kuchengabel nieder.
„Du bist doch Andrea. Weißt Du noch, wir haben zusammen getanzt?“, sagte er zögernd und schaute mich lange an, als könne er in meinen Augen lesen.
„Ja, das haben wir“, sagte ich ein wenig verlegen.
Lag da immer noch eine leise Sehnsucht in der Luft? Eine letzte?

 

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Kommentare (8)

Juttchen

Liebe Andrea,
was für eine wunderschöne Geschichte.
Darf ich fragen, ob sie tatsächlich so passiert ist, wie Du es beschrieben hast?
Ich glaube, die Sehnsucht nach einem Menschen, den man im Herzen trägt, wird nie vergehen.
Ich finde es sehr schlimm, wenn Menschen wie der Pfarrer, ihre Gefühle nicht leben dürfen. Bei uns in der Nähe hatten wir sogar mal den Fall, dass ein Pastor aus der Gemeinde weggeekelt wurde, weil er mit einer geschiedenen Frau zusammen war. Leider kann ich mich nicht mehr ganz genau daran erinnern.

Muscari

Liebe Jutta,

Es ist eine wahre Geschichte und meine ganz persönliche Erinnerung an diesen Mann. Nachdem ich vor einiger Zeit seine Todesanzeige in der Zeitung sah, musste ich die Geschichte unbedingt erzählen.
Dazu besitze ich noch die Single-Schallplatte, deren Cover ich abfotografiert habe.
Siehe auch meinen Kommentar an ladybird.

Es gibt auch heute noch viele Pfarrer, die heimlich in einer Beziehung leben, und die sogar Kinder haben.
Es wird allerhöchste Zeit, dass die katholische Kirche sich ändert. Ihr laufen ohnehin die Mitglieder davon.
Danke für Deinen Kommentar und herzliche Grüße von
Andrea

Tulpenbluete13

Liebe Andrea,

ich bin gerade eben auf Deine Geschichte aufmerksm geworden..Mir entgeht sicherlich so manches wil ich nicht in allen Foren bin... Aber bei dieser Geschichte wäre es schade gewesen.

Ja auch diie katholischen Pfarrer sind gegen Gefühle nicht gefeit- wie man sieht ..und das ist auch gut so.. Schließlich sind sie Menschen wie Du und ich....Ich bin Katholikin und ich bin gegen den Zölibat weil ich es für "unpassend" halte.. Warum sollen Pfarrer nicht auch eine Verbindunge mit einer Frau eingehen wenn ihnen die Liebe begegnet?..
Deine kleine Geschichte über das "Kribbeln" beim Tanzen hat mir gut gefallen...
Du scheinst aber schon einen bleibenden Eindruck bei ihm hinterlassen zu haben, wenn er Dich noch erkannt hat. Wie schön....Solche "Geschichten" sind es wert daß es auch "andere" erfahren. Ich gehöre dazu..

Danke Dir und alles Gute
lieben Gruß
Angelika
 

ladybird

mit lieben Gruß von Renate.....

Muscari

@ladybird  
Oh danke, liebe Renate,
ja, ich habe auch noch die Single von damals, die ich sogar noch auf meinem Plattenspieler (45 Umdrehungen) hören kann.
Tja, und dann gibt es noch das Internet. Heutzutage ist (fast) alles möglich.
Und wenn ich ehrlich bin und an diese Zeit zurück denke, wird mir noch immer ganz warm ums Herz ....
Nochmals lieben Dank und ebenso liebe Grüße von
Andrea💓

ladybird

Oh, wie spannend war Deine "leise letzte Sehnsucht in der Luft"
zu lesen,
liebe Andrea,
während des Lesens " prickelte es sogar ein bißchen bei mir"....
danke für das Stückchen
"die besten Geschichten schreibt das Leben"
mit lieben Winker zu Dir,
herzlichst Renate

Syrdal


Anrührend, zugleich aber auch nachdenklich stimmend ist deine Erzählung aus der Rubrik „Geschichten, die das Leben schreibt“,,,

Grüße zum stillen Wochenende
Syrdal

Muscari

@Syrdal  

Danke, lieber Syrdal,

diese Geschichte schrieb ich nieder, als ich vor einiger Zeit auf Helmuts Todesanzeige in der Zeitung stieß.
Und auch weil neben vielen eklatanten Problemen in der katholischen Kirche gerade der Zölibat diskutiert wird.
Trotzdem und aller anderen Probleme auf der Welt wünsche ich Dir ein geruhsames Wochenende und grüße Dich herzlich.
Andrea


 


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