Erinnerungen an meine Reisen nach Polen – 1. Fortsetzung


Erinnerungen an meine Reisen nach Polen –        1. Fortsetzung
Wie bekannt, waren wir 1969 in Breslau stationiert und machten von dort aus unsere Ausflüge und Besichtigungen.

Der Sinn unserer Reise war, dass wir Mamas Geburtshaus und das spätere Bauernhaus oder was davon noch übrigblieb, aufsuchten.

Schlesienkarte für Beitrag.jpg
 
Also machten wir uns auf den Weg und fuhren durch Breslau in Richtung Poznań nach Rawicz. Nach meiner Erinnerung gibt es im Zentrum von Rawicz einen grossen Platz, um diesen der Verkehr nur in einer Richtung fuhr, also ohne Gegenverkehr. Ganz am Ende dieses Platzes mussten wir links abbiegen und fuhren so wieder raus aus Rawicz in westlicher Richtung. Der Geburtsort meiner Mama war dann nicht mehr weit entfernt. So fuhren wir nur langsam weiter, meine Mama schaute sehr gespannt aus dem Autofenster und begann leise vor sich hin zu reden, wurde lauter und aufgeregter und plötzlich schrie sie sogar, „hier ist es, hier ist es, ach guck mal, der Grund ist wie damals, Steine über Steine“ „Och ich werd‘ verrückt, da steht ja noch mein Geburtshaus“ – in einem abscheulichen Blau, wie sie bemerkte.

Geburtshaus -Bauernhof Kainzen 1969.jpg

Wir parkten das Auto und gingen auf Mutter’s Geburtshaus zu - nicht allzu nahe zum Haus, um nicht zu stören, aber offenbar war auch gar niemand zuhause.
  
Für meine Mutter war es natürlich ein unglaublich emotionaler Moment. Sie erzählte und erzählte ohne zu atmen und ihre Stimme wurde immer lauter. Durch ihren Redefluss erfuhr ich viele Geschichten, unter anderen diese:

Nicht weit weg von diesem Haus gab es einen Weier, wo im Winter die Kinder Schlittschuhlaufen durften. Das waren dazumal keine Schlittschuhe, wie wir sie heute kennen, sondern das waren zwei Kufen, die an den Schuhen festgeschraubt wurden. Mein Grossvater hatte es allerdings meiner Mutter verboten, weil die Kufen montieren die Schuhe kaputt machten – und wehe, er erwischte sie oder entdeckte defekte Schuhe……..dann klingelte es ganz lauf in Mamas Ohren – und sie wurde zum Kühe melken verdonnert. Dummerweise waren die meiner Mutter zugewiesenen Kühe nicht bereit, Milch abzugeben!!! Und das Getöse meines Grossvaters startete von Neuem!!
 
Als meine Mama noch sehr klein und im Kinderwagen war, mussten sich ihre Brüder um sie kümmern und im Kinderwagen mitnehmen. Ihre zwei Brüder, Alfred und Fritz machten sich also mit ihr nicht nur auf den Weg, sondern rannten mit ihr im Kinderwagen in der Gegend rum, um dem Schwesterlein ein wenig Angst zu machen. Und plötzlich passierte es, der Kinderwagen kippte und meine Mutter viel Kopf voran raus in den Sand und hatte Mund und Nase voll Sand, dass sie zu ersticken drohte. Die beiden Jungs mussten sehr mutig sein, damit ihre Schwester nicht erstickt und fassten mit blossen Händen in ihr Maul und holten den Sand so gut wie möglich raus. Anschliessend rannten sie mit einer schreienden Schwester nach Hause, wo es dann entsprechende Schelte gab – mein Grossvater war bekannt für seine «harte Handschrift»!!
 
Nachdem wir also das Geburtshaus in Kainzen gefunden hatten, konnten wir nach Stara Gora weiterfahren, das nur etwa 4 Km von Kainzen entfernt ist.
Und dort fanden wir tatsächlich noch das Bauernhaus so vor, wie es meine Mutter 24 Jahren zuvor verlassen hatte.
 
Wohnhaus Stara Gora 1969 - 01.jpg 
Auch der Kirchturm stand immer noch, wie im Hintergrund zu sehen und wie das Konfirmationsfoto meiner Mutter vom Jahre 1935 oder eventuell 1936 zeigt.

Konfirmation Mama Hintergr.Kirche .jpg

Fortsetzung folgt:

Jutta

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Kommentare (9)

Jutta

Liebe WurzelFluegel,
Lieber Syrdal,
Liebe Renate,

Wegen meiner Unpässlichkeit während einiger Tage, verzichtete ich auf eine Antwort auf Eure Kommentare und reagierte ich nur auf @Lerge's doch sehr emotionalen Kommentar.
Ich denke, Ihr könnt es verkraften, denn meine Reise-Erinnerungen gehen in Kürze weiter. Ich sage DANKE und

grüsse Euch herzlich

Jutta

 

ladybird

Oh, liebe Jutta....auch ich freue mich auf die Fortsetzung Deiner Polenreise, da ich auch zu den "Flüchtlings-kindern" gehöre, die später mit ihren Müttern in ihre Heimat fuhren, um sie kennen zulernen. Die damaligen Wohnverhältnisse waren wohl alle ziemlich ähnlich und ich konnte das Wiedersehen Deiner Mutter in  ihrer Heimat, sehr vergleichen, mit den Gefühlen meiner Mutter, als sie ihr Geburtshaus wieder sah.....
Wir fuhren durch das ehemaligen Schlesien ins Sudetenland (Riesengebirge)......
Erst nach diesem Besuch begriff ich überhaupt, was eine "Flucht" aus der Heimat ,bedeutet.....
ich danke Dir fürs "Mitnehmen" auf diese Reise.....
herzlichst
Renate
.

Syrdal


Dies alles, liebe Jutta, kenne ich aus meiner Familie in nahezu ähnlicher Weise und jede Erzählung, jede Erinnerung… all das ist für uns, die wir den unseligen Krieg noch „laut brüllend“ mit all seinen Schrecklichkeiten unauslöschlich ins Gedächtnis eingegraben erlebt haben, selbst nach 80 Jahren noch immer bis in die Tiefe herzbewegend. Gut, dass du dies alles beschreibst…
Danke sagt Syrdal

Lerge

Liebe Jutta,

die beschriebene Reise in die Heimat deiner Mutter geht mir unter die Haut. Als gebürtige Breslauerin weiß ich genau, wie einen eine solche Heimkehr bewegt. Meine erste Rückkehr war 1991, als ich mit meinem Mann auf einer juristischen Konferenz in Łódź teilnahm. Als ein polnischer Jurist hörte, daß ich aus Breslau stammte, bestand er darauf, daß wir einen Abstecher nach Breslau (Entfernung ca 40 km) machten und lieh uns dafür sein Auto. Ich hatte keine Ahnung, ob ich mein ehemaliges Zu-Hause überhaupt finden würde, denn mit 4 Jahren begann für mich die Flucht und die Stadt war mir deshalb fast unbekannt.... Als wir uns aber der Oder näherten, kam eine Brücke in Sicht, die mir sofort vertraut war: die Nakonzbrücke, ganz nahe bei meinem Geburtshaus. Von dieser Brücke war mir mein Sommerhut in den Oderkanal geflogen. Jetzt wußte ich genau, wo ich war. Und so ergab es sich, daß ich 4 Minuten später vor meinem Geburtshaus stand: total unverändert.... Und dann wurden wir sogar eingeladen, ins Haus zu kommen und die ehemalige Wohnung meiner Eltern zu besichtigen. (Sogar die Eßzimmer-Möbel gab es noch). Der Besitzer war 2 Jahre nach unserem "Abschied" dort eingezogen als 6-jähriger Junge und begrüßte uns wie jahrelange Freunde.
Es war ein unbeschreibliches Erlebnis. 
Breslau 91.jpg

Und damit einen lieben Abendgruß an Dich.
Ich freue mich auf die Fortsetzung deines Berichts!
LG Lerge

Jutta

@Lerge  

Liebe Lerge,
 
Mein zweiter Versuch (ist leider etwas kürzer geworden), jedoch schreibe ich ihn im Word und kopiere den Text entsprechend rein!
 
Deine sehr emotionale Erzählung auf meine Polenreise hat mich riesig gefreut, war aber nicht sooo sehr überrascht. Denn als ich meine Erinnerungen schrieb, dachte ich sogar an dich, denn du hast mir vor ein paar Jahren mal anvertraut, dass du Breslauerin bist.

Deine Eindrücke im 1991 kann ich gut nachvollziehen, denn bis zu dieser Zeit hatte sich im ehemaligen Schlesien kaum etwas verändert. Als meine Mutter die Pferdewagen sah, meinte sie andauern «es hat sich nichts verändert, alles ist noch da wie damals».
Ich reiste von 1983 bis ca. 1992 jedes Jahr nach Poznan zur Messe und beobachtete auch, wie die Zeit stehengeblieben ist.

Ich denke, dass ich in meinen weiteren Reise-Erinnerungen auf das eine oder andere Thema zurückkommen werde. Bis dahin brauche ich noch ein wenig Zeit und vor allen Dingen den «nötigen Schreibfluss».
 
Herzliche Grüsse
Jutta

Jutta

@Lerge
Liebe Lerge,
Habe bitte etwas Geduld mit mir - ich kann kaum schreiben - ich habe plötzlich hohes Fieber und Durchfall. Ich melde mich, wenn es besser geht.
sei gegrüsst von
Jutta
 

Lerge

@Jutta

Liebe Jutta,

Ich wünsche dir baldige Besserung und alles Gute!!

Lerge 

Jutta

@Lerge  
Liebe Lerge, ich hatte eine Antwort für Dich fast fertig und nun ist sie weg. Ich melde mich Morgen wieder, denn jetzt ist es doch schon sehr spät. Bis Morgen und liebe  Grüsse
Jutta

WurzelFluegel


liebe Jutta, ich kann förmlich spüren, wie bewegend diese Momente für deine Mutter und dich waren - nach der Flucht und den schwierigsten Zeiten, wieder vor dem Elternhaus zu stehen - da müssen sich die Erinnerungen ja förmlich überrollen.

danke fürs Teilen
und liebe Grüße

WurzelFluegel
 


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