Erinnerungsstücke


Ende Februar 2011.
Die Gäste sind gegangen und abgereist.
Zurück blieb die Bettwäsche – gewaschen kann man sie als Bretter vom Ständer heben, so kalt ist es.
Zurück aber blieb auch ein Gabentisch – das Sideboard ist von all den Geschenken und Aufmerksamkeiten vollgepflastert. Und da stehe ich vor dieser großen Menge – Gott sei Dank weniger Blumensträuße, die doch ebenso wie Krawatten fleißig geschenkt werden, die Sträuße mag ich nicht, weil sie sonst dem Ganzen das Gefühl von letzten Kränzen geben.




Mein Blick fällt auf ganz besondere Dinge, die ich noch kannte, weil sie mir einmal vor „Ur“zeit gehört hatten.


Da ist aus meiner Abendschulzeit die „Deutsche Literaturgeschichte“, was, als ich aus der Familie auszog, meine älteste Tochter an sich genommen hatte. Da fiel mir der Pauker dazu ein, der uns auch Deutsch und Geschichte verpasste.

Und da kommt mein zweites Töchting mit seiner Tochter an, dick bepackt mit Rolly, Seesack, Rucksack und Taschen – da musste ich doch für den Rest der Strecke mit der S-Bahn tragen helfen, ich nahm den Rucksack ab.

Ein Rucksack, wie ich ihn früher einmal hatte, längst nicht so modern wie die heutigen Rucksäcke sind. Es war mein alter Kamerad, den ich damals auch zurück gelassen hatte – meine damalige Ehefrau, die Mutter meiner drei Kinder hatte ihn aufgehoben, und Töchting sah diesen als das richtige Geschenk für mich zum Geburtstag an.

Und nun kommt da das Paket aus Dachau von meiner Schwester an. Was finde ich darin? Eine runde Tischdecke, passend auf meinen sechseckigen Tisch, von meiner Mutter mit Blumen bestickt – so, wie das doch früher Gang und Gäbe war zu sticken.

Und neben dem Kuchen in dem Paket kommt am Boden noch eine Sensation zum Vorschein: Unser Spiel „Pferderennen“, das die Familie mit Vater bis Kriegsbeginn stets zu Weihnachten spielte, das mit den bemalten Zinnpferdchen, die so schön wippten, wenn man ihnen am Schweif antippte, das mit dem Karten zum Totalisator. Pferdchen und Karten haben die Reise nicht mitgemacht. Wer beim Spiel dann gewann, durfte sich vom Weihnachtsbaum etwas Leckeres abnehmen.

Was war alles in den achtzig Jahren in mein Leben hinein geplumpst?! Wie geht man mit diesen Erinnerungen um, wie fühlt sich das an, wenn da Dinge ankommen, die längst zur urzeitlichen Vergangenheit gehören?!
Ich möchte die längst wieder Fortgereisten immer wieder umarmen. Das Wort „Danke“ reicht mir nicht – und Tränen der Rührung sind nicht gut auf der Brille.

Ich wünsche mir, dass auch die anderen Geschwister einmal den Weg zu mir hier nach Berlin finden – und auch die Kinder, die jetzt nicht kommen konnten.

Der sechseckige Tisch, auf den Mutters Tischdecke passt, lässt sich ausziehen. Und zum Schlafen ist Raum in der kleinsten Hütte!



ortwin



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Kommentare (4)

ortwin Mein Spatz hat mehr organisiert als ich selber.
Haste schon mal achtzig Ein-Cent-Stücke in Tesafilm für eine Kette geklebt? Eine glanzvolle Überraschung hat sich Spatz da ausgedacht. Und auch die Hymne dazu war so voller Liebe und Fantasie gestaltet.
Nebenbei: gleich ist wieder ein Lebensjahr rum!

ortwin
tilli Lieber Ortwin, voriges Jahr war ich begeistert wie du dein 80 Geburtstag vorbereitet hast.
Heute kommen die Erinnerungen vielmals zurück.
Wie gerne würde man das Schönes behalten, wie gerne würden wir dann den Menschen, die man liebt wie schön, das sie da waren.
Die alten Sachen die schon vergessen waren, bekommen neuen Glanz und erfreuen uns mit dem was Vergangen war und doch weiter leben werden.
Es war schön es zu lesen
Viele Grüße Tilli
Traute Glückwunsch nachträglich und einen riesigen Haufen Gesundheit!
Ja das ist der Vorzug den wir genießen, wir haben immer mehr Dinge und Menschen mit ins Herz genommen. Das Schönst von ihnen ist ganz fest im Herzen geborgen, wir nehmen all die Liebe mit, die wir gaben und die wir erhalten haben. Das glaube ich ganz fest.
Ganz freundliche Grüße,
Traute
finchen ich freue mich für Dich. Ich weiß, wie schön das ist, längst aufgegebene, verblichene Dinge zu finden.
Ich kam als Waisenkind zu meiner Tante nach Westdeutschland in die Pfalz, die Oma kam irgendwann nach und brachte Sachen aus meiner Kindheit mit. Doch die verschwanden auch. Nach dem Tod der Tante fielen mir Sachen in die Hände. Eine blaue Tischdecke, die mein gefallener Vater gestickt hatte und die ich kannte. Es wurde als Heiligtum erklärt und ich durfte mir die Nase wischen. Jetzt ist sie bei meiner "Schwester" und ich erfreue mich einmal im Jahr daran, daß es sie noch gibt. Seit Tantchens Tod sind wir uns viel näher gekommen und manche Ungereimtheiten werden aufgeklärt.
Aber ich weiß, wie das in unserem Alter auf die Seele drückt. Auch wenn Du noch älter bist, als ich.
Ortwin, ich wünsche Dir, den Mißverständnissen auf die Spur zu kommen und räume auf. Genieße alles, was es in Deinem Umfeld gibt und erkläre Dich. Zu verlieren haben wir nichts.
In diesem Sinne
das Moni-Finchen


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