Fernkommunikation

Autor: Manfred36
Zwischenmenschliche Fernbeziehungen und der innere Kritiker
Schwätzen ohne innere Beziehung zum Gegenüber ist langweilig, zumal wenn schriftlich. Aber wenn ich arglos geschrieben habe, kommt oft genug der innere Kritiker zu Wort ("Was hast schon wieder angestellt?!" u.ä.). Dem sollte ich ein Gesicht geben, ihn nach seinen Intentionen fragen, mich mit ihm versöhnen, ihm anbieten mich unterstützen zu dürfen.
Zwischenmenschliche Kontakte sind Akte der gegenseitigen Zähmung. In mir wirkt ja auch noch das evolutionäre Wildtier, das Verhaltensanpassung lernen muss und braucht. In "Der Kleine Prinz":
Ich suche Freunde. Was bedeutet "zähmen"?
Das wird oft ganz vernachlässigt (sagte der Fuchs), es bedeutet sich vertraut miteinander machen.
Vertraut machen?
Natürlich, du bist für mich nur ein kleiner Junge wie hunderttausend andere auch. Ich brauche dich nicht und du brauchst mich auch nicht. Ich bin für dich ein Fuchs unter hunderttausenden von Füchsen. Aber wenn du mich zähmst, dann werden wir einander brauchen. Du wirst für mich einzigartig sein. Und ich werde für dich einzigartig sein in der ganzen Welt …
Aber es muss ja nicht unbedingt Freundschaft sein. Eine zwischenmenschliche Beziehung bedingt, dass das Denken, Fühlen und Handeln gegenseitig aufeinander bezogen ist. Sie kann positive oder negative Qualitäten oder beides haben. Die Kommunikation ist wesentlicher Faktor, wobei auch die folgenden Eigenschaften wichtig sind: Aufrichtigkeit, die Fähigkeit zu verzeihen, Zuneigung bzw. Verständnis, Achtung, Sinn für Humor, Akzeptanz.
Viele zwischenmenschliche Beziehungen werden aus Angst vor dem Alleinsein, aus Einsamkeit oder aus einer Krise heraus eingegangen. Sie stehen auf schwachen Beinen. Ein Leben ohne zwischenmenschliche Beziehungen ist indes nicht möglich. Aus gescheiterten Beziehungen lerne ich. Aber neue Anläufe sind auch neue Investitionen, die ich verkraften können lernen muss.
Es ist deutlich, dass die meisten Fernbeziehungen unterschiedlichen Geschlechts sind, wobei statistisch natürlich der Beigedanke einer realen Partnerschaft eine Rolle spielt, aber auch die Bipolarität des Denkens; wer wird schon durch Gleichartigkeit angezogen? Es wirken damit aber auch Eigentümlichkeiten des realen Lebens, wie etwa insgeheime Eifersuchtsanwandlungen. Die Regulatoren der Körpernähe entfallen und zu einem emotionalen Totalrückzug ist nicht weit. Der Kleine Prinz hätte von seinem Planeten aus die Beziehung zum Fuchs auch nicht aufrechterhalten.

Kommentare (2)

Federstrich
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--- Federstrich -
Für manche entsteht der Sinn des Lebens völlig ohne fremde Zwecksetzung gerade durch die zwischenmenschlichen Beziehungen, durch das Zusammensein, den Austausch mit anderen, zunächst unabhängig von der Art und Weise der Kommunikation. Manchmal ist eine "Fernkommunikation" erfüllender als eine aus der Nähe, weil potentiell Störendes von vornherein ausgeblendet bleibt. Wenn sich aus Beziehungen Freundschaft entwickelt, umso besser. Auf Grund des Artenreichtums von "Freundschaft" ist die Frage, ob man Freunde hat oder nicht, zunächst aber auch eine Frage der Definition.

"Viele zwischenmenschliche Beziehungen werden aus Angst vor dem Alleinsein, aus Einsamkeit oder aus einer Krise heraus eingegangen."

Es ist irgendwie tröstlich, dass sich auch schon längst Verblichene dieses sehr ehrliche Eingeständnis machen mussten: "Man schleppt sich mit so vielen tauben und hohlen Verhältnissen herum, ergreift in der Begierde nach Mittheilung und im Bedürfniß der Geselligkeit so oft ein leeres, das man froh ist, wieder fallen zu lassen; es gibt so gar erschrecklich wenige wahre Verhältnisse überhaupt und so wenige gehaltreiche Menschen, dass man einander, wenn man sich glücklicherweise gefunden hat, desto näher rücken sollte", meinte mal jemand.
Wird man andererseits in der "Begierde nach Mittheilung und Geselligkeit" wahlloser, nur um eine Freundschaft vorweisen zu können? Und wann müsste man sich ehrlicherweise eingestehen, dass man sich nur noch mit "tauben und hohlen Verhältnissen herumschleppt"?
Die Antworten werden verschieden und sehr persönlich sein. Es wird ein ewiges Suchen, Hinterfragen und Probieren bleiben, denn eine echte Alternative dazu gibt es für die meisten wohl nicht.
Gruß, Federstrich
APet
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... APet -
Sich in neue zwischenmenschliche Beziehungen einzulassen, ist immer ein Risiko. Sie können so oder so sein. Doch wenn ich es nicht ausprobiere, kann ich nicht wissen, wie es ausgeht. Ich kann viel gewinnen oder auch viel verlieren. Ob ich es ausprobiere und ihr den Lauf lasse? Immer in Übereinstimmung mit mir selbst? Und in Respekt vor dem Anderen? Ich glaube, es lohnt sich.
Dies meint, Agathe