Ein Bekannter von mir ist ein Filmliebhaber und selber ein erfahrener Theaterschauspieler. Neulich mailte er mir die Ausschreibung zu einer Filmproduktion, für die in meiner Stadt ein paar Szenen gedreht werden sollen und für die noch Statisten gesucht werden. Er meinte, das wäre doch was für mich. Um neue Leute kennenzulernen und so. 
Ich lehnte dankend ab. Vor der Kamera zu stehen mag ich gar nicht. Schon der Online-Unterricht macht mir zu schaffen, obwohl der Unterricht an sich nicht aufgenommen wird. Aber die reine Tatsache, dass meine Bewegungen auf einem fremden Bildschirm erscheinen, macht mir ein mulmiges Gefühl in der Bauchgegend. Aus diesem Grund skype und zoome ich auch nicht gern, sei dies privat oder beruflich für Vorstellungsgespräche und dergleichen. 
Mein Bekannter hört aufmerksam zu, als ich ihm das so sage und meint am Ende nachdenklich: "Hm." Wie das gemeint sei, möchte ich wissen. 
Nun, meint er, im Unterschied zur Theaterbühne sei für das Filmen eine Kamera notwendig. Das schrecke viele Menschen ab, weil das für sie etwas Endgültiges habe. Was einmal gedreht wird, kann noch in hundert Jahren abgespult werden. Heutzutage brauche es dazu nicht mal Kassetten. 
Ja, sage ich. Das ist es. Das Endgültige, nicht mehr Lösch- oder Korrigierbare habe etwas Gnadenloses für mich. Man kann immer neue Fehler und Macken darin finden, bis in alle Ewigkeit hinein. 
Nun ja, erwidert mein Bekannter. Dazu brauche es aber keine Kamera. Wer hart mit sich ins Gericht gehen will, kann das auch so tun. 
Die Anwesenheit der Kamera hat im Gegenteil, findet er, etwas Befreiendes. Hinterher wird geschnitten, Unkraut und Weizen voneinander getrennt. Alles bleibt, aber nicht alles zählt. 
Lässt du dich denn am Theater filmen?, frage ich. 
Selbstverständlich, meint er, ohne zu zögern. Ich möchte in ein paar Jahren noch meine Lernkurve nachvollziehen und über meine Dummheiten und Fehler lachen können. 
Hm, denke ich mir. So habe ich es noch nie gesehen. 
Als könnte er meine Gedanken lesen, schaut mir mein Bekannter in die Augen und sagt leise, lächelnd: "Es ist in Ordnung, einen Lernprozess zu filmen. Daran ist nichts Verwerfliches."
Auf einmal verstehe ich die Metapher von der Welt als Theater, die im europäischen Barock so beliebt war. 
An der Uni hat man uns diese Metapher - theatrum mundi genannt - so erklärt, dass es darin um die Vergänglichkeit gehe. Jeder spielt auf Erden seine gottgewollte Rolle, die aber vergänglich ist. Ewig ist allenfalls das Jenseits mit seinem richtenden Gott, dem Himmel und dem Höllenfeuer. Diesseits der Todesgrenze wird aber alles irgendwann zu Staub. 
Erst viel später, als sich das Studium dem Ende zuneigte, hörte ich von einem Professor die spannende These, dass die Menschen schon lange bevor es Filme als solche gab, sozusagen filmisch dachten. Die Vorstellung von Kamera, Regie, Schnitt, Ton, Beleuchtung, Rückblenden und alles, was den Film ausmacht, war da, lange bevor sie materiell umgesetzt werden konnte. 
Und somit ist es denkbar, dass schon in der Renaissance und später im Barock diese Vorstellung eines Beobachters, der alles sieht, dann aber doch nur das verwertet, was einem höheren Zweck dient und alles andere verwirft, schon irgendwie da war. Es geht also nicht um Determinismus in der von Gott ein für alle Mal festgelegten Lebensrolle, sondern, im Gegenteil, um die Freiheit auszuprobieren, zu handeln, auch Fehler zu machen dabei. Be- und verwerten tun's dann andere, die den grösseren Überblick haben. Ob etwas wertvoll ist oder nicht - das zu beurteilen steht uns gar nicht zu, weil wir diese Übersicht gar nicht haben.
Das ist eine ganz neue Perspektive. Befreiend. 
Zum Film anmelden werde ich mich trotzdem nicht, aber als Lebenseinstellung ist diese Sicht durchaus befreiend. 


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