Gestern Abend habe ich vor dem Zubettgehen noch eine Weile mit einem Freund aus der Schweiz gechattet. Ob ich vorhätte, etwas zu publizieren, fragte er. Nein, antwortete ich, das habe ich nicht. Schreiben schon. Aber publizieren, veröffentlichen, zu einer öffentlichen Person werden - das nicht. 

Meine Chefin hier hat mir auch nahegelegt, etwas zu schreiben. Vielleicht ein Buch, mindestens aber einen Artikel für eine Zeitschrift meiner Wahl. Ich habe dankend abgelehnt. 

Erstens möchte ich gerne so schreiben, wie ich will. Ich möchte in meinem fortgeschrittenen Alter nicht mehr vor irgendeinem Gremium bestehen müssen. Das habe ich hinter mir. Und zweitens habe ich keine Botschaft an die Welt. Ich möchte weder aufrütteln noch polemisieren noch irgendeine bahnbrechende Erkenntnis bekanntgeben. Nein. Meine Motivation zu schreiben ist einzig und allein die, meine Innenwelt zu ordnen, weil ich sonst wahrscheinlich verrückt werden würde. Dass dabei "Beobachter" zugange sind, ist hilfreich. Deshalb bin ich hier in diesem Forum und schreibe bewusst unter der Kategorie "Tagebuch". Es gibt weder einen Reaktions- noch einen Antwortzwang. Und die Form ist offen. Man kann experimentieren. 

Natürlich gibt es auch experimentelle Bücher. Kunst ist überhaupt ein offener Prozess. Und die Wissenschaft auch. Man muss bereit sein, das, was man gestern gelernt hat, über Bord zu werfen und ganz neu anzufangen. Um das professionell zu tun, d.h. um Lektor:innen, Verleger, Rezensent:innen, Sponsor:innen und letztlich noch die breite Öffentlichkeit dafür ins Boot zu holen, muss man das Experiment schon auf einem sehr hohen Niveau betreiben. Und das ist nicht mein Fall. Ich schreibe einfach über meinen Alltag, ganz nach dem Goethe'schen Motto, dass wer die Welt in Worte fasse, sie damit auch gleich besitze, wobei ich mit "besitzen" eher "erforschen" meine. Schreiben ist für mich wie spazieren. Man entdeckt dies und das, bleibt stehen, betrachtet oder geht weiter, je nachdem, was auf dem Weg erscheint. 

Mein Freund oder Bekannter aus der Schweiz, der gestern noch spätnachts von der Arbeit auf dem Nachhauseweg war und mir vermutlich aus Langeweile vom Zug aus schrieb, ist selber ein Vielleser. Er publiziert von Berufs wegen, allerdings im IT-Bereich in wissenschaftlichen Journals. Wenn man in einem Team eingebunden ist, ist das freilich nochmal was anderes. Da ist man tagtäglich im Gespräch und die Gedanken entwickeln sich sozusagen auf organische Weise. Trotzdem muss man sagen, dass heutzutage auch an wissenschaftlichen Instituten viel Unsinn produziert wird, nicht selten aus finanziellem Druck heraus.

Ich bewundere da ein stückweit schon die US-Amerikaner. Die haben einen viel grosszügigeren und m.E. wahrhaft experimentierfreudigen Ansatz. Du hast ein Forschungsprojekt vergeigt? Kein Problem! Man stellt dir von jetzt auf gleich wieder eine halbe Million Dollar zur Verfügung, damit du's nochmal probieren kannst. Wir Europäer sind viel mehr auf Sicherheit bedacht. Man muss begründen, legitimieren, erklären, bevor man überhaupt anfangen kann. Die Amerikaner sind da gnädiger. Scheitern ist erlaubt. 

Heute früh klingelt mein Handy. Es ist eine Instagram-Nachricht von Anselm Grün. Er hat Folgendes gepostet: "Heimat ist der Ort, wo ein Brunnen ist, aus dem ich trinken kann." Na ja, habe ich gedacht. Sowas kann man aber auch wirklich nur auf Instagram posten, wo es heute gelesen und morgen vergessen sein wird. Dafür erhält der Pater an die zweitausend Likes, die dem Kloster vermutlich einen guten Batzen einbringen. 


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