Haben wir überhaupt einen freien Willen?


Apropo Diskussionen hier im ST, hier einmal ein neuer Gedanke:
 

Ich habe einen interessanten Artikel gelesen über bzw. gegen die Existenz unseres freien Willens.
 
Die meisten Menschen sind ja der Meinung, dass der freie Wille entscheidend ist über unser Tun, unseren Entscheidungen und somit über den Verlauf unseres ganzen Lebens.
 
Es gibt jedoch Psychologen, die uns die Existenz des freien Willens absprechen.
Denn in der Natur ist dieser freie Wille ja auch nicht vorgesehen.
Alle physikalischen, chemischen und biologischen Prozesse laufen ja ohne unseren Willen ab.
Somit kann sich auch der Mensch nicht davon ganz freimachen.
 
Unser Wille beruht ja auf unserer Gehirnaktivität und unser Gehin ist das Ergebnis der Evolution. Somit sagen viele, dass wir einen freien Willen haben. Ich denke, wir haben auf jeden Fall mehr freien Willen als z.B. die Einzeller und trotzdem bleibt der Wille ein Hirnprozess, dessen Aktivität von unseren Nervenzellen abhängig ist.

Fest steht, dass wir die einzigen Lebewesen sind, die überhaupt in der Lage sind, über unser eigenes Denken nachzudenken.
 
Der freie Wille stand an der Wiege der Moral, sagt man.

Denn wir sollen ja für unsere Handlungen selbst verantwortlich sein, er wird auch deshalb verteidigt, weil er die öffentliche Ordnung aufrechterhält. Es würde ansonsten die Gefahr eines moralischen Verfalls bestehen. Darüber hinaus wäre dann auch alles in unserem Leben vorherbestimmt, daran glauben ja auch viele, nämlich an das sogenannte Schicksal.
Wir sind also der Theorie nach unfrei, aber in der Praxis sicher nicht. Unsere Taten sind bedeutsam und haben Konsequenzen.

Als Fazit möchte ich noch dazu bemerken, dass ich persönlich schon ab und zu den Eindruck habe, Entscheidungen zu treffen, die nicht gezielt oder bewusst gesteuert werden, die irgendwie gefühlt aus dem
"Bauch heraus" kamen.
Vielleicht ist das dann ja auch so eine Art Schicksal und kein freier Wille?

Man kann auf jeden Fall viel darüber nachdenken.


 

Anzeige

Kommentare (15)

WurzelFluegel

mein Wille ist nicht wirklich frei, weil für mich ein freier Wille einschließen würde, dass ich ihn auch uneingeschränkt umsetzen kann
schon aus dem einfachen Grund, dass mein Wille immer wieder gegen den Willen anderer steht schränkt ihn das in seiner Freiheit ein
unser Wille wird auch geprägt von Familie und Gesellschaft in der wir leben

was der Mensch hat, ist Entscheidungsmöglichkeit und deshalb hat er auch Verantwortung für seine Entscheidungen
diese Verantwortung hat er immer, auch wenn ihm seine Möglichkeiten, seine  Lebensgeschichte und seine Lebensumstände es sehr schwer machen, anders zu entscheiden, als er es tut

dazu kommt noch, dass der Konsens darüber, was gute und schlechte Entscheidungen sind, was verantwortungsbewusst und förderlich ist oder auch  nicht, stark unterschiedlich sind

ein weites Thema
liebe Grüße
WurzelFluegel
 

karl

Liebe @Gitte1709,

es freut mich, dass Du dieses Thema kompetent eröffnet hast. Ich äußere mich später mit mehr Zeit gerne ausführlicher. Ich habe darüber auch schon oft nachgedacht. Ein ganz früher Text  von mir, noch bevor mir persönlich die Experimente von Libet bekannt wurden, ist hier nachzulesen: 

http://www.zum.de/ki/Willensfreiheit.htm

Dort schrieb ich u. a.:
"Wenn wir uns frei fühlen, bestimmen wir uns selbst und unterliegen keinen äußeren Zwängen oder überstarken inneren Antrieben. Martin Heisenberg charakterisiert das z.B. so: "Freiheit ist ein objektiver Zustand von Organismen ... Er ist dadurch charakterisiert, daß dem Organismus eine «hinreichende» Anzahl von Verhaltensoptionen mit «hinreichend» positiver Erwartung für ihre Folgen offensteht". "Verhaltensmöglichkeiten mit eindeutig negativen Folgen vergrößern die Freiheit nicht".
Diese umgangssprachliche Definition der Willensfreiheit wird m.E. bei der philosophischen Diskussion nicht ernst genommen. Dies liegt an dem Jahrhunderte alten Mißverständnis, daß für uns letzlich auch die Naturgesetzlichkeit des eigenen Denkens einen Zwang darstellen würde. Es liegt mir daran deutlich zu machen, daß die Frage nach der Gültigkeit des Kausalitätsprinzips ganz allgemein nicht im Widerspruch zu der subjektiven Realität unserer Willensfreiheit steht. Spezieller bedeutet das auch, daß unsere Freiheit durch genetisch implantierte, elementare Lebensziele nicht eingeschränkt wird."

Mehr

Ich habe nach meiner Pensionierung über das Thema zwei kontroverse Podiumsdiskussionen mit dem Moraltheologen Prof. Dr. Eberhardt Schockenhoff zu diesem Thema gehabt und werde mich später auf die Suche nach den Dias machen.

Kurz mein Standpunkt zu dem Thema: Ich sehe keinen Verstoß gegen die Willensfreiheit darin, dass ich (mein Gehirn) sich entsprechend der Naturgesetze verhält (wie sonst?). Die ganze Diskussion beruht m. E. darauf, dass in der Vergangenheit die Theologen und Philosophen versucht haben, Geist und Materie als etwas Getrenntes anzusehen und dass sie deshalb einen Gegensatz zwischen "Kausalität" und "Willensfreiheit" konstruierten. Für mich sind Geist und Materie eine Einheit und ich bin frei, wenn ich meine innere Gesetzmäßigkeit umsetzen kann und ich nicht von äußeren Faktoren in ein Verhalten gezwungen werde.

 Karl

Gitte1709

@karl  

Ja, lieber Kerl, das ist ein sehr komplexes Thema, auch sicher nicht ganz frei von Emotionen, jeder verteidigt oder misstraut seinem eigenen freien Willen auf seine Art und Weise.

Die Meinung des Einzelnen ist sicher auch ziemlich abhängig von seinem subjektiven Gefühl.

Und es stellt auch vieles in Frage, denn wenn wir keinen eigenen Willen haben, dann müsste die gesamte Rechtsprechung auf den Prüfstand, alles Böse, würde gezielt passieren ohne unser aktives und gewolltes tun. 

Liebe Grüsse Brigitte 
 

karl

@Gitte1709  

Liebe Brigitte,

vielleicht interessieret es hier auch einen Blick auf gelaufenen Diskussionen zu diesem Thema zu werfen, nicht um die erneute dadurch unnötig zu machen, sondern um sie anzustacheln.

Es ist immer wieder gut, neu über diese Dinge nachzudenken!

Neurobiologie provokant
(2005)

Lügner haben andere Hirne (2005)

Ist unser Leben vorherbestimmt? (2005)

ZNS, lediglich ein mechanisches Uhrwerk ? | Blogs im Seniorentreff (2013)

Was bedeutet die Freiheit des Willens? (2013)

Beste Grüße

Karl

dunkelgraf

Ich glaube nicht, dass der sogenannte "freie Wille" wirklich frei ist. Der Wille, oder die persönlichen Entscheidungen" werden durch vieles determiniert. Da wären erst mal die vererbten Gene, die Erziehung durch Elternhaus und Schule, die Beeinflussung durch die Propaganda der Regierung und der Opposition. Sehr großen Einfluß haben die Massenmedien und die Werbung.
Dann spielt auch noch der Zufall eine große Rolle, in welchen Freundeskreis gerate ich, in welches Arbeitsmilleu. Welche "Soziale Medien" nutze ich? 😉
Was sagt mein Lebenspartner zu meiner Entscheidung?
Wenn ich dann eine Entscheidung treffe, so meine ich sie infolge Nachdenkens oder Gefühl getroffen zu haben. Ab er in Wirklichkeite wurde die Entscheidung durch die vorhergenannten Faktoren längst vorbereitet.

Gitte1709

@dunkelgraf  

aber wenn es so wäre und nicht anders, was ist dann mit den Verbrechern, man könnte ihnen keine Schuld geben, weil sie keinen freien Willen hatten bei ihrer Tat?

Liebe Grüsse Brigitte 
 

dunkelgraf

@Gitte1709  Ja das gilt auch für Verbrechen, durch die persönliche Entwicklung kann man auch zum Verbrecher werden, eigentlich "schuldlos", weil durch die Lebensumstände dazu getrieben.

Gitte1709

@dunkelgraf  
Man kann, aber das sind doch Fälle für den Psychologe.

Aber unterscheiden können zwischen Gut und Böse unser Gerechtigkeisbewusstsein, dass untersteht doch unserem Willen, unserem Charakter , sonst wäre unsere ganze Moral nichts wert.

Liebe Grüsse Brigitte 

dunkelgraf

@Gitte1709  Gut und Böse zu unterscheiden ist eines der schwierigsten Probleme überhaupt. Manchmal wechselt sogar Gut ins Böse und umgekehrt.
Du hast recht, man mißt es an unserer Moral, aber was ist Moral? Eine Sammlung von geschriebenen und ungeschriebenen Regeln und Gesetze.
Für einen Christen ist der gut, der die 10 Gebote einhält und der böse, der sie bricht. "Du sollst nicht töten!" Aber jeder Mörder muß individuell beurteilt werden, auch wenn er verurteilt wird ist er nicht immer böse, sondern hat seine Ursache in der Entwicklung der Persönlichkeit und der gesellschaftlichen Gegebenheiten.
Waren die Indianer in Amerika böse, die die ersten Siedler aus Europa skalpierten?
Sind Soldaten Mörder? Die Gesellschaft zeichnet sie mit Orden aus und nennt sie gute Helden, jemehr Feinde sie getötet haben, um so besser. Die Gegenseit wird sie böse Mörder nennen.
Also ich bin mir nicht so sicher, Gut und Böse unterscheiden zu können. Beispiele aus der Politik will ich gar nicht erst anführen.
Ich denke da an Mephisto im Faust: der stets das Böse will und das Gute schafft.

Gitte1709

@dunkelgraf  

Wenn ich es überlege, dann muss ich dir Recht geben. 
Ab  das hört sich alles sehr hoffnungslos an

​Lein anderes Lebewesen fügt seinen Artgenossen soviel Leid zu, wie der Mensch. 

Liebe Grüsse Brigitte 

dunkelgraf

@Gitte1709  sei mal nicht so hoffnungslos. Man muß sich nur von der Vorstellung lösen, daß es nur eine Moral geben. Es gibt sehr unterschiedliche moralische Prinzipien, es kommt auf die Regeln an, die man für sich akzeptiert, und die unterscheiden sich sehr zwischen zum Beispiel einem jungen Taschendieb in Mumbai und der englischen Queen.
Auch ich habe andere moralische Prinzipien als sie uns etwa die Obrigkeit vorgibt, oder der Admin eines sozialen Mediums. Und ich fühle mich moralisch gut.

😊

HeCaro

Liebe Gitte,

der freie Wille und das Schicksal sind zwei Seiten derselben Medaille,  obwohl sie auf den ersten Blick nicht so recht zu einander passen wollen.
Im Christentum wird mit dem freien Willen als Antwort auf die Frage, warum Gott das Böse in der Welt zulässt, argumentiert. Er hat uns die Willensfreiheit  gegeben und damit die Wahl, uns für den einen oder andren Weg zu entscheiden. Gut zu sein oder zu sündigen.  So  sind wir eben auch verantwortlich für unser Tun und Lassen und müssen deshalb die Konsequenzen unserer Handlungsweise tragen.

Aber wie passt dann das Schicksal, an das sehr viele glauben, dazu? Sind wir etwa doch determiniert?  Es ist unbestreitbar, dass man in vielen Dingen des Lebens kein Mitspracherecht hat und der ganze freie Wille nicht anwendbar ist. Dazu gehören der Geburtsort, ob man in einem armen oder reichen Haus geboren wird, man liebevolle oder gleichgültige Eltern hat und auch mit welchem IQ man ausgestattet wurde. Zufall? Die Philosophie sagt: "Es gibt keinen. Zufall ist das, was dir zufällt!" 

Auf diese Fragen haben auch die Geisteswissenschaftler keine Antwort und sie werden wohl unbeantwortet bleiben. Ich persönlich glaube, dass wir sowohl einen freien Willen  als auch eine Bestimmung haben. Etwa wie ein Hund an der Leine. Innerhalb der Leinenlänge können wir frei entscheiden, am Ende der Leine greift das was uns bestimmt ist.

Danke, dass Du hier ein hochinteressantes Thema aufgegriffen hast, das viele unterschiedliche Sichtweisen zulässt. 

Liebe Grüße,Carola.

Gitte1709

@HeCaro  
Liebe Carola, Dankeschön für deine ausführlichen Gedanken dazu, die du mitgeteilt hast .

Liebe Grüsse Brigitte 

Manfred36


Hartmut Wewetzer (war von ihm der Artikel?) schreibt:
Es ist nicht zu erwarten, dass der alte philosophische Streit um das Verständnis der Freiheit des Willens – der jeglichen empirischen und neurowissenschaftlichen Überprüfungen der Existenz „der“ Willensfreiheit vorauszugehen hat –, in Kürze gelöst sein wird.

Ich habe meine eigenen Vorstellungen und kann Philosophen und Psychologen meist so und so nicht folgen.

Die neuronale Funktion unseres Hirns ist unser Geist, unsere Seele. Da ist ein Gefühlshirn, ein Episodenhirn und ein rationales, operatives Hirn, die immer zusammenwirken. Darauf basiert unser Bewusstsein, das wir den meisten Lebewesen nicht zubilligen, und unser kulturell-evolutionärer Erfolg. Wenn man so will, unsere Freiheit.

Da sind die Gedanken und da ist ein Entschluss (kann so oder auch anders ausfallen): der Wille. Eines so frei wie das Andere. Im Volkslied heißt es so schön:

Und sperrt man mich ein
im finsteren Kerker,
das alles sind rein
vergebliche Werke;
denn meine Gedanken
zerreißen die Schranken
und Mauern entzwei:
die Gedanken sind frei.


Wer sagt denn, dass mein Wille immer konsequent sein muss? „Werte“ beinhalten muss? Ich muss nur den Eindruck haben, dass ich nicht gegängelt bin. Durch „Vorgesetzte“ oder einen Determinismus im menschlichen Leben. Etwa die Prädestination des Calvinismus? Aber im ganz simplen christlichen Glauben. Das „Bauchgefühl“, von dem du schreibst, besteht, auch wenn es bei Manchen verkorkst worden ist. Es lässt mich an Kant denken: „ Der gestirnte Himmerl über mir und das moralische Gesetz in mir“.

Das sind so einige Gedanken, die mir beim Durchlesen deines Postings gekommen sind.


 

werderanerin

Da wir Menschen Lebewesen dieses Planeten sind und noch dazu das Glück haben, über Verstand, Sprache und Emotionen zu verfügen, denke ich, dass wir in unseren Gedanken schon frei sind aber durch bestimmte Lebensabläufe eben auch Gefangene des eigenen Ichs  und aller Prozesse, die damit verbunden sind.
Da kann der Wille noch so "frei" sein !

Wir alle sind immer irgendwie (freiwillig) abhängig … und machen ganz sicher oft das, was man gar nicht möchte, weil man es zumindest in dieser Situation nicht anders kann...und das zieht sich durch das ganze Leben hindurch....!

Hat das etwas mit freiem Willen zu tun...? Ich denke nicht..., denn auch wenn wir in Situationen sind, wo wir "denken"..., wir sind "frei", sind wir es nicht … oder sind es nur sehr kurzweilig !

Kristine

 


Anzeige